Überwachung

Schriftsteller gegen Massenüberwachung

562 Schriftsteller und andere schöpferisch tätige Menschen, darunter einige Literaturnobelpreisträger wie Elfriede Jelinek, Orhan Pamuk und J.M. Coetzee sowie Björk, Nick Cave und Cory Doctorow, haben in verschiedenen Zeitungen einen Aufruf gegen Massenüberwachung veröffentlicht. Initiiert wurde die Aktion von Ilja Trojanow, Julie Zeh, Eva Menasse und Josef Haslinger. Laut Menasse begann die Aktion in privatem Rahmen, als nach den ersten Snowden-Veröffentlichungen ein Brief an Angela Merkel verfasst wurde und die Suche nach Unterstützern immer größere Kreise zog. Jetzt sind auf der Liste Menschen aus 82 Ländern. Das Ganze wurde unter anderem von der FAZ dokumentiert und liest sich so:

Wir finanzieren uns fast vollständig aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

[…] Eine der tragenden Säulen der Demokratie ist die Unverletzlichkeit des Individuums. Doch die Würde des Menschen geht über seine Körpergrenze hinaus. Alle Menschen haben das Recht, in ihren Gedanken und Privaträumen, in ihren Briefen und Gesprächen frei und unbeobachtet zu bleiben.

Dieses existentielle Menschenrecht ist inzwischen null und nichtig, weil Staaten und Konzerne die technologischen Entwicklungen zum Zwecke der Überwachung massiv missbrauchen.

Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr. Deshalb müssen unsere demokratischen Grundrechte in der virtuellen Welt ebenso durchgesetzt werden wie in der realen.

Überwachung verletzt die Privatsphäre sowie die Gedanken- und Meinungsfreiheit.
Massenhafte Überwachung behandelt jeden einzelnen Bürger als Verdächtigen. Sie zerstört eine unserer historischen Errungenschaften, die Unschuldsvermutung.
Überwachung durchleuchtet den Einzelnen, während die Staaten und Konzerne im Geheimen operieren. Wie wir gesehen haben, wird diese Macht systematisch missbraucht.
Überwachung ist Diebstahl. Denn diese Daten sind kein öffentliches Eigentum: Sie gehören uns. Wenn sie benutzt werden, um unser Verhalten vorherzusagen, wird uns noch etwas anderes gestohlen: Der freie Wille, der unabdingbar ist für die Freiheit in der Demokratie.

Wir fordern daher, dass jeder Bürger das Recht haben muss mitzuentscheiden, in welchem Ausmaß seine persönlichen Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und von wem; dass er das Recht hat, zu erfahren, wo und zu welchem Zweck seine Daten gesammelt werden; und dass er sie löschen lassen kann, falls sie illegal gesammelt und gespeichert wurden.

Wir rufen alle Staaten und Konzerne auf, diese Rechte zu respektieren.

Wir rufen alle Bürger auf, diese Rechte zu verteidigen.

Wir rufen die Vereinten Nationen auf, die zentrale Bedeutung der Bürgerechte im digitalen Zeitalter anzuerkennen und eine verbindliche Internationale Konvention der digitalen Rechte zu verabschieden.

Wir rufen alle Regierungen auf, diese Konvention anzuerkennen und einzuhalten.

Die Beweggründe erläutern Zeh und Trojanov, der bekanntlich selbst recht konkrete Erfahrungen mit den ersten Auswirkungen der Überwachung gemacht hat, in einem Interiew.

Begrüßt wurde die Aktion umgehend von SPD-Chef und Vorratsdaten-Freund Sigmar Gabriel, der auf Facebook schrieb (schreiben ließ):

Das ist eine wunderbare und beeindruckende Aktion. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Intellektuelle jemals global in dieser Form zusammengeschlossen haben. Der Kampf um bürgerliche Freiheiten hat einst national begonnen, jetzt findet er erstmals international gemeinsam statt. Ein tolles Zeichen! Ich werde die deutschen Unterzeichnerinnen und Unterzeichner Anfang des Jahres zu einem Gespräch einladen.

Ein solcher Aufruf darf in der Politik nicht ungehört bleiben!

Die meisten „Likes“ haben bisher diese Kommentare zum Post:

Es wird peinlich, Sigmar.

Vor dem Hintergrund der Vorratsdatenspeicherung ist dieser Beitrag ja wohl blanker Hohn.

ich war zuerst sprachlos als ich gesehen habe, dass du das hier postest und musste dann sehr lachen. Wer hat denn die VDS in den Koalitionsvertrag geschrieben. Merkst du eigentlich deine eigene Widersprüchlichkeit noch, oder willlst du uns alle für dumm verkaufen?

Wir lassen das mal so stehen.

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20 Kommentare
    1. Das nicht, aber vielleicht bekommen einige Leute erst mit, was passiert, wenn sich ihr Lieblingsschriftsteller in der Faz darüber beschwert. Wenn einige (konservative) Politiker dann die füllfederhaltergeschriebenen Protestbriefe ihrer Stammwähler in den Händen halten, bekommen sie vielleicht tatsächlich ein bisschen Angst ;) oder lassen sich gar überzeugen…

  1. Den Abschnitt mit „Überwachung ist Diebstahl“ finde ich sehr seltsam: Soll hier an die Urheberrechts-„Diskussion“ der letzten Jahre erinnert werden? Überwachung hat doch nun wirklich nichts mit Diebstahl zu tun, abgesehen davon, dass der Diebstahl von Daten ein mehr als schwammiges Konzept ist.
    Und dann noch die Sache mit dem freien Willen: Wenn man das zukünftige Verhalten einer Person hinreichend gut aus Daten der Vergangenheit vorhersagen kann, kann deren Wille ja nicht allzu frei sein…

    1. Du bist seltsam, denn jeder der Überwacht wird, kann und wird sich nicht mehr „frei“ entfalten können.
      Überwachung schafft meist ganz unbewusst „Angst“ und Angst macht unfrei…!!!!

      1. Der Sache mit der Angst stimme ich zu. Aber das ist nicht das, was im Text steht. Dort heißt es „Wenn sie [die Daten] benutzt werden, um unser Verhalten vorherzusagen, wird uns noch etwas anderes gestohlen: Der freie Wille, der unabdingbar ist für die Freiheit in der Demokratie.“
        Auch wenn ich mit der Schlussfolgerung (Überwachung ist aus vielerlei Gründen abzulehnen) übereinstimme, heißt das nicht, dass ich mit allen dafür angeführten (meiner Ansicht nach falschen) Argumenten zustimmen muss.

      2. Der freie Wille wird durch Überwachung, wenn auch ganz subtil unterminiert, also nicht direkt gestohlen, sondern geht er uns immer mehr unmerklich abhanden.
        Ansonsten liege ich wohl richtig, das wir uns um Begriffsbestimmungen streiten…lächel

    2. Finde ich auch.
      Gerade Metadaten sind ja eben kein Eigentum das man wegnehmen kann. Die Information wo ich mich aufhalte fällt nunmal an, die Frage ist ob man die Daten speichert und auswertet. Da von Eigentum und Diebstahl zu sprechen und sozusagen das Zurückgeben derselben zu fordern zeugt von Unverständis worums eigentlich geht.

    3. Der Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Überwachung ist genau dann Diebstahl, wenn ungenehmigtes Kopieren geschützter Werke Diebstahl ist. In beiden Fällen werden Daten ohne Erlaubnis vervielfältigt, denen der Markt einen Wert zuordnet.
      Meiner Meinung nach ist beides keiner; wenn man das Konzept von „geistigem Eigentum“ akzeptiert, wäre beides welcher. Aber so zu tun als wäre das eine Diebstahl und das andere nicht, ist logisch widersprüchlich (und genau das scheint die Position von C*U und SPD zu sein).
      Natürlich kann man das eine wie das andere auch schlecht finden, ohne dass es Diebstahl wäre – und das ist mE auch die bessere Art, hier zu argumentieren.

  2. Unsere Daten sind unser Eigentum. Ohne uns gäbe es diese Daten nicht.

    Wir als Urheber unserer Daten müssen somit auch die Herrschaft über UNSERE Daten haben. Grundsätzlich darf niemand unsere Daten ohne unser Wissen und ohne unsere Einwilligung erheben, speichern, nutzen und weitergeben.

    Es geht um Würde und Selbstbestimmung.
    Es geht um die Freiheit von Zwang und Verdacht.

    Wer sich nackig machen will, darf das tun.
    Wer privat bleiben will, darf nicht zur Selbstentblößung gezwungen werden.

    Demokratie und Rechtsstaat sind ohne freie und selbstbestimmte Bürger dem Tod geweiht.

    Es geht übrigens auch um Macht. Wissen ist Macht.
    Wenn anonyme staatliche und privatwirtschaftliche Machtapparate schier unbegrenztes Wissen über uns Bürger ansammeln, dann sind wir diesen Mächten schutzlos ausgeliefert.

    Deine Datenspuren können jederzeit gegen dich verwendet werden.

    Vielleicht nicht heute, aber was ist in 10 Jahren?
    Was ist, wenn in 10 Jahren rückwirkend jeder eingesperrt und bestraft wird, der jemals die Regierung kritisiert hat. Hast du schon mal die Regierung kritisiert?
    Oder in 10 Jahren bekommst du keinen Job mehr, weil die Unternehmen anhand deiner Krankenakte ein schlechtes Risiko feststellen.

    Weitsicht und ein kritischer Geist in der breiten Bevölkerung hätten viel Unheil in der Menschheitsgeschichte verhindern können.

    1. Vielleicht wird in zehn Jahren rückwirkend jeder eingesperrt und bestraft, der für die jetzige Regierung war.
      [Spricht natürlich genauso gegen das Datensammeln]

      1. Schön wäre diese Vorstellung…lach….. aber es wird eher anders herum laufen, so das jeder einfach aus dem System fliegt der jemals irgendetwas gegen das dieses hervorgebracht hat.

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