Forschungsprojekt CONSENT: User fühlen sich machtlos gegenüber Onlinediensten – mit Recht

Internetnutzer/innen gehen davon aus, dass Webdienste ihre Daten ohne ihr Wissen benutzen. Zurecht lehnen sie diese Praktiken ab, sehen aber keine Alternativen. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsprojekt CONSENT, das Teil des 7. Forschungsrahmenprogramms der EU war. Beteiligt waren Universitäten in 14 EU-Mitgliedsstaaten. CONSENT ging der Frage nach, ob wir (un)freiwillig der Abschaffung unseres Grundrechts auf Privatsphäre im Internet zustimmen. Geforscht wurde in zwei Richtungen: 1. User-Wahrnehmungen zu Privatsphäre im Internet und 2. Praktiken der Diensteanbieter. Mit EU-Geldern wird also nicht nur an Überwachungsprojekten wie INDECT gearbeitet.

Was Nutzer/innen über Privatsphäre denken

Bewusstsein: Die überwiegende Mehrzahl der Befragten denken, dass ihre Daten ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung weitergegeben werden – auch an Dritte. Interessant ist dabei, dass ihre Kenntnis über die Vorgänge der Datenverarbeitung sehr stark variiert: So glauben zwischen 41% und 91% [sic!] der Befragten über Cookies Bescheid zu wissen.

Akzeptanz: Solange sie um Erlaubnis gebeten werden, finden die meisten User die Verarbeitung ihrer Daten zu Werbezwecken okay. Allerdings akzeptiert nicht mal mehr die Hälfte der Befragten das „Verkaufen von Nutzerinformationen“ und das „Teilen von Nutzerinformationen mit Drittparteien“ – trotz Zustimmung zur Datenverarbeitung.

Aktivwerden: Nur 24% der befragen Nutzer/innen lesen die Datenschutzbestimmungen von Onlinediensten. Lediglich 11% geben an, diese auch zu verstehen. Weniger als die Hälfte der Befragten nutzen eine Webseite nicht, wenn sie mit deren Datenschutzbestimmungen nicht einverstanden sind. Das interessanteste Resultat: Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Wissen über die Praktiken des Dienstanbieters und den technischen Schutzvorkehrungen, die User treffen. Anders gesagt: Wer weiß was läuft, versucht sich auch zu schützen.

Nationale Unterschiede: Die Resultate unterscheiden sich signifikant nach dem Herkunftsland der Befragten. Generell besteht ein höheres Bewusstsein und Interesse an Datenschutz in den wohlhabenderen Ländern Europas. Trotzdem ist die Einschätzung des tatsächlichen Risikos in ärmeren Ländern höher: Rumän/inn/en fürchten viel eher als Deutsche die Konsequenzen der Onlinerisiken.

Fazit: Es zeigt sich, dass die Befragten den Datenverarbeitern grundsätzlich misstrauen, aber wenig Alternativen zu ihnen sehen. Zudem gibt es wenig fundiertes Wissen darüber, was mit ihren Daten geschieht. Nur so lässt sich erklären, dass sie personalisierte Werbung zumeist akzeptieren, aber die Weitergabe und den Verkauf ihrer Daten an Dritte, nicht. Bei trackingbasierter Werbung geht allerdings beides einher. Die Resultate zeigen auch, dass es besonders in den ärmeren Ländern Europas Menschen gibt, die konkrete persönliche Risiken fürchten und Datenschutz brauchen.

Die Studie befragte überdurchschnittlich viele Studierende und Akademiker/innen, die in urbanen Räumen leben. In der Gesamtbevölkerung ist wohl von noch weniger Datenschutzwissen auszugehen.

Wie Onlineanbieter agieren

Hier gab es wenig überraschende Resultate. Wir alle wissen um die ziemlich intransparenten Praktiken, besonders im Bereich der Sozialen Netzwerke. Die Studie unterstreicht dies noch einmal. Nur 38 der 107 der untersuchten sozialen Netzwerke verlangten explizite Zustimmung zur Verarbeitung persönlicher Daten für kommerzielle Zwecke. Aufgrund der Monopolstellung von Facebook, das europäischen Datenschutz mit Füßen tritt, ist die Aussagekraft dieser Untersuchungen allerdings fraglich. Im Gegenteil: Durch die Vermengung mit vielen anderen kleineren unbedeutenden Anbietern, laufen die Resultate Gefahr, den Status quo zu schönen. Was nutzen hundert Soziale Netzwerke, wenn fast alle – mehr oder weniger freiwillig – eins benutzen.

User sind strukturell benachteiligt – Gesetze können das ändern

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass von einer bewussten Abwägung, bei der die Nutzer/innen sich informiert für Facebook, Google und Co. entscheiden keine Rede sein kann – entgegen dem, was Post-Privacy-Vertreter @tante in seiner Kritik an den BigBrotherAwards formuliert:

Denn obwohl Medien kritisch über Firmen wie Facebook, Google berichten, nutzen viele Menschen ihre Dienste. Einige der Risiken dabei können Nutzer gut abschätzen. Und sie entscheiden sich, die Dienste doch zu nutzen, obwohl ihre Daten ausgewertet werden, um beispielsweise optimierte Werbung zu zeigen. Da übersteigt für viele Anwender der Nutzen die Kosten.

Die „Kosten-Nutzen-Abwägung“ ist eine Illusion. Die User sind gegenüber den Diensteanbietern strukturell benachteiligt. Nicht nur fehlendes Wissen beeinträchtigt ihre Privatsphäre. Quasimonopole produzieren Lock-in-Effekte: Facebook oder Gmail verlassen ist für viele unvorstellbar. Abhilfe können Gesetze schaffen: Die Datenschutzverordnung kann das Gleichgewicht durch explizite Zustimmung, Recht auf Datenmitnahme (zur Konkurrenz) sowie Transparenz- und Kontrollmechanismen zugunsten der Nutzer/innen verschieben. Ende Mai stimmt das Europäische Parlament über unseren europäischen Datenschutz für die nächsten Jahrzehnte ab. Noch ist Zeit, für ein starkes Gesetz zu kämpfen.

Spiegel Online ist dieser Gesetzgebungsprozess wohl zu komplex, um ihn journalistisch zu begleiten. Stattdessen veröffentlicht SpOn Gastbeiträge mit der Meinung weniger privilegierter junger Männer. Das bringt mehr Klicks und macht weniger Arbeit.

6 Kommentare
        • Benjamin Bergemann 15. Apr 2013 @ 16:27
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