Netze

Ablenkungsmanöver: Telekom rudert ein bisschen zurück – doch Pläne bleiben die gleichen (Update)

Die Deutsche Telekom schwächt ihre umstrittenen Drosselpläne ein kleines bisschen ab: Statt „funktional kaputten“ 384 KBit/s sollen die Tarife auf 2 MBit/s gedrosselt werden. Doch dieses minimale Zurückrudern ändert nichts daran, dass auch diese „Geschwindigkeit“ peinlich für ein Land mit „Breitband-Strategie“ ist. Am größeren Problem ändert man gar nichts: Die Netzneutralität soll weiterhin verletzt werden.

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Caschys Blog schrieb gestern:

Die Deutsche Telekom wird morgen bekannt geben, dass man die Drosselung nicht auf 384 Kilobit nach Erreichen eines bestimmten Volumens festlegen wird. Stattdessen wird man – so unser Informant – die Grenze bei rund 2 MBit Geschwindigkeit festlegen.

Update: Jetzt auch in offiziell:

Ab 2016 werden Kunden, sollten sie nach Aufbrauchen ihres Inklusivvolumens keine zusätzlichen Datenpakete buchen oder keine Flatrate nutzen, mit 2 Mbit/s statt wie bisher geplant mit 384 Kbit/s surfen können.

Der Verein Digitale Gesellschaft kommentiert diesen Schritt in einer Pressemitteilung als Ablenkungsmanöver:

Der Digitale Gesellschaft e. V. hält die angekündigte Erhöhung für ein rein taktisches Zugeständnis: “Die ursprünglich angekündigten 384 KBit/s sind im Jahr 2016 mit einer Sperre gleichzusetzen. Mit 2 MBit/s wird man 2016 aber auch nicht mehr als e-Mails lesen können. Videos, größere Downloads, die Synchronisierung von Daten in der Cloud, Livestreams und Spiele sind dann nicht mehr möglich”, sagt Markus Beckedahl, Vorstand des Digitale Gesellschaft e.V. “Wenn mehr als eine Person im Haushalt Video schaut, ist das Internet für die anderen nicht mehr benutzbar. Familien und Wohngemeinschaften werden gegenüber Singles benachteiligt.”

Beim entscheidenden Punkt weicht die Deutsche Telekom kein einziges Bit von ihrer Linie ab: Weiterhin sollen sich Partner für die Überholspuren auf den sogenannten “Managed-Services” einkaufen können. “Die Deutsche Telekom nutzt einen Taschenspielertrick und benennt einfach Teile ihres Netzes, die “Managed-Services”, in “Kabelfernsehen” um – und meint damit die Netzneutralität umgehen zu können. Große Player werden sich womöglich die Überholspuren leisten können und wollen, um einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Konkurrenten von morgen zu haben. Start-Ups, Open-Source-Projekte und Blogs werden dabei in die Röhre schauen und auf die langsamen Nebenspuren des Netzes gelenkt. Das ist innovationsfeindlich.”, so Beckedahl weiter. “Die Drosselung ist für die Telekom der Hebel, um ‘Managed Services’ in den Markt zu drücken und damit das Ende der Netzneutralität einzuläuten, andere Provider warten nur ab, ob der Gesetzgeber sie gewähren lässt.”

Für den Digitale Gesellschaft e. V. trägt der rechtlich zuständige Wirtschaftsminister Philip Rösler an der Situation Mitschuld: “Die Bundesregierung erzählt in vielen Sonntagsreden, dass die Netzneutralität wichtig und ein Zweiklassennetz zu verhindern sei, schon im Koalitionsvertrag steht das. Jetzt ist die Zeit zu handeln und die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein echtes Netz zu schaffen. Nur eine gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität und ein klarer Auftrag an die Bundesnetzagentur, diese auch gegenüber der Deutschen Telekom durchzusetzen kann das Versagen dieses Marktes zu Lasten der Verbraucher verhindern”, fordert Beckedahl die Bundesregierung zum Handeln auf. Die Netzneutralität wird den Deutschen Bundestag in der zu Ende gehenden Legislaturperiode voraussichtlich noch zwei Mal beschäftigen: im Neue-Medien-Unterausschuss und im Petitionsausschuss.

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28 Kommentare
  1. Mit 2 MBit/s wird man 2016 aber auch nicht mehr als e-Mails lesen können. Videos, größere Downloads, die Synchronisierung von Daten in der Cloud, Livestreams und Spiele sind dann nicht mehr möglich”, sagt Markus Beckedahl,

    Videos, Spiele und größere Downloads, genau dazu ist das Internet da!

    Ich frag‘ mich ein bisschen, warum uns das in der gutenaltenZeit nicht aufgefallen ist, als komplette UNIs via 2Mbit angekabelt waren?

    1. Das Problem ist ja, dass man immer mehr mit diesem Internet macht.
      Videos erhalten hoehere Aufloesungen, Spiele koennen mehr Bandbreite nutzen, …

      Genau das ist es, was die Telekom hier versucht: Viele Leute werden sich denken, das reicht doch. Und die Services, die mehr brauchen, muessen eben dann in die Tasche greifen, zur Bereicherung der Telekom.

      Ich wuerde sehr gerne irgendwann soetwas wie Netflix (wenns das hier mal gibt) hier in Deutschland nutzen. Am liebsten dann in bester Qualitaet. Und nur weil mein ISP profitgeil ist, soll ich darauf verzichten?

      1. Wenn dein ISP profitgeil ist, solltest du vielleicht auf seine Dienste verzichten.

        Was mich stört an der Debatte – wenn es denn überhaupt eine ist – man könnte soo viele Dinge daraus machen:
        zugesicherte Qualität
        Flatrate vs. Volumen
        Vertagslaufzeiten
        Internetanschluß als wichtige Infrastruktur.
        usw.

        Aber es wird immer wiederholt:

        Die Telekom macht es falsch.
        Die Telekom hat keine Grundlage das zu tun.
        Die Telekom darf das nicht.

        Und genau betrachtet führt die vorgeschlagene Aufnahme der Netzneutralität für Internetanschlüsse (die’s schon gibt, die aber nicht durchgesetz wird) nach heutigem Stand der juristischen Diskussion dazu, das die Telekom ein paar Sätze im Vertrag ändert, aber die Funktion des Anschlusses so bleibt. Denn das große Rad zu drehen und der Telekom per Gesetz ein Geschäftsmodel vorzuschreiben, ist eher unwahrscheinlich.

        Ich finde (meine Meinung) die Enschränkung der Netzneutralität hier zu beklagen ein bisschen konstruiert, weil alle Beispiele damit enden -> zuwenig Datenrate für den Dienst: Telekom ist schuld.

      2. @Philip: Ich glaube, dass du dich ein Bisschen von den Betreibern einlullen lässt. :/ Wenn es die „Probleme“ der großen Betreiber wirklich gäbe und das Auswirkungen auf Qualität hätte, wieso werben sie alle groß mit einem 50MBit-Mobilfunkanschluss mit allen Flatrates für Zuhause(!)? Die Netzneutralität wird außerdem auch dann gefährdet, wenn 2MBit ausreichen sollten. Es geht hier nicht um können, sondern nur ums rücksichtslose Kassieren.

        Ich finde auch nicht toll, dass alles im Internet heute so viel Bandbreite und Volumen verbraucht – 2MBit sind noch lange keine Selbstverständlichkeit und 16MBit zum Mindeststandard zu erklären, spielt doch eigentlich auch nur den Unternehmen in die Hände. Wenn 2MBit *nicht* für einen Besuch auf irgendeiner Website reichen, ist das mMn. nach eine peinliche Fehlkonstruktion der Webprogrammierer, die ihr Handwerk nicht verstehen.

      3. @Frl. Unverständnis:
        Wo bekommst du 50Mbit/s Internet Mobil mit Flaterate für die Daten?
        Irgendwo in Finland vielleicht, aber sicher nicht in DE.

        (btw: man kann solche Verträge in DE bekommen, als Geschäftskunde, aber den Preis zahlt keiner gerne…).

        Das Hauptproblem der Betreiber ist, das sie nicht genug einnehmen um aus dem derzeitigen Gewinn den Ausbau zu finanzieren.
        Weil der Ausbau nicht direkt billig ist (der zahlt zB mein Gehalt) und zugleich sie lange Zeit Flatrates verkauft haben deren Mischkalkulation damals schon nicht funktionierte und heute gar nicht mehr.

    2. „Größere Downloads“ sind doch praktisch alles. Soll er ausschweifen und rumlabern? Windows Update, Norton Update, neue Funktion für Office, neues Büro-Programm, das man nur noch runterladen kann um es zu installieren und und und. Selbst der TorBrowser hat 26mb.
      Bis auf meine Großeltern ist das den meisten Leuten klar. Und selbst meinem kleinsten Bruder war vor 5 Jahren schon klar, dass er zum Videos schauen Bandbreite braucht.

    3. Ganz einfach weil die „Datenmengen“ die man damals von Websites geladen hat deutlich geringer waren. Das Meiste war Text und ein paar wenige Bilder. Heutzutage, in Zeiten von YouTube, HD-Video Streams und Datenhaltung in Clouds sind 2MBit einfach nur lächerlich wenig.

  2. ich zahle für 6, offiziell bekomme ich 3, tatsächlich nur 1,2 MBit/s.
    Bis vor einigen Wochen war hier noch Ausbaugebiet; jetzt wird nur noch dsl über Funk angeboten. Der T-Laden-Mitarbeiter erklärte mir durch die Blume, das Ausbaugeschäft lohne sich nicht, weil unser Viertel nicht so dicht bebaut sei (Reihenhäuser, zentrales Ruhrgebiet).
    Nun ja, ich treffe jetzt Vorbereitungen fürs Kabel; TV funzt seit Jahren problemlos.

    1. Genau. Manchmal heißt es nur „geht nicht“. Geht natürlich alles, nur kein Bock drauf. Die Telekom vergisst, dass sie als Netzbetreiber eine gewisse infrastrukturelle Verantwortung für das ganze Land trägt. Darum war sie früher auch staatlich: Zwar streng behördlich, aber funktionierte ohne dass jemand ständig auf Aktionäre und nochmalige Steigerung des Gewinns achten musste…

      1. Das alte Problem mit den Neocons, die auf Teufel komm raus alles privatisieren, ohne Marktwirtschaft kapiert zu haben. Das Problem ist mE folgendes:

        – Ein Land kann sich am besten entwickeln, wenn es Infrastruktur im Überfluss gibt. Schlechte/Fehlende Infrastruktur erhöht die Kosten von absolut *allem*, und ein privater Betreiber der überall abkassiert was er kann ist nicht viel besser (optimal für ihn ist, kaum billiger als die Alternative zu sein).

        – Infrastruktur lässt sich nur als Monopol effizient betreiben, weil kleine und große Linien oft fast das gleiche kosten. Außerdem ist sie teuer in der Anschaffung und braucht lange um sich zu amortisieren.

        – Geld lässt sich nur mit knappen Sachen verdienen. Also liegt es im Interesse des Monopolisten, so wenig wie möglich auszubauen. Und er kommt damit davon, weil Konkurrenz zu lange zu ineffizient wäre um eine Alternative zu werden.

        Das heißt nicht dass es mit staatlicher Infrastruktur besser wird. Aber mit privater Infrastruktur *kann* es nicht besser werden.

  3. Man kann es nicht oft genug sagen: Es gibt nur den Weg der Kündigung oder die Verweigerung des Vertragsabschlusses. Das versteht die Telekom. Kritik wird nur mit PR beantwortet. Nur ein Aubleiben der Zahlungen zwingt zur Verbesserung.

  4. @ Philip Engstrand:
    Wenn die zuwenig verdienen sollen die das doch einfach sagen, und uns nicht ständig die Hucke voll lügen.
    Sollen sie doch drosseln wenn sie wollen. Aber von Anbietern Geld zu verlangen damit eine handverlesene Auswahl an Seiten nicht gedrosselt wird, DAS GEHT NICHT.
    Mich haben die als Kunden verloren. Und ich bin kein dauersaugender jugendlicher „heavy user“, sondern ein grauhaariger alter Mann der vermutlich derzeit mit 75 GB im Monat sogar auskommt.
    Ich lasse mich einfach nicht gerne verarschen.

    1. 3 Dinge:
      Die Telekom sagt irgendwie schon: Wir stecken das zusätzlich eingenommene Geld in den Ausbau.
      Wer Bilanzen lesen kann, stellt beim Studium der Telekom eigenen fest: Die verdienen schon lang kein Geld mehr.
      Ich bin auch nicht mehr lange Telekomkunde, weil die’s geschaft haben bei der letzten Vertragsverlängerung mal 6 Wochen kein Internet zu liefern.

      1. Was sie aber nicht „irgendwie“ sondern laut und deutlich sagt:
        – Die einen (u.a. ich) sponsorn die „Vielsauger“. Das ist ungerecht. Für die einen wird es teurer, für die anderen natürlich nicht billiger.
        Dann geht es gar nicht ums Sponsorn, sondern nur um mehr Geld? Lüge?
        – Wir haben viel zu wenig Bandbreite. Deshalb gehen nach der ungedrosselten Menge nur noch 384 kb/s. Huch? Jetzt plötzlich das Fünffache? Lüge?
        – Und die Kuh mit der Netzneutralität wollen sie gar nicht vom Eis holen. Da hoffen sie auf den dankbaren Jubel, auf dass es keiner merken möge.
        Ohne mich.
        Wenn man mehr Geld haben will soll man ganz einfach und ehrlich die Preise erhöhen, wenn man Flatrates abschaffen will soll man Volumentarife einführen. So einfach ist das.

  5. Hat sich da mal schon jemand gedanken darüber gemacht?
    Weil ich immer höre „Ätsch das betrifft mich nicht ich bin bei nem Andren ISP… aber bis jetzt haben die meisten anderweitigen ISP´s ausser in manchen Städischen Ballungsräumen ja die Leitung der Telekom „gemietet“.
    Was mich mal in der ganzen Diskussion interisieren würde, was auch noch nicht zur Sprache kam, soweit ich das mitbekommen habe:

    Was passiert eigendlich mit den von der Telekom „geliehen“ Leitung von anderen ISP´s wie Arcor, 1&1 und wie sie alle heißen?
    Wie werden sich die „Drosselpläne“ der Telekom dort auswircken?

    1. Ich vermute, dafür gibt es Musterverträge von der Netzagentur. Ob man da so einfach die AGB ändern kann bezweifle ich. Da sitzen der Telekom dann ja Juristen gegenüber die sich sowas nicht so einfach unterjubeln lassen dürften.
      Ätsch, betrifft mich übrigens tatsächlich nicht: Nix gemietet,: Kabelanschluss. Glück muss der Mensch haben ;-)

    2. Garnicht, da Verwaltung von Volumentarifen zu teuer, außer für einen Staatsbetrieb mit tausenden Beamten. Dazu wird das „Vermieten“ von der Netzagentur geregelt, und nicht von der Telekom.

    3. Nicht relevant; wenn ein ISP die Leitung mietet, mietet er die immer pauschal. Darauf bietet er Dir die Leistung „Routing Deiner Pakete ins Internet“ an.

      Die Telekom kontingentiert exakt dieses Routing wenn sie es selber anbieten darf.

      1. PS: Das heißt aber auch nicht, daß man sagen kann „ätsch ihr blöden Telekom-Jünger, mich betrifft das nicht“. Wenn die damit durchkommen, werden die großen Anderen sofort nachziehen.

  6. Heise berichtet:

    Nach Angaben von Telekom-Sprecher Philipp Blank müssen Partner, die einen Managed Service anbieten, dafür nicht vorab bezahlen, sondern die Telekom an den Umsätzen beteiligen.

    Wie ist das denn mit nichtkommerziellen Angeboten. Ich mache beispielsweise Musik und biete die kostenlos als CC-BY-SA auf meiner Webseite an. Da könnte ich mich doch auch von der Drossel befreien lassen und die Telekom kann sich gerne an den Null-Umsätzen beteiligen.

    Worauf läuft das dann hinaus? Alle lassen sich von der Drossel befreien, für die User ändert sich nichts. Nur die Telekom verdient bei jedem, der im Netz Geld verdient, mit.

    Wahrscheinlich ist es genau das, was die Telekom will: mitverdienen bei kommerziellen Internetdiensten.

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