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KDE-Community antwortet auf die Offene-Standards-Umfrage der britischen Regierung

Dies ist ein Gastbeitrag von Mirko Boehm vom KDE e.V.

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Im März 2011 hat sich die britische Regierung zum Ziel gesetzt, eine auf Offenen Standards basierende ICT-Infrastruktur zu schaffen. Nach Störfeuer seitens Microsoft rief das Cabinet Office einen Beratungsprozess zu den Anforderungen an Offene Standards aus. Ausgehend von der unklaren Definition des Begriffs wurde die interessierte Öffentlichkeit aufgefordert, in einem umfangreichen Fragebogen Stellung zu nehmen dazu, was einen wirklich offenen Standard ausmachen soll . Diese Beratung endet heute.

In ihrer Antwort stellt die KDE-Community die folgenden drei Punkte als wesentlich heraus:

  1. Offene Standards müssen gleiche Ausgangsbedingungen schaffen für von Communities entwickelte und proprietäre Lösungen. Dazu muss jeder Standard Implementierungen erlauben, welche die „Vier Freiheiten“ von Freier Software bereitstellen und durchsetzen können. Der Standard darf nicht in die eine oder andere Richtung diskriminieren.
  2. Der Standardisierungsprozess an sich muss ebenfalls transparent und dokumentiert erfolgen, offen sein für alle Interessengruppen und vollständig öffentlich stattfinden.
  3. Ein Offener Standard darf wiederum nur andere Standards referenzieren, die die gleichen Kriterien erfüllen. Ebenso müssen alle für die Implementierung des Standards notwendigen kritischen Patente und anderen Rechte Freie-Software-kompatibel lizensiert werden. Die entsprechende Durchsetzbarkeit derartiger Zusicherungen muss gerichtlich möglich und effektiv sein.

Die Produktion von Informationsgütern wie Software findet zunehmend basierend auf Peer Production in kooperativ arbeitenden Communities und weniger in grossen Unternehmen statt. Um Wettbewerb zwischen allen Anbietern und weniger Lock-In im ICT-Sektor zu erreichen, ist es unerlässlich, sowohl Freie-Software-basierten als auch proprietären Lösungen gleichen und ungehinderten Marktzugang zu ermöglichen. Es bleibt spannend, wie die britische Regierung die Migration zu offenen Standards umsetzen wird.

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3 Kommentare
  1. Die grundlegende Frage ist, warum die überhaupt noch einmal konsultieren anstatt sich am European Interoperability Framework zu orientieren.

    Merkwürdigerweise macht KDE die Verbeugung vor dem FRAND-Modell:

    From a legislative point of view, the government could require patent holders to disclose their claims during the consultation phase of the standard setting process. Models where patents become royalty and restriction free once the standard is accepted are also possible. Legal instruments are necessary for involved parties to enforce non-assertion promises and licensing requirements of standards.

    1. Zur Frage des European Interoperability Frameworks – Offene Standards bedeuten nicht nur Interoperabilität, es geht zum Beispiel auch um diskriminierungfreie Beschaffung und Standardsetzung. Ich finde es persönlich gut, dass die Frage, was genau ein Offener Standard ist, im Detail hinterfragt wird. Ausserdem ist das European Interoperability Framework nicht unumstritten.
      An der zitierten Stelle kann ich keine „Verbeugung vor FRAND“ erkennen. Das Problem mit FRAND liegt ähnlich wie die Frage nach der Definition von Standards selbst. Es werden verschiedenste Definitionen verwendet, von denen einige mit Freier Software vereinbar sind und einige nicht, deswegen der Rekurs auf die „Vier Freiheiten“.
      Eine besondere Gefahr stellen Stealth Patents dar, bei denen der Inhaber stillhält, bis der Standard gesetzt ist. Beschreibungen von Patenten sind oft so abstrakt oder abstrus formuliert dass nicht klar zu erkennen ist, ob sie für einen Standard relevant sind oder nicht. Daher die Forderung nach einem Offenlegungszwang für Patente, die der Implementierung eines Offenen Standards im Weg stehen.

      1. Kann ich Dir gerne im Detail erklären. Wovon du sprichst ist eine strategisch ungünstige Verteidigungslinie. Nach Wettbewerbsrecht ist das Stealth-Problem für eGovernment bereits gelöst, dahinter braucht man nicht zurückfallen. Open Source Berücksichtigung haben wir schon im EIF2. Das reicht natürlich nicht aus. Die Debatte neu zu öffnen und weniger zu fordern als bereits erreicht ist, das macht keinen Sinn.

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