Öffentlichkeit

Twitter-Revolution in Ägypten?

Seit ca. 13:00h heute Nachmittag (deutsche Zeit) tut sich auf Twitter einiges unter dem Hashtag #jan25. In Ägypten finden große Demonstrationen statt. Die Associated Press (AP) meldete um 15:43h dass tausende regierungskritische Demonstranten – inspiriert von den Demonstrationen in Tunesein der letzten Wochen – das Ende der Herrschaft von Hosni Mubarak’s Zeit an der Macht (lockere 30 Jahre) fordern. Die Polizei ginge mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor.

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Organisiert wurden auch die Proteste ursprünglich über Facebook und Twitter, die AP meldete, 90.000 Personen hätten ihre Teilnahme angekündigt.

Kurze Zeit nach der Meldgung, um 15:58h, Kamen die ersten Vorwürfe auf, dass Telecom Egypt Twitter blockiere. Ahram Online berichtete, Twitter-Service sei „down.“ Der Guardian erhielt Bestätigungen, dass Twitter auch beim Provider Etisalat nicht mehr funktioniere. Gegen 16:40h meldete der Reporter Jack Shenker, dass „Internet, Twitter, und Telefonanrufe“ blockiert würden, langsam aber wieder möglich würden (Hinsichtlich der Daten- und Telefonverbindungen ein auch bei Massenveranstaltungen in Deutschland nicht unübliches Phänomen, um das sich viele Gerüchte ranken, das am wenigsten haarsträubende davon lautet „Netzüberlastung“) UPDATE: VodafoneEgypt gab gegen 17:00h bekannt „We didn’t block twitter – it’s a problem all over Egypt and we are waiting for a solution.“ Bei Herdict.org, einer Crowdsourcing-Plattform für Blockade-Infos, ergibt sich kein klares Bild, über die Erreichbarkeit von Twitter oder Facebook (das in Ägypten sehr verbreitet ist). Global Voices wiederum zitiert eine Menge Tweets über den Ausfall von Twitter, und schließt auf eine Blockade. /UPDATE

@saudkw beschreibt die Situation:

things getting serious over there. Twitter blocked, data services on phones getting cut off sporadically. Tear gas, arrests.

Erst vor wenigen Tagen hatte der Spiegel gemutmaßt, arabische Führer müssten nach dem Sturz der tuneischen Regierung einen Dominoeffekt fürchten. In der Tat gibt es nicht nur hinsichtlich der Beeinträchtigung der Kommunikationsinfrastruktur Parallelen: Der Tunesier Ben Ali war ebenfalls sehr lange (20 Jahre) an der Macht, und die ägyptischen Demonstranten nehmen auf die Entwicklungen in Tunesien Bezug: Sie empfehlen Mubarak die Reise nach Saudi-Arabien, wohin auch Ben Ali geflohen war.

Wie der Spiegel schreibt, sind Demonstrationen dieser Größenordnung (ca. 15.000 Menschen in Kairo) in Ägypten ungewöhnlich: „Selten kamen dort mehr als ein paar Hundert Demonstranten zusammen, Kundgebungen wurden in der Regel schnell von der Polizei aufgelöst.“

Es wäre nicht das erste Mal, dass zunächst in den Medien von einer Twitter-Revolution die Rede ist. Sowohl bei den Protesten im Iran, als auch denen in Tunesien wurde dies erst behauptet. In der Regel stellt sich nachher heraus, dass nicht Twitter, sondern der gemeinsame Zorn über die herrschenden Bedingungen die Menschen zum Zusammenhalt gebracht hat.

Deshalb ist bisher auch keine dieser Demonstrationen durch das Blockieren oder Ausfallen von Twitter ernsthaft beeinträchtigt worden – zum Glück! Über dezentrale Strukturen sollte man sich trotzdem langsam ernsthaft Gedanken machen.

Wer den Thrill der live-Berichterstattung sucht, dem sei #jan25 ans Herz gelegt. Wer jedoch mit dem in hunderter-Schritten hochzählenden „1000 neue Tweets, seit du mit der Suche begonnen hast“ nicht klar kommt, nutz #egypt oder liest das wie immer vorbildliche Live-Blog des Guardian.

PS: Über Twitter erreicht mich gerade dieses Video, in dem sich einige echt mutige Demonstranten mit einem Wasserwerfer anlegen:

UPDATE: Hier und hier gibt es live-streams. (Danke, Daniel!)

UPDATE 2: Bilder, mehr zum politischen Hintergrund, und Updates zum Thema Blockade oder nicht, gibt es bei Global Voices.

UPDATE 3: Der live-Streaming-Dienst Bambuser bestätigt, in Ägypten blockiert worden zu sein.

UPDATE 4: Es verdichten sich die Hinweise, dass tatsächlich blockiert wird. Inzwischen lässt sich zum Beispiel erkennen, dass einzelne IPs von Twitter noch, andere jedoch bereits nicht mehr erreichbar sind, und dass keine neuen Accounts erstellt werden können, weil Twitters re-Captacha-Anbindung gestört wird. Human Rights first veröffentlicht eine Pressemitteilung.

UPDATE 5: Inzwischen kann wohl der Versucht Twitter zu blockieren als bestätigt angesehen werden. Viel bedeutsamer ist in Ägypten jedoch Facebook, das dort von fast 30% aller Menschen mit Internetzugang genutzt wird. Nun häufen sich Berichte, dass Facebook ebenso blockiert wurde, was natürlich eine sehr viel einschneidendere Beschränkung wäre. Walid Al-Saqaf von https://alkasir.com bestätigt die Sperre auf jeden Fall schon mal für Anschlüsse von EgyptNetProvider. Amira Al Hussaini schreibt, dass Facebook heute, am Tag danach blockiert wird.

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37 Kommentare
  1. Richtig.

    In der Regel stellt sich nachher heraus, dass nicht nur Twitter, sondern der gemeinsame Zorn über die herrschenden Bedingungen die Menschen zum Zusammenhalt gebracht hat.
    Deshalb ist bisher auch keine dieser Demonstrationen durch das Blockieren von Twitter ernsthaft beeinträchtigt worden – zum Glück!

  2. exakt, es tut sich was. die regierung blockiert twitter und medienseiten.
    restaurants und imbißbuden verteilen essen umsonst an die demonstranten.
    protestierende bitten um decken für die nacht.

    wer nach ein paar weiteren medien- updatestream- twitterstorysampler- und fotolinks sucht, hier entlang: http://wp.me/psdI6-ZZ

  3. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Netzinfrastruktur in Ägypten nicht unbedingt die zuverlässigste ist…

    Werde auf alle Fälle gespannt verfolgen, wie es am Nil weitergeht. Eines hat Mubarak ja doch irgendwie hinbekommen: Es war einigermaßen stabil. Bei aller Liebe zur freien Demokratie – In Ägypten kann auch eine Menge in Richtung „noch stärker vom Islam geprägt“ abrutschen (um es mal so zu formulieren).

  4. Klar macht Twitter etc. es einfacher Demos etc. zu organisieren und Meldungen und so auszutauschen, aber wer demonstrieren will, der findet auch andere Wege. Hier wird mal wieder Mittel und Ursache vertauscht. Twitter bringt ja nicht einfach jeden so ohne Grund zum Demonstrieren, auch wenn es das vllt. einfacher macht. Diese Bedeutung ist dennoch durchaus nicht zu verachten und kleinzureden.

  5. Mobilfunkabdeckung war hier in Sharm el Sheikh die letzten 2 Wochen um Welten besser als in Deutschaland auf dem Land, wo ich herkomme. Und ja, seit heute Nachmittag ist Twitter weder über Etisalat (im UMTS Stick) noch über Vodafone Egypt (im Handy) zu erreichen.

    Hier (Sharm el Sheikh, Sinai) hat man aber auch garnix über die Demonstrationen gehört. Ich hatte Spätschicht und hab‘ eben als ich zuhause war, meinen Mitbewohner gefragt. Der wusste allerdings auch von nichts.

  6. Ich muss echt sagen, dass ich schwer beeindruckt bin, von dem was da gerade in Nordafrika abgeht. Die Leute schließen sich zusammen und jagen ihre Regierung und das ganze darauf aufbauende System zum Teufel weil sie genau wissen, dass sie nichts mehr davon zu erwarten haben. Weil sie der Meinung sind es kann nur besser werden.

    1. Naja, die haben nicht viel. Was sollen die schon erwarten wenn sie nicht viel zum verlieren haben richtung Politik?
      Entweder die haben keine und irgend eine Band übernimmt das Land oder die bekommen eine bessere Regisrung als vorher.

  7. „Und wann passiert das auch in Deutschland ?“

    Frühestens in dem Moment in der der sogenannten „Mittelschicht“ endlich klar geworden ist, dass sie demnächst auch Teil der „Unterschicht“ sind, auf die sie gerade noch mit so viel Verachtung herabsehen. Aber da sind unsere Massenmedien vor, dass es zu dieser Erkenntnis ja nicht zu schnell kommt.

    siehe dazu auch bei Telepolis:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33857/1.html

  8. Von @twitterglobalpr kam gerade eine Bestätigung:

    Re Egypt block: We believe that the open exchange of info & views benefits societies & helps govts better connect w/ their people. (2/2)

    We can confirm that Twitter was blocked in Egypt around 8am PT today. It is impacting both Twitter.com & applications. (1/2)

  9. Über dezentrale Strukturen sollte man sich trotzdem langsam ernsthaft Gedanken machen.

    Wieso nachdenken? Machen! StatusNet lässt sich in wenigen Minuten auf dem eigenen Server installieren. Viele Clients unterstützen statusNet-Server (wie identi.ca) und vom Server aus kann man die Updates dann zu Twitter weiterleiten lassen, und man kann von JEDER anderen statusNet-Installation Tweets abonnieren. An der Nutzung ändert sich praktisch nichts, und je mehr Leute auf alternative Server umsteigen bzw. je mehr solche Server anbieten (z.B. auch als Tor Hidden Service), desto hilfreicher.

    Der Sicherheitsforscher Jacob Appelbaum stellt unter anderem fest (sein Feed lohnt sich):

    The censors at TE Data failed to block 128.121.243.237 and 168.143.161.29 for Twitter. You can use those without a proxy directly.

    http://twitter.com/ioerror/statuses/30062929537667072

  10. Interessant ist, das Internet Sperrstrukturen und dann auch das tatsächliche Sperren/Blockieren jeden Protest anfeuert und verstärkt. Der Protest bekommt damit binnen eines Tages internationale Stärke.

    Das sollten sich unsere Politiker mal genauer ansehen und sich ernsthaft überlegen ob sie das wollen!

  11. Sosehr ich den Menschen dort den Erfolg und ihre Freiheit wünsche, gerade Ägypten hat wie wenige andere Länder auf der Welt alle Zutaten für eine zukünftige Implosion der Gesellschaft mit totalem Chaos als Folge.

    Eine explodierende Bevölkerung, deswegen viele junge Menschen ohne Zukunftsperspektive bei gleichzeitig erodierenden Grundlagen elementarer Ressourcen – Wasser, Energie usw.

    Das gibt einen ganz GANZ großen Knall dort in den nächsten Jahrzehnten, völlig egal wer da an der Regierung ist.

  12. Auf Twitter berichten sie nun, der Innenminister habe gesagt, jeder der heute demonstriere, werde \verfolgt\ werden. Gestern abend Tränengas und auch Schüsse (?). Angeblich sind im Netz in Ägypten nun Twitter, Facebook und Zeitungen gesperrt. Was die Leute aber scheinbar nicht hindert, weiterzumachen.

    Bei Spiegel Online ist das Thema schon nur noch unter \ferner liefen\… gibt ja wichtigeres: Eichinger, Dschungelcamp.
    Tagesschau hats als Aufmacher.

    Problem: Mubarak ist \unser\ Mann, westlicher Verbündeter, deshalb will Clinton auch zwanghaft stabile Verhältnisse erkennen. So stabil, dass M’s Sohn samt Familie schon mal abgehauen ist mit 91 Gepäckstücken.

  13. @Himpel
    D.h. wenn Twitter im eigenen Land (USA) lahm gelegt wird, nützt das auch nix?
    Richtig dezentral wäre es doch nur wenn Twitter selbst auf Server in verschiedenen Länder wäre.

  14. Mit dezentral meine ich Lösungen wie Diaspora oder Statusnet, wenn sie richtig genutzt werden, nämlich nicht mit tausenden Benutzern auf einem Server (wie momentan üblich und den gesamten Sinn der Sache unterwandernd), sondern so, dass jede(r) möglichst seinen eigenen unterhält. Dezentral, wie heute z.B. selbst gehostete Websites oder Blogs im Vergleich zu wordpress.com oder YouTube-Feeds (Bsp:)
    Siehe hierzu: Freedom Boxes

  15. Langfristig bräuchte man ein weltumspannendes Netz, das nicht auf Provider angewiesen ist und eher so wie eine Tauschbörse funktioniert. Eine Mischung aus Hubs, vernetzten WLANs und Funkstrecken, selbstverantwortlich betrieben von Bürgern und NGOs. Ansonsten wird immer jemand Twitter blockieren, oder Handynetz und Knotenpunkte selektiv abschalten können.

  16. Klar macht Twitter etc. es einfacher Demos etc. zu organisieren und Meldungen und so auszutauschen, aber wer demonstrieren will, der findet auch andere Wege. Hier wird mal wieder Mittel und Ursache vertauscht. Twitter bringt ja nicht einfach jeden so ohne Grund zum Demonstrieren, auch wenn es das vllt. einfacher macht. Diese Bedeutung ist dennoch durchaus nicht zu verachten und kleinzureden.

    Gleichzeitig macht die massenhafte Nutzung von Twitter & Facebook es auch schwerer, erfolgreiche regimekritische Demonstrationen zu veranstalten. Dank der öffentlichen Kommunikation sind die Unterdrückungsorgane immer bestens über geplante Aktionen (und zumindest im Ansatz den Grad der zu erwartenden Teilnahme) informiert, und können präventiv aktiv werden. Leute, die unter ihrem Realnamen retweeten und liken können außerdem prima mit Hausbesuchen überzogen werden. Alles in allem also eine zweischneidige Sache.

  17. US-Außenministerin Hillary Clinton rief am Abend zu Reformen in dem arabischen Land auf. Zugleich appellierte sie an die Behörden, friedliche Demonstrationen und den Zugang zu sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter zuzulassen.

    Ja, weil die USA dann die Kontrolle über die Nutzerdaten haben.

  18. Langfristig helfen nur dezentrale Strukturen, da hat Linus recht. Sowohl Jabber, Identi.ca als auch Tor sind hier bisher die Mittel der Wahl. Auch verschlüsselte Kommunikation ist ein wichtiges Hilfsmittel, um sich der Kontrolle entziehen zu können.

    Wir können froh sein, dass sich in Deutschland so viel Widerstand gegen zentrale Strukturen regt und je länger darüber ausführlich diskutiert wird, desto mehr Menschen finden sich, die diese Strukturen mit Servern und Arbeitskraft in der Weiterentwicklung unterstützen.

    Um sich aus dem Visier der Behörden zu halten sollte man auch bei uns bereits tunlichst darauf achten möglichst wenig von sich herauszugeben. Schwer genug in Zeiten bei denen jeder Blog einen flattr- oder Facebookbutton auf die Seiten klebt und die recaptchas über google.com laufen…

    Ein hoch auf Tor, Adblock, NoScript, Ghostery und co.

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