Zeitungen müssen Prüfungsthema in den Schulen werden

Im Bundeskanzleramt fand gestern die zweite Jahrestagung der Nationalen Initiative Printmedien statt, die unser Kulturstaatsminister Bernd Neumann organisiert. Wie bei der Gründung gab es wohl wieder ausreichend Realsatire, aber leider keinen Livestream. Dafür findet man trotzdem genug zum lachen im Netz.

Die Bundesregierung verweist in einer Pressemitteilung auf das Programm mit dem Höhepunkt in einer Podiumsdiskussion über „Wie können wir Kinder und Jugendliche für Print begeistern?“ Wohlgemerkt: Da steht nicht „für Lesen begeistern“.

Aber Ziel der Initiative ist ja auch:

Ziel der Nationalen Initiative Printmedien ist es, Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Printmedien für die Demokratie nahe zu bringen und den Wert von Medien- und Meinungsvielfalt zu vermitteln, um sie für das Lesen von Printmedien zu begeistern und sie an einen mündigen Umgang mit Zeitungen und Zeitschriften heranzuführen.

Auf der Veranstaltung wurde auch ein Thesenpapier beschlossen. These 2 verspricht.

Redaktionen, Verlage und Pressevertriebe haben die wichtige gesellschaftliche Aufgabe, auf privatwirtschaftlicher Grundlage ein qualitativ hochwertiges, vielfälti- ges, für jedermann erschwingliches und überall erhältliches Zeitungs- und Zeit- schriftenangebot bereit zu stellen. Der Staat hat die Pflicht, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Deswegen brauchen wir sicher das Leistungsschutzrecht.

Wirklich toll ist These 3:

Junge Menschen lesen heute immer weniger Zeitungen und Zeitschriften. Im Zentrum ihrer Mediennutzung stehen elektronische Angebote. Mit dieser bereits seit langem zu beobachtenden Entwicklung geht ein signifikanter Rückgang des Interesses von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen und gesellschaftlichen Fragen einher. Das ist der Demokratie langfristig abträglich.

Die Kausalität „Jugend liest keine Zeitung mehr und interessiert sich deshalb nicht mehr für Politik / Demokratie“ halte ich für falsch. Wahrscheinlicher ist es, dass eine solche Politik wie Herr Neumann sie betreibt eher für politisches Desinteresse verantwortlich ist als wenn junge Menschen sich im Netz informieren. Auch in früheren Vor-Internet Zeiten haben nicht alle jungen Menschen FAZ, TAZ oder Süddeutsche gelesen.

These 4 ist auch super:

Es ist deshalb ein Gebot der Stunde, junge Menschen wieder für das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften zu begeistern und ihnen den besonderen Wert des gedruckten Wortes und professioneller journalistischer Leistungen zu vermitteln.

Das impliziert, dass professionelle journalistische Leistungen nur Print möglich sind.

Richtig lustig wird es dann beim Bundesverband der Zeitungsverleger. Die haben gleich eine Pressemitteilung herausgegeben, wo der BDZV-Präsident Helmut Heinen Zeitungen als Prüfungsthema fordert:

Zeitungen müssen Prüfungsthema in den Schulen werden. Das forderte am 23. September 2010 der Präsident des BDZV, Helmut Heinen, anlässlich der zweiten Jahrestagung der Nationalen Initiative Printmedien in Berlin: „Wenn Zeitungen in der Demokratie eine öffentliche Funktion besitzen – worüber es keine Meinungsverschiedenheit geben kann –, dann muss das Thema Zeitunglesen vernünftig eingeordnet werden.“

Abgesehen davon, dass es sicherlich Sinn macht, Schülern die Mechanismen der Bild-Zeitung zu erklären, hab ich das mit dem Prüfungsfach Zeitungen jetzt noch nicht ganz verstanden. Warum gibt es eigentlich keine Nationale Initiative Medienkompetenz, sondern stattdessen diese rückwärtsgewandte Veranstaltung?

Es wäre ja alles noch viel lustiger, wenn es nicht so real wäre.

45 Kommentare
  1. steuerpirat 24. Sep 2010 @ 11:38
  2. wurstfinger 24. Sep 2010 @ 11:59
  3. FrankN.Stein 24. Sep 2010 @ 14:49
  4. ninjaturkey 24. Sep 2010 @ 17:08
  5. Pinco Pallino 24. Sep 2010 @ 21:54
Wir wollen 2016 noch schlagkräftiger werden. Unterstütze unsere Arbeit durch eine Spende für mehr netzpolitik.org, damit wir weiter kritisch und unabhängig bleiben können. Spenden