
November. Nieselregen. Und schneien sollte es in der Nacht auch noch. Kurz: So ziemlich das ideale Wetter für einen Trip nach Hannover. Dabei wollte ich doch zum „White IT Symposium 2010“, wo es erstmals belastbare Zahlen zum Thema „Milliardenmarkt Kinderpornographie“ geben sollte.
Zugegeben, meine Erwartungshaltung war hoch und konnte eigentlich nur enttäuscht wurde. Letztendlich hielten sich die Überraschungen aber in Grenzen. Überraschend – zumindest für mich – war allerdings, dass nur vergleichsweise wenige Fälle aus Niedersachsen präsentiert wurden.
Für das heute präsentierte Zwischenergebnis genauer gesagt 390, die die Staatsanwaltschaft Hannover im Jahr 2008 bearbeitet hat. In 81 der Fällen ging es dabei um Kinderpornographie, der Rest entfiel auf gewaltdarstellende und pornografische Schriften, inbesondere im Kontext von Filesharing („68% Urheberrechtsverletzungen mit einfacher Pornographie“).

Lange Rede, kurzer Sinn: Auch in der Auswertung des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Uni Hannover war nur bei einem Bruchteil der Fälle Geld im Spiel. Genauer gesagt in 10 von 81 Fällen. Von einem „Milliardenmarkt für Kinderpornographie“ kann also offenbar einmal mehr keine Rede sein.
Interessant (und ebenso wenig überaschend) sind auch die dokumentierten Verbreitungswege. Das WWW liegt hier mit 18 Fällen auf Platz 2, recht deutlich hinter der Verbreitung über p2p-Netze (inkl. Instant Messenger und Bittorrent 32 Fälle) und fast gleichauf mit eMail / MMS (zusammen 22 Fälle).

Ich bin fast ein wenig überrascht, dass der Anteil des WWW so hoch ist. Eine mögliche Erklärung wäre, dass sich Täter, die ihr Material über das Web tauschen, einfach schneller/leichter erwischen lassen, bzw. auf Grund ihrer Vernetzung (Foren?!) leichter entdeckt werden.
Apropos erwischen lassen: Über 45% der Fälle waren so genannter „Beifang“. D.h. es gab keinen Anfangsverdacht in Richtung Kinderpornographie, bei den inkriminierten Dateien handelte sich schlicht um Zufallsfunde in anderen Ermittlungsverfahren.
Siehe auch:
# „Schünemann für härtere Strafen bei Kinderporno-Delikten“ (Holger Bleich, Heise Online)
# Nachtrag, 25.11.: „Auf der Suche nach den Verbreitungswegen der Kinderpornografie“ (Torsten Kleinz, Zeit Online)
# Nachtrag, 25.11.: „Keine Patentlösung gegen Kinderpornografie“ (Torsten Kleinz, Heise Online)
Dort gibt es auch noch ein paar Details vom Vormittag.

PS: Falls jemand von der „White IT“-IT mitliest: Die Kampagnen-Webseite „jetzt-loeschen.de“, über die morgen diskutiert werden soll, funktioniert nicht. Zumindest nicht unter Firefox (Mac/Linux), mit dem IE scheint es auch Probleme zu geben.
Schon länger nicht mehr, wie es scheint. Ausser man benutzt diesen geheimen Deeplink.
Die Idee kann ich ja so schon einmal erklären: Über jetzt-loeschen.de soll ein „Lösch- und Meldebutton“ für etabliert werden. Ja, wir hatten das Thema hier schon einmal und fanden es nicht so prickelnd.
Mein Einwand war damals unter anderem, dass ein solcher Button zu unqualifizierten Beschwerden führe, die dringend benötigte Arbeitskraft binden. Der Einwand mit den unqualifizierten Beschwerden ist nicht aus der Luft gegriffen.

Korinna Kuhnen dokumentierte bereits 2007 in ihrer Arbeit „Kinderpornographie und Internet“, dass in der polizeilichen Praxis nur rund 10% der Anzeigen auf tatsächlich relevantes Material verweisen.
Wie auch immer: Laut Pressemappe war das bei der Kampagne „jetzt-loeschen.de“ bisher nicht der Fall. 150.000 Downloads wurden laut Präsentation seit März 2010 registriert, gleichwohl gab es „nahezu keine Meldungen von kinderpornographischen Inhalten“. Nun denn.