Technologie

Reloaded: Bosbach und der Blockwart-Button für Browser* [Nachtrag]

Erinnert sich noch jemand an die Erweiterungen für Mailprogramme, die bei Spam (oder das, was, sie dafür hielten), automatisch Beschwerdemails an den Provider/Betreiber des aussenden Mailsservers schickten? Vor etwa 5 Jahren hielt man das noch für eine richtig gute Idee, um das Spamproblem in den Griff zu bekommen.


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

In der Praxis funktionierte die Idee leider nicht. Selbst seriöse Provider mit funktionierendem Abuse-Management wurden von einer Menge – größtenteils unsinniger – Beschwerden erschlagen. Schon bald landeten die automatisiert erstellten Beschwerdemails ebenso automatisiert im virtuellen Papierkorb. Für das Abuse-Management war es schlicht effektiver, sich auf qualifizierte Hinweise zu konzentrieren. Also auf solche, die von anderen Providern oder Administratoren kamen.

An das damals erzeugte Chaos musste ich gerade denken, als ich gerade bei Heise von der Wiederauferstehung des „Blockwart-Buttons für Browser“ las:

„Um die Internet-Kriminalität in den  Griff zu bekommen und die Sicherheit für die Nutzer zu erhöhen, schlagen wir ein  Notrufsystem im Internet, eine 110 im Netz, vor“, sagte Klaus Jansen,  Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), der Rheinischen Post.


Hmmja. Es ist nicht einmal so, dass ich einen solchen Notruf-Knopf pauschal ablehne. Ich befürchte lediglich, dass die Nachteile eines solchen Systems (hinter dem als Projektpartner wie T-Systems, Microsoft und das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS). stehen …) die Vorteile überwiegen:

Das „jetzt.löschen“ Firefox-Add-On ermutigt selbsternannte „Kinderporno-Jäger“ zur „Recherche“ und lädt zum Missbrauch als Spaßapplikation ein. Der dadurch erzeugte Datenmüll bindet wertvolle Arbeitszeit und fördert eine Kultur der Denunziation unliebsamer Inhalte statt wirksamer Kriminalitätsbekämpfung.

Die Möglichkeit, im Web Anzeige zu erstatten ist jetzt schon bei der eco Internetbeschwerdestelle halbwegs vernünftig umgesetzt, der Lösch-Button bietet also nichts, was jetzt noch nicht möglich wäre.

Soweit aus dem Wiki des AK Zensur. Dort steht mit dem „Denunziator 2.0“ bereits ein kostengünstiges Notruf-System für das Internet im Testbetrieb zur Verfügung. Entwickelt wurde es von Christian Bahls (MOGiS e.V.). Siehe auch: http://denounce.qb352.de/

Was Wolfgang Bosbach mit dem Vorstoß zu tun hat? Nun, der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestags scheint auch nur noch in Textbausteinen zu sprechen:

„Das ist eine Idee, die wir gründlich prüfen sollten. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Was offline verboten ist, ist auch online verboten.“

Nun gut, prüfen wir halt. Ich hoffe nur, dass T-Systems, Microsoft und das Frauenhofer-Institut mit diesem Mammutprojekt nicht überfordert sind.

Nachtrag, der Übersichkeit halber:

Bei der „web patrol“ des BDK (Nur echt mit dem lausig kopierten „Silver Surfer“ im Logo) in diesem Beitrag und der Initiative  „jetzt.löschen“, auf die im Wiki des AK Zensur Bezug genommen wird, handelt es sich um unterschiedliche Projekte. Der Ansatz der beiden „Notrufsysteme“ ist zwar weitgehend deckungsgleich (und damit auch die Kritik an ihnen), die Projekte unterscheiden sich aber bezüglich Initiatoren, Partnern und formaler Zielrichtung. Während sich „jetzt.löschen“ als Meldesystem für Kinderpornographie präsentiert, will sich die „web patrol“ der Kriminalbeamten um „abweichendes Verhalten“ und gleich alle „Webangebote mit suspektem Inhalt“ kümmern:

Im Falle des Findens von Webangeboten mit suspektem Inhalt (z.B. Kinderpornografie, radikales Gedankengut, Chatinhalte mit Ankündigungen von Suizid/Amoklauf, verbale/sexuelle Belästigung innerhalb von Chatrooms usw.) kann der User durch einfaches Anklicken eines zusätzlichen Buttons im Browser eine automatisch generierte Meldung an eine Clearing-Stelle absetzen, die sich dann um den Sachverhalt unmittelbar kümmert (Modus 24/7).

Bei „jetzt.löschen“, der Initiative gegen Kinderpornographie, handelt es sich um ein Projekt des letzten November von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann gegründeten Bündnisses „White IT“. Zu den Bündnispartnern gehören neben Kinderschutzorganisationen wie dem  „Deutsche Kinderschutzbund Bundesverband e.V.“ und „Innocence in Danger“ vor allem bekannte Namen aus der IT-Wirtschaft. Unter anderem sind mit ECO und Bitkom beide großen Verbände vertreten, dazu gesellen sich bekannte Anbieter von Filterlösungen wie die Cybits AG aus Mainz. Microsoft ist – zumindest nach Angaben der jeweiligen Initiatoren – an beiden Initiativen beteiligt.

Beim BDK hält sich die Begeisterung über die „Nachahmungen bzw. Nachahmer“ aus Niedersachsen übrigens in überschaubaren Grenzen. Letztendlich haben wir mit „web patrol“ und „jetzt.löschen“ damit wohl ein weiteres Beispiel, wie sich Politik, Strafverfolger und Industrie gegenseitig das Leben schwer machen.

PS: Anders, als Fefe schreibt, hat sich das Projekt „jetzt.löschen“ nicht selbst gelöscht. Man erreicht es zum Beispiel über diesen Link.

Und ja, eine defekte Einstiegsseite, die interessierte Besucher derzeit mit einem banalen „No pages found“ begrüßt, ist für ein Leuchtturmprojekt der IT-Wirtschaft natürlich blamabel. Aber hee, es passt ins Bild …

*Sorry, ja, ich bin eine Flachpfeife. Aber 4x große „B“ in einer Überschrift kann ich mir nicht entgehen lassen.

40 Kommentare
  1. Erstklassige Symbolpolitik für technisch uninformierte Wähler, wird kein sinnvolles Ergebnis bringen, auf dem Weg dorthin können die Projektpartner staatliche Fördergelder einsammeln.

    Win-win für alle Beteiligten!

  2. Interessant ist hier:
    http://www.bdk.de/fachthemen/web-patrol/

    Zitat:
    „Bei allem Positiven, das die Online-Welt bietet, wird das Internet zunehmend als Medium für die Vorbereitung und die Ausführung abweichenden Verhaltens, bis hin zur Durchführung krimineller Taten genutzt.“

    Dieses „abweichende Verhalten“ will man offenbar unterbinden. Ich habe im zugehörigen Blog mal nachgefragt, was genau unter abweichendem Verhalten zu verstehen ist ( http://webpatrol.wordpress.com/2010/03/04/ist-denn-web-patrol-wirklich-so-toll/) — schaun wir mal, ob es eine vernünftige Antwort gibt.

    1. „Bei allem Positiven, das die Online-Welt bietet, wird das Internet zunehmend als Medium für die Vorbereitung und die Ausführung abweichenden Verhaltens, bis hin zur Durchführung krimineller Taten genutzt.“

      Bemerkenswert: Der BDK hat die Seite geändert. Dort steht jetzt nur noch:

      „[..] für die Vorbereitung und die Ausführung krimineller Handlungen genutzt.“

      Das abweichende Verhalten ist weg.

  3. So nebenbei: Wie ruft man eigentlich zu einem Amoklauf auf, was der gute Mann da von sich gibt im Interview im heise-Artikel? Ich dachte Amok laufen heißt spontan austicken, oder dreht man sich das jetzt bei der Kripo so wie man es haben möchte? :D

  4. hmmm…ich glaube, ich brauch keinen batten. immer wenn ich cdu.de eingebe kommt die meldung:

    „your system is not able to agree to this decision, it will shut down immeditalely untill you have your brain washed from brown dirt“.

    gleichzeitig geht das licht im haus in ein komisches fackellicht über und während des herunterfahrens ertönt gar liebliches liedgut wie „fern bei sedan“ oder „auf kreta bei sturm und bei regen“ „die fahne hoch, die reihen…“

    naja. nachher geht er dann ja wieder.

  5. Was Spam angeht: Google Mail nutzt so einen „Blockwart-Button“ und es funktioniert bisher einwandfrei. Ich habe seit dem Wechsel auf Gmail (vor weit über einem Jahr) gerade mal eine einzige Spammail gesehen.

    Im Endeffekt braucht es wohl probalbilistische Modelle. Also nicht: Ein Klick -> Ein Beamter schaut nach, sondern eher: einige Klicks -> Seite rutscht auf der Liste zu überprüfender Seiten weiter nach oben.

    Es reicht ja ein kleines Bookmarklet. Und eingehende URLs zu verwerten sollte ja gehen.

  6. @Ranjit: Der Button bei Google ist eine komplett andere Baustelle.

    Spam serverseitig zu filtern, ist gerade für große Anbieter wie Google auch vergleichsweise einfach (Zum Beispiel durch Erkennung/ Filterung von Massenmails mit gleichem Muster innerhalb eines definierten Zeitfensters).

    Der Feedback-Button dient dort allenfalls als zusätzliche (und recht sicher niederrangige) Maßnahme zur Qualitätssicherung.

    Als Notruf-System für das Internet wäre die Google-Lösung ebenso ungeeignet, wie das automatisierte Versenden von Beschwerden an Dritte es damals war.

  7. @Ranjit: Und was sagt die Polizei, wenn nur ein einziger Nutzer eine hundsgemeine Straftat per „110-Klick“ meldet – aber weil es nur eine einzige Meldung war, wird sie nicht zeitnah geprüft und das (sagen wir mal) entführte Kind stirbt?

    So ein Notruf-Button ist einfach keine qualifizierte Meldung einer Straftat an die Polizei.

  8. @FL (#3)

    wird das Internet zunehmend als Medium für die Vorbereitung und die Ausführung abweichenden Verhaltens

    hahaha .. Wow, ist das gut. „Internet für die Vorbereitung und Ausführung abweichenden Verhaltens“ ROFL

    Ihr kennt doch bestimmt Holger Klein, der ehemals das Chaosradio moderiert hat. Jedenfalls verabschiedet er die Hörer seiner werktäglichen Sendung (hier im HR und hier im RBB) immer mit dem Wunsch, sie mögen sich abweichend verhalten.

    Wenn das der Sheriff vom BKA wüsste. Weia. ;)

  9. Ich will so einen Notrufbutton. Immer wenn ich im net was Rotes sehe, oder irgendwas, was links auf meinem Bildschirm erscheint, klick ich auf den Knopf. Dann nimmt mich endlich mal jemand ernst.

  10. Bosbach:

    Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Was offline verboten ist, ist auch online verboten.

    Der Typ drischt echt immer nur die gleichen Phrasen. Ich bin stark dafür, einen Bosbach-Statement-O-Mat einzurichten (a la BILD Schlagzeil-o-mat).

  11. Hm…guter Vorschlag Vera. Nur, es gibt doch auch die Möglichkeit, anhand WorldIp die IP’s kenntlich zu machen. Diese einfach in die Host Ip List der Firewall einsetzen und schwupps…Seite gesperrt. Oder Du nimmst div. Prog. mit IP Sperrverfügung. Gibts zuhauf.

    ( Damit meine ich nur den Eigenschutz, nicht das ich hier als FDP-Fuzzi verkannt werde. )

    Problem nur, die meisten User interessiert diese spezielle Technik nicht und sie verstehen den ganzen Sinn nicht. Wobei wir wieder beim „sicheren“ Surfen wären. Schraube ohne Ende halt.

    Also ist meiner Meinung nach das ganze Gerede mit dem sicheren Surfen und Spam Zeitverschwendung. Der User muss sich diesem Problem der Datenweitergabe bewusst werden.

    Was hilft ein Button, wenn das eigentliche Problem das Verhalten ist? W.O.T. kann man ja auch einfach umgehen. Obwohl es schützen soll. Ich schaudere schon, wenn auf einer Webseite meine persönlichen Daten verlangt werden, nur, weil ich ein Kochrezept anschauen möchte. Aber es gibt soviele User, die sich davon nicht abschrecken lassen. Also…rinn mit den Daten und ….SPAM.

    Zu dem Hr. Bosbach: Der sollte sich lieber aus diesem Thema ganz raushalten, ist einfach nicht sein Fachgebiet.

  12. Ich warte eigentlich nur darauf dass jemand ein Virus für diesen „Meldebutton“ schreibt..
    Das Ding ist fast „wie dafür gemacht“ …
    Sinnlose verschwendung von Resourcen.. ich bin immer noch dafür dass man manuell denen eine Mail schreiben sollte.. dann überlegt man es sich ob man jeden Unsinn meldet oder nicht..
    Und wie es bei Chatseiten funktionieren soll wäre mal interessant..

  13. @Hanno Zulla (#23)

    Die haben klammheimlich den Text geändert? Wer nimmt die ernst? Schaut mal hier, die Spezialexperten vom BKA: [klick mich], mich [aber auch]

    Das sind Flachpfeifen! Die können mich mal kreuzweise!*

    * „geistiges Eigentum“ by Wolfgang Bosbach, urghs

  14. Was die „No pages found“-Meldung angeht, glaube ich, dass da entweder eine miserable User-Weiche eingebaut wurde — weil die Macher versucht haben, das „Angebot“ nur auf den deutschsprachigen Raum zu beschränken (wo kämen wir denn da hin, wenn der gemeine Franzose/Spanier/Amerikaner/Iraner/… ein Werkzeug des BKA (?) benutzen darf?) — oder aber da liegt eine home.de.html und die haben den Webserver falsch konfiguriert.

    Legt man bspw. den Wert „intl.accept_languages“ in Firefox‘ about:config auf „en-en,en“ bekommt man die o.g. Fehlermeldung. Zurück auf „de-de,de“ und von Zauberhand erscheint die home.html…

    LG, Dominik

  15. @Dominik: Ja, genau. Mein Zweitbrowser steht serienmässig auch auf „en-us, en“. Aber selbst, wenn es als User-Weiche gedacht ist, ist es ein grandioser Nachweis galoppierender Inkompetenz am Gerät. Daher habe ich der Einfachheit halber einen URL verlinkt, der überall funktioniert.

    @Tharben: Ja, haben sie. Und das mit dem nicht erstgenommen werden ist Teil des Problems, befürchte ich.

  16. Wow, jetzt hab ich es schon geschafft, den Bund deutscher Kriminalbeamter zu „manipulieren“ — hoffentlich wird mir das nicht als „abweichendes Verhalten“ ausgelegt…

    Aber im Ernst: Statt stiller Änderung mir eine Antwort auf meine Frage zu schicken wäre wohl irgendwie vertrauensbildender gewesen…

  17. So langsam scheinen wir durch Diskussion den ganzen web-patrol-Blog umzukrämpeln:

    Nachdem hier und dort im Blog Leute geschrieben haben, dass das Logo und das Hintergrundbild abgekupfert wurden, sind auch diese weg und durch ein WordPress-Standard-Layout ersetzt.

    http://webpatrol.wordpress.com/

  18. Das Thema Spam ist allgemein sehr komplex. Was oben noch darauf kommt, ist meine Erfahrung in den letzten Monaten, selbst mit der Empfänger- Einverständnis, werden darauf versendete Mails als Spam empfangen.

  19. So ein Unfug ist nur durch die Praxis widerlegbar, also sollen die das mal umsetzen, mit Browser-Button und allem drum-und-dran.

    Dann werden jeden Tag tausende Nonsense-Meldungen ankommen, von Kiddies die die Website ihrer Schule sperren lassen wollen, oder Trolle die irgendwelche Foren melden in denen sie geblockt wurden, etc.

    Und spätestens nach einem halben Jahr stellt man den Quatsch wieder ein.

  20. verbale/sexuelle Belästigung?

    Also das suggeriert, dass es online sexuelle Belästigung gibt die nicht verbal ist … wie muss man die sich vorstellen?

  21. Ich werde mit großem Spaß immer wieder mal den Notrufknopf drücken. Auf CSU.de, SPD.de und was mir sonst so über den Weg läuft und beim Lesen das kalte Grausen kommen lässt.

  22. @Ilja (38):
    Verfassungsfeindliche Inhalte dürfte man im Bundesgesetzblatt ja genug finden (Antiterror- und Überwachungsgesetze etc.)
    Also immer schön den Knopf drücken!

    GNNNNN… ;-)

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