Kultur

Medienradio: Der Spiegel und Wikileaks

Philip Banse hat für das Medienradio Folge 36 Holger Stark interviewt, der sowohl Ressortleiter Deutschland als auch Wikileaks-Koordinator beim Spiegel ist. Thema ist genau das: MR036 Der Spiegel und Wikileaks.

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Der Spiegel denkt über eine eigene Leak-Plattform nach. “Was Wikileaks heute anbietet, wird in 10 Jahren jedes Medium bieten”, sagt der Wikileaks-Koordinator des Spiegel, Holger Stark, in dieser Ausgabe des Medienradio. Der Ressortleiter Deutschland beim Spiegel sagte, die Debatte über eine eigene Annahmestelle für Geheim-Informationen im Netz laufe “seit wir uns mit Wikileaks beschäftigen und hat sich in diesem Jahr noch mal verstärkt”. Die Entscheidung über eine Teilnahme des Spiegel an openleaks.org sei “noch nicht getroffen”, sagt Stark. Für den Spiegel sei es schwer, technische Infrastruktur aus der Hand zu geben.

Hier ist das MP3.

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9 Kommentare
  1. >“Was Wikileaks heute anbietet, wird in 10 Jahren jedes Medium bieten”

    Ich hab die Aufnahme noch nicht komplett gehört, man möge also diesen Beitrag als gegenstandslos ansehen, wenn es im Kontext sinnvoll erläutert wird, aber diese Aussage scheint mir völlig absurd.

    Medien waren schon immer offen für zugespieltes Material. Wer dem Spiegel oder sonst einem Medium Material zukommen lassen wollte, konnte das in der Vergangenheit tun, kann es in der Gegenwart tun und wird es auch in Zukunft tun können. Der Erfolg von Wikileaks liegt doch wohl darin, dass man Wikileaks vertrauen kann. Sie haben die technische Infrastruktur und das Know-How, um sicherzustellen, dass man anonym bleibt. Man kann Wikileaks leicht kontaktieren und man kann davon ausgehen, dass man nicht verpfiffen wird. Das sind Vorteile die daraus entstehen, dass Wikileaks auf Leaks spezialisiert ist. Die befassen sich mit nichts anderem und sind daher Experten dafür. Warum sollte ich in 10 Jahren mein Material an ein Medium schicken, bei dem ich nicht weiß, ob deren „Leak-Einsende-Frontend“ hundertprozentig sicher ist?

    Bei Wikileaks haben wir Profi-Hacker, die teilweise ihr Leben dieser einen Idee gewidmet haben. Beim Spiegel sitzt in zehn Jahren ein angestellter 0815-Systemadministrator, der deutlich weniger Engagement und Expertise haben wird, um das System 100% sicher zu machen. Man denke nur an Gawker. IT-Systeme haben in der Regel immer irgendwo Schwachstellen.

    Darum wird auch in 10 Jahren niemand an Spiegel oder sonst an andere Medien direkt leaken. Entweder man wird weiter Wikileaks (oder dessen Nachfolger) nutzen oder es wird bis dahin Infrastrukturen geben, um ganz ohne Mittelsmänner zu leaken.

    Im Prinzip ist es ja heute schon möglich. Man muss nur über TOR die Daten bei einem Filehoster irgendwo abladen und dann ebenfalls über TOR und Wegwerf-Email Leute kontaktieren, die das an die große Glocke hängen können. Wenn der Leak gut ist, würde das schon jetzt klappen. Macht bisher keiner, weil es doch etwas technische Ahnung benötigt, um das zu machen ohne Spuren zu hinterlassen.

    Würden sich aber ein paar Leute zusammentun, könnte man problemlos eine P2P-basierte Infrastruktur schaffen, die 100%ig sicher ist und die Daten danach als Torrent so weit verbreitet und vervielfältigt, dass sie nicht mehr unterdrückbar wären. Ob die Leaks relevant für die Öffentlichkeit wären, würden dann ebenfalls von den Teilnehmern des verteilten Netzwerks beurteilt werden und aus den Leaks entstehende News-Stories würden bottom-up über Blogs in die traditionellen Medien gelangen. So ein System wäre natürlich anfällig für böswillige Einsendungen (entweder gefälschtes Material oder Material, das aus gutem Grund verschlossen bleiben sollte). Um genau zu sein, wäre es nicht nur anfällig, sondern es ist offensichtlich, dass das passieren wird. Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Missbrauchsmöglichkeit die Menschen davon abhalten wird, so ein System zu schaffen.

  2. Rein technisch ist es nicht besonders schwierig. Die Zeitung braucht sich bloß ’ne .onion Seite einzurichten, auf die man Dateien hochladen kann (mit ’nem ordentlichen SSL und ohne diesen Javascript-Ranz), und irgendwo erklären, wie man das benutzt (zusammen mit der wichtigsten Informanten-Regel: Wenn du etwas geleakt hast, halt die Klappe!).
    Das Problem ist eher fehlendes Vertrauen als fehlende Kompetenz. Bei einer größeren Zeitung würde ich nicht drauf wetten, daß nicht irgend ein Geheimdienst seine Finger im Spiel hat, oder sie sich aus anderen Gründen nicht verkneifen können, Backdoors in ihr System einzubauen (manchmal wird die Story besser, wenn man weiß wo das Leck war).
    Die P2P-Lösung fände ich im Prinzip besser (und wenn endlich mal jemand Dining Cryptographers zum laufen bekommt ist es auch genauso sicher), aber sie wird mit den Betonköpfen in unseren Zeitungen nicht klappen. Wenn es nicht exklusiv ist, drucken sie’s nicht.

  3. Mein größtes Problem damit ist das man den „Leak“ praktisch an ein privates Unternehmen gibt. Dies kann diese Daten interpretieren und zitieren wie es will.

    Der Vorteil bei Wikileaks ist eben das die Quellen direkt einsehbar sind. Außerdem von sehr vielen verschiedenen Zeitungen aufgegriffen werden und diese alle einen eigenen Zusammenhang erstellen. Somit kann man sich eine eigene Meinung bilden und ist nicht mehr auf die Interpretationshoheit von dritten angewiesen.
    Leider haben manche Zeitung einen Zeitvorteil, wie der Guardian und der Spiegel usw.

    Ich darf einfach mal bezweifeln das ein Profitorientiertes Medienunternehmen ähnlich offen mit den Quellen umgehen würde.

  4. mal schauen ob der spiegel in der lage ist über die eigene nasenspitze rauszudenken oder ob er auf die harte art und weise lernen wird das sowas nicht einfach ist. es hat vorteile wenn man eine grosse (netz)gemeinde hat die einem hilft. das paradigma des einzeln kämpfenden gewinnmaximierungsunternehmens ist ein bischen altmodisch mitlerweile.

  5. Na wenigstens erklärt das, warum Spon nichts Substanzielles aus den WL-Dokumenten kommentiert veröffentlicht: „Der Spiegel denkt […]“.
    Wäre besser, ihr macht mal was …

  6. @6: Zitat von https://www.derwesten-recherche.org/:

    Unsere Datenleitungen sind elektronisch gesichert.

    Niemand wird Sie enttarnen können

    Dass ich nicht lache.

    1. Eine eigene Domain für das Einsenden der Daten zu nutzen ist ziemlich ungeschickt, denn der Nutzer verrät schon den Seitenbesuch über die (unverschlüsselte) DNS-Abfrage.

    2. Die Nutzung von HTTPS schützt weder bei der Nutzung von Firmen-PCs noch vor dem eigenen Land, wenn sie die örtlich aktiven Geheimdienste für solche Leaks interessieren.

    Man darf nicht vergessen, dass solche Seiten zunehmend von Interesse für größere Firmen und Geheimdienste werden. Auch Wikileaks hatte lange das Glück, nicht im Fokus der Mächtigen zu stehen — diese Zeit ist aber klar vorbei.

  7. Zitat: „Der Spiegel denkt über eine eigene Leak-Plattform nach.“

    Na also, geht doch. Und tut doch gar nicht weh!
    Firma dankt.

    Ich erwarte vom Spiegel sowieso noch mehr Einsatz als bisher. Wer als Aushängeschild des erstklassigen Journalismus gelten möchte, der hat das TÄGLICH zu beweisen. (Im Gegensatz zu Blättern, die täglich erscheinen, aber nichts mit Journalismus zutun haben).

    In diesem Sinne!

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