Während der zweite Wahlgang zum Bundespräsidenten läuft, ist es mal Zeit für ein kleines Resümee über die Rolle des Netzes bei dieser Wahl. Kurzfassung: Da war wenig Obama und der Medienhype war größer als die tatsächliche Auswirkung im Netz. In den vergangenen Wochen hat es viele Initiativen und kleine Kampagnenseiten gegeben. Keine davon schaffte eine relevante Zahl an Unterstützern. Eine Pro-Gauck-Facebook-Gruppe schaffte es trotz massiver medialer Begleitung lediglich auf 38.000 Unterstützer. Wenn man das in Relation zu rund zehn Millionen Facebook-Nutzern in Deutschland setzt, ist das nicht viel. Rund 30.000 Menschen spammten über Avaaz.org die Wahlleute zu mit der Aufforderung, Gauck zu wählen. Abgesehen davon, dass sich viele sicherlich zugespammt fühlten und damit eher ein negativer Effekt entstanden sein dürfte, ist das auch nicht viel. Da hat noch nicht einmal jedes Grünen-Mitglied mitgemacht.
Der kleine Hype um Gauck im Netz hat sicherlich viele Faktoren. Einer davon war der geschickte Schachzug von SPD und Grüne, mit Gauck einen konservativen Menschen aufzustellen, der im bürgerlichen Lager wildern soll. Viele fühlten sich dadurch zusätzlich motiviert, Gauck zu unterstützen, in der großen Hoffnung, dass bei einer Wahl die Koalition auseinanderbricht und es damit zu Neuwahlen kommt. Einige der im Netz bekannten Unterstützeraktionen pro Gauck kamen auch klar aus dem Umfeld von SPD und Grüne, was diese These stützt. Ein anderer Punkt ist, dass das Mitte-Links-Lager im Netz viel besser aufgestellt ist als die Konservativen und die Liberalen eher unmotiviert dazwischen standen. Dazu kommt, dass mit Gauck ein Kandidat aufgestellt wurde, der viel mehr Ecken und Kanten hat als Christian Wulff. Letzterer versprüht ja eher den Charme des perfekten Schwiergersohns. Diesem würde man vielleicht eher Versicherungen abkaufen, aber die passenden Zielgruppen dafür sind noch nicht so sehr im Netz aktiv und Begeisterungswellen konnte er offensichtlich auch nicht auslösen. Es ist daher wenig verwunderlich, warum die CDU und ihr Umfeld es nicht schaffte, wenigstens eine Facebook-Gruppe mit annähernd sovielen Unterstützer wie pro Gauck aufzustellen, obwohl die Messlatte echt niedrig war. Und Luc Joachimson? Die hat offensichtlich niemanden hinterm Ofen hervorgeholt und war wohl eher eine Notlösung der Linken, weil weiblicher Kandidat und die besseren weiblichen Politiker in den Linken wollten sich nicht verbrennen lassen.
Interessant war eben die Frage eines Journalisten, ob denn die Verbreitung von gefakten Wahlergebnissen auf Twitter nicht die gesamte Twitter-Community diskreditieren würde. Ich war ganz verwundert über die Annahme, weil Twitter ein Werkzeug ist, was Menschen nutzen. Es gibt genausowenig DIE Twitter-Community, wie es DIE Internet- oder Fernseh-Community gibt. Was man eben beobachten konnte, sah man auch schon bei der Bundestagswahl. Es gab im Vorfeld eine große Medienberichterstattung rund um die Frage, ob die Ergebnisse vorab schon getwittert werden (Bei der Bundestagswahl ging es um die Exit-Poll-Ergebnisse). Daraus machten sich viele einen Spaß und twitterten kreative Ergebnisse, vermutlich um die Medienkompetenz von Journalisten zu testen. U.a. die faz.net ist darauf reingefallen und brachte eine Breaking News, die dann schnell zurückgezogen wurde. (Screenshot von reizzentrum)
Ich gehe nicht davon aus, dass die Netzaktivitäten viel Einfluß bei dieser Wahl gehabt haben. Viel wirkungsvoller dürften die traditionellen Medien gewesen sein, die Gauck sehr schnell hochgeschrieben haben. Aber trotzdem lustig, dass in Medienkreisen dem Internet mittlerweile soviel Bedeutung zugeschrieben wird und 30.000 Menschen angesichts von 80 Millionen Einwohnern als relevante Menschenmasse angesehen wird. Das ist sicherlich momentan ein übertriebender Hype, aber diese Bedeutung werden diese neuen Öffentlichkeiten zukünftig erhalten. Die Frage ist nur: Wann wird es soweit sein?
