Ich frage mich gerade, ob diese Woche wirklich noch ein Blogeintrag zu Google Street View sein muss. Schließlich, so der allgegenwärtige Eindruck, ist schon alles gesagt, wenn auch vielleicht noch nicht von allen.Wobei, nein. Eigentlich ist kaum etwas gesagt, das aber wurde wenigstens ausdauernd wiederholt. Statt die Debatte um Street View zu nutzen, um darüber zu reden, wie wir in Zukunft den privaten vom öffentlichen Raum abgrenzen wollen, werfen wir uns lieber virtuelle Förmchen an den Kopf oder terrorisieren aneinander.
Und das, wo jedem halbwegs klickfreudigen Netzbewohner mit Breitbandanschluß klar sein dürfte, dass Street View (gibt es von Microsoft übrigens auch in lustig), die Videostadtpläne von e‑rent oder das Angebot von sightwalk.de allenfalls ein harmloser Ausblick auf die Zukunft sind. Wohin die Reise geht, hat (der Microsoft-Mitarbeiter!) Blaise Aguera y Arcas Anfang des Jahres auf der TED 2010 gezeigt. Wenn man auch seinen zweiten, bereits etwas älteren TED-Talk von 2007 kennt, bekommt man eine recht gute Vorstellung davon, wie die digitale Abbildung der Gesellschaft im Netz aussehen könnte.
Aber nein, wir delektieren uns lieber an Verschwörungstheorien. Schließlich könnte die „german angst“ von neidischen Google-Mitbewerbern geschürt worden sein (Grundlos natürlich. Also, die Angst!). Vielleicht sollen wir auch von den wirklich wichtigen Themen abgelenkt werden. Stichwort Netzneutralität. Wahrscheinlicher noch: Die Regierung will von ihren eigenen Bürgerrechtseinschnitten ablenken! Herrje.
Überhaupt, die Streitkultur in Netz und Medien. Schaut man sich die Debatte um Street View genauer an, ist man überrascht, mit wie wenig Argumenten beide Seite auskommen. Mein Eindruck: Die eine Seite will gar nicht erst diskutieren (aber haben, unbedingt!), die andere weiß mangels Informationen nicht worüber (hat aber Angst). Jürgen Kuri hatte das Phänomen Anfang des Jahres schon einmal am Wickel:
Die ideologiegetränkten Debatten Internet-Versteher vs. Endzeit-Propheten unter gelegentlichen Einwürfen eines Internet-Ausdruckers vulgo: Internet-Nichtverstehers sind nur noch langweilig. Und letztlich selbstreferentiell – stehen doch auf beiden Seiten selbst ernannte Eliten, die den Mob lediglich als positiv besetztes oder schrecklich dräuendes Proselyten-Material ansehen. Der Mob schaut verwundert ob der Misse- oder Wundertaten, die ihm da zugeschrieben werden. Seiner Wege zu ziehen aber fällt ihm schwer: In dieser digitalen Welt fehlen allzu oft genau die Informationen, um die Entscheidung fällen zu können, welche Misse- oder Wundertat denn nun als nächstes zu vollbringen ist.
Ich frage mich, wofür brauchen wir ein Internet, wenn wir keine Information austauschen und die Probleme unserer Zeit nicht diskutieren wollen? Um uns per Mausklick niederzubrüllen? Eine Informationsgesellschaft hatte ich mir anders vorgestellt.
Bitte auch lesen:
- Mathias Richel: „Sie haben Jehova gesagt. Zur Streetview-Debatte.“
- Mario Sixtus: „Erst Dienste wie Street View machen den öffentlichen Raum wirklich öffentlich“