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Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie

Heise hat ein paar Insider-Informationen über die Gespräche zwischen den Prividern und der Bundesregierung zu den Webseiten-Sperren erhalten. Vor allem die Deutsche Telekom und Vodaphone sind offenbar sehr für eine Einigung zur Zensurinfrastruktur, während der Verband der freien ISPs, eco, sich weiterhin dagegen stemmt. Dass es dabei nicht nur um Kinderpornografie geht, war ja in…

  • Ralf Bendrath

Heise hat ein paar Insider-Informationen über die Gespräche zwischen den Prividern und der Bundesregierung zu den Webseiten-Sperren erhalten. Vor allem die Deutsche Telekom und Vodaphone sind offenbar sehr für eine Einigung zur Zensurinfrastruktur, während der Verband der freien ISPs, eco, sich weiterhin dagegen stemmt. Dass es dabei nicht nur um Kinderpornografie geht, war ja in der Bundestagsdebatte schon deutlich geworden . Nun ist es aber auch in die schriftlichen Entwürfe eingeflossen :

In den abschließenden Verhandlungen mit dem Familienministerium in großer Runde ist laut Ansicht von eco-Vertretern ferner klar geworden, dass es den bislang beteiligten Ressorts einschließlich des Wirtschafts- und Innenministeriums nicht nur um die von Experten als wirkungslos erachteten Sperrungen im Bereich Kinderpornographie gehe. Von einer entsprechenden Beschränkung sei nicht mehr die Rede gewesen. Somit stünde die Tür offen für Blockadeforderungen etwa auch von Rechteinhabern im Kampf gegen Copyright-Verstößen im Netz oder von den Betreibern staatlich genehmigter Glücksspieleanbieter gegen die illegale Online-Konkurrenz.

In Australien ist derweil ein Forum-Betreiber von der Regulierungsbehörde ACMA mit Bußgeld in Höhe von 11.000 AUS$ pro Tag (!) bedroht worden, weil dort auf eine Seite gelinkt worden war, die in der Zensurliste enthalten ist. Es handelte sich allerdings nicht um Kinderpornografie oder anderes illegales Material, sondern um eine Anti-Abtreibungs-Seite. Jetzt werden also schon diejenigen verfolgt, die auf die Fehler in den Zensurlisten hinweisen. Die ACMA geht damit erstaunlich dreist um: Sie sagen einfach, der Inhalt der Webseite könnte „möglicherweise verboten“ sein , was ein grelles Licht auf die Rechtsstaatlichkeit dieser Zensurverfahren wirft. Das Gesetz in Australien, das eine Zensur aufgrund der ACMA-Liste erzwingen würde, bekommt aber, wie berichtet , wohl keine Mehrheit.

Dafür haben wir in Deutschland jetzt auch noch eine Zensurdebatte auf Länderebene, nämlich in Nordrhein-Westfalen . Damit sind jetzt drei verschiedene Ansätze parallel im Gespräch: Auf Bundesebene die „freiwilligen“ Verträge zwischen ISPs und BKA, sowie eine gesetzliche Regelung (die auch die SPD NRW fordert), und auf Landesebene eine Lösung über die Sperrverfügungen der Kommission für Jugendmedienschutz (von CDU und FDP in NRW gefordert).

Es gibt ja noch eine vierte Option, nämlich den ganzen Quatsch einfach sein zu lassen, weil es nicht funktioniert, weil es missbraucht werden wird für politische Zensur und die Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen, und weil es in die Grundrechte eingreifen würde. Leider ist hier kaum noch eine der Oppositionsparteien bereit, das offen so zu sagen. Die FDP ist zumindest in NRW auf CDU-Linie eingeschwenkt, und auch die Grünen dort haben bereits im Oktober 2008 in einer Landtagsdebatte gesagt :

Positiv zu vermerken ist, dass sehr viele Länder diese Diskussion führen und auch schon Access-Blocking eingeführt haben.

Welche Wahl habe ich jetzt im Wahljahr 2009? Die Linkspartei ist auch keine glaubwürdige Option, denn die gehen zwar auf Datenschutz-Demos, beschließen aber gleichzeitig als Regierungspartei im Land Berlin einen Ausbau der Kameraüberwachung . Die Piratenpartei ist hier zwar glaubwürdig, aber noch zu klein, um eine ernsthafte Alternative zu sein; außerdem fehlt denen noch ganz viel Substanz in anderen Politikfeldern. Bleibt wohl nur wieder der Gang auf die Straße…

Über die Autor:innen

  • Ralf Bendrath

    Ralf ist seit Jahren in Zusammenhängen wie DigiGes, EDRi, AK Vorrat, AK Zensur aktiv. 2011 wurde er in den Beirat von Privacy International berufen. Nach einer soliden Grundausbildung als Nerd am Commodore C-64 und dem Studium der Politikwissenschaft in Bremen und Berlin hat er zehn Jahre lang zu Datenschutz, Internet-Governance und Cyber-Sicherheit geforscht, u.a. in Berlin, Bremen, Washington und New York City. Von 2002 bis 2005 hat er für die Heinrich-Böll-Stiftung den Weltgipfel Informationsgesellschaft begleitet. Im Hauptberuf arbeitet er seit Sommer 2009 für den Abgeordneten Jan Philipp Albrecht im Europäischen Parlament, ebenfalls zu Themen der Internetfreiheit und der digitalen Bürgerrechte. Wenn er Zeit findet, bloggt er hier auf deutsch oder auf englisch auf http://bendrath.blogspot.com. Häufiger twittert er als @bendrath.


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42 Kommentare zu „Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie“


  1. vanished

    ,

    Und ich werde es bis zum jüngsten Tag immer und immer wieder hervorholen:

    Dies alles wurde ins Rollen gebracht von einer Frau, die trotz ihrer Stellung als hochrangiges Regierungsohneglied
    1. keine Ahnung von Internet, Netzwerken und Computer hat
    2. vor laufender Kamera und Millionenpublikum in eine Mülltonne stieg.


  2. Dann stehen ja sicher auch bald alle tor noden betreber in der Terrordatei.


  3. „Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie (netzpolitik.org)[…“…

    Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie (netzpolitik.org)[…]Welche Wahl habe ich jetzt im Wahljahr 2009? Die Linkspartei ist auch keine glaubwürdige Option, denn die gehen zwar auf Datenschutz-Demos, beschließen aber gleichzeiti…


  4. „Die Piratenpartei ist hier zwar glaubwürdig, aber noch zu klein, um eine ernsthafte Alternative zu sein; außerdem fehlt denen noch ganz viel Substanz in anderen Politikfeldern.“

    Mir sind deren Themen wichtig genug, um sie zu wählen. In meinen Augen keine verschenkte Stimme. Das mit „zu klein“ kann man nur ändern indem man sie wählt.


  5. In der Zeitschrift für Rechtspolitik (regelmäßige Beilage der Neuen Juristischen Wochenschrift) wird auf Seite 2009, 44 bereits diskturiert die Netzsperren dafür zu nutzen den deutschen Jugendschutz und die recht stregen Auflagen (Postidentverfahren)durchzusetzen.

    Im gleichen Heft übrigens auch ein kurzer nichts neues bringender Beitrag zu three strikes.


  6. Die Grünen sind meiner Meinung nach noch die Glaubwürdigsten. Die beschränken sich wenigstens auf Kipos.


  7. “Die Piratenpartei ist hier zwar glaubwürdig, aber noch zu klein, um eine ernsthafte Alternative zu sein; außerdem fehlt denen noch ganz viel Substanz in anderen Politikfeldern.”

    Das ist ein Teufelskreis. Sie werden nicht größer solange man mit dem für sie stimmen wartet bis sie groß sind. Mit dem Größerwerden kommt auch die thematische Ausweitung, da bin ich sicher.


    1. Fabian

      ,

      Die Piratenpartei ist eine altenative obwohl sie noch klein ist. Sobald die großen Parteien stimmen an kleine Parteien verlieren kommen sie vllt auf die Idee ihre Politik zu überdenken.

      Wählt Piratenpartei!


  8. markus

    ,

    Eine thematische Ausweitung würde den vermeintlichen strategischen Sinn und Zweck (Druck in einem Politikfeld auf die anderen Parteien durch eine thematische Partei) komplett negieren. Die bisher dort Aktiven sind zusammen gekommen, um sich im weitesten Sinne um das Internet zu kümmern. Da gibt es weitgehend einen Konsens. Diesen kann ich mir bei der Sozial- oder Aussenpolitik nicht vorstellen.


  9. Der größte Hammer den „Die Linke“ sich erlaubt hat ist ja wohl die Schülerdatei in Berlin.
    Und den Grünen trau ich auch keinen Meter mehr seit Rot-Grün. Es ist echt zum verzweifeln. Superwahljahr und man weiß nicht wohin mit den Kreuzen.


  10. mit der stimme für die piratenpartei unterstützt man diese wenigstens finanziell. das ziel, druck auf andere parteien auszuüben klappt insofern, als dass die grünen einiges aus dem parteiprogramm der piraten übernehmen, was (meine erfahrung) einige piraten gar nicht freut. zwickmühle.
    ein viel größeres programm sehe ich im namen, der (wieder meine erfahrung) viele erst mal an eine witzpartei denken lässt.


  11. Eine Zensur findet nicht statt – Art. 5 GG…

    Who cares?
    Nachdem unsere Politiker bisher Stein und Bein schworen, dass die Maßnahmen einzig gegen Kinderpornographie gerichtet seien, ist das schon wieder dummes Geschwätz von gestern. Heise online meldet:

    In den abschließenden Verhandlungen m…


  12. markus

    ,

    @Fabian: Diese theoretische Überlegung teile ich überhaupt nicht und sehe sie als Designfehler an der Piratenpartei. (Neben dem Namen und einiger anderer Dinge).

    In Schweden hat die Piratenpartei das zigfache an Mitgliedern als in Deutschland. Trotzdem kommen sie nicht über 0.6% und ziehen die Stimmen auch noch vom progressiven Lager ab. Was eher einen Stimmenzuwachs für die konservativen Urheberechtsradikalen bringt.

    Aber vielleicht sehe ich das auch falsch. Ich lass mich gerne argumentativ eines besseres belehren.


  13. Da habe ich ja eine schöne Parteiendebatte losgetreten…

    Eigentlich ging es mir ja mehr um den letzten Satz des Artikels. Alle Parteien – und das gilt auch für die Piraten, sobald sie mal etabliert sein sollten – hören vor allem auf Druck von Interessengruppen. Wenn wir keine starke Wirtschaftslobby haben, müssen wir daher auf die Straße gehen. Der AK Vorrat sucht z.B. gerade noch Mitstreiter für die Aktionen zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes. Macht mit! Und ja, es wird im Herbst wieder eine Großdemo geben. Mehr Infos bald im Blog eures Vertrauens.


  14. […] » Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie : netzpolitik.org […]


  15. […] Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie […]


  16. […] mit hohen Geldstrafen zum Schweigen gebracht und in Deutschland ist sogar die NRW-FDP dafür. Den vollständigen Bericht findet ihr bei […]


  17. […] netzpolitik schreibt, sind die Pläne der Bundesregierung für Internetfilter jetzt auch halb offiziell nicht mehr nur […]


  18. peppone

    ,

    Kann man die Trackbacks und die comments nicht irgendwie trennen? Mich irritiert das schwer..


  19. […] Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie : netzpolitik.org (tags: Internet Censorship InternetFilter) […]


  20. Austauschsurfer

    ,

    Die Australische Internet Filterliste bzw. wie es sich herausgestellt haben soll Internet Zensurliste soll am morgigen Freitag 20. März 2009 bei wikileaks.org veröffentlicht werden!
    Als Kinderpornografie Sperrliste im Internet gedacht, soll überdie Hälfte der gesperrten Seiten mit Kinderpornografie nichts gemein haben, sondern eine schlichte Zensur von Sites, die der Australischen Regierung nicht ins Konzept passen enthalten!


  21. Gunnar

    ,

    @peppone
    Ja, da muss ich auch zustimmen.


  22. […] Sie sagen einfach, der Inhalt der Webseite könnte “möglicherweise verboten” sein , was… […]


  23. […] Netzregulierungsbehörde ACMA, wo ein Link auf die Seite eingefügt wurde, die die ACMA gerade zu zensieren versucht . Ein paar von den Wikipedia-Leuten haben daraufhin den Eintrag gesperrt und den Link wieder […]


  24. […] vermute ja inzwischen, dass die BKA-Sperrliste bei Wikileaks erscheinen wird, ehe Frau von der Leyen sie […]


  25. Is doch klar: Gerhart Baum et al müssen wieder ran und in Karlsruhe klagen. Leider wird er auch nicht jünger.


  26. […] –> Wikipedia – Stasi 2.0 –> Wikipedia – Internetzensur –> Spiegel – Netzsperre –> Netzpolitik – Netz Zensur […]


  27. […] vs. Internet-Filter und Zensur. Ein Resume zum Stand der Dinge von Ralf Bendrath auf Netzpolitik: Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie Heise hat ein paar Insider-Informationen über die Gespräche zwischen den Prividern und der […]


  28. „Welche Wahl habe ich jetzt im Wahljahr 2009?“
    Piratenpartei (leider sehr unbekannt – Werbung machen ;) ) aber ich meine auch, dass die Grünen dagegen sind


  29. […] Dass die Internetzensur weit mehr blockieren wird als Kinderpornografie kann man bei “Netzpolitik” nachlesen: http://netzpolitik.org/2009/netz-zensur-in-deutschland-nicht-nur-fuer-kinderpornografie/ […]


  30. Atomino2000

    ,

    Ein Kundenschreiben an den jeweiligen Provider (Stand heute wollen wohl Kabel Deutschland und Vodafone freiwillig mitmachen) mit folgendem Inhalt wäre vielleicht hilfreich:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    der Presse entnahm ich, dass Sie (Kabeldeutschland GmbH und Vodafone GmbH) das Vorhaben von Teilen der Bundesregierung unterstützen, unter dem Vorwand, die Kinderpornographie bekämpfen zu wollen, eine Internetzensur in Deutschland einzuführen.

    Ich lehne dieses Vorhaben ab, da es – sehr durchsichtig – die Netzneutralität beseitigt, und durch die Hintertür (für wen auch immer – das Personal an den Schaltstellen kann ja mal wechseln und vor nicht allzuferner Zeit durfte man bei Strafe auch keine „Feindsender“ hören) die Möglichkeit schafft, missliebige Inhalte im Internet zu unterdrücken.

    Die immer wieder an die Öffentlichkeit gedrungenen Listen, die von Autoritäten anderer Länder erstellt wurden, haben auch gezeigt, dass zahlreiche Betreiber von Webangeboten fälschlicherweise von der Sperrung/Umleitung betroffen sind und mit erheblichem Aufwand die Wiederzugänglichmachung betreiben müssen.

    Das eigentliche Problem wird dabei gar nicht angegangen, da ja nur der Aufruf der inkriminierten Inhalte, nicht aber deren Herstellung und Verbreitung – mit allen grausamen Folgen für die Opfer – unterbunden wird.

    Weiterhin haben Aktivitäten verschiedener Seiten u.a. CareChild gezeigt, dass man mit der korrekten Nutzung von abuse-Mechanismen durchaus auch die Verbreitung der inkriminierten Inhalte unterbinden kann, insbesondere auch deshalb, weil diese Inhalte wohl in erheblichem Umfange in Ländern bereitgehalten werden, deren Gesetze sehr wohl die Verfolgung von Inhalteanbietern und ‑Verbreitern und die Schließung dieser Angebote zulassen.

    Sollten Sie eine solche Sperr-/DNS-Umleitungsinfrastruktur – mit der eine Beschränkung auf die ursprünglich als Begründung aufgeführten Inhalte gar nicht zu gewährleisten ist – tatsächlich wirksam machen, werde ich meine Verträge mit Ihnen kündigen und auch im Bekanntenkreis über die daraus resultierenden Einschränkungen der Netzneutralität warnen.

    Mit freundlichen Grüßen


  31. […] „wirklich“ nur um [Totschlagargument]. Derweil zeichnet sich intern schon längst ab, dass der angestrebte Kontrollmechanismus für andere, weitaus größere Interessen genutzt werden wi.… Die Marschrichtung ist festgelegt. Die Sprache schreitet, in Ketten gelegt, […]


  32. […] dessen wird eine Zensur-Infrastruktur geschaffen und festgestampft, die weit mehr zensieren kann als man derzeit zugeben möchte. Was zensiert wird, steht auf dieser ominösen Liste, die die Internetprovider innerhalb einer […]


  33. […] paar weiterführende Links zum Thema, die ich nicht im Text unterbringen konnte: netzpolitik.org http://www.czyslansky.net/?p=920 Gedanken des “Datenschutzbeauftragten” Golem […]


  34. […] Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie (netzpolitik.org) […]


  35. Ich habe mich ebenfalls mit der Materie beschäftigt und einen Artikel darüber geschrieben warum die Zensur nichts bringt, außer für die Einschränkung der Meinungsfreiheit. http://www.elexpress.de/archives/2009/04/18/akzeptiert-die-zensur-und-schaut-weg/


  36. […] Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornographie […]


  37. […] Netzpolitik – Internetzensur nicht nur für KiPo […]


  38. […] Die Internetzensur wird sehr bald auch gegen ganz andere unliebsame Inhalte eingesetzt werden? Die Zensur und Beschneidung der Informationsfreiheit, denen mit der Sperrung durch Frau von der […]


  39. […] hier) bzw. auch per Gesetz regeln wol­len, auf wel­che Inhalte man über­haupt zugrei­fen darf „Netz-Zensur in Deutsch­land nicht nur für Kin­der­por­no­gra­fie“ und „Daten­schutz als […]

Dieser Artikel ist älter als 17 Jahre, daher sind die Ergänzungen geschlossen.