Kultur

Ein Missverständnis: Creative Commons und Wikipedia

Der Deutschlandfunk hat heute in der Sendung „Kultur heute“ über die Diskussion innerhalb der Wikipedia-Community berichtet, ob man von der Free Documentation Licence auf die Creative Commons BY-SA-Lizenz umsteigen soll: „Freie Enzyklopädie? Warum Wikipedia-Autoren um ihre Rechte kämpfen.“ Dabei ist es leider zu Missverständnissen gekommen. Nach einer längeren Einleitung geht es los:

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Vor anderthalb Jahren hat deshalb Wikipedia-Gründer Jimmy Wales vorgeschlagen, anstatt der bisher verwendeten GPL-Lizenz die inzwischen entwickelten Creative Commons (abgekürzt: CC)-Lizenzen zu benutzen. Dies würde den Autoren einerseits eine abgestufte Rechteerteilung erlauben (zum Beispiel: das Werk darf oder darf nicht verändert werden) und andererseits auch eine kommerzielle Nutzung nicht mehr ausschließen, was allerdings in den Augen vieler Wikipedianer einem Sakrileg gleichkäme. In der Community findet derzeit eine Abstimmung über diese Möglichkeit statt.

Das Problem der Free Documentation Licence (übrigens nicht zu verwechseln mit der General Public Licence – das ist was anderes) bei der Wikipedia ist ja, dass die Lizenz zum Zeitpunkt der Gründung „einzigartig“ war, aber der derzeitigen Situation nicht mehr gerecht wird. Streng genommen muss man immer bei einem Artikel den Lizenz-Text mitliefern und auch alle Editoren mit angeben. Bei längeren Texten, die oft editiert wurden, ist das ein Rattenschwanz an Informationen. Daher gibt es die Diskussion zur CC-BY-SA-Lizenz zu wechseln, die einerseits philosophisch dieselben Freiheiten gewährt und seit der Version 3.0 kompatibel ist, andererseits die Möglichkeit bietet, dass man als Quelle nur noch „Wikipedia“, bzw. einen Link zum Artikel angibt. Das ist pragmatischer und effektiver. Creative Commons Lizenzen bieten zwar die Wahlfreiheit, aus sechs verschiedenen Kombinationen auszuwählen, aber das steht in dieser Diskussion gar nicht zur Debatte. Hier geht es konkret um diese eine Lizenz und nicht um eine „abgestufte Rechteerteilung“. Und auch die Free Dokument Licence hat schon immer eine kommerzielle Nutzung erlaubt, was sich auch bei der CC-BY-SA-Wahl nicht ändern würde. Die Freiheit, einen Text kommerziell unter der Bedingung des Copyleft (SA / Sharealike: Weitergabe unter gleichen Bedingungen) zu verwenden, bleibt erhalten. Insofern ist die Vermutung des Sakrilegs auch leider missverstanden. Innerhalb der Wikipedia-Community gibt es nur das Sakrileg, dass die Wikipedia selber werbe- und damit kommerzfrei sein soll.

Aber es geht noch weiter:

Mit einer eventuellen Kommerzialisierung von Wikipedia bekäme das Internet in der Tat ein neues Gesicht. Es wäre einer jener großen Umbrüche, von denen die Internet-Welt ständig redet. In der Tat hat dieser Umbruch an anderen Stellen schon begonnen: Immer mehr Presseverleger, zuletzt sogar Rupert Murdoch, wenden sich von der Hoffnung auf Werbefinanzierung der journalistischen Gratisinhalte ab und errichten für Ihre Zeitungen wieder klassische Bezahlschranken. Wenn es aber ans Verdienen geht, dann möchten Wikipedia-Autoren, die den Journalisten soviel Futter liefern, natürlich nicht abseits stehen.

Schön, dass da plötzlich Rupert Murdoch, Zeitungen und journalistische Gratisinhalte in einem Atemzug mit der Lizenz-Diskussion genannt werden. Fehlt nur noch der Heidelberger Appell und Google Books. Mich verwundern nur diese Schlussfolgerungen, weil diese gar nichts mit der Debatte zu tun haben und auch das Internet kein neues Gesicht durch eine Community-Entscheidung zugunsten der CC-BY-SA bekommt. Insofern muss es sich wohl um ein grosses Missverständnis handeln.

Von der Sendung gibt es auch eine MP3.

Besser über die Debatte hat übrigens am 11. Mai die Süddeutsche Zeitung berichtet: Wie frei ist frei?

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8 Kommentare
  1. Schon seltsam, was da manchmal entsteht – das beweist mal wieder, dass auch die normalen Medien nicht das Gelbe vom Ei sind. Das sieht schwer nach oberflächlicher Recherche aus.

    Wenn wir schon dabei sind: „Bei längeren Teten“ (wollte ja nichts sagen, aber da hat schon einer… *duck*)

  2. „Free Document Licence“? „Free Dokument Licence“?

    Oder vielleicht doch eher „Free Documentation License“?

    „Das sieht schwer nach oberflächlicher Recherche aus.“ Full ACK.

  3. Typisch DLF, sie haben die Spiegelmanier übernommen, magazinmäßig über Themen zu berichten, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben. Generell sind die Beiträge gar nicht schlecht, aber bei einigen Sendungen zeigt sich große Ahnungslosigkeit und schlechte Rechcherche. Ich hatte den besprochenen Beitrag heute morgen schon gelesen und habe mich auch einigermaßen gewundert.

  4. Ich habe den Beitrag auch gehört und mich geärgert, v.a. über den Schlußsatz, den die Moderatorin quittierte mit „Kann man auch verstehen.“ Beim Geldverdienen will niemand abseits stehen ist nun die Botschaft, die in all der verdrehten Infofülle beim verwirrten Hörer hängen bleibt. Nun, nichts falscher als das. Außer vielleicht noch die Mär vom investigativen Qualitätsjournalismus, den uns ja auch Stefan Niggemeier immer so schön vorführt.
    Danke für den Beitrag, Markus. Vielleicht kann man ja Kontakt mit dem DLF aufnehmen (den ich sonst sehr schätze und oft höre) und was realitätsnähreres produzieren.

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