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US-Musikindustrie will Milliarden-Bailout

Das fordert jedenfalls Thomas Silverman von Tommy Boy Records, einer der Direktoren der American Association of Independent Music (A2IM). Die Begründung ist recht skurril:


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Die Musikfirmen müssten ebenfalls zu den Empfängern der Gelder auf den Rettungsfonds der Regierung gehören – schließlich käme ihnen eine tragende Rolle im Blick auf die „nationale Sicherheit“ der Vereinigten Staaten zu. Rock ’n Roll habe letztlich mehr für den Fall der Sowjetunion getan als die CIA, so Silvermans Argumentation. So wie die US-Regierung verhindert habe, dass eine Firma aus dem arabischen Dubai den Schutz der amerikanischen Häfen übernimmt, müsste der Staat nun auch verhindern, dass die Musik immer mehr unter ausländische Kontrolle gerät. Als eine der nötigen Maßnahmen nennt er den Rückkauf der Rechte an den Werken von Elvis Presley aus Japan.

In der Tat wird die Attraktivität des amerikanischen Lebensstils als internationaler Macht- und Einflussfaktor schon lange in Fachkreisen diskutiert, und Joseph Nye aus Harvard hat kürzlich erwähnt, dass man mit Barack Obama und der weltweiten Sympathiewelle für den neu gewählten Präsidenten wieder mehr „Soft Power“ habe. Wenn man Elivs Presley oder ander US-Künstler unter diesem Gesichtspunkt weiter verbreiten will, sollte man allerdings eher über kürzere Copyright-Fristen und Creative-Commons-Veröffentlichungen nachdenken als über einen Rückkauf von Rechten.

Darüber hinaus fordert Silverman ein Kreditpaket von 25 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre „zur Entwicklung neuer Technologien“. Dafür könne man im Gegenzug die Regierung dann die Löhne und Bonuszahlungen für Top-Manager in der Branche begrenzen. Weiterhin will er einen gesetzlich verankerten Mindestanteil von 50% amerikanischer Musik in den Radios – womöglich kontrolliert durch einen Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten?

Außerdem will Silverman den Butterberg Berg an schlechter Musik abbauen:

Der Staat müsse die Zahl der neuen Alben in Grenzen halten und dabei den Plattenfirmen Geld für den Verzicht auf neue Veröffentlichungen geben, wie es schon jetzt in der Landwirtschaft praktiziert werde.

Long Tail, anyone?

(via Fefe, der mal wieder den passenden Kommentar hat: „Wenn die das nicht ernst meinen würden, wäre das eine brilliante Satire.“)

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9 Kommentare
    1. Der Text von Thomas Silverman steht auf der Seite der A2IM, siehe erster Link oben. Und die A2IM ist eine echte Lobby-Organisation, also kein schnell gebasteltes Satire-Frontend. Das selbe gilt für die Tommyboy Entertainment LLC (Tommyboy Records).

      Mit welchen Absichten Herr Silverman diesen Beitrag geschrieben hat, kann man ihn natürlich mal fragen.

      1. Dass der Text auf den authentisch ist, heißt nicht dass er ernst gemeint ist. Das ist die Arbeit eines spin doctors. Er schreit „Bailout“, um Aufmerksamkeit zu bekommen und die echte Forderung kommt erst später.

        Zudem ist es wohl keine Verbandsposition, sondern eher ein Op Ed. „FCC rules requiring all radio stations to play at least 50% American content, at least 50% developing artists and at least 30% independent acts“.

  1. Zumindest das mit den 50% wird ja in Frankreich schon seit vielen Jahren ähnlich gehandhabt. Ich weiß jetzt gerade nicht genau, ob es nur die staatlichen Sender sind, aber dort müssen die Sender auch einen Mindestanteil an französischer Musik ausstrahlen.

  2. Das auf einem ernsthaften Lobbyportal eines Indielabelverbands auch Satire erscheinen kann, die das Fallschirmdenken der Banken und die Schwerfaelligkeit der Majors auf die Schippe nimmt, halte ich fuer nicht wirklich an den Haaren herbeigezogen. Ich denke auch, dass die „A modest proposal“ – Einleitung zu deutlich auf das Vorbild hinweist, als dass es wirklich ernst gemeint sei.

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