Datenschutz

Überwachung und Individualismus in Unternehmen und Blogs

Der Lidl-Skandal hat einiges an Diskussion und Recherchen inspiriert, wie weit die Überwachung am Arbeitsplatz schon geht, wie weit sie gehen darf, und wie das alles in „the big picture“ einzuordnen ist. Spiegel Online hat aktuell eine lesenswerte Zusammenstellung von gängigen Praktiken, verfügbaren Technologien und der Rechtslage dazu:

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Laut einer Studie der Unternehmensberatung Mummert Consulting überwacht der Chef bereits bei mehr als jedem dritten Mitarbeiter heimlich den PC-Arbeitsplatz. Es gibt sogar Programme, die jeden Tastendruck des Angestellten aufzeichnen. „Entscheidend für die juristische Bewertung der E-Mail-Überwachung ist vor allem, ob diese mit Wissen der Mitarbeiter geschieht und es eine entsprechende Vereinbarung im Betrieb gibt“, sagt der Arbeitsrechtsexperte Rüdiger Helm. Denn generell gilt: Wenn die private Nutzung des Internets in einem Unternehmen verboten ist, darf der Chef auf eingehende Mails zugreifen. Ist diese gestattet, verstößt das Lesen der E-Mails gegen das Fernmeldegeheimnis. (…)

Die verdeckte Kameraüberwachung dagegen ist selbst bei der Aufklärung von schweren Straftaten nur mit Genehmigung des Betriebsrats erlaubt. „Und wenn es keinen Betriebsrat gibt, ist eine heimliche Überwachung fast immer rechtswidrig“, sagt (…) Helm. (…) Um hier Klarheit zu schaffen, ist nach Ansicht von vielen Juristen allerdings ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz längst überfällig.

Letzteres fordern auch die Gewerkschaften seit Jahren, aktuell natürlich wieder verstärkt.

Neben der rechtlichen Problematik ist die Überwachung am Arbeitsplatz sogar ökonomisch unsinnig, wie das Handelsblatt seinen Lesern schon vor zwei Jahren zu erklären versuchte:

Ein vernünftiger Arbeitgeber wird seinen Arbeitnehmern schon allein deshalb den erforderlichen Freiraum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit am Arbeitsplatz lassen, weil nur so optimale Arbeitsergebnisse zu Stande kommen.

Dieser „Freiraum“ soll allerdings aus Sicht der Chefetagen nur so weit reichen, wie er zum Wohle der Firma und ihrer Kapitaleigner eingesetzt wird. Ansonsten könnten die flexiblen Angestellten ja auf die Idee kommen, während der Arbeit z.B. eine Betriebsratsgründung zu planen. Überwachung und Kontrolle sind daher offenbar aus Unternehmersicht immer nötig. Wie weit das gehen kann und soll, wird gerade mal wieder in der Öffentlichkeit verhandelt. Die Süddeutsche Zeitung findet es vor allem „lächerlich“, wie bei Lidl vorgegangen wurde, sieht aber bei aller Ironie dann doch recht affirmativ die Logik der Unternehmensberater am Werke. Und in dieser ist es offenbar nur zuviel, wenn die Schnüffelei ins Private reicht:

Dass der Staatssozialismus die Bettgeschichten seiner Bürger ausspionieren musste, war ein Zeichen seiner Schwäche. Wenn der Kapitalismus auf dieselben Methoden zurückgreift, kann es mit seiner Überlegenheit nicht weit her sein.

Aber der Individualismus siegt, so die etwas krude Schlussfolgerung:

Man kann darin aber auch eine Rehabilitierung des Individuums sehen. Bisher dachten wir, dass die Systemlogik moderner Gesellschaften so mächtig ist, dass das Innenleben ihrer Individuen dagegen nichts vermag und also vernachlässigt werden kann. Lidl sieht das anders.

Was denn nun? Macht der Strukturen oder Macht der Individuen? Vielleicht steckt hinter der Überwachung am Arbeitsplatz ja vor allem der Glaube, dass die Individuen die Unternehmenslogik noch nicht vollständig verinnerlicht (und sich dabei vollständig entfremdet) haben, und dass man hier mittels Kontrolle etwas erreichen könnte. So dermaßen krude die Systemlogik in die abhängig beschäftigten Individuen zu pressen – das geht aber offenbar nach hinten los, wenn die Identifikation mit der Firma nicht schon irgendwie vorhanden ist.

Auch Spreeblick hat das Thema „Lidl, Kapitalismus und Krise“ mal wieder zum Anlass lesenswerter Überlegungen genommen:

Die Stasi wusste recht genau, wann ihre Sportler gegessen haben und wann sie mit wem geschlechtlich verkehrten. Sie bekam nicht so recht mit, dass ihrem Staat die Legitimation wegbrach und das Volk sich scharte, um sie fortzuspülen. Ihre Sammelwut war, wie im Ausgangszitat gesagt, Zeichen von Schwäche. Gewalt – und nichts anderes ist der Zugriff auf die Privatsphäre, sei es von Lidl-Mitarbeitern oder von Computernutzern – ist immer ein Zeichen von Schwäche. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, frißt sich selber auf. Ihm ist die Legitimation abhanden gekommen.

Ob das so stimmt? Wenn die These von Barry Wellmann und Manuel Castells richtig ist, dass wir uns alle in Richtung „vernetzter Individualismus“ bewegen, dann deutet das eher auf eine Transformation als auf eine Krise des Kapitalismus hin. Die Lidl-Angestellten sind davor sogar noch recht robust geschützt, weil man Kassiererinnen im Supermarkt schlecht in eine Ich-AG umwandeln oder als Profit-Center betreiben kann.

Die Avantgarde, nämlich die Netzbewohner, trifft es hier mal wieder als erstes: Der Laptop des Profibloggers wird zum neuen Sweatshop. Die Diskussion dazu (u.a. hier und hier) steckt noch sehr in der Situation der Individuen fest und lässt sich noch nicht auf die strukturellen Veränderungen ein. Gerade die sind aber viel spannender, das schreiben wir hier ja seit Jahren. Kriegen wir dadurch, dass wir die medialen Produktionsmittel jetzt in der Hand haben, lauter Ich-AGs, oder kriegen wir eine Ökonomie des Tausches?

Die Frage der Überwachung hängt natürlich damit zusammen: Wer nicht aus Geldinteresse bloggt, sondern als Diskursangebot und aus Spaß, der braucht auch keine genauen Zahlen und Daten über die Leserschaft und ihre sozioökonomischen Profile. Letzteres scheint aber genau das zu sein, was den unabhängigen Blogvermarktern massiv fehlt, um mehr Kunden zu gewinnen, so berichtete adical-Geschäftsführer Sascha Lobo. Wer diese User-Daten haben will, landet aber meistens bei der Überwachung per Cookies, IP-Speicherung und anderen üblen Sachen. Das muss nicht so sein, aber wer mal auf einem Webmontag den Web-Agenturknechten etwas von Datenschutz erzählt hat, wird wissen, dass die benutzbaren und verbreiteten Statistik-Tools derzeit darauf hinauslaufen.

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2 Kommentare
  1. Wer überwacht die Überwacher?
    Ich halte Überwachung am Arbeitsplatz für eine ausgeprägte Führungsschwäche. Es gelingt vielen Unternehmen nicht mehr die Mitarbeiter so zu motivieren, dass sie sich mit Ihrer Firma, mit Ihrer Aufgabe identifizieren. Es erscheint mir lebensfremd anzunehmen, ein Mensch könne sich acht Stunden und länger ausschließlich auf seine berufliche Aufgabe konzentrieren. Was spricht eigentlich gegen eine kurze Ablenkung die Geist und Körper erfrischt? Wenige Minuten reichen aus. In einem Betrieb der frunktioniert regelt schon allein der Teamgeist in Verbindung mit der natürlichen Gruppendynamik die meisten „Ausreißer“ wieder herunter. Wenn in Zeiten der Globalisierung aber schon der Arbeitgeber anonym ist und den Mitarbeitern kein klares Firmenprofil in Verbindung mit einer Unternehmensphilosophie bieten kann, ja dann… Ob Staatssozialismus, Kapitalismus, Feudalismus oder andere Systeme – egal wo, wenn sich die Häuptlinge von den Indianern so weit entfernt haben, dass sie deren Gedankenwelt nicht mehr erfassen können, verstehen sie auch nicht mehr deren Motivation ud das daraus geborene Handeln. Die Folgen sehen wir.

  2. Das aktuelle Datenschutzgesetz bietet die Möglichkeit, derartige Verstöße wie bei Lidl mit teils empfindlichen Geldstrafen zu ahnden.

    Das Vorgehen von Lidl ist ethisch indiskutabel, doch Jammern hilft nicht. Hier geht es um Geld. Warum liest man nichts über NGOs oder andere Instiutionen, die Lidl auf Grundlage des Datenschutzgesetzes verklagen? Die Geldstrafen pro Einzelfall liegen zwischen € 50.000.- und € 250.000.-. Hochgerechnet auf die betroffene Anzahl der Lidl-Mitarbeiter ergäbe das eine Summe, die Lidl nicht ignorieren könnte.

    Nochmal: Hier geht es um Geld und damit um die Sprache des Geldes. Diese Sprache versteht Lidl. Erst wenn es finanziell weh tut, wird Lidl handeln.

    Gruß,
    mv

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