Telepolis hat ein Interview mit dem Bewegungsforscher Dieter Rucht über „die Schwierigkeit kollektiven Protests“: Gut, dass protestiert wird, nur bitte nicht so böse.
Ein bisschen Schäuble und Feindbild ist auch dabei. Allerdings bin ich nicht wirklich damit einverstanden, was er zum Internet sagt. Mag sein, dass es da verschiedene Herangehensweisen gibt und das an einer anderen Generation liegt, aus der ich komme, aber er sagt:
TP: Da spielt das Internet eine entscheidende Rolle. Wird das Netz die künftige Form kollektiven Protests sein?
Dieter Rucht: Nein, das Internet fördert nur bereits mobilisierte Akteure, es ersetzt nicht den physischen Protest. Das Internet spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Beschaffung und Verteilung von Informationen geht. Die Möglichkeiten und Funktionen des Internet werden aber maßlos überschätzt. Unpolitische Leute werden nicht durch das Herumflanieren im Netz politisiert und aktiviert. Da muss zuvor schon das Interesse an entsprechenden Themen und die Bereitschaft zum Protest vorhanden sein…
TP: …Mausklicks können auch kein Gruppengefühl ersetzen…
Dieter Rucht: Das auch. Das Internet ist kein funktionales Äquivalent für die konkrete Erfahrung von kollektiver Identität. Der Protest auf der Straße oder die gemeinsame Anreise zu einem Protest bedeutet nicht nur einen notwendigen Aufwand, sondern bilden auch dem Rahmen für das Erlebnis von Gemeinschaft.
Ich bezweifle ja, dass traditionelle Politikformen wie „zu einer Demonstration gehen“ viel mehr Menschen ansprechen, als man im Internet erreichen kann. Entweder jemand interessiert sich für ein Anliegen oder nicht. Ob das jetzt im Netz passiert oder offline. Wenn man sich die grossen Demonstrationen der letzten Jahre anschaut, so gab es eigentlich keine mehr, die wirklich unpolitische Menschen angesprochen hat (Vielleicht war die grosse Anti-Kriegs-Demo vor wenigen Jahren in Berlin mit einer halben Millionen Menschen eine Ausnahme und auch der Sternenmarsch zum G8-Zaun war grosses Kino – nicht aber die Latschdemo am Samstag zuvor). Als unpolitischer Mensch werde ich auch sicherlich nicht dadurch politisiert, dass ich zufällig in eine langweilige Latschdemo hineingerate, die gerade an meiner Einkaufsstrase vorbeiführt oder wo Abends in der Tagesschau kurz drüber berichtet wird. Natürlich sind kollektive Prozesse in der analogen Welt noch gemeinschaftsfördernder. Das dürfte sich aber langsam ändern, durch mehr partizipative Elemente in politischen Prozessen im Netz. Und vor allem durch eine junge Generation, die diese Elemente dann souverän nutzt um sich zu vernetzen und gemeinsam das Netz für Aktionen zu nutzen.
TP: Sind Versammlungen wie der Straßenprotest auch wichtig, weil medialer Protest nicht der Wirklichkeit entspricht? Der O‑Ton ist geschnitten, der Film gekürzt. Das Zusammenkommen von Protestierenden auf der Straße hingegen scheint real.
Dieter Rucht: Zumindest ist ein solcher Protest glaubwürdiger. Wenn beispielsweise im Internet per Mausklick 100.000 Zustimmungen zu einem Sachverhalt erfolgen, dann ist das nicht das gleiche wie 100.000 Personen, die sich auf der Straße versammeln. Man erlebt das Gleiche an gleichem Ort und im gleichen Moment, vielleicht sogar etwas Außergewöhnliches, das sich schwer in Worte fassen lässt. Zudem können gemeinsame Proteste auch einen weiteren Motivationsschub auslösen, ein Empowerment für künftige Aktionen. In diesen Momenten geht es nicht einmal um die Themen an sich; es geht darum, dass der Funke überspringt. Und dieser Funke kann im Internet schwerlich überspringen.
Klar sind 100.000 Menschen an einem Ort besser als 100.000 Zustimmungen im Netz zu einem Sachverhalt. Aber wo hat man noch soviele Menschen auf einer Demonstration? Wie ich oben schon geschrieben habe, entwickelt sich meiner Meinung nach eine neue Art, wie junge Menschen in unserer digitalen Welt neue Formen von Politik ausprobieren, nutzen und weiterentwickeln. Und ich glaube, dass dies mit den notwendigen Tools (Von denen wir viele noch nicht haben und erstmal entwickeln müssen) effektiver sein wird, als an einem Samstag im Jahr viele Menschen zu einer Demonstration zu bekommen, die ja ihre massenmediale Wirkung auch nicht mehr so erreicht wie früher.