Kanada

  • : Snowden: Massenüberwachung verhindert keinen Terrorismus
    Edward Snowden auf dem 33. Chaos Communication Congress.
    Edward Snowden auf dem 33. Chaos Communication Congress. Im Vodergrund: Andre Meister und Anna Biselli (von links nach rechts). - <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY-SA 2.0</a> via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/138879800@N04/31687522570/">Florian Kleiner</a>
    Snowden: Massenüberwachung verhindert keinen Terrorismus

    Edward Snowden nimmt auf dem Chaos Communication Congress in einem unangekündigten Kurzvortrag Stellung zu der Behauptung, dass Massenüberwachung gegen Terrorismus schützt. „Ihr müsst aktiv werden. Wenn wir wollen, dass die Dinge besser werden, dann müsst ihr für etwas eintreten“, so sein Appell.

    5. Januar 2017 37
  • : Kanada: Regierung plant Ausweitung der Überwachung im Internet
    Freiheit oder Sicherheit? Kanada will das mit einer Befragung klären.
    Freiheit oder Sicherheit? Kanada will das mit einer Befragung klären. Foto: <a href="https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">CC0</a> via pixabay/<a href="https://pixabay.com/de/m%C3%B6wen-formation-flagge-himmel-blau-540791/">FrankWinkler</a>
    Kanada: Regierung plant Ausweitung der Überwachung im Internet

    Kanada plant eine Ausweitung der Überwachung im Internet. Das geht aus einem Grünbuch der Regierung mit dem Titel „Unsere Sicherheit, unsere Rechte“ hervor. Geplant sind der Zugriff auf Stammdaten, zum Beispiel E‑Mail-Adresse, Nutzernamen etc., durch Polizei und Geheimdienste ohne richterliche Anordnung und der Zwang für Kommunikationsanbieter, Nachrichten abzuhören und Verbindungsdaten zu speichern. Außerdem soll die Möglichkeit bestehen, per gerichtlicher Anordnung Privatpersonen oder Organisationen zur Entschlüsselung ihrer Daten zu zwingen.

    Diese Forderungen stehen in einem Grünbuch, weshalb sie nur einen Diskussionsstand wiedergeben. Ob sie also genau so umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. „Public Safety Canada“, vergleichbar mit dem amerikanischen Heimatschutz, führt eine Online-Befragung durch, um die Meinung der Bevölkerung zu den Forderungen einzuholen. Neben Fragen zu den geplanten Maßnahmen, wird auch nach persönlichen Einstellungen zu unter anderem Privatsphäre gefragt. An der Befragung kann man noch bis zum 15. Dezember teilnehmen – auch als Nicht-Kanadier.

    6. Dezember 2016 1
  • : Wegen Trump: Internet Archive will Backup in Kanada anlegen
    Die historische Erfahrung zeigt, dass Informationen oder ganze Bibliotheken schnell verschwinden können. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">CC BY-NC-ND 2.0</a>, via flickr/<a href="https://www.flickr.com/photos/laughingsquid/4896138965/">Scott Beale</a>/<a href="laughingsquid.com/">laughingsquid.com</a>
    Wegen Trump: Internet Archive will Backup in Kanada anlegen

    Das Internet Archive hat angekündigt, eine vollständige Kopie seines Datenbestands nach Kanada auszulagern. Wie der Projektgründer Brewster Kahle in einem Blog-Posting ausführt, habe der republikanische Wahlsieger Donald Trump einen „radikalen Wandel“ angekündigt, auf den sich nun Institutionen wie das Internet Archive vorbereiten müssten. Die nicht-kommerzielle Organisation bittet um Spenden, um den teuren Umzug zu stemmen und weiterhin digitale Informationen wie Webseiten, E‑Books oder Software zu speichern und langfristig zur Verfügung stellen zu können. Unsere Übersetzung:

    Für uns bedeutet das, dass wir unsere kulturellen Güter sicher, vertraulich, und dauerhaft zugänglich machen müssen. Es bedeutet, sich auf ein Internet vorzubereiten, dem größere Einschränkungen bevorstehen könnten. Es bedeutet, eine Klientel in einer Welt zu bedienen, in der staatliche Überwachung nicht verschwinden wird; tatsächlich sieht es danach aus, als ob sie zunehmen wird.

    Durch die Geschichte hindurch haben Bibliotheken gegen fürchterliche Verletzungen der Privatsphäre gekämpft – wenn Menschen nur für ihre Lesegewohnheiten verhaftet wurden.

    Das Internet Archive werde weiterhin dafür kämpfen, die Privatsphäre seiner Nutzer in einer digitalen Welt zu schützen, schreibt Kahle weiter. Zudem werde man die „Wayback Machine“ erhalten, die 300 Millionen Webseiten pro Woche speichere. Niemand solle in der Lage sein, die Vergangenheit zu ändern, nur weil davon keine digitalen Spuren mehr vorhanden sind, so Kahle: „Das Internet braucht ein Gedächtnis, die Fähigkeit, zurückzuschauen.“

    Der bevorstehende Regierungswechsel in den USA treibt vielen die Sorgenfalten auf die Stirn, die berechtigterweise um Grundrechte, Meinungsfreiheit und um ein offenes Internet bangen. Nicht von ungefähr verzeichnen seit der Wahlnacht zahlreiche Bürgerrechtsorganisationen und unabhängige Medien Spendenrekorde, um sich für die anstehenden Auseinandersetzungen mit einer rückwärts gewandten und repressiven Administration zu wappnen.

    30. November 2016 2
  • Freedom on the Net Report 2016: Internetfreiheit weltweit auf dem Rückzug
    Alle Grafiken aus <a href="https://freedomhouse.org/report/freedom-net/freedom-net-2016">Freedom on the Net 2016</a>
    Freedom on the Net Report 2016 Internetfreiheit weltweit auf dem Rückzug

    Zum sechsten Mal in Folge ist die Internetfreiheit weltweit gesunken. Mittlerweile leben zwei Drittel aller Internetnutzer in Ländern, in denen zensiert wird. Dies geht aus einem Report von Freedom House hervor, der 65 Länder untersuchte.

    14. November 2016 10
  • : Abhörskandal von Journalisten in Kanada zieht weitere Kreise
    Abhörskandal von Journalisten in Kanada zieht weitere Kreise

    Mindestens sieben Journalisten wurden in Kanada monatelang von der örtlichen Polizei in Montreal und Quebec überwacht – um Informanten innerhalb der Polizei herauszufinden. Die Polizei entschuldigt sich mit einer „Ausnahmesituation“.

    3. November 2016 5
  • : Generalanwalt am EuGH: Fluggastdaten-Abkommen zwischen Kanada und EU verstößt gegen Grundrechte (Update)
    Das Abkommen zwischen Kanada und der EU sieht vor, Fluggastdaten für fünf Jahre zu speichern. Foto: <a href=" ">Deniz Altindas</a> unter a href="https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">CC0 1.0-Lizenz
    Generalanwalt am EuGH: Fluggastdaten-Abkommen zwischen Kanada und EU verstößt gegen Grundrechte (Update)

    Das geplante Fluggastdaten-Abkommen zwischen Kanada und der Europäischen Union steht in seiner jetzigen Form auf der Kippe. Es gebe Kanada zu viele Freiheiten im Umgang mit den persönlichen Daten, kritisiert der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof.

    8. September 2016 6
  • : Video: Kanadas Premierminister Trudeau erklärt Quantencomputer
    Video: Kanadas Premierminister Trudeau erklärt Quantencomputer

    Von Kanadas Premierminister Justin Trudeau wurde gestern eigentlich nur erwartet, eine Rede zu halten. Darin sollte er ankündigen, dem Perimeter Forschungsinstitut für theoretische Phsyik in Ontario 50 Mio. Kanadische Dollar zur Verfügung zu stellen.
    Als ein Journalist vom Thema Quantencomputer zu IS-Fragen überleiten will, erklärt ihm Trudeau jedoch begeistert die Grundlagen von Computersystemen, die auf Quantenmechanik beruhen. Und also auch für zukünftige Verschlüsselungsverfahren grundlegend sind. Viel Spaß beim Zusehen des prima informierten kanadischen Regierungsoberhaupts. Den Link zum englischsprachigen Video gibts hier.

    16. April 2016 8
  • : Fluggastdatenspeicherung: Noch nicht beschlossen, aber Pilotprojekte laufen schon
    Auch Essensauswahl wird gespeichert. Foto: CC-BY 2.0 <a href="https://www.flickr.com/photos/lwy/6833034606/sizes/l"> LWYang</a>
    Fluggastdatenspeicherung: Noch nicht beschlossen, aber Pilotprojekte laufen schon

    Die Vorratsdatenspeicherung für Fluggastdaten (PNR) ist noch nicht vom EU-Parlament beschlossen, der Europäische Gerichtshof (EuGH) verhandelt heute über die Zulässigkeit des PNR-Abkommens zwischen Kanada und der EU – aber die EU-Kommission hat schon millionenschwere Pilotprojekte für den Datenaustausch aufgesetzt, berichtet Zeit Online:

    Möglicherweise wird die PNR-Richtlinie im April endgültig beschlossen, möglicherweise aber auch nicht. Die Mitgliedstaaten sind sich aber offenbar sicher, dass es früher oder später so kommen wird. Statewatch.org hat ein vertrauliches Ratspapier veröffentlicht, in dem ein Passenger Name Record Data Exchange Pilot (PNRDEP) beschrieben wird. In diesem Pilotprojekt, größtenteils finanziert von der EU-Kommission und geleitet vom ungarischen Innenminister, erproben zunächst einmal 14 Mitgliedstaaten den Austausch der PNR.

    In diesem Pilotprojekt ist Deutschland nicht dabei, aber in einem anderen:

    Es gibt parallel noch ein zweites, größeres Pilotprojekt, das die Einführung eines neuen Standards für den Datenaustausch (Universal Message Format, kurz UMF 3) vorbereiten soll. Es wird geleitet vom deutschen Bundeskriminalamt.

    Über dieses Pilotprojekt haben wir zuletzt ausführlich berichtet.

    Der Termin für die Abstimmung der PNR-Richtlinie steht jedoch noch nicht fest. Nach dem Anschlag von Brüssel hatten mehrere Innenminister gefordert, dass die Richtlinie schnell beschlossen – also durchgewunken – werden solle. Bürgerrechtsorganisationen wie die Digitale Gesellschaft wehren sich seit Jahren gegen diese neue Vorratsdatenspeicherung, welche die Mobilität der Menschen anlasslos und verdachtsunabhängig erfasst.

    Update:
    Digitale Gesellschaft e.V. hat eine erste Einschätzung zur heutigen Verhandlung der PNR am Europäischen Gerichtshof veröffentlicht.

    5. April 2016
  • : Kanada stoppt Metadaten-Weitergabe an Five Eyes
    Demonstration gegen das c-51-Gesetz by Laurel L. Russwurm <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0></a>https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ via <a href="https://www.flickr.com/photos/laurelrusswurm/16636502380/in/album-72157650957130240/">flickr</a>
    Kanada stoppt Metadaten-Weitergabe an Five Eyes

    Der kanadische Verteidigungsminister Harjit Sajjan hat laut der Nachrichtenseite CBC News die Weitergabe von bestimmten Metadaten an die Five-Eyes-Staaten vorläufig gestoppt. Bislang hatte der Geheimdienst Communications Security Establishment (CSE) diese Daten mit den USA, Australien, Neuseeland und Großbritannien geteilt.

    Grund für den temporären Stopp sei, dass in den weitergegebenen Metadaten Informationen enthalten gewesen seien, die Kanadier identifizieren könnten, sagte der Verteidigungsminister am Donnerstag. Die Entscheidung wurde gefällt, nachdem der Geheimdienst-Aufseher Jean Pierre Plouffe seinen jährlichen Bericht vorgestellt hatte. Laut CBC News sagte dieser:

    ‚While I was conducting this current comprehensive review, CSE discovered on its own that certain metadata was not being minimized properly,’ Plouffe explained in the report. ‚Minimization is the process by which Canadian identity information contained in metadata is rendered unidentifiable prior to being shared.’

    Die Sammlung und Weitergabe von Metadaten durch den CSE war durch die Snowden-Enthüllungen bekannt geworden. Im vergangenen Herbst war in Kanada die rechtskonservative Regierung abgewählt worden. Die Liberal Party unter dem Vorsitz von Justin Trudeau erreichte die absolute Mehrheit nach einem harten Wahlkampf, in dem das kurz vorher verabschiedete Überwachungsgesetz C‑51 eine große Rolle gespielt hatte.

    28. Januar 2016
  • : Wahlen in Kanada: Ein Wettlauf um die schlechteste Geheimdienstkontrolle?
    Demonstration gegen das c-51-Gesetz by Laurel L. Russwurm <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0></a>https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ via <a href="https://www.flickr.com/photos/laurelrusswurm/16636502380/in/album-72157650957130240/">flickr</a>
    Wahlen in Kanada: Ein Wettlauf um die schlechteste Geheimdienstkontrolle?

    Bei den gestrigen Parlamentswahlen in Kanada erreichte die Liberal Party von Justin Trudeau die absolute Mehrheit. Die Konservativen unter dem noch amtierenden Premierminister Stephen Harper wurden damit abgewählt. Im Wahlkampf spielte das unter Harper verabschiedete Überwachungsgesetz C‑51 eine große Rolle. Dieses im Juni verabschiedete Gesetzespaket stellte die umfassendste Erweiterung der Befugnisse von Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden seit 2001 dar.

    Das Gesetz löste bei seiner Einführung landesweiten Protest von Zivilgesellschaft und Verbänden aus. In die Debatte darum brachte sich im März dieses Jahres auch Edward Snowden ein. Nach dessen Einschätzung besitzt Kanada – als Teil des Five-Eyes-Netzwerks – die schwächste Geheimdienstaufsicht der westlichen Welt. Ob Kanada tatsächlich dieses Negativ-Ranking gegenüber Großbritannien für sich entscheidet, scheint allerdings fraglich.

    Die Liberal Party von Wahlsieger Trudeau hatte dem Gesetz im Parlament zugestimmt, obwohl führende Verfassungsrechtler es scharf kritisiert hatten. Zuletzt hatte Parteichef Trudeau sich selbst nicht festlegen wollte, ob C‑51 als verfassungskonform einzuschätzen sei. Er versprach jedoch im Falle eines Wahlsieges, die Aufsichts- und Kontrollmechanismen zu verbessern.

    Thomas Mulclair, von der drittplatzierten linken NDP, hatte angekündigt, die Geheimdienstbefugnisse wieder stark einzuschränken, sollte er Premierminister werden. Kurzzeitig waren ihm gute Chancen eingeräumt worden, als die NDP in Meinungsumfragen vor Konservativen und Liberal Party lag. Aufgrund des kanadischen Mehrheitswahlsystems hatten sie jedoch nur 44 der 338 Sitze im Unterhaus erhalten.

    Das im Juni beschlossene Überwachungspaket stattet insbesondere den kanadischen Geheimdienst CSIS mit weitreichenden Befugnissen aus. Die Grundlage dafür ist eine äußerst allgemein gehaltene Definition von „Gefahrenabwehr“. Der Geheimdienst soll hierdurch nicht mehr nur Nachrichtengewinnung und Verarbeitung betreiben, sondern Gefahren proaktiv bekämpfen. Alex Neve von Amnesty International Canada hatte die Befugnisse und Neuerungen des Gesetzes im Vorfeld scharf kritisiert:

  • CSIS threat reduction powers violate international human rights law;
  • CSIS threat reduction powers draw judges into human rights violations;
  • CSIS threat reduction powers show contempt for foreign law;
  • exempting only „lawful“ demonstrations from new definitions of threats to the security of Canada is an assault on edgy, agitated, meaningful protests by Indigenous peoples, environmental groups, the labour movement and others;
  • the new criminal offence of promoting terrorism “in general” will violate and chill free expression in ways we will likely never be able to measure;
  • the new information-sharing regime learns no lessons from the past and ignores judicial inquiries that have documented the human rights toll, including torture, of sharing irrelevant, inaccurate and inflammatory information;
  • expanded arrest powers that allow individuals to be held for up to seven days without being charged, violate international standards;
  • a new no-fly list appeal process is next to meaningless as it denies individuals access to the bulk of the information being used to keep them from boarding flights;
  • Vergleichbare Befürchtungen hatte der kanadische Datenschutzbeauftragte Daniel Therrien über das Gesetz geäußert. Ebenso äußerte sich auch sein Mitarbeiter Steven Johnston bei einem Workshop vergangene Woche in Berlin. Er kritisierte dort, dass die Regierungen und Geheimdienste vieler Länder, keine stichhaltigen Informationen und Begründungen für die Ausweitung ihrer Befugnisse hätten. Bei der Einführung des C‑51-Gesetzes hatten auch kanadische Behörden keine Rechenschaft über die Effektivität bereits bestehender Überwachungsmaßnahmen ablegen müssten.

    Eine Kontrolle von geheimdienstlicher Arbeit findet Johnston zufolge in Kanada stets im Nachhinein statt. Diese wird durch ein formal unabhängiges Gremium, das Security Intelligence Review Committee, ausgeübt. Doch dessen Ausstattung an Mitarbeitern und Ressourcen gelten schon seit langem als unzureichend für ihre Aufgabe. Die Geheimdienstaufsicht komme daher regelmäßig zu dem beunruhigendem Urteil, „ schlichtweg nicht genügend Beweise zu haben, dass etwas Unrechtmäßiges vor sich geht“, so Johnston. Welche konkreten Verbesserungen von der neuen Regierung unter Trudeau zu erwarten sind, bleibt abzuwarten.

    Jedoch dürften auch die Verlierer der gestrigen Parlamentswahl einen besonderen Grund zur Freude haben. Auf Grundlage des 2014 verabschiedeten Fair Election Act haben alle Parteien nun Zugang zu einer elektronischen Liste von allen BürgerInnen, samt Adressen, die an den Wahlen teilgenommen haben. Indem sie diese Listen mit parteiintern generierten Informationen verknüpfen, könnten sie so wertvolle Hinweise über ihre Wählerklientel gewinnen.

    20. Oktober 2015 5
  • : Kein Problembewusstsein bei Bundesregierung zu geplantem Fluggastdatenabkommen mit Mexiko
    Beim Flug nach Mexiko könnten Fluggesellschaften schon bald verpflichtet sein, ausführliche Daten über ihre Reisenden an mexikanische Behörden weiterzugeben.
    Kein Problembewusstsein bei Bundesregierung zu geplantem Fluggastdatenabkommen mit Mexiko

    Die EU arbeitet mit Hochdruck an einem Abkommen über die Übermittlung und Verwendung von Fluggastdaten (PNR-Abkommen) mit Mexiko. Dabei ist ein solches Abkommen zur Datenweitergabe kritisch, es wird befürchtet, dass Daten zur Analyse von politisch Unerwünschten benutzt werden könnten, die von mexikanischen Behörden und der von Korruption beeinflussten Polizei verfolgt werden. Die Menschenrechtslage in Mexiko ist angespannt, das plötzliche „Verschwinden“ von Systemkritikern ist ein bekanntes Problem.

    Jan Korte von den Linken im Bundestag hat deshalb eine Kleine Anfrage gestellt und nach dem aktuellen Stand der Verhandlungen in der EU, der Rolle Deutschlands in denselben und geplanten Absicherungen gegen Datenmissbrauch gefragt. In der Antwort wird vor allem deutlich, wie schlecht die Bundesregierung über den Stand der Dinge informiert ist.

    Es sei weder ein konkreter Zeitplan bekannt noch von Mexiko geforderte Eckpunkte des geplanten Abkommens. Nicht einmal, welche mexikanischen Behörden Zugriff auf die Daten haben sollen, weiß man. Reichlich wenig Überblick, wenn man bedenkt, dass mit der Übermittlung von sogenannten Passenger Name Records (PNR) eine Vielzahl persönlicher Daten übertragen werden – bis zu 60 verschiedene Einzelinformationen aus dem Buchungsvorgang mit Daten über den Flug und gebuchte Zusatzleistungen, das Reisebüro, IP-Adressen, Mailadressen, Telefonnummern, Essenswünsche und anderes.

    Danach gefragt, welche Datenschutzvorkehrungen geplant seien, driftet die Bundesregierung ins Floskelhafte. „Zahlreiche Datenschutzgarantien“ seien vorgesehen, darunter „Regelungen zur Datensicherheit“. Welche Regelungen das sind und vor allem wer sich um deren Einhaltung kümmert – darüber schweigt man sich aus. Besonderes Problembewusstsein hinsichtlich der grundrechtssensiblen Daten der Reisenden lässt das nicht gerade erkennen. Auch als gefragt wird, welche Ziele und Vorschläge Deutschland in die Diskussion eingebracht habe, gibt es nichts Konkretes zu berichten:

    [Es] war der Bundesregierung wichtig, durch geeignete Formulierungen im Mandat sicherzustellen, dass das Mandat zu gegebener Zeit an die Vorgaben des EuGH im erwarteten Gutachten zum Entwurf eines PNR-Abkommens mit Kanada angepasst wird. Das ist durch Ziffer 4 der vom Rat für allgemeine Angelegenheiten beschlossenen Verhandlungsrichtlinien (Dok. 9218/3/15) sichergestellt. Im Hinblick darauf hat die Bundesregierung davon abgesehen, spezifische Vorschläge zu allen Regelungsgegenständen des Mandats einzubringen.

    Das angesprochene Gutachten soll nach der Abschaffung der EU-Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie prüfen, ob eine Vorratsdatenspeicherung und Übermittlung von PNR-Daten überhaupt rechtlich tragbar ist. Wunderlich ist, wieso sich die EU im Fall Mexiko durch Sanktionsdrohungen derart unter Druck setzen lässt, dass sie nicht auf das betreffende Gutachten warten will und stattdessen einen grundrechtsproblematischen Schnellschuss plant.

    Das Kanada-PNR-Gutachten, das von der Bundesregierung frühestens Ende 2015 erwartet wird, dürfte auch Auswirkungen auf andere existierende und geplante Abkommen haben, denn Mexiko ist nicht das einzige Land, das derzeit eine Übermittlung von Passagierdatensätzen fordert. Mit dabei, so geht aus der Antwort hervor, sind auch Japan, Saudi-Arabien, Katar, Südkorea und Neuseeland. Die Folge: Ein EU-Musterabkommen ist angedacht, das der Datenübermittlung in Nicht-EU-Staaten Tür und Tor öffnen wird. Die Bundesregierung begrüßt diesen Vorschlag, „ein ‚Modell-PNR-Abkommen’ zu erarbeiten“. Jan Korte sieht das anders:

    Wer mit Mexiko ein Fluggastdatenabkommen abschließt, der öffnet die Büchse der Pandora. Die Entwicklung von Musterabkommen, wie sie sowohl die EU-Kommission als auch die Bundesregierung vorantreiben, befördert die Entwicklung hin zu globalen Vorratsdatenspeicherungen aller Flugbewegungen und öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. Wenn undemokratische Staaten, in denen die Menschen- und Grundrechte regelmäßig verletzt und mit Füßen getreten werden, erst einmal Zugang zu den Daten haben, ist ihre weitere Verwendung unkontrollierbar. Dies ist unverantwortlich und muss unbedingt verhindert werden.

    Doch wozu das alles? Die Argumentationsmuster sind bekannt, im rhetorischen Mittelpunkt steht die Bekämpfung organisierter Kriminalität und des Terrorismus. Doch es ist mehr als fragwürdig, ob ein derartiger Grundrechtseingriff mit der nicht-nachweisbaren Aufklärungsverbesserung gerechtfertigt werden kann. Die Bundesregierung kann nicht beantworten, in wie vielen Fällen „aus PNR gewonnene analytische Informationen an Europol und Eurojust durch das US-Department of Homeland Security“ übermittelt wurden. Der deutsche Zollfahnungsdienst habe seit 2011 zweimalig PNR-Informationen aus den USA bekommen – einmal für Ermittlungen in Sachen Steuerhinterziehung und Bestechlichkeit sowie im Rahmen des Verdachts auf Geldwäsche. Dass es keine Angaben gibt, ob diese Daten erfolgreich zu den Rahmenermittlungen beigetragen haben, zeigt klar, dass es vollständig unverhältnismäßig ist, auf dieser Grundlage eine anlasslose Speicherung all jener Passagierdaten vorzunehmen. Korte macht einen Alternativvorschlag: „Für die Luftsicherheit sind nicht immer neue unverhältnismäßige Vorratsdatenspeicherungen, sondern mehr und besser ausgebildetes und bezahltes Luftsicherheitspersonal von Nöten.“

    Und zwar egal, ob es hier um Mexiko oder ein anderes Land geht. Diplomatischer Druck und die Androhungen von Sanktionen sollten hier nicht zum Handlungsmotor werden, sondern die Wahrung der Grundrechte aller Bürger.

    7. September 2015 8
  • Babar: Neuer Staatstrojaner von Frankreich enttarnt
    Folie des kanadischen Geheimdiensts über französischen Staatstrojaner "Babar".
    Babar Neuer Staatstrojaner von Frankreich enttarnt

    Vor einem Monat veröffentlichte das Spiegel-Team unter dem Titel Die NSA rüstet zum Cyber-Feldzug neue Snowden-Dokumente. Unter den insgesamt 36 PDF-Dateien findet sich auch die Analyse eines Trojaners „Babar“ (Mirror), den der kanadische Geheimdienst CSEC der französischen Regierung zuschreibt.

    Zwei neue Untersuchungen ziviler Forscher/innen untermauern diese Behauptung jetzt. Marion Marschalek berichtet auf dem Firmen-Blog von Cyphort Labs: Babar: Suspected Nation State Spyware In The Spotlight

    The internal project name of the analyzed malware is „Babar64“, which rings a bell when thinking back of documents leaked through Der Spiegel back in January. There, a slide deck originating from Communications Security Establishment Canada (CSEC) describes an alleged nation state malware named Babar. The samples at hand fit well with what is described in the CSEC document; and, as CSEC states they are suspected to originate from French intelligence.

    As it is with binary attribution, these allegations are impossible to prove without the shadow of a doubt. What we can say with certainty though is that Babar strikes the analyst with sophistication not typically seen in common malware. Furthermore, the binaries come with the same handwriting as the malware dubbed „Bunny“ which we have blogged about before. We assume the same author is behind both families.

    ElephantosisZusammen mit über fünf weiteren Forschern, darunter Morgan Marquis-Boire, veröffentlichte sie gleichzeitig den Bericht „Shooting Elephants“ (No elephants were harmed in the making of this report.) Das PDF ist leider original auf Google Drive, also spiegeln wir es lokal.

    The myth of Babar has been around for a while in the intelligence community. Questions have been raised since Le Monde published an article on Babar in 2014 and were recently fuelled by a leaked government presentation found among a stash of documents published in January by Spiegel. The leaked document was authored by the Communications Security Establishment Canada (CSEC) and reports about a potential nation state attack involving malware named Babar. The actor behind the attacks is assumed to be French inteligence. Assumptions are based on certain binary attributes, language and location of infrastructure as well as targets.

    The binaries at hand fit well with the description CSEC provides, although it is quite clear they are a newer version from what CSEC had uncovered around 2009. It is not clear whether the compilation timestamps are falsified, but an earlier compilation time than the actual stamp seems unlikely.

    Doubtlessly though, the Babar binaries match with a malware strain representing itself as Bunny, as well as a family dubbed NBOT or TFC.

    Weitere Erkenntnisse wird die Malware-Forscherin Marion Marschalek im März auf der Konferenz SyScan Singapore präsentieren. Lorenzo Franceschi-Bicchierai hat bei Motherboard eine weitere Zusammenschrift: Meet Babar, a New Malware Almost Certainly Created by France.

    18. Februar 2015 1
  • Levitation: Kanadischer Nachrichtendienst CSE überwacht jeden Tag 15 Millionen Datei-Downloads
    Levitation Kanadischer Nachrichtendienst CSE überwacht jeden Tag 15 Millionen Datei-Downloads

    Das kanadische CBC News veröffentlicht ein neues Snowden-Dokument:

    Canada’s electronic spy agency sifts through millions of videos and documents downloaded online every day by people around the world, as part of a sweeping bid to find extremist plots and suspects, CBC News has learned.

    Under Levitation, analysts with the electronic eavesdropping service can access information on about 10 to 15 million uploads and downloads of files from free websites each day, the document says.

    „Every single thing that you do — in this case uploading/downloading files to these sites — that act is being archived, collected and analyzed,“ says Ron Deibert, director of the University of Toronto-based internet security think-tank Citizen Lab, who reviewed the document.

    Analysts find 350 „interesting download events“ each month, less than 0.0001 per cent of the total collected traffic, according to the top-secret presentation.

    Once a suspicious file-downloader is identified, analysts can plug that IP address into Mutant Broth, a database run by the British electronic spy agency Government Communications Headquarters (GCHQ), to see five hours of that computer’s online traffic before and after the download occurred.

    That can sometimes lead them to a Facebook profile page and to a string of Google and other cookies used to track online users’ activities for advertising purposes. This can help identify an individual.

    cse-presentation-on-the-levitation-project-15-730

    Und nochmal bei The Intercept: Canada Casts Global Surveillance Dragnet Over File Downloads.

    Das Original-PDF gibt’s in der Amazon-Cloud oder von uns gespiegelt.

    28. Januar 2015 6
  • : Kanadische Provider müssen Warnhinweise an Copyright-Sünder schicken
    Kanadische Provider müssen Warnhinweise an Copyright-Sünder schicken

    In Kanada ist ein neues Warnhinweis-Modell in Kraft getreten: Kanadische Provider müssen Warnhinweise an Copyright-Sünder schicken. Rechteinhaber können bei Verdacht die IP-Adresse und ein Warnschreiben an Provider übermitteln, diese müssen das dann als Zwischeninstanz an ihre Kunden weitergeben und das in einer Datenbank sammeln. Die Vorgehensweise ähnelt der Vorstellung unserer Rechteindustrie, die sich sowas für uns auch wünschen.

    Nachdem nun die letzte Stufe des „Copyright Modernization Act“ in Kraft getreten ist, müssen Zugangsanbieter und Hostprovider auch Daten rund um die Verwarnungen sechs bis zwölf Monate aufbewahren. Wenn ein Rechteinhaber gegen den Copyright-Sünder zivilrechtlich klagen will, kann er Einsicht in die digitalen Akten beantragen und so Auskunft über die Nutzerinformationen erhalten. Illegale Up- und Downloads können in Kanada bei persönlicher Nutzung mit bis zu 5000 Dollar pro Werk geahndet werden, wenn ein kommerzieller Gewinn erzielt wurde mit bis zu 20.000 Dollar.

    5. Januar 2015
  • : Löschungen im Internet: Bundesregierung erklärt Google & Co. die „hiesige Auslegung von Anstand, Sitte und Moral“
    Die InnenministerInnen von Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein wollen " terroristische Inhalte möglichst rasch aus dem Internet" löschen.
    Die InnenministerInnen von Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein wollen " terroristische Inhalte möglichst rasch aus dem Internet" löschen.
    Löschungen im Internet: Bundesregierung erklärt Google & Co. die „hiesige Auslegung von Anstand, Sitte und Moral“

    Eigentlich ist das Bundesinnenministerium mit der Praxis von „Telemediendiensten“ zufrieden, gewaltverherrlichende Inhalte „ohne Aufforderung durch Behörden“ zu sperren oder zu löschen. Für den Geltungsbereich des Grundgesetzes seien der Bundesregierung hierzu „keine konkreten Defizite“ bekannt. So steht es in der Antwort auf eine parlamentarische Initiative, die sich nach dem Löschen von Internetinhalten erkundigte.

    Das gilt jedoch nicht für Twitter, Google, Microsoft und Facebook. Denn dabei handele es sich laut dem Ministerium um amerikanische Unternehmen, die für ihre Geschäftsbedingungen amerikanisches Recht zugrunde legen. Google & Co. könnten demnach bei der Bewertung gewaltverherrlichender Inhalte zu anderen Ergebnissen kommen, „als es nach deutschem Recht oder hiesiger Auslegung von Anstand, Sitte und Moral der Fall wäre“.

    Abendessen mit den EU-Innenministern

    Die Bundesregierung unternimmt deshalb gleich auf mehreren Ebenen Anstrengungen, um „Großunternehmen der Internet-Branche“ zu mehr Kooperation zu bewegen. Im Oktober hatten die EU-Innenminister mehrere Konzerne zum Abendessen mit der damals noch amtierenden italienischen Ratspräsidentschaft und der ebenfalls mittlerweile abgelösten Innenkommissarin Cecilia Malmström eingeladen. Zum Inhalt ist wenig bekannt, in der nun vorliegenden Antwort ist die Rede von „Herausforderungen, die aus der Nutzung des Internets durch Terroristen erwachsen“. In einer früheren Antwort hieß es, bei dem Dinner seien „Verfahrensanforderungen“ erörtert worden.

    Auf dem informellen G6-Treffen hatte sich das Bundesinnenministerium schließlich mit fünf weiteren EU-Regierungen sowie den USA, Kanada und der Türkei über das Thema „Digitaler Djihad“ sowie „Radikalisierung durch das Internet und die Zusammenarbeit mit Industrie und Providern“ ausgetauscht. Dabei geht es wohl um den Ausbau vorhandener Möglichkeiten zur Löschung von Inhalten, denn deutsche Behörden machen längst von der Möglichkeit Gebrauch, Diensteanbieter „auf islamistische, rechtsextreme oder strafrechtlich relevante Internetinhalte hinzuweisen“.

    Mehr Anstrengungen zu „Gegenpropaganda“

    Viele Regierungen wollen aber auch Gegenpropaganda (O‑Ton FAZ im Gespräch mit dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière) im Internet verbreiten. Auf EU-Ebene wurde mittlerweile ein „Syria Strategic Communication Advisory Team“ (SSCAT) ins Leben gerufen. Die neuartige Einrichtung soll die EU-Mitgliedstaaten bei der Ausarbeitung von Kampagnen zur „strategischen Kommunikation“ bezüglich „ausländischer Kämpfer“ unterstützen. Auf diese Weise soll eine „Anwerbung für den Terrorismus“ eingedämmt werden. Die EU-Kommission fördert das Projekt zunächst mit einer Million Euro. Das noch im Aufbau befindliche „Ratgeber Team“ wird von einer Arbeitsgruppe des britischen Innenministeriums angeführt. Perspektivisch sollen auch Drittstaaten teilnehmen, anvisiert sind Tunesien, Marokko, Jordanien und die Türkei.

    Eine ähnliche Initiative hat das niederländische Ministerium für Sicherheit und Justiz gestartet. Unter dem Namen „European Joint Initiative an Internet and Counterterrorism“ (EJI-ICT) soll laut der Bundesregierung „gegen die Nutzung des Internets durch Terroristen zu Propagandazwecken, Rekrutierung, Kommunikation und Planung von Anschlägen vorgegangen werden“. Im Gegensatz zum SSCAT soll es aber lediglich um den Austausch von Maßnahmen und Erfahrungen gehen. Das Bundesinnenministerium habe sich bisher nicht beteiligt.

    Auf dem sogenannten „Fünfländertreffen“ der InnenministerInnen aus Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein haben die zuständigen Behörden jedoch Ende Oktober die Entwicklung eines „deutschsprachigen Aufklärungsangebots im Internet“ verabredet. In Deutschland ist die Bundeszentrale für politische Bildung mit entsprechenden Vorhaben befasst.

    5. Januar 2015 4
  • : Luftkrieg um Passagierdaten: EU-Regierungen ignorieren Parlamente, Abkommen nun sogar mit Türkei geplant
    Auszug aus einem PNR-Datensatz (Bild: Edward Hasbrouck).
    Auszug aus einem PNR-Datensatz (Bild: Edward Hasbrouck).
    Luftkrieg um Passagierdaten: EU-Regierungen ignorieren Parlamente, Abkommen nun sogar mit Türkei geplant

    Mit drei Ländern hat die Europäische Union bereits Abkommen zum Tausch der sogenannten Passenger Names Records (PNR) geschlossen: 2011 konnte Australien die längst praktizierte Weitergabe in einen endgültigen Vertrag überführen, 2012 wurde ein Abkommen mit den USA geschlossen, diesen Sommer folgte schließlich Kanada. Vor jedem Flug in die betreffenden Länder müssen weitreichende Informationen über die Reisenden an die zuständigen Grenzbehörden übermittelt werden. Zu PNR-Daten gehören ausführliche Kontaktangaben sowie die Reiseroute, das ausstellende Reisebüro, Kreditkarteninformationen oder Essenswünsche (insgesamt bis zu 60 Datenfelder). Auch wer mit wem in Hotelzimmern übernachtet wird für bis zu 15 Jahre gespeichert.

    EU-Abgeordnete, die den Abkommen damals kritisch gegenüberstanden, wurden mit dem Vorschlag beruhigt dass die EU zukünftig ein eigenes PNR-System einrichten könnte. Allerdings war ein entsprechender Vorschlag der Kommission im LIBE-Ausschuss (der Innenausschuss des EU-Parlaments) zunächst abgelehnt worden. Nachdem das Parlament 2012 ebenfalls Kritik äußerte und den Vorschlag an den Innenausschuss zurücküberwies, passierte lange erstmal nichts.

    Innenausschuss bleibt hart…

    Im Rahmen der zahlreichen Maßnahmen gegen „ausländische Kämpfer“ erlebt das EU-PNR-System aber eine Wiederauferstehung: Auf allen Ebenen geben einige EU-Mitgliedstaaten Gas, um das Parlament zu einem Abschluss zu bewegen. Acht Regierungen, darunter auch Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande hatten hierzu im September eine gemeinsame Erklärung an das neu gewählte Parlament zirkuliert. Ein EU-PNR-System wird dort als unabdinglich betzeichnet, gegen „ausländische Kämpfer“ vorzugehen. Das System könne demnach noch bessere Ergebnisse liefern, würde es in Kombination mit dem Schengener Informationssystem genutzt. Die Minister drohen an, auf der Einrichtung des EU-PNR zu bestehen.

    Alle Anstrengungen waren jedoch erfolglos, denn der LIBE-Ausschuss lehnte ein EU-PNR erneut ab. Das hält die Regierungen jedoch nicht davon ab, weiter Druck aufzubauen. In zahlreichen, nicht bindenden EU-Dokumenten, wird die Absicht eines EU-PNR erneuert. Auch supranationale Zusammenschlüsse werden nun genutzt, um die Abgeordneten zur Zustimmung zu bewegen.

    Der LIBE-Ausschuss hatte überdies sogar beschlossen, das Abkommen mit Kanada durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) überprüfen zu lassen. Hintergrund ist das Urteil zur Vorratsdatenspeicherung, das nach Meinung vieler Abgeordneter die anlasslose Sammlung von Fluggastdaten verbietet. Auch hier hatten die Mitgliedstaaten und die Kommission mit allen Mitteln versucht, die negative Entscheidung zu verhindern.

    … Mitgliedstaaten ebenfalls

    Dadurch kommt die EU allerdings in große Bedrängnis, denn bis zu einer Entscheidung des EuGH dürften die Abgeordneten keinen weiteren Abkommen zustimmen. Russland, Mexiko und Südkorea fordern mittlerweile ebenfalls die Übermittlung von PNR-Daten, Mexiko droht nun sogar mit Landeverboten. Stress gibt es auch mit Großbritannien, dies betrifft allerdings sogenannten Advanced Passenger Information (API). API-Daten werden auch zwischen innereuropäischen Staaten vor jedem Flug getauscht, Deutschland praktiziert dies jedoch nicht. Die Regierung in London will nun einheitliche Standards durchsetzen und droht der Lufthansa mit Landeverboten.

    Ungeachtet der Blockade durch die Abgeordneten treiben die im Rat der Europäischen Union zusammengeschlossenen Mitgliedstaaten nun weitere PNR-Abkommen voran. Im Mai hatte der EU-Anti-Terror-Koordinator Gilles de Kerchove bereits geraten, mit der Türkei „gemeinsame Arbeiten im Bereich der Luftfahrtsicherheit“ zu beginnen. Eine der Maßnahmen sollte demnach „die bessere Verarbeitung von erweiterten Fluggastdaten im Zusammenhang mit Reisebewegungen durch Einrichtung von PNR-Zentralstellen“ beinhalten.

    Der Daseinszweck des EU-Anti-Terror-Koordinators besteht darin, als Hardliner weitgehende Vorschläge zu machen die dann in Teilen tatsächlich durchgedrückt werden. So auch im Bezug auf die Türkei: Im Oktober reiste Kerchove mit der Kommission und dem Auswärtigen Dienst in die Türkei, um die Türkei zur Weitergabe von Passagierdaten zu bewegen. Das Parlament wurde hierüber nicht informiert, denn legal wäre ein solcher Austausch nicht.

    Weitere Beratungen diese Woche

    Die Einrichtung eines EU-PNR-Systems wird am Freitag auf dem Treffen der EU-Innenminister weiter beraten. Während des Mittagessens wollen die Minister überlegen, wie das Parlament doch noch von einem Abschluss überzeugt werden kann. Am Mittwoch soll der neue EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos zunächst dem Innenausschuss gut zureden. Rückendeckung kommt von der Kommission, die inzwischen in 15 Mitgliedstaaten die Einrichtung nationaler PNR-Systeme finanziert hatte. Nun wird behauptet, dass diese in einem Zentralsystem „harmonisiert“ werden müssten, die Einführung eines EU-PNR also unentbehrlich sei. Bis Anfang des Jahres hat die Kommission hierfür weitere Mittel reserviert. Ein Land wie die Niederlande, das kein PNR-System beschaffen will, würde auf diese Weise zur Einführung gezwungen.

    Offen ist auch, ob die Abgeordneten im LIBE-Ausschuss sich dazu bewegen lassen das geplante EU-PNR-System und das Abkommen mit Kanada getrennt zu behandeln. Wenn nicht, läge das EU-System für eine längere Zeit auf Eis.

    1. Dezember 2014 2
  • : Geheimschutz mit Five-Eyes-Staaten: Abkommen mit Australien, Kanada und Großbritannien jetzt online
    Geheimschutz mit Five-Eyes-Staaten: Abkommen mit Australien, Kanada und Großbritannien jetzt online

    Drei der fünf Geheimschutzabkommen der Bundesrepublik mit den Five Eyes Staaten sind jetzt online zugänglich. Das ist das Ergebnis einer Informationsfreiheits-Anfrage. Mit Neuseeland besteht demnach aktuell kein Abkommen, das mit den USA ist geheim.

    14. November 2014 5
  • : Comprehensive Economic and Trade Agreement: We’re publishing „the full set“ of secret CETA-documents (Updates)
    Steve Verheul, chief negotiator of Canada. Picture: <a href="http://www.pism.pl/">The Polish Institute of International Affairs</a>. License: Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">BY-NC-ND 2.0</a>.
    Comprehensive Economic and Trade Agreement: We’re publishing „the full set“ of secret CETA-documents (Updates)

    The planned Trade Agreement with Canada is almost finished, but still not fully known to the public. We are publishing „the full set of corresponding texts“, over 1.600 pages. While analysis is still ongoing, we already identified „highly problematic“ provisions on data protection and copyright.

    12. September 2014
  • : Europäisch-Kanadisches Freihandelsabkommen: Wir veröffentlichen sämtliche geheime CETA-Dokumente (Update)
    Steve Verheul, chief negotiator of Canada. Picture: <a href="http://www.pism.pl/">The Polish Institute of International Affairs</a>. License: Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">BY-NC-ND 2.0</a>.
    Europäisch-Kanadisches Freihandelsabkommen: Wir veröffentlichen sämtliche geheime CETA-Dokumente (Update)

    Das geplante Freihandelsabkommen mit Kanada ist fast fertig, aber der Öffentlichkeit noch immer nicht in vollem Umfang bekannt. Wir veröffentlichen an dieser Stelle sämtliche Dokumente des über 1.600-seitigen Vertrags. Darin finden sich auch höchst problematische Bestimmungen zu Urheberrecht und Datenschutz.

    11. September 2014 40
  • : Informationsfreiheits-Ablehnung des Tages: Freihandelsabkommen CETA hat Nachteile auf internationale Beziehungen
    Steve Verheul, chief negotiator of Canada. Picture: <a href="http://www.pism.pl/">The Polish Institute of International Affairs</a>. License: Creative Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">BY-NC-ND 2.0</a>.
    Informationsfreiheits-Ablehnung des Tages: Freihandelsabkommen CETA hat Nachteile auf internationale Beziehungen

    Das Bekanntwerden des europäisch-kanadischen Freihandelsabkommens CETA hätte „nachteilige Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen“. Mit dieser Begründung verweigert das Wirtschaftsministerium unsere Informationsfreiheits-Anfrage nach dem Verhandlungstext. Auch Politiker und Ministerien geben sich wortkarg: Von zehn angefragten Stellen haben uns nur drei geschrieben, aber ohne Aussage.

    26. August 2014 2