Hate Speech

  • : #hatespeech im globalen Kontext
    <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" >CC BY 2.0</a> by <a href="https://www.flickr.com/photos/zeevveez/7186553884/" >zeevveez</a>
    #hatespeech im globalen Kontext

    Sie sind wieder da: Die Hetze, die Gewalt, die Glorifizierung und Legitimierung von Rassismus und Intoleranz. Die massenhafte Radikalisierung spiegelt sich als #hatespeech im Netz, wo kommerzielle Plattformen beliebte Trends bekanntermaßen verstärken.

    Auf den Kopf gefallen? #takedown #hatespeech #freespeech

    Als Reaktion präsentierte Heiko Maas (BMVJ) im Januar diesen Jahres eine Kooperation zwischen den „Internetanbietern“ (!) Google, Facebook und Twitter sowie „zivilgesellschaftlicher“ (!) Organisationen: eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), jugendschutz.net, klicksafe.de, die Amadeu-Antonio-Stiftung und der Verein Gesicht zeigen! Ziel war es, Mechanismen zum Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften zu entwickeln: Die Unternehmen sollen #hatespeech als Task Force nach Nutzer_Innenmeldung und Prüfung innerhalb von 24 Stunden löschen. Zusätzlich vereinbarte man einen verstärkten Informationsaustausch, regelmäßige Mitarbeiterschulungen, die gemeinsame Erarbeitung von Informationsmaterialien sowie die Bereitstellug von Anzeigevolumina für die „NGOs“ auf den Plattformen. Seit diesem Monat unterliegt die Umsetzung der Selbstregulierung auch einem Monitoring.

    Eine gute Lösung? Nein.

    Klingt schön einfach und effektiv, stellt aber nicht nur die weltweite Presse- und Meinungsfreiheit infrage: Wie bereits in der Zensursula-Debatte (2009), erscheint zunächst Skepsis angebracht hinsichtlich der Effektivität der Maßnahme – hier mit Blick auf Filter Bubbles, die #hatespeech oft nur seinen Sympathisant_Innen offenbaren, deren Meldung unwahrscheinlich ist (zu gezielten Attacken weiter unten). Die enorme Menge und Verbreitungsgeschwindigkeit von Inhalten stellen darüber hinaus die Effizienz des Ansatzes in Frage, wie international vergleichbare Projekte zeigen: In Australien beispielsweise kombinierte das Monitoringprojekt fightagainsthate.com des Online Hate Prevention Institutes nach Frustration mit klassischen Analyseinstrumenten ein Crowdsourcing der Meldungen von #hatespeech mit Formen der automatisierten Datenanalyse, kollektiven Intelligenz und menschlichen Expertise – und erhielt im Ergebnis nicht nur interessante Einsichten in die unterschiedlichen Funktionsweisen der Plattformen, sondern ein Realtime-Monitoring, so CEO Dr. Andre Oboler auf dem UN Symposium Tracking Hatred: An International Dialogue on HATE SPEECH in the Media (Dezember 2015). Das Beispiel zeigt in die Zukunft von Content Moderation.

    Wiewohl sie auf den ersten Blick vermutlich humaner erscheint als das Outsourcing der Drecksarbeit in die Philippinen, ist auch diese Entwicklung nicht unkritisch: Wie die Verge in The Secret Rules of the Internet jüngst anschaulich illustrierte, muss die #hatespeech-Diskussion einerseits die fundamentalen Abweichungen von elementaren Anforderungen an verantwortungsvolle Content Moderation und Selbstregulierung berücksichtigen – beispielsweise Transparenz, Konsistenz, die Möglichkeit der Revision, andererseits die äußerst geringe Motivation der Plattformanbieter, die Verfahren zu ändern. Verbunden mit Technologien der automatisierten Daten – und Netzwerkanalyse sowie der kollektiven Intelligenz, stellten sich die Moderationspraktiken hierzulande mindestens als höchst undurchsichtig dar. Weltweit birgten sie ein enormes Mißbrauchspotential für weitere Zensurmaßnahmen und engten damit den in autoritären Regimen ohnehin äußerst engen und vor allem durch Social Media geschützten öffentlichen Diskursraum weiter ein.

    #hatespeech im globalen Kontext

    Was tun? Angesichts der traditionellen Alternativlosigkeit der deutschen Diskussion, die dem Löschen von Inhalten lediglich recht unkonkrete #counterspeech-Ansätze gegenüberstellt, konsultierte ich das Netz, weltweit, und fand ein paar bedenkenswerte Einsichten und Vorschläge, insbesondere im bereits erwähnten UN Symposium Tracking Hatred: An International Dialogue on HATE SPEECH in the Media (Dezember 2015) die ich hier exemplarisch vorstellen, diskutieren und zur Diskussion stellen möchte:

    Dimensionen: #incitementspeech, #hatespeech , #offensivespeech/ #strategiclitigation

    Zunächst einmal unterscheide man grundlegend #incitementspeech, #hatespeech und #offensivespeech voneinander, so Dr. Agnès Callmard (Columbia University Global Freedom of Expression, UN Symposium). Nicht aus Gründen der analytischen Spitzfindigkeit, sondern mit Blick auf Wirkung und Einschränkung: #incitementspeech als Aufforderung zu Gewalt, Terrorismus und Völkermord sei international beispielsweise auf Basis der UN Genocide Convention, der UN Convention on Racism sowie dem International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR) illegal (Factsheet Europa). #hatespeech, begriffen als Aufforderung zu Diskriminierung oder als Glorifizierung, Förderung oder Legitimierung von Rassismus und Terrorismus sei dagegen nicht international, aber zumeist national illegal (mit Ausnahme der USA, in Deutschland beispielsweise durch die Schranken zu Art. 5 GG sowie den Artikel der Volksverhetzung). #offensivespeech als Verbreitung und Propaganda von Fremdenfeindlichkeit und Stereotypen ist zumeist legal, eine häufige Ausnahme beträfe Blasphemie. Die rechtliche Einordnung eröffnet die Möglichkeit strategischer Gerichtsverfahren.

    Varianz: #hatespeech, #netzwerkeffekte, #strategies, #context

    Zudem schlug Callamard sinnvolle Differenzierungen von #hatespeech-Akten vor, beispielsweise nach Einfluss der Speaker_In, Zusammensetzung des Publikums, Intention, Inhalt, und Ziele des Sprechaktes, Zielgruppe/-objekt und Medium etc. Diese unterstützen die Analyse von #hatespeech als politische Strategie, beispielsweise zur Rekrutierung von Sympathisant_Innen oder zur Einschüchterung von Aktivist_Innen. Die Unterscheidungen implizieren einerseits die Sinnhaftigkeit von ebenso strategischen Reaktionen, die andererseits variierende Netzwerkeffekte der großen Plattformanbieter berücksichtigen muss: Aufrufe zu Gewalt verbreiteten sich besonders schnell über Twitter, die Holocaust-Leugnung sei besonders bei Facebook virulent, so Oboler über die australischen Einsichten ebenfalls auf dem UN Symposium.

    Anhand der Einordnung der Entstehung, Verbreitung und Politisierung der umstrittenen Videos „The Innocence of Muslims“ (2012) pointierte Dr. Moustafa Bayoumi (Brooklyn College, Autor: „How Does It Feel To Be A Problem? Being Young and Arab in America?“, UN Symposium), dass nicht nur die Ursachen von #hatespeech in lokalen und globalen Konflikten liegen. Sondern, dass #hatespeech auch erst im Kontext dieser Konflikte Geltung erlangt, ein Fakt, der reale Verantwortlichkeiten von Führungspersönlichkeiten und Publikum hervorhebt.

    #wastun? #targetingtheaudience, #protectingthevictims, #preventingviolence

    Der Komplexität des Problems stehen zahlreiche Ansätze und Initiativen gegenüber, ein Versuch einer Ordnung:

    #targetingtheaudience: Mit dem Ziel, #hatespeech seinen fruchtbaren Boden beim Publikum zu entziehen bzw. seine Wirkung auf reale Gewaltausbrüche so reduzieren, initiierten Minderheiten in Wien und Südkalifornien beispielsweise Nachbarschaftskontakte, die von enger Kooperation mit lokalen Mainstreammedien, massiver Advocacy/ Sensibilisierung und Preisverleihungen begleitet waren. Den in der UN Diskussion als erfolgreich eingeschätzten Projekten stehen in diesem Kontext umstrittene #shaming-Ansätze aus Brasilien gegenüber: Hier soll #hatespeech auf Plakate ausgedruckt und in der Nähe der Wohnorte der Speaker_Innen verteilt werden. Als kritisch werden dabei Datenschutzbedenken und Wirkung eingeschätzt.

    Auf Plattformen übertragen, bietet der #targetingtheaudience-Ansatz beispielsweise die Möglichkeiten, Nutzer wie bei Advertisement auf besonders dubiose Quellen oder Alternativangebote aufmerksam zu machen oder dem Konsum rassistischer Angebote gezielte Alternativinformationen voran zu stellen, wie das Projekt Search Racism. Find Truth eindrücklich belegt.

    #protectingthevictims/ #counterspeech: #hatespeech wirkt traumatisch. Um die toxische Wirkung auf Betroffene und Aktivist_Innen zu lindern und einzugrenzen, empfehlen sich #counterspeech, #campaigns, #awareness und #medialiterary, allerdings unter Bedingungen und in Grenzen, so scheint mir: Ihre Effektivität erforderte wohl zunächst ein adäquates Capacity Building für die engagierte Zivilgesellschaft, nicht nur hinsichtlich von Training und Awareness, sondern im Zweifelsfall auch mit Blick auf Sicherheitsvorkehrungen für Aktivist_innen, wie Sicherheitsprobleme bei der Ausrichtung des Online Harassment Summit (SXSW Festival) jüngst zeigten.

    Mit Blick auf eine strategische #counterspeech-Ausrichtung, eine zielgerichtete Reaktion auf Anführer_Innen, Angreifer_Innen und Angriffe mittels sozialer Netzwerke, stellt sich die Frage nach einer Nutzung aktueller Daten- und Netzwerkanalysetools: Dürfen die Methoden der kommerziellen Plattformen, der Onlineüberwachung und der Wählermanipulation auch zur zivilgesellschaftlichen De-Radikalisierung eingesetzt werden? Und wenn ja, unter welchen (technologischen) Bedingungen? Hier liefert der Online Harassment Research Guide ebenso wertvolle Diskussionbeiträge wie das Coral Projekt, einer Kooperation zwischen Mozilla, der New York Times und der Washington Post zur Entwicklung und Erprobung besserer Community-Technologien.

    Abschließend sei im Kontext von #counterspeech die Frage gestellt, ob es Sinn macht, die Konflikte online über den Schutz von Betroffenen hinaus zu verstärken: Erfahrungen im Kontext des Arabischen Frühlings deuten letztlich nur auf Konflikt-Eskalation und die Zerstörung verbliebener öffentlicher Diskursräume. Mit Blick auf die aktuelle Hartz4-Reform lassen sich womöglich konstruktivere #counterstrategies ausmachen.

    #preventingviolence: Monitoringprojekte werden aktuell vielfältig propagiert und ins Leben gerufen, bspw. in Deutschland (Meldung und #takedown) und in Australien (Meldung, Prüfung, #takedown). Außerhalb des Selbstregulierungsmonitoring und auf Basis transparenter Verfahren und offener Technologien könnten solche Projekte einerseits wertvolle Einsichten zu Keyplayern, Inhalten und Adressaten von #hatespeech geben, andererseits vor allem die Wirkungsweise von #hatespeech untersuchen: Es gelte letztlich zu verhindern, dass #hatespeech in Gewalt resultiert, bspw. im Falle von Wahlen! Mit diesem Ziel entwickelte iHuB in Kenia Tools mit Vorbildwirkung.

    Countering #hatespeech in Deutschland: #dagehtnochwas

    Die Übersicht zeigt: Entgegen der scheinbaren Alternativlosigkeit zu Löschforderungen an kommerzielle Plattformanbieter zeigen sich international vielfältige soziale und technische Ansätze, dem komplexen Problem von #hatespeech zu begegnen. Herausgefordert sind #nerds und #alliens gleichmaßen, zur Debatte stehen mal wieder (und deshalb nicht weniger) Frieden und Freiheit:

    „Slavery, the Gulag, the Holocaust (…) Ruanda (…) required a complete monopoly over the media, over expression, a complete monopoly over, in fact, consciousness, at times through the church. So I’m asking you (…) Where are the greatest dangers to our common values? (…) What are the sources of the greatest risks to our common humanity in contexts where governments are using state of emergencies to curtail dissent, are using counter-terrorism to put in prison people who are at the frontline of combatting terrorism and calling for tolerance? (…) I want you (…) to think (…) seriously about the response we are gonna bring to hate speech, and whom are we gonna target, and whom are we gonna try to bring back to the respect for human rights!“ (Dr. Agnes Callamard, UN Symposium Tracking Hatred).

    Gute Fragen! Kommerzielle Medienmonopole sind nicht minder gefährlich als staatliche Medienmonopole. Ausgestattet mit Exekutivfunktionen, einer intransparenten und mißbrauchbaren Zensurinfrastruktur und ‑hoheit, stellen Social Media Plattformen ein globales Risiko dar. Deshalb braucht es auch im Kampf gegen #hatespeech einen Wettbewerb um sozio-technische Alternativen, eine Sicherung pluraler Medien, Presse- und Meinungsfreiheit und (!) Netzneutralität!

    22. April 2016 7
  • : Guardian hat 70 Millionen Leserkommentare untersucht
    "Articles written by women attract more abuse and dismissive trolling than those written by men, regardless of what the article is about." Foto: CC-BY-NC-ND 2.0 <a href="https://www.flickr.com/photos/canonsnapper/15676850584/sizes/l">canonsnapper (Flickr)</a>
    Guardian hat 70 Millionen Leserkommentare untersucht

    Der Guardian hat unter dem Titel „The dark side of Guardian comments“ im großen Stil die Leserkommentare unter seinen Artikeln untersucht. In die Untersuchung flossen 70 Millionen Kommentare ein, die seit 2006 im Medium abgegeben wurden.

    Die gute Nachricht zuerst: 96 Prozent aller Leserkommentare wurden nicht gelöscht. Von den 70 Millionen blockte der Guardian zwei Prozent, weil sie gegen die „Community Standards“ verstießen. Das sind etwa 1,4 Millionen Kommentare. Weitere zwei Prozent wurden gelöscht, weil sie Antworten auf die geblockten Kommentare waren.

    Egal über was sie schreiben: Journalistinnen bekommen den Hass ab

    Gleichzeitig untersuchte der Guardian, welches Geschlecht die Autoren der Artikel hatten und schaute dann nach Korrelationen zu gelöschten Kommentaren unter den Artikeln. Dabei kam heraus, dass unter den Top10 der Autorinnen und Autoren mit den meisten geblockten Kommentaren acht Frauen waren und nur zwei Männer. Die beiden betroffenen Männer waren schwarz. Zwei der Autorinnen und ein Autor in der Top10 waren homosexuell. Von den acht Frauen war eine Muslima und eine Jüdin.

    Generell ist es beim Guardian so, dass seit dem Jahr 2010 konsistent Autorinnen mehr Kommentare bekommen, die moderiert werden müssen. Zudem war es so, dass in Rubriken, in denen mehr Männer schreiben, die Anzahl der geblockten Kommentare unter Artikeln von Autorinnen besonders hoch waren.

    Die respektvollsten Themen im Kommentarbereich des Guardians waren übrigens Pferderennen, Cricket und Jazz. Zu den Themen mit den meisten Löschungen gehörten Israel/Palästina, Feminismus und Vergewaltigung.

    Wohlfühlen bei Cricket und Jazz

    Beim Guardian will man sich mit der einfachen Lösung „Lese einfach keine Kommentare!“ nicht zufrieden geben. Und ein Abschalten der Kommentare ist auch keine Option. Dennoch wird auch beim Guardian die Kommentarfunktion bei bestimmten Themen wie z.B. Migration nicht mehr freigeschaltet. Eine ähnliche Praxis hatte zuletzt eine Umfrage unter deutschen Tageszeitungen ergeben.

    Der Artikel im Guardian ist auch ein datenjournalistisches Schaustück. Eine große Datenbasis, aufwendige Grafiken, eine gut erklärte Methodik, Videointerviews mit Betroffenen – und gleichzeitig Transparenz über Vorgehensweise und Erfahrungswerte mit Kommentaren, die eine Debatte im Netz immer schwieriger machen.

    Als besonderes Gimmick können die Leserinnen und Leser im Artikel sogar selbst Kommentare moderieren und ihre Moderationsentscheidungen mit denen der Guardian-Moderation abgleichen.

    13. April 2016 43
  • : Hate Speech: Bundesregierung plant kein Vorgehen gegen Anonymität und Pseudonymität
    Hate Speech: Bundesregierung plant kein Vorgehen gegen Anonymität und Pseudonymität

    Die kleine Anfrage der Grünen zu Hate Speech ist nun öffentlich verfügbar. Aus der umfangreichen Anfrage (PDF) geht hervor, dass die Bundesregierung zwar Hate Speech als Problem ansieht, aber selbst für ihre eigenen Social-Media-Präsenzen keine eindeutige und einheitliche Strategie verfolgt. Trotz Gesprächen mit Facebook weiß die Bundesregierung nach eigener Aussage immer noch nicht, wieviele Mitarbeiter der Konzern zur Moderation von Hate Speech eingestellt habe.

    Immerhin plant die Bundesregierung keine Einschränkung von Anonymität oder Pseudonymität im Netz. Dies war aus Aussagen von Vertretern der Regierungskoalition immer wieder herauszulesen gewesen.

    In der Antwort der Bundesregierung heißt es:

    Eine Abkehr von der Anonymität, hin zu einer Verpflichtung, sich namentlich zu einer bestimmten Meinung zu bekennen, würde dazu führen können, dass der Einzelne aus Furcht vor Repressalien oder sonstigen negativen Auswirkungen sich dahingehend entscheidet, seine Meinung nicht zu äußern.

    Folglich verneint die Bundesregierung Pläne zu Gesetzesänderungen in diese Richtung.

    29. März 2016 3
  • : Finnische Journalistin: Mein Jahr als Troll-Magnet
    Finnische Journalistin: Mein Jahr als Troll-Magnet

    Die finnische Fernsehjournalistin Jessikka Aro untersucht seit September 2014 russische Online-Propagandastrategien und die Rolle der so genannten Trolle.

    Wegen ihrer Recherchen für den öffentlich-rechtlichen Sender Yle gerät Aro schnell selbst ins Visier der Informationskrieger. In einem Artikel auf Kioski beschreibt sie ihr Jahr als Troll-Magnet. Ihre Darstellung erschien schon im November 2015, gibt aber gute Einblicke wie eine Diffamierungs- und Einschüchterungskampagne gegen Journalisten funktioniert:

    At first I followed the activities of the group but left after being constantly and frantically tagged in troll comments: I was blamed for the bloodshed in Ukraine, my looks and mental health were questioned, I was sexually harassed and called a russophobe. My story was falsified and people wished my death of a uranium poisoning. The point of the trolls was clear: recruited pro-Putin bloggers do not exist.

    Jessikka Aro lässt sich nicht einschüchtern. Sie arbeitet weiter an diesem Thema und berät mittlerweile Kolleginnen und Kollegen, die von ähnlichen Aktionen betroffen sind.

    17. März 2016 20
  • : Flüchtlingspolitik im Vordergrund: SZ analysiert Pegida-Kommentare bei Facebook
    Wer sind die Menschen hinter den fast 200.000 "Likes"? (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY-SA 2.0</a> by findyoursearch/<a href="https://www.flickr.com/photos/findyoursearch/5752433875/">flickr</a>)
    Flüchtlingspolitik im Vordergrund: SZ analysiert Pegida-Kommentare bei Facebook

    Pegida-Anhänger reden kaum mit der „Lügenpresse“, zitieren sie aber gerne. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat ein Jahr lang Kommentare auf der Facebook-Seite von Pegida gesammelt, um mehr über die Bewegung zu erfahren. Für ein differenziertes Bild über Pegida reicht die SZ-Analyse noch nicht.

    Einige Zahlen vorab: Die Pegida-Seite auf Facebook hat aktuell knapp 200.000 „Likes“. Die AfD hat mit 220.000 „Likes“ mehr als jede andere deutsche Partei, Pro Asyl hat 170.000. Im Januar 2015 haben mehr als 25.000 Nutzer(-konten) etwa 76.000 Kommentare auf der Pegida-Seite hinterlassen. Bis zum Sommer haben die Kommentare abgenommen, im September 2015 wurden Pegida-Beiträge dann wieder mehr als 108.000 Mal geteilt. Die SZ sieht mit dieser Entwicklung die These bestätigt: „Die Flüchtlingskrise hat Pegida gerettet.“

    Verallgemeinernder Wortgebrauch

    Bei der SZ-Analyse der am häufigsten verwendeten Wörter liegen „Deutschland“ und „Pegida“ vorn, auch „Merkel“, „Mensch“, „Land“ und „Flüchtlinge“ werden oft gebraucht. Das wäre auch zu einfach gewesen, liebe SZ. „Um ein besseres Verständnis davon zu erhalten, wie radikal Pegida-Anhänger argumentieren“, ließ die SZ eine Stichprobe von 1000 Kommentaren von zwei Forschern der FU Berlin untersuchen. Anatol Stefanowitsch und Susanne Flach ziehen Bilanz (Dokument auf GoogleDrive):

    Die Wortwahl ist stark verallgemeinernd; so werden etwa die Begriffe Flüchtlinge, Migranten, Muslime usw. weitgehend synonym verwendet und führen dazu, dass die betreffenden Menschen als Teile einer homogenen, undifferenzierbaren Gruppe dargestellt werden. Die Aussagen über diese Gruppe zielen durchgängig auf Ablehnung, Delegitimation und Schuldzuweisungen ab; nur eine Minderheit der Kommentare geht einen Schritt weiter und kann klar als Hassrede charakterisiert werden […]; Auch die Sprache ist (abgesehen von der fehlenden Differenzierung) mehrheitlich neutral; in sich diskriminierende oder abwertende Begriffe kommen zwar durchgängig vor, stellen aber relativ gesehen eine Minderheit dar.

    Geflüchtete und „Lügenpresse“

    Dass sich in den Kommentaren nur selten Hassrede findet, könnte auch an Löschungen von Facebook oder Administratoren der Seite liegen. Interessant ist: Die politischen Diskussionen auf der Seite drehen sich fast nur um die Flüchtlingspolitik und die „Bedrohung“ durch die „Invasionsmacht“ Islam, der als „inhärent gewalttätig, terroraffin und menschenverachtend“ dargestellt wird, so die Forscher. Die Pegida-Kommentare haben zunächst vor allem Linken und die Grünen vorgeworfen, dies nicht zu erkennen. Erst später richten sie sich gegen Angela Merkel.

    Die „Lügenpresse“ ist neben Geflüchteten und der Bundesregierung ein zentrales Feindbild der Pegida-Bewegung. Dies spiegelt sich nur bedingt in den Verlinkungen wieder: Die Kommentatoren verweisen am häufigsten auf Focus Online (1295 Verlinkungen) und die Welt (1246 Verlinkungen), dahinter liegen Blogs wie Politikversagen (1064) oder Epoch Times (536).

    Die Ergebnisse machen eine erste Einordnung der sonst nach außen verschlossenen Bewegung möglich. Sie sind jedoch auch mit Vorsicht zu genießen, da es sich um keine repräsentative Untersuchung der Pegida-Bewegung handelt.

    5. Februar 2016 23
  • : Kritik an Facebooks Initiative gegen Hasskommentare
    Logo der "Initiative für Zivilgesellschaft Online"
    Kritik an Facebooks Initiative gegen Hasskommentare

    Viel medialen Trubel gab es in der letzten Woche um die Ankündigung Facebooks mehr gegen Hetzkommentare zu tun. Eine Million Euro gibt das US-amerikanische Unternehmen dafür aus, doch es gibt erhebliche Zweifel ob durch Counterspeech die Problematik von Hass und Hetze online gelöst werden kann.

    Facebooks Pläne

    Die „Initiative für Zivilcourage Online“ hat die Aufgabe, Extremismus und Hass zu bekämpfen und wird neben Facebook von der Amadeu Antonio Stiftung, dem International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence und dem Institute for Strategic Dialogue getragen. Sitz des europäischen Vereins wird in Berlin sein. Facebook-Chefin Sheryl Sandberg kündigte auf der Pressekonferenz in Berlin an, dass teilnehmende NGOs mit einer Million Euro unterstützt werden, ein Teil davon in Form von Werbung. Neben „Counter-Speech“, also der Erwiderung auf Hass-Postings, soll die Initiative auch „Best-Practices“ erstellen und wissenschaftliche Forschung betreiben.

    Schon vor dem Besuch Sandbergs in Berlin, hatte der Spiegel gemeldet, dass Facebook die Bertelsmann-Tocher Arvato mit dem Aufbau eines Löschteams beauftragt hat. Das nach Medienberichten 150-köpfige Team soll von Berlin aus problematische Inhalte prüfen und gegebenenfalls löschen. Anhand der Stellenanzeigen ist davon auszugehen, dass es nicht nur für den deutschen Markt, sondern für ganz Europa und den arabischen Raum zuständig sein wird. Sandberg ließ allerdings unklar, inwieweit die „Initiative für Zivilcourage Online“ und das neue Löschteam zusammenarbeiten werden.

    Die Kritik an Facebook seitens des Bundesjustizministeriums und von Initiativen wie netz-gegen-nazis.de scheint sich auf den ersten Blick gelohnt zu haben. Schließlich reagiert das Unternehmen endlich und sieht ein, dass sich etwas ändern muss. Doch es wird auch Skepsis geäußert, zum Beispiel von der „Digitalen Botschafterin der Bundesregierung“, Gesche Joost. Gegenüber dem Spiegel bezeichnete sie Facebooks „Initiative für Zivilcourage Online“ als „PR-Aktion“ und bemängelt das, im Vergleich zu den Unternehmensgewinnen, wahrlich niedrige Budget.

    Privatisierte Rechtsdurchsetzung?

    Markus Beckedahl, Chefredakteur dieses Blogs, bezeichnet im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk vor allem die Privatisierung der Rechtsdurchsetzung als problematisch. Es sei unklar, welche Kommentare nach welchen Richtlinien gelöscht werden sollen und ob diese überhaupt zur Strafverfolgung weitergereicht werden.

    Wo ist da genau die Grenze, wo Facebook was löscht? Das Problem ist ja, dass die Hetz-Kommentare von heute auf morgen auch schon andere politische Meinungen sein könnten, die aus Sicht von Facebook nicht okay sind, aber aus Sicht unseres Rechtsstaates schon. Also die Frage ist: Wollen wir es generell zulassen, dass ein Unternehmen hier Richter und Henker über Meinungen spielt oder wollen wir das weiterhin grundrechtlich und rechtsstaatlich gelöst wissen.

    Ein zusätzliches Problem ist nach Beckedahls Ansicht der Facebook-Algorithmus. Er erschwere jeglichen Versuch der Counterspeech dadurch, dass konträre Meinungen mit größerer Wahrscheinlichkeit „weggefiltert“ werden. Auf diese Problematik geht auch Ulf Buermeyer in einem Kommentar bei Deutschlandradio Kultur näher ein.

    Algorithmen & Filterblasen

    Dort bezeichnet Buermeyer, der auch regelmäßig hier schreibt, Facebook als „Brandbeschleuniger für rechte Hetze“ und warnt vor „virtuell national befreite Zonen“, in denen Nutzer rechte Meinungen austauschen und sich gegenseitig radikalisieren – unterstützt durch den Sortieralgorithmus von Facebook. Dieser ist darauf optimiert, Nutzern Inhalte anzuzeigen, die zu den eigenen Interessen und Ansichten passen. Folglich schlägt er Menschen mit rassistischen, antisemitischen und anderweitig diskriminierenden Ansichten genau solche einschlägigen Inhalte vor. Buermeyer fordert eine schnellere Verbannung von strafbaren Inhalten von Facebook.

    So dauert es immer noch viel zu lange, ehe selbst strafbare Inhalte von der Plattform verbannt werden. Es bleibt zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen in Zukunft konsequenter darauf pochen werden, dass zumindest das Strafrecht, das den ethischen Minimalstandard unserer Gesellschaft definiert, auch in der Facebook-Filterblase gelten wird.

    Der Heise-Journalist Holger Bleich schlägt in seinem Kommentar zu der angekündigten Initiative Facebooks in die gleiche Kerbe. Generell sieht er die Grundannahme hinter der Initiative, nämlich zu versuchen online Zivilcourage zu zeigen, als zum Scheitern verurteilt an. Während es relativ einfach sei Hasskommentare auf der Straße zu erwidern, sei das online aufgrund von Filterblasen deutlich schwieriger. Die meisten hetzerischen Inhalte werden eben nur jenen angezeigt, die diese Meinung teilen und das durch entsprechende Likes, Kommentare und Shares den Facebook-Algorithmus wissen lassen.

    Facebook befördert Meinungsblasen und schottet seine Nutzer – von diesen oft nicht einmal bemerkt – vor vermeintlich uninteressanten Gegenmeinungen ab. Statt den Diskurs zu beflügeln, erschwert Facebook ihn de facto. Zivilcourage kann aber nur da stattfinden, wo man mit Hass und Hetze konfrontiert wird – auf der Straße zum Beispiel. Flüchtlingshelfer werden auf Facebook den Aufruf zum Abfackeln der Unterkunft eher nicht wahrnehmen, solange er nicht direkt in ihrem Profil gepostet wird. Wie sollen sie da Zivilcourage und Gegenrede leisten?

    Auch Christian Stöcker beschäftigt sich in einem längeren Artikel bei Spiegel Online mit den Sortieralgorithmen von Facebook und wie diese zur Meinungsbildung beitragen. Obgleich Facebook das anders sieht, ist doch der Newsfeed die Hauptnachrichtenquelle für viele Menschen. In ihm kommen persönlich angepasste Nachrichten, persönliche Geschichten, Gerüchte und Verschwörungsideologien zusammen und radikalisieren Menschen.

    Auf diese Weise kann sich auch jemand, der angesichts der großen Flüchtlingszahlen vielleicht zunächst einfach nur verunsichert war, nach und nach zum radikalen Ausländerhasser entwickeln: Wer nur noch Meldungen über vermeintliche Untaten von Asylbewerbern, erboste Einlassungen über angeblich schon wieder in der Tagesschau verbreitete Lügen und die aus Washington verordnete Kanzlerinnenwillkür zu sehen bekommt, der glaubt all das womöglich schließlich.

    Entwarnung kommt vom Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer von der Freien Universität Berlin. Er sagte gegenüber Deutschlandradio Kultur, dass es solche Hass-Debatten schon länger gebe. Im Gegensatz zu früher fänden diese aber nicht mehr nur am Stammtisch statt, sondern wären durch Facebook an eine größere Öffentlichkeit geraten. Es fehle an genauen Studien um festzustellen, ob es durch Facebook eine deutliche Zunahme gebe.

    26. Januar 2016 6
  • : Das Internet ist kein egalitärer Raum: Ingrid Brodnig über Hate Speech und Wut im Internet
    Ingrid Brodnig auf der re:publica 2015
    Das Internet ist kein egalitärer Raum: Ingrid Brodnig über Hate Speech und Wut im Internet

    Das Thema Hate Speech und Wut im Internet beschäftigt in Deutschland mittlerweile auch das Justizministerium. Montag diese Woche begrüßte Gerd Billen, Staatssekretär im Justizministerium, im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung „die von Facebook in Berlin vorgestellte ‚Initiative für Zivilcourage Online’ “. Dem wachsenden Druck auf Plattformbetreiber etwas gegen Hate Speech zu unternehmen stehen Sorgen um zunehmend private Rechtsdurchsetzung gegenüber. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie sich die Aggression auf die öffentliche Debatte und unsere Demokratie auswirkt und wie darauf reagiert werden kann.

    Der folgende Gastbeitrag wurde verfasst von Ingrid Brodnig, Autorin („Der unsichtbare Mensch“) und Redakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins profil, dort für die Berichterstattung über digitale Themen zuständig. Der Beitrag ist die schriftliche Fassung ihres Vortrags im Rahmen des 2. Netzpolitischen Abends AT in Wien (siehe auch Videoaufzeichnung). Wir veröffentlichen den Beitrag mit ihrer freundlichen Genehmigung.

    Ich möchte mit einem Satz aus einer Studie anfangen. Wissenschaftliche Studien sind meist nicht sonderlich knackig oder leicht verständlich formuliert. In diesem Fall ist das aber anders: Es handelt sich um eine brandneue Studie. Italienische und amerikanische Forscher haben sich angesehen, wie Informationen online genutzt und geteilt werden. Sie haben 32 Seiten auf Facebook analysiert, die sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen, und sich alle ihre Posts in den vergangenen fünf Jahren angesehen. Ebenso haben sie 35 Facebook-Seiten ausgewertet, die sich mit Naturwissenschaft beschäftigen. Ich lese eine Grunderkenntnis aus dieser Studie vor:

    „User tendieren dazu, sich in Communitys mit dem selben Interesse zu aggregieren, was zu einer Verstärkung des ‚Confirmation Bias’ führt, zur Abgrenzung und zur Polarisierung. Dies schadet der Informationsqualität und führt zu einer starken Vermehrung von voreingenommenen Sichtweisen geschürt durch unbelegte Gerüchte, Misstrauen und Paranoia.

    Es ist also messbar, dass wir ein Problem im Internet haben. Wir können bereits eine Polarisierung und Zersplitterung der Öffentlichkeit wahrnehmen. Die Forscher sprechen von „homogenen und polarisierten Clustern“. Diese Cluster, also Menschenansammlungen auf verschiedenen Seiten, haben eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Welt. Wie sehr diese Wahrnehmung auseinandergehen kann, erleben wir derzeit auch in der Flüchtlingsdebatte.

    Die Forscher beschreiben eine Diskussionskultur, bei der sich User hauptsächlich unter Gleichdenkenden austauschen – zumindest ist das auf Facebook so, wie die Studie nahelegt. Die Erkenntnisse bestätigen die These von der „Echokammer“, also digitalen Räumen, in denen wir hauptsächlich jene Information teilen und konsumieren, die unserer Weltsicht entspricht.

    Jetzt werden sicher manche sagen: Na und, war das nicht immer schon so? Haben Menschen nicht immer schon jene Nachrichten gelesen, die ihre Meinung bestärken (früher zum Beispiel in der Parteizeitung)? Ist da denn etwas Neues dran? Die Antwort lautet Ja.

    Die Struktur des Internets verstärkt die Möglichkeiten, Gleichdenkende zu finden. Sicher konnte ich früher auch schon Informationen über Verschwörungstheorien erahmten, wenn ich zum Beispiel eine Abonnentin des Ufo-Verlags war. Der Ufo-Verlag heißt heute Kopp-Verlag. Und ich konnte auch bei manchen Veranstaltungen Gleichdenkende treffen: Nur es war deutlich schwieriger.

    Oft ist diese Fragmentarisierung, die möglich wurde, bequem: Ich mag es, wenn mir Netflix Serien vorschlägt, die mir gefallen könnten. Oft ist das angenehm. Doch mitunter wird das problematisch. Generell halte ich es bereits für bedenklich, wenn wir in einer Demokratie wenig Kontakt mit Andersdenkenden haben und uns abschotten. Mit Sicherheit ist das aber bei Verschwörungstheorien ein Problem, wenn sich gewisse unbelegbare Erzählungen verfestigen: Etwa dass Impfen Autismus fördert. Oder die Erzählung, dass die Erde in Wahrheit viel größer ist, es mehr Kontinente gibt als bekannt – und die Dinosaurier auch noch leben (eine meiner Lieblingsthesen). Eine derartige Abschottung führt dazu, dass Menschen für uns nicht mehr erreichbar sind – also für uns „andere“, die mit wissenschaftlichen Thesen versuchen, die Welt zu verstehen. Diese User sitzen in ihrer Echokammer und man hört aus der Ferne die Rufe: Lügenpresse, Lügenpresse!

    Diese Abschottung erklärt in meinen Augen auch Phänomene wie Pegida. Ich bezweifle, dass das Internet hauptverantwortlich ist für die Gräben in der Gesellschaft oder das allgemeine Misstrauen gegen Politik und Medien. Wohl aber ist es wie ein Katalysator, der gesellschaftliche Entwicklung schneller vorantreibt.

    Einige gesellschaftliche Entwicklungen haben wir vielleicht zu lange nicht gesehen – auch im Internet. In der Frühzeit des Web gab es die Hoffnung, dass die pure Existenz der digitalen Kommunikation zu einer aufgeklärten Debatte führt. Der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold schrieb im Jahr 1992 folgendes:

    Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen: Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äussere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will.

    Diese Passage spiegelt wider, was lange geglaubt wurde: Dass im Internet alle gleichberechtigt sein würden, weil ihre äußerlichen Merkmale nicht sichtbar sind. Und dass Menschen endlich auf Augenhöhe miteinander diskutieren. Das war eine sehr schöne Vorstellung, dass online das bessere Argument siegt. Doch diese Vorstellung ist großteils nicht Realität geworden.

    Im Gegenteil: Online werden häufig jene belohnt, die aggressiv sind. Dazu eine weitere Studie, die das aufzeigt. Sie wurde von den Wissenschaftlern Daegon Cho und Alessandro Acquisti von der Carnegie Mellon University erstellt.

    Die beiden Forscher analysierten 75.000 Postings von südkoreanischen Medienseiten. Sie sahen sich unter anderem an, welche Postings die meisten Likes erhielten. Zur Erklärung: In vielen Zeitungsforen kann man Uferkommentare bewerten. Man kann auf Plus oder Minus klicken, auf „Rot“ oder „Grün“ oder auf „gefällt mir“ und man signalisiert damit, ob einem ein Beitrag gefallen hat. Die Forscher werteten das aus und sahen:Postings mit Beschimpfungen erhielten mehr Likes.

    Das muss man sich einmal durch den Kopf gehen lassen: Ist ein Kommentar untergriffig oder mit Beleidigungen gefüllt, kriegt er wahrscheinlich mehr Likes. Das ist ein menschlicher Faktor, der dazu führt, dass die Schreihälse oft mehr wahrgenommen werden. Hinzu kommen technische Faktoren: In einer von Algorithmen sortierten Medienrealität wird derjenige, der viele Likes erhalten hat, noch mehr Menschen eingeblendet. Das heißt, eine Kombination aus menschlichen und technischen Faktoren hilft jenen, die besonders ruppig formulieren. Dies erklärt vielleicht auch, warum Heinz-Christian Strache der sichtbarste österreichische Politiker auf Facebook ist.

    Das Internet ist meines Erachtens sehr wohl eine Erfindung, die eine fairere Debatte möglich machen könnte. Nur das passiert nicht automatisch. Zu lange gab es diesen Glauben, dass alle im Netz die selben Chancen haben. Aber stimmt das? Haben Zurückhaltende die gleichen Chancen wie Aufdringliche? Haben Frauen die gleichen Chancen wie Männer? Haben spröde Politiker die gleichen Chancen wie Populisten?

    Einer der größten Mythen rund um das Internet ist, dass es automatisch ein egalitärer Raum ist. Es fehlen Sicherheitsmechanismen, zum Beispiel eine strikte Moderation, die eine egalitäre Debatte in vielen Räumen erst ermöglicht.

    Ich gebe dafür oft folgendes Beispiel: Seit den Neunzigerjahren haben sich Foren nicht maßgeblich verändert. Jeder weiß, wie ein Internetforum aussieht. Der neueste Kommentar ist in der Regel ganz oben. In den Anfangstagen des Internets ergab das Sinn – da gab es oft auch nicht so viele Wortmeldungen. Da war man schon froh, wenn man sieben Wortmeldungen im „Gästebuch“ vorzuweisen hatte. Das ist heute anders: Heutzutage können unter einem Artikel im Standard 1000 Postings erscheinen. In einer solchen Situation werden chronologisch gereihte Kommentare problematisch, denn sie nützen den Rüpeln.

    Wenn jemand heute ein Zeitungsforum aufsucht und hundert Mal seine Meinung postet, ist er hundert Mal an erster Stelle prominent sichtbar. Bin ich aber weniger aufdringlich, lese den Artikel und denke mir, “diesen einen Aspekt sollte man noch ergänzen”. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich das nur einmal poste und dementsprechend nur einmal ganz oben sichtbar bin. Aber ist die Meinung von jemandem, der nur einmal postet, wirklich hundert Mal weniger relevant als die Meinung desjegen, der einfach alle anderen niedertextet?

    Ich glaube nicht. Wohl aber können wir genau dieses Verhalten auf vielen Webseiten beobachten – und häufig kommt auch noch eine aggressive Tonalität einzelner User hinzu, die andere verstummen lässt. Diese ziehen sich aus der Diskussion zurück.

    Nun ist die Wikipedia 15 Jahre alt geworden, ich las neulich eine interessante Zahl dazu: Eine interne Umfrage aus dem Jahr 2011 fand heraus, dass nur einer von zehn Helfern der Wikipedia eine Frau ist. Nur jeder zehnte Wikipedianer ist eine Frau. Erst vor wenigen Wochen brächte der Atlantic einen interessanten Artikel über den Umgang mit Frauen auf Wikipedia. Die Autorin schrieb über das Verhalten mancher Userinnen:

    Um zu verhindern, dass sie Ziel von Belästigungen werden, nutzen manche Wikipedianerinnen geschlechtsneutrale Pseudonyme und vermeiden es, bei ihrem Usernamen irgendeine persönliche Information anzuführen.

    Das ist doch erschütternd, dass Frauen verheimlichen, dass sie eine Frau sind – damit ihnen gegenüber niemand unangenehm wird. Das ist der Zustand des Internets im Jahr 2016, mehr als ein Vierteljahrhundert, nachdem das World Wide Web erfunden wurde. Ich wurde eingeladen, um über Hate Speech und Wut im Netz zu sprechen. In meinen Augen sind zwei der größten Probleme die bereits genannten: Erstens die Polarisierung, dass sich Menschen abspalten von den anderen – von der „Lügenpresse“ oder den lügenden Wissenschaftlern – und sich mit obskuren Quellen radikalisieren. Und zweitens, dass aggressive Postings extrem sichtbar sind, während nuancierte Wortmeldungen oft gar nicht so sichtbar aufscheinen.

    Wie gesagt: Das Internet ist zum jetzigen Zeitpunkt kein egalitärer Raum. Das Skurrile daran – das war nie böse gemeint. Die Gründe dafür sind sogar wohlmeinend. In vielen digitalen Debatten gibt es seit Anbeginn des Internets das Bestreben, bloß keine Meinung zu sanktionieren, also eine möglichst sanktionsfreie Rede zuzulassen. An sich ein edles Bestreben!

    Nur ist offensichtlich, dass das diese Strategie nicht immer funktioniert. Wenn ich jede Meinung egalitär behandle, setzen sich jene durch, die sich groß fühlen, wenn sie andere klein machen. Wenn ich jede Art der Aussage egalitär behandle, gebe ich einer Lüge gleich viel Gewicht wie einer belegbaren Aussage.

    Ich will ein Beispiel geben für die Niederträchtigkeiten, die in die öffentliche Debatte eingekehrt sind. Es ist wahrscheinlich einigen bekannt:

    Auf Facebook kursierte vergangenen Herbst ein Foto von Eva Glawischnig, der Chefin der österreichischen Grünen. Daneben das angebliche Zitat von ihr: „Schutzsuchende müssen das Recht haben auf Mädchen loszugehen! Alles andere wäre rassistisch Flüchtlingen gegenüber!“ Es wird also behauptet, Eva Glawischnig fände die Vergewaltigung von österreichischen Mädchen in Ordnung. Das Bild verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet. Es wurde tausende Male geteilt und die Grünen gehen davon aus, dass derartige Sujets von mehr als hunderttausend Österreichern gesehen wurde.

    Natürlich ist dieses Zitat ein Fake. Nichtsdestotrotz glauben viele User, dass die Aussage echt ist. Sie posteten in Rage sehr verletzende Dinge. Sie forderten zum Teil sogar, dass Eva Glawischnig vergewaltigt wird, schrieben Kommentare wie: „dann nehmt euch gleich diese Tante vor als glänzendes Beispiel“. Oder: „stell dich hin, dann können die ja auf dich losgehen!“

    Die Grünen gehen nun juristisch gegen diese Sujets vor. Ich finde das gut, wenn es zunehmend ein Bewusstsein unter Politikern und Richtern gibt, welche Formen von Hate Speech kursieren. Es ist auch deswegen richtig, gegen derartige Fälschungen vorzugehen, weil sonst User glauben: Das hat die betroffene Person wirklich gesagt.

    Es ist eben ein Irrtum, das im Internet jede Stimme und jeder User gleich schützenswert ist:

    • Eine Diskussionskultur, bei der Frauen konstant als „Schlampe“ oder als „naive Göre“ abgestempelt werden, ist nicht schützenswert.
    • Eine Diskussionskultur, in der Verschwörungstheorien gleichrangig mit wissenschaftliche Fakten behandelt werden, ist nicht schützenswert.
    • Eine Diskussionskultur, wo – wenn man all dies anspricht – der Aggressor dem Opfer sagt, „lass dir hat eine dickere Haut wachsen“, die ist nicht schützenswert.

    Die Debatte darüber ist schon stärker geworden. Meines Erachtens müssen wir diese Probleme aber so lange ansprechen, bis wir richtig gute Antworten darauf haben. Bisher haben wir zumindest ein paar Ideen.

    Was könnte man tun?

    Die letztgültige, stets funktionierende Lösung gibt es bisher nicht, wohl aber ein paar Ansätze. Ich glaube, müssen wir das Diskussionsniveau heben und eine klare rote Linie ziehen. Das bedeutet, dass Webseitenbetreiber und Onlinemedien mehr Verantwortung für die Tonalität übernehmen müssen – und möglichst schimpfwortfreie Räume schaffen.

    Diese schimpfwortfreien Räume sind nicht nur eine Frage des Geschmacks. Es geht hier nicht darum, ob man eine dünne Haut hat. Schimpfworte haben eine Wirkung. Das legte eine Untersuchung der University of Wisconsin nahe.

    Diese Forscher haben einen Blogeintrag zur Nanotechnologie verfasst, der wirklich sehr ausgewogen war. Darin wurden die positiven Seiten und negativen Seiten der Nanotechnologie beschrieben – und darunter fand man auch Postings. 1100 Amerikaner haben diesen Beitrag gelesen und darunter auch die Kommentare gelesen. Nur die eine Hälfte las Postings, in denen zwar lebhaft diskutiert wurde – aber ohne Schimpfworte. Und die andere Hälfte las die selben Postings, nur waren da noch Schimpfworte eingeflochten. Dort stand dann in die Richtung: „Und wer das nicht versteht, ist ein Idiot.“

    Die Forscher verglichen, wie diese zwei Gruppen über Nanotechnologie dachten. Und sie nennen ihre eigenen Ergebnisse „verstörend“. Die Gruppe, die die Schimpfworte gelesen hatten, lehnten plötzlich das Thema Nanotechnologie wesentlich stärker ab. Die waren dem deutlich negativer gegenüber eingestellt als die Gruppe, die keine Schimpfworte gelesen hatte.

    Das legt den Schluss nahe: Ich kann rein mit Aggression, nicht mit Argumenten eine Debatte kaputtmachen. Natürlich hat das weitreichende Konsequenzen: Wenn ich rein mit Schimpfworten eine Debatte kaputtmachen kann, dann schauen wir uns nur an, was mit dem Feminismus passiert. Unter den Zeitungsartikeln, die den Feminismus behandeln, hagelt es regelrecht Schimpfworte. Sollten dort ähnliche Effekte wie beim Text zur Nanotechnologie eintreten, dann haben wir ein Problem.

    Auch aus solchen Überlegungen gibt es Medien wie das Bloggingimperium „Gawker“, das das Kommentarsystem schon stark verändert hat. Dort werden nicht mehr die neuesten Beiträge angezeigt, sondern Beiträge auf die der Autor des Textes irgendwie reagiert hat, damit interagiert hat. Vielleicht hat der Autor dies für andere empfohlen oder darauf geantwortet. Das ist ein Versuch, jene Beiträge hervorzuheben, die für die anderen User am interessantesten sind – und nicht immer die lautesten User.

    Zum einen sollten wir auf einen respektvollen Ton achten – allein schon, um es denen nicht ganz so einfach zu machen, die schlichtweg mit Schimpfworten daherkommen. Zweitens glaube ich auch, dass wir dies stärker kommunizieren müssen, dass nicht jede Wortmeldung inhaltlich gleich viel Gewicht hat.

    Gerade rechte Verschwörungsblogs sind recht unterhaltsam, weil sie gerne vom Begriff der „Wahrheit“ sprechen. Ein bisschen Wahrheitsfindungskultur täte dem Internet tatsächlich gut – also einfach nachzurecherchieren, was stimmt und was nicht und wie lässt sich das belegen? Was hat mich zum Ergebnis meiner Recherche geführt? Auch traditionelle Medien können hier noch wesentlich transparenter offenlegen, woher sie eine Information haben. Das passiert oft nicht. Es ist aber auch sehr gut, dass Blogs diese Funktion zunehmend miterfüllen. Zum Beispiel das Blog Kobuk, das Medien kontrolliert. Oder auch der Verein Mimikama, der die Facebook-Seite „Zuerst denken – dann klicken“ betreibt: Die zeigen oft auf, dass Beiträge gefälscht sind, dass kürzlich nicht eine 75-jährige Schwedin brutalsten von Flüchtlingen vergewaltigt wurde und ein Bild dies anschaulich zeigt – sondern dass dieses Bild schon älter ist und aus Südafrika stammt.

    Sehr oft sind diese Fälschungen überprüfbar: Wir brauchen eine Diskussionskultur, bei der die Grundsätze des logischen Denkens und des fairen Diskutierens wieder mehr geachtet werden. Eine, wo Verschwörungstheorien nicht auf die gleiche Ebene wie belegbare Ergebnisse gestellt werden.

    Dazu ein Beispiel. Wenn zwei Diskutanten auf einer Bühne stehen und der eine sagt: „Die Evolution hat es nie gegeben, Gott hat die Erde geschaffen.“ Und die andere Person sagt: „Doch! Die Evolution hat es gegeben, denn diese und jene wissenschaftlichen Überlegungen und Messungen haben uns zu dieser Erkenntnis geführt.“ Dann ist die Antwort nicht, wie es manchmal heißt, „irgendwo dazwischen“. Die richtige Antwort ist nicht automatisch der Mittelpunkt zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen. Doch eine derartige Sichtweise erlebt man mitunter in den sozialen Medien – da heißt es mitunter in den Kommentaren: „Von diesen argen Geschichten liest man so oft. Da wird schon was dran sein.“

    So etwas nennt man übrigens „false balance“, es ist ein Irrglaube, dass es ausgewogen ist, dass der Mittelpunkt zwischen zwei Standpunkten automatisch die Wahrheit widerspiegelt. Es ist nicht ausgewogen, eine wissenschaftlich belegbare Aussage und eine wissenschaftliche nicht belegbare Aussage auf die gleiche Ebene hebe.

    Dass sich manche User in verschwörungsaffine Räume zurückziehen, das wird wohl nur schwer zu verhindern sein. Wahrscheinlich ist es nicht verhandelbar. Aber zumindest können wir schauen, dass wir die seriöseren Räume, die Räume, wo eben nicht nur die verschwörungstheorieaffinen User unterwegs sind, wieder etwas mehr mit Fakten und weniger mit Emotion füllen.

    Die öffentliche Debatte wird derzeit zu sehr von rhetorischen Nebelgranaten abgelenkt – das ist sowohl offline als auch online der Fall. Doch gerade im Netz hätten wir eine große Chance: Hier können wir verlinken, hier können wir Aussagen häufig doch recht leicht überprüfen oder gar – wenn man transparent vorgeht – sogar aufzeigen, wo man eine Information her hat. Wenn wir das in Zukunft stärker tun, lassen wir uns vielleicht nicht mehr so leicht ablenken. Ich glaube jedenfalls, eine andere digitale Diskussionskultur muss möglich sein.

    19. Januar 2016 89
  • : Hate-Speech: „Besorgte Bürger“ müssen sich weiter keine Sorgen machen
    Hate-Speech: „Besorgte Bürger“ müssen sich weiter keine Sorgen machen

    12152015_ErgebnisrundeTaskForceJustizminister Heiko Maas hatte vor wenigen Wochen eine Task-Force zum Thema „Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften im Internet“ ins Leben gerufen und dazu Unternehmen wie Facebook und Google sowie zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung eingeladen, Antworten zum Thema Hate-Speech zu finden. Was genau unter „Hate-Speech“ zu verstehen ist und ob damit eher hasserfüllte Kommentare oder vor allem strafrechtliche relevante Äußerungen zu verstehen sind, die als beispielsweise Volksverhetzung einzustufen wären, bleibt noch immer vage.

    Heute wurden die Ergebnisse vorgestellt, und damit können eigentlich nur Facebook und Google zufrieden sein. Entstanden ist ein recht unverbindlicher Katalog an „Könnte man mal“-Regeln, die weitgehend bereits den Status Quo beschreiben.

    Mit anderen Worten: Schön, dass man darüber mal geredet hat. Das Justizministerium konnte etwas Handlungsfähigkeit simulieren, es wurde kein rechtstaatlicher Schaden angerichtet und die Unternehmen Google und Facebook machen weitgehend weiter wie bisher. Aber sonst gab es viel heiße Luft um Nichts. Zumindest mit dem Ergebnis kann niemand so richtig zufrieden sein. Es sei denn, man arbeitet für Facebook oder Google. Und die zivilgesellschaftlichen Organisationen bekommen etwas „Anzeigevolumina“, also Anzeigenplätze, von den kommerziellen Plattformen geschenkt.

    Man spricht von „rechtswidrigen Inhalten“, die man entfernen möchte. Nun ist aber bekanntermaßen das Recht eine nationale Angelegenheit und zudem im Einzelfall nicht immer sofort sicher zu sagen, ob die Grenze zur Rechtswidrigkeit bereits überschritten wurde. Unklar bleibt vor allem, auf welche technische und organisatorische Weise die vermeintliche „Hate-Speech“ blockiert wird.

    Einige Schritte, zu denen sich die Unternehmen für die Zukunft verpflichtet haben, sind etwa:

    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen stellen anwenderfreundliche Mechanismen zur Übermittlung von Beschwerden zur Verfügung.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen überprüfen konkrete Meldungen über hasserfüllte Inhalte und Aufstachelung zu Gewalt insbesondere auch auf Grundlage des deutschen Rechts.
    Nach Erhalt einer Beschwerde lassen die in der Task Force vertretenen Unternehmen die Beschwerden durch darauf spezialisierte Teams zügig prüfen. Soweit erforderlich setzen die Unternehmen hierfür auch deutschsprachige Experten ein.
    Rechtswidrige Inhalte werden unverzüglich nach Inkenntnissetzung entfernt; die Mehrzahl der gemeldeten Inhalte wird in weniger als 24 Stunden geprüft und, falls erforderlich, entfernt.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen verfügen über Nutzungsbedingungen, in denen erläutert wird, unter welchen Voraussetzungen Nutzerdaten an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben werden können.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen fördern das breitangelegte Melden und „Flaggen“ von Inhalten, insbesondere über Partnerschaften mit NGOs, indem sie die jeweiligen Unternehmensrichtlinien, den Meldeprozess und beschwerdefähige Inhalte verdeutlichen.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen stellen Transparenz sicher, indem sie der Öffentlichkeit darüber berichten, wie sie ihre Nutzungsbedingungen hinsichtlich der Entfernung gemeldeter Inhalte umsetzen.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen stellen sicher, dass ihre Mitarbeiter angemessen geschult werden.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen und Organisationen werden ihre Zusammenarbeit u.a. durch folgende Maßnahmen intensivieren: verstärkter Informationsaustausch, regelmäßige Mitarbeiterschulungen, gemeinsame Erarbeitung von Informationsmaterialien.
    Die in der Task Force vertretenen Unternehmen wollen auch weiterhin die Tätigkeit der NGOs fördern, insbesondere indem sie Anzeigevolumina auf ihren Plattformen zur Verfügung stellen.
    Alle Beteiligten erkennen den Wert der Gegenrede zu hasserfüllter Rhetorik an und identifizieren und fördern daher wirksame Gegen-Narrative und unterstützen Bildungsprogramme, die das kritische Denken fördern.

    Das liest sich alles sehr unverbindlich. Am besten fasste das Ergebnis die Social-Media-Redaktion von Zeit-Online auf Twitter zusammen: Besorgte Bürger müssen sich weiter keine Sorgen machen.

    15. Dezember 2015 15
  • : Wie Hate-Speech das Netz verändert – und das Netz Hate-Speech
    Wie Hate-Speech das Netz verändert – und das Netz Hate-Speech

    René Walter hat bei Nerdcore.de ausführlich und reflektiert über Gamergate, Hate-Speech, Trolle und verwandete Debatten multimedial essayiert: Wie Hate-Speech das Netz verändert – und das Netz Hate-Speech.

    Gamergate und seine Verwandten haben das Internet maßgeblich verändert und die Ausläufer dürften uns noch eine Weile beschäftigen. Flamewars landen dank GG auf Seite 1 der New York Times und beim „Colbert Report“, es wurden Sicherheitsfirmen gegründet, die nichts weiter als eine freie Meinungsäußerung von Feministinnen gewährleisten sollen und Twitter hat angekündigt, anonyme User aus TOR-Netzen zukünftig per Telefonnummer zu identifizieren.

    Langfristig dürfte Gamergate und das übergelagerte Problem einer immer weiter ausartenden Troll-Kultur im Netz zu umfassenden Maßnahmen gegen anonyme Nutzung von Services führen. Ich gehe davon aus, dass Twitter früher oder später die Option anbieten wird, nur noch „confirmed Accounts“ im Feed zuzulassen oder vielleicht eine Realnamen-Politik nach Facebook-Vorbild einführen wird, mit allen Vor- und Nachteilen, und es ist sehr wohl möglich, dass am Ende eine komplette Abschaffung von Anonymität im Internet steht, sollten wir diese ausufernde verbale Gewalt im Netz nicht unter Kontrolle bekommen. Dann hätten die Anons von 4chan schließlich ihre eigene Abschaffung herbeigeführt.

    Well done, Trolls.

    1. Juli 2015 19
  • : Cyber-Narzissmus: Der Fall weev
    Cyber-Narzissmus: Der Fall weev

    Das FAZ-Blog 10 vor 8 berichtet über den Troll und Menschenhasser Andrew Alan Escher Auernheimer: Cyber-Narzissmus: Der Fall weev.

    Von außen betrachtet handelt es sich bei diesem Troll wohl um eine jener radikal narzisstischen Persönlichkeiten, die mit altbekannten, altbewährten Strategien antreten: Durch die stetige Erniedrigung anderer versichert man sich seiner eigenen Größe, und zwar immer wieder, geradezu zwanghaft. Die berühmte „narzisstische Wut“, so der auf diesem Gebiet wegweisende Analytiker Otto F. Kernberg, ist dabei meist nur ein Euphemismus für Hass – für Eigenhass, der in einem martialischen Akt der Verdrängung gnadenlos auf andere projiziert wird. Ist weev also letztlich ein armer Wicht? Vielleicht. Aber was macht ihn dann so bedrohlich? Auernheimers Gefährlichkeit entsteht erst durch den gigantischen applaudierenden Chor, der ihm im Netz entgegenschallt. Seine Existenz ist die eines narzisstischen Nerds im Echo-Space, einem Raum permanenter Selbstreferentialität und Selbstbestätigung.

    Leider kein Einzelfall. Was man leider immer wieder wiederholen muss: Hassnachrichten haben nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Auch im Grundgesetz steht die Menschenwürde höher.

    5. Oktober 2014 7
  • : Netzpolitischer Wochenrückblick: KW 12
    <a href="http://koalafans.tumblr.com/post/37173762756" >koala love</a>
    Netzpolitischer Wochenrückblick: KW 12

    Diese Woche war keine gute für die Netzpolitik: Das Gesetz zur Neuregelung der Bestandsdatenauskunft wurde beschlossen, die Bundesregierung will mit dem E‑Government-Gesetz u.a. De-Mail als Möglichkeit für die Behördenkommunikation vorschreiben und es gab keine Mehrheit im Bundesrat gegen das Leistungsschutzrecht. Und dann kommen auch noch Konjunktive der Telekom über das Ende der Flatrates hinzu… diese aber auch andere Themen im Überblick:

    • Bestandsdatenauskunft: Große Koalition aus Regierung und SPD unterstützt weitreichende Befugnisse für Datenabfrage

    Deutsche Behörden sollen zukünftig die Inhaber von Telefonnummern und IP-Adressen vollautomatisiert und ohne Überprüfung abfragen können – auch für Ordnungswidrigkeiten. In einem Änderungsantrag, den wir an dieser Stelle veröffentlichen, schließt sich auch die SPD einem entsprechenden Gesetzentwurf der Regierungsparteien an. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung kritisiert die Neuregelung scharf.[Zum Artikel]

    22. März 2013
  • : Nach den Wahlen in Kenia: Befürchtungen, Hate Speech im Netz könnte zu Ausschreitungen führen
    Nach den Wahlen in Kenia: Befürchtungen, Hate Speech im Netz könnte zu Ausschreitungen führen

    Ende Februar berichtete ich von dem Projekt Umati, einer Gruppe von Menschen, die vor den Präsidentschaftswahlen in Kenia soziale Netzwerke und Foren nach Hate Speech durchsuchten. Ziel war es, eine Definition für Hate Speech zu entwickeln und diese in die kenianische Verfassung einzuführen, sowie Aufklärungsarbeit gegenüber der kenianischen Öfflichkeit zu leisten.

    Mit 50,07 Prozent gewann Uhuru Kenyatta am 9. März 2013 die Wahl. Er ist vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anstiftung zum Mord, Vertreibung und Raub während der Wahlen im Jahr 2007 angeklagt. Sein Prozess beginnt am 9. Juli 2013.

    Schwere Gewaltausbrüche nach den Wahlen, wie 2007 geschehen, gab es dieses Jahr dank einem starken Polizeiaufgebot und vielen zivilen Friedensinitiativen nicht. Doch Hate Speech tritt nach den Wahlen noch immer, vor allem online auf und das Ministerium für Information und Kommunikation befürchtet erneute Unruhen auf den Straßen Kenias:.

    The Ministry of Information and Communications said this week that it has been unable to contain „the ugly messages of hate and negative ethnicity“ online. It said many of the messages qualify as hate speech. Some officials worry that the virtual feuding could trigger real-life fighting.

    18. März 2013 1
  • : Netzpolitischer Wochenrückblick: KW 9
    Quelle: <a href="http://somewheredreamy.tumblr.com/post/7319977450">Sweet Serenity</a>
    Netzpolitischer Wochenrückblick: KW 9

    In der vergangenen Woche ging es vor allem um das Leistungsschutzrecht, das heute beschlossen werden sollte und auch wurde. Wen das nicht so sehr interessiert, scrolle bitte ein wenig runter :)

    1. März 2013 2
  • : Umati: Online-Suche nach Hate Speech in Kenia vor den Wahlen im März
    Umati: Online-Suche nach Hate Speech in Kenia vor den Wahlen im März

    Nachdem in Kenia Ende des Jahres 2007 die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl bekannt gegeben worden waren, gab es fast 3 Monate lang schwere Unruhen, bei denen mehr als 1200 Menschen starben. Neben Korruptions- und Wahlfälschungsvorwürfen sollen auch Hassreden (Hate Speech) im Vorfeld der Wahlen für die aggressive Stimmung verantwortlich gewesen sein. Eine Gruppe von Menschen gründete für die bevorstehenden Wahlen im März 2013 das Projekt ‚Umati’ in Kooperation mit der gemeinnützigen Open Source Plattform Ushahidi. Das Umati Team sucht online nach Gewaltaufrufen in Foren, Social Media, Blogs usw. – in insgesamt sieben Sprachen.

    25. Februar 2013 4