Der Guardian hat unter dem Titel „The dark side of Guardian comments“ im großen Stil die Leserkommentare unter seinen Artikeln untersucht. In die Untersuchung flossen 70 Millionen Kommentare ein, die seit 2006 im Medium abgegeben wurden.
Die gute Nachricht zuerst: 96 Prozent aller Leserkommentare wurden nicht gelöscht. Von den 70 Millionen blockte der Guardian zwei Prozent, weil sie gegen die „Community Standards“ verstießen. Das sind etwa 1,4 Millionen Kommentare. Weitere zwei Prozent wurden gelöscht, weil sie Antworten auf die geblockten Kommentare waren.
Egal über was sie schreiben: Journalistinnen bekommen den Hass ab
Gleichzeitig untersuchte der Guardian, welches Geschlecht die Autoren der Artikel hatten und schaute dann nach Korrelationen zu gelöschten Kommentaren unter den Artikeln. Dabei kam heraus, dass unter den Top10 der Autorinnen und Autoren mit den meisten geblockten Kommentaren acht Frauen waren und nur zwei Männer. Die beiden betroffenen Männer waren schwarz. Zwei der Autorinnen und ein Autor in der Top10 waren homosexuell. Von den acht Frauen war eine Muslima und eine Jüdin.
Generell ist es beim Guardian so, dass seit dem Jahr 2010 konsistent Autorinnen mehr Kommentare bekommen, die moderiert werden müssen. Zudem war es so, dass in Rubriken, in denen mehr Männer schreiben, die Anzahl der geblockten Kommentare unter Artikeln von Autorinnen besonders hoch waren.
Die respektvollsten Themen im Kommentarbereich des Guardians waren übrigens Pferderennen, Cricket und Jazz. Zu den Themen mit den meisten Löschungen gehörten Israel/Palästina, Feminismus und Vergewaltigung.
Wohlfühlen bei Cricket und Jazz
Beim Guardian will man sich mit der einfachen Lösung „Lese einfach keine Kommentare!“ nicht zufrieden geben. Und ein Abschalten der Kommentare ist auch keine Option. Dennoch wird auch beim Guardian die Kommentarfunktion bei bestimmten Themen wie z.B. Migration nicht mehr freigeschaltet. Eine ähnliche Praxis hatte zuletzt eine Umfrage unter deutschen Tageszeitungen ergeben.
Der Artikel im Guardian ist auch ein datenjournalistisches Schaustück. Eine große Datenbasis, aufwendige Grafiken, eine gut erklärte Methodik, Videointerviews mit Betroffenen – und gleichzeitig Transparenz über Vorgehensweise und Erfahrungswerte mit Kommentaren, die eine Debatte im Netz immer schwieriger machen.
Als besonderes Gimmick können die Leserinnen und Leser im Artikel sogar selbst Kommentare moderieren und ihre Moderationsentscheidungen mit denen der Guardian-Moderation abgleichen.
