Die Uhr war schon bestellt und auf dem Weg zu uns nach Hause. Letzte Weihnachten. Es gab verschiedene Meinungen und Streit darum zu Hause. Doch zum Glück konnte die Einführung dieser unsäglichen Kinderüberwachung noch einmal abgewendet werden.
Deutschlands Kinder laufen immer später alleine zur Schule. Dafür gibt es keine objektiven Gründe. Zwar ist der Autoverkehr in den letzten Jahrzehnten gestiegen, die Kriminalität allerdings schon lange nicht mehr. Im Gegenteil, sie sinkt. Dennoch sieht man kaum noch Erstklässler, die alleine zur Schule laufen. Und auch in der zweiten Klasse ist das noch selten. Zumindest hier in Berlin. Vermutlich ist es die Angst-Gesellschaft, die überall Kriminalität, Gefahr und Verderben wittert.
Mein Kind läuft jetzt zur Schule. Alleine. Es war ein Kampf. Und ich meine jetzt nicht den Kampf des Kindes, genügend Mut und Selbstvertrauen für diesen Schritt zu finden. Nein, es war ein Kampf, abzuwehren, dass das Kind für diesen Anlass eine Überwachungsuhr bekommt. Diese „Kinder-Smart-Watches“ sind mit Telefon und GPS ausgerüstet und sollen angeblich die Sicherheit des Kindes erhöhen.
Quietschbunte Digitalhandschelle
Ob Eltern von Mitschülern, Familie, Bekannte oder Freundinnen: Sie alle empfahlen eine praktische Überwachungsuhr für mein Kind. Sogar ein eingefleischter befreundeter Datenschützer, mit dem ich für „Freiheit statt Angst“ demonstriert hatte, wollte mir so ein Gerät aufschwatzen. Er sagte verschämt, dass seine Kinder eine hätten. Dass es doch irgendwie gut und praktisch sei. Bei der Simulation von Sicherheit für ihre Kinder werfen sie offenbar alle Prinzipien über Bord. Etwa ein Drittel der Klassenkamerad:innen meines Kindes hat so ein Teil.
„Mithilfe einer digitalen Armbanduhr können Sie Ihrem Kind auf eine smarte Art Grenzen setzen“, heißt es auf Stern.de, auch bei Eltern.de wird vom „sanften Einstieg in die digitale Welt“ gesäuselt. Nun habe ich wirklich nichts gegen einen Einstieg in die digitale Welt – aber doch bitte selbstbestimmt und nicht mit einer quietschbunten Handschelle am Handgelenk.
Denn diese bunten Uhren mit GPS sind eigentlich Ortungswanzen. Viele von ihnen sind gekoppelt mit dem Handy der Eltern. GPS-Tracker, die Helikopter-Eltern nutzen, um den Standort ihrer Kinder zu überwachen. Eine digitale Leine, an der Eltern bei jeder Gelegenheit zerren können. Argumentiert wird dann immer, dass man im Falle einer Entführung oder Sexualstraftat wisse, wo das Kind ist. Als würde ein:e Kriminelle:r nicht als erstes die Smartwatch vom Handgelenk reißen und wegwerfen. Letztlich erodieren diese Uhren unser Verhältnis zu Überwachung und das unserer Kinder gleich mit.
Dabei sind Smart Watches für Kinder reines Sicherheitstheater. Und obendrein sind viele dieser Uhren auch noch schlecht programmiert, immer wieder erfährt man von massiven Problemen mit der IT-Security.
Lieber Vertrauen statt Kontrolle
Überhaupt möchte ich meinem Kind vertrauen. Und ich möchte, dass es mir vertraut. Ich möchte nicht heimlich schauen, wo mein Kind ist. Ich will nicht, dass Überwachung und das Gefühl, überwacht zu werden, zu seinem Alltag gehört. Ich will klare Absprachen und Freiheit. Ich will meinem Kind vertrauen, dass es sich an abgemachte Regeln hält und das Richtige tut. Ich will, dass mein Kind die Welt selbst entdeckt, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit lernt und ich nicht bei jedem Schritt digital dabei bin. Mein Kind hat Grundrechte und eine Privatsphäre.
Natürlich wäre es manchmal praktisch, sein Kind anrufen zu können und umgekehrt. Zum Beispiel, wenn es spontan nach der Schule zu Freund:innen möchte. Doch dafür würde auch ein ganz altes Handy reichen, mit dem man einfach nur anrufen kann. Ganz ohne Schnickschnack und Überwachung.
