„Menstruation“ verbotenOnlyFans zensiert mindestens 149 Wörter

OnlyFans will unerwünschte Inhalte mit Blocklisten bekämpfen. Mindestens 149 Begriffe sind auf der Bezahlseite für teils erotische Inhalte tabu. Es ist ein drastisches Beispiel für Overblocking – sogar die Zahl „zwölf“ ist verboten.

Eine nackte Statue, eine Menstruationstasse, das Logo von OnlyFans
OnlyFans möchte Creator empowern, solange sie nicht über Menstruation sprechen (Symbolbild) – Menstruationstasse: Unsplash/ Monika Kozub, Statue: IMAGO/Zoonar, Montage: netzpolitik.org

OnlyFans führt eine geheime Liste mit unerwünschten Wörtern. Wer eines davon verwenden möchte, kann den Text nicht posten. Betroffen sind öffentliche Beiträge und private Nachrichten. Welche Begriffe OnlyFans stören, möchte die Plattform auf Nachfrage von netzpolitik.org nicht offenlegen. Aber im Netz führen OnlyFans-Nutzer:innen Listen. Sie bezeichnen die Maßnahmen als „lächerlich“ und „idiotisch“. Bei 149 Begriffen konnten wir bestätigen, dass OnlyFans sie nicht gestattet – wir veröffentlichen sie am Ende des Artikels.

OnlyFans ist kein Winzling. Zahlreiche Promis und Influencer:innen verbreiten hier Bilder und Videos für zahlende Abonnent:innen. Die Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als 170 Millionen Nutzer:innen, davon würden 1,5 Millionen Inhalte beisteuern. Bekannt ist OnlyFans vor allem durch Pornografie, es gibt dort aber auch jugendfreie Inhalte. Laut Financial Times hat OnlyFans im Jahr 2021 rund zwei Milliarden Euro Umsatz gemacht. Mit dem rasanten Aufstieg der britischen Plattform ist die Hoffnung verbunden, dass sich im Netz auch anders Geld verdienen lässt – mit monatlichen Abos statt mit auf Tracking basierender Werbung.

Die Blockliste von OnlyFans zeigt nun, mit welch plumpen Mitteln eine so große Plattform offenbar Inhalte moderiert. Was das bringen soll, ist fraglich: Während OnlyFans alltägliche Gespräche beschneidet, lassen sich die Verbote kinderleicht umgehen. Wenn Anbieter Inhalte von Nutzer:innen unverhältnismäßig stark unterdrücken, nennt man das auch Overblocking. OnlyFans reagiert damit wohl auch auf politischen Druck aus den USA, wo sexuelle Inhalte zunehmend strenger reguliert werden.

Auf Anfrage von netzpolitik.org erklärt eine OnlyFans-Sprecherin, man wolle Creator „empowern“. OnlyFans habe robuste Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Creator und Fans ein „hohes Level an Schutz“ genießen könnten, heißt es in der englischen E-Mail.

Nicht über „Vergewaltigung“ sprechen

Die meisten der geblockten Worte auf OnlyFans kreisen um Inhalte, die gegen die Regeln der Plattform verstoßen könnten. Dazu gehören etwa die englischen Begriffe für „Ersticken“, „Urin“, „Kot“ und „Toilette“. Blockiert werden auch Worte, die von illegalen Inhalten handeln, etwa „Vergewaltigung“ und „Pädophilie“. Wer auf OnlyFans über Vergewaltigung aufklären möchte, muss andere Worte wählen.

Möchte man einen Text mit einem gesperrten Begriff posten, erschient eine Warnung in roten Buchstaben: „Eingabe enthält eingeschränkte Wörter“. Danach werden die betroffenen Wörter angezeigt. So lassen sich gesperrte Begriffe zumindest durch Ausprobieren ermitteln. Getestet haben wir das mit einem deutschen OnlyFans-Account im Mai.

OnlyFans blockt auch viele Wörter aus der Alltagssprache. Es braucht teils etwas Fantasie, um zu erraten, warum sich die Plattform daran stoßen könnte. So sperrt OnlyFans etwa das Wort „meet“ (sich treffen). Ein möglicher Grund ist, dass auf OnlyFans keine sexuellen Dienstleistungen beworben werden dürfen, für die man sich trifft. Zu den blockierten Wörtern gehören auch „Menstruation“, „Cervix“ (ein anderes Wort für Gebärmutterhals) und „Blut“. OnlyFans sperrt außerdem die ausgeschriebenen englischen Zahlen zwischen elf und siebzehn – möglicherweise, weil Nacktbilder von Menschen bis einschließlich siebzehn Jahren illegal sind. Auch das Wort „jung“ ist tabu.

„Versuch, unsere Redefreiheit einzuschränken“

„Lächerlich“, findet das eine OnlyFans-Nutzerin. Ihr Kommentar steht in einem Unterforum auf Reddit. Hier tauschen sich Creator:innen über Probleme auf OnlyFans aus. Die Nutzerin berichtet, wie der Wortfilter alltägliche Gespräche auf OnlyFans einschränkt. Sie habe einem ihrer Abonnenten erklären wollen, dass sie eine Weile brauche, um Anfragen zu beantworten, weil sie sich um zwei junge Kinder kümmere. Aber das Wort „jung“ lässt OnlyFans nicht zu. Eine andere Nutzerin berichtet, sie wollte „nice to meet you“ schreiben, schön dich kennenzulernen. Aber „meet“ ist verboten.

Screenshot von OnlyFans zeigt, dass "meet" ein eingeschränkes Wort ist
Auf die Wortwahl achten – „meet“ wird von OnlyFans angeprangert. - Screenshot: OnlyFans

„Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr glauben kann, wie sehr OnlyFans versucht, unsere Redefreiheit einzuschränken“, schreibt eine dritte Reddit-Nutzerin auf Englisch. Die Maßnahmen seien idiotisch. „Wir versuchen einfach nur, unsere Geschäfte sicher zu führen und werden immer wieder ungerechtfertigterweise unterdrückt und wie absoluter Scheiß behandelt, und ich bin es einfach leid.“

OnlyFans bezeichnet sich als „branchenführend“

Weitere Begriffe, die OnlyFans blockiert, sind „PayPal“ und „Admireme“. PayPal ist ein Online-Zahlungsdienstleister, Admireme eine weitere Bezahlseite für erotische Inhalte. Beide Dienste können anstelle von OnlyFans genutzt werden, um Creator zu bezahlen. Sie sind insofern Konkurrenz zu OnlyFans. Möchte man aber diese Konkurrenz auf OnlyFans erwähnen, wird man zum Schweigen gebracht.

Wortfilter können einer Plattform dabei helfen, potentiell regelwidrige Inhalte zu entdecken und zu überprüfen. Für die Moderation von Inhalten beschäftigen etwa Facebook und TikTok Tausende Löscharbeiter:innen. Denn ohne menschliche Hilfe lässt sich der Kontext eines Beitrags kaum bewerten. Zwar kann Löscharbeit bei Millionen Nutzer:innen nie fehlerfrei sein – aber das pauschale Verbot von Wörtern aus der Alltagssprache ist offenkundig äußerst fehleranfällig. Hinzu kommt, dass die Hürde kinderleicht zu umgehen ist. „Jeder setzt wahrscheinlich Leerzeichen oder Punkte in die Wörter, um sie trotzdem zu verwenden“, schreibt eine OnlyFans-Nutzerin auf Reddit. Welchen Zweck verfolgt OnlyFans also mit den geblockten Wörtern?

Auf unsere Presseanfrage reagierte OnlyFans mit überschwänglichem Eigenlob. Man verwende „branchenführende, robuste Maßnahmen“ und „modernste Technologien“ um sicherzustellen, dass Inhalte auf OnlyFans mit den Nutzungsbedingungen übereinstimmen. Alle Inhalte würden innerhalb von 24 Stunden „umfassend“ von Menschen überprüft, heißt es weiter. Das Moderationsteam pflege eine Liste von Wörtern und Sätzen. Diese Liste sei aber nicht öffentlich zugänglich, um die Umgehung der Richtlinien zu verhindern. Wir hatten ausdrücklich gefragt, ob man uns diese Liste offenlegen könne.

Geblockte Wörter auf OnlyFans
Eine nicht vollständige Übersicht geblockter Begriffe auf OnlyFans, Stand Mai 2022. Eine alphabetisch geordnete Liste veröffentlichen wir am Ende dieses Artikels. - CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Offenbar setzt OnlyFans damit auf das Motto „Security through obscurity“, Sicherheit durch Unklarheit. Dahinter steckt das Konzept, dass man Sicherheitsmaßnahmen besser geheim hält, damit die Schlupflöcher nicht sofort ins Auge fallen. Konsistent ist OnlyFans dabei aber nicht. Im Jahr 2020 veröffentlichte eine OnlyFans-Nutzerin eine Liste der damals blockierten Wörter auf ihrem WordPress-Blog. Die Nutzerin erklärt, sie habe den OnlyFans-Support schlicht danach gefragt und sie erhalten.

Auf Grundlage dieser Liste haben wir überprüft, welche Begriffe OnlyFans noch heute sperrt. Einige Worte hat OnlyFans nicht mehr beanstandet, etwa „farm“ und „golden“. Neue Begriffe sind hinzugekommen, etwa „PayPal“.

OnlyFans verrät nicht, ob der Wortfilter nur Englisch kann

Im stumpfen Blockieren von Wörtern lässt sich schwerlich „modernste Technologie“ erkennen. Anscheinend fokussiert sich die Blockliste von OnlyFans zudem auf Englisch. Wir haben deutsche, französische und spanische Übersetzungen der geblockten Wörter getestet – in diesen Sprachen hat OnlyFans sie nicht beanstandet. Können die „modernsten“ Wortfilter von OnlyFans nur Englisch? Diese Frage hat uns die Sprecherin nicht beantwortet. OnlyFans wollte uns auch nicht verraten, wie viele Menschen in wie vielen Sprachen Inhalte moderieren.

OnlyFans überwacht anscheinend nicht nur Beiträge für alle Follower:innen, sondern auch direkte Nachrichten im Chat. Das berichtete ein ehemaliger Angestellter gegenüber der britischen BBC. Unsere konkrete Frage, ob OnlyFans auch private Nachrichten durchleuchte, beantwortete die Sprecherin nicht eindeutig. Man überprüfe „alle Inhalte“, hieß es.

Intransparente Löscharbeit ist nicht nur bei OnlyFans ein Thema. TikTok hat bereits seine eigenen Erfahrungen mit automatischen Wortfiltern gemacht, wie wir Anfang des Jahres berichtet haben. Im Gegensatz zu OnlyFans hat TikTok betroffene Nutzer:innen nicht darüber informiert, welche Wörter problematisch waren. Auch dass sich Plattformen bei der Löscharbeit zunächst auf Englisch fokussieren, ist nicht neu. Bei Facebook gab es bereits Vorwürfe wegen mangelhafter Löscharbeit in anderen Sprachräumen.

Die Angst vor Overblocking durch Wortfilter hat längst die Netzkultur verändert. Viele Nutzer:innen haben ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Plattformen sie für manche Wörter bestrafen könnten. Darf man im Netz überhaupt noch offen über Sex sprechen? Mit kreativ verfälschten Schreibweisen und neuen Synonymen wollen Nutzer:innen mögliche Einschränkungen umgehen, etwa auf TikTok und Instagram. Das Phänomen hat den Namen „Algospeak“.

„War On Porn“ trifft auch OnlyFans

Im Fall von OnlyFans gibt es einen weiteren Einflussfaktor, der den Einsatz der Wortfilter erklären könnte. Die Plattform steht politisch unter Druck. Es gab mal die Hoffnung, dass OnlyFans Sexarbeiter:innen nachhaltig stärken könne. Mit seinem Bezahlmodell ist die Plattform ein Gegenentwurf zu den mächtigen Gratis-Pornoseiten. Mit OnlyFans konnten sich Sexarbeiter:innen ein finanzielles Standbein aufbauen – vor allem, als während der Pandemie andere Einkommensquellen wegbrachen. Aber Pornografie und Sexarbeit haben mächtige Gegner:innen.

Erzkonservative Politiker:innen, Aktivist:innen und Zahlungsdienstleister machen mobil gegen sexuelle Angebote im Netz. In der Branche ist die Rede vom „War on Porn“, Krieg gegen Pornografie. Besonders in der Kritik stehen in den USA etwa die Regulierungen namens SESTA (Stop Enabling Sex Traffickers Act) und FOSTA (Fight Online Sex Trafficking Act). Sie machen Online-Plattformen für einige von Nutzer:innen generierte Inhalte verantwortlich. Eigentlich zielen diese Regulierungen auf illegalen Menschenhandel ab. In der Praxis führen sie aber auch zu Overblocking legaler Inhalte, wie Yigit Aydin von der European Sex Workers‘ Rights Alliance erklärt.

Die Lage für OnlyFans sei schwierig, schreibt Yigit an netzpolitk.org. Die Plattform versuche, sich zu schützen. „Solche Gesetze wirken sich auf das Design und die Politik von Plattformen aus und machen diese Orte zunehmend feindlich für Sexarbeiter:innen.“ In der Folge würden sie von Online-Plattformen vertrieben. Das führe zu Einkommensverlusten und Isolation, schreibt Aydin.

Im Jahr 2021 hatte OnlyFans sogar zeitweise angekündigt, sexuelle Inhalte ganz zu verbieten. Als Grund nannte OnlyFans-Gründer Tim Stokely den Druck durch Banken und Zahlungsdienstleister. Dabei ist die Plattform nur dank Pornografie so populär geworden. OnlyFans hätte sich neu erfinden müssen – oder wäre bedeutungslos geworden. Wenige Tage später machte OnlyFans die Entscheidung rückgängig. Offenbar wurde auf den letzten Drücker noch eine Einigung erreicht. Angespannt ist die Lage bis heute. OnlyFans blockt lieber zu viel als zu wenig. Dabei nimmt die Plattform in Kauf, dass Sätze wie wie „nice to meet you“ einfach nicht gepostet werden können.


Liste geblockter Begriffe auf OnlyFans

abduct
abducted
abducting
abduction
admireme
asphyxia
asphyxiate
asphyxiation
asphyxicate
asphyxication
bait
ballbusting
bareback
beastiality
bestiality
blacked
blackmail
bleeding
blood
bloodplay
bukkake
caned
caning
cannibal
cbt
cervics
cerviks
cervix
child
chloroform
chloroformed
chloroforming
choke
choking
coma
comatose
cp
diapers
doze
drunk
drunken
eleven
enema
escort
escorting
fanfuck
fecal
fetal
fifteen
fisted
fisting
flogging
foetal
forced
forcedbi
forceful
forcing
fourteen
fuckafan
fuckfan
gangbang
gangbangs
gaping
hardsports
hooker
hypno
hypnotize
hypnotized
hypnotizing
inbreed
inbreeded
inbreeding
incapacitate
incapacitation
incest
intox
inzest
jail
jailbait
kidnap
kidnapped
kidnapping
lactate
lactation
lolicon
lolita
medicalplay
meet
menstrate
menstrual
menstruate
menstruating
menstruation
molest
molested
molesting
mutilate
mutilation
necrophilia
paddling
paralyzed
paypal
pedo
pedophile
pedophilia
pee
peeplay
piss
pissing
poo
poop
preteen
prostituted
prostituting
prostitution
pse
rape
raping
rapist
restrictedwordtestzulu
scat
seventeen
sixteen
skat
snuff
strangled
strangling
strangulation
suffocate
suffocation
teen
thirteen
toilet
toiletslave
toiletslavery
torture
tortured
twelve
unconscious
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unwilling
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vomitted
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2 Ergänzungen

  1. „Dabei ist die Plattform nur dank Pornografie so populär geworden. “

    Es gab zuletzt allerdings auch Fälle von Abwanderung von anderen Plattformen zu Onlyfans. U.a. z.B. Fotografen aus dem Erotikbereich (nicht zwingend (nur) pornographisch) und vielleicht auch Spieleentwickler, deren erotische oder Sex darstellende Spiele von anderen Plattformen Verdrängt werden. Die Regeln auf Patreon z.B. werden mit gefühlt konstanter Schlagfrequenz verschärft. Wie groß der Effekt ist, weiß ich allerdings nicht. Typisch hört man, dass Brustwarzen nicht mehr darstellbar seine u.ä., so dass auch einige Musiker nicht mehr arbeiten können ;).

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