Inseratenskandal in ÖsterreichGoogle zahlt weiter für „Qualitätsinhalte“ bei Oe24

Im Sommer schloss Google mit der Boulevardzeitung Oe24 einen Vertrag, um dessen „qualitativ hochwertige Inhalte“ in seinen Apps nutzen zu dürfen. Dass das Medium kürzlich im Zentrum des Skandals über mutmaßlich manipulierte Wahlumfragen für Sebastian Kurz stand, scheint den US-Konzern nicht zu stören. Oder etwa doch?

Wolfgang Fellner und Oe24
Wolfgang Fellner druckte in seinem bunten Blättchen gerne Jubelmeldungen über Sebastian Kurz – Alle Rechte vorbehalten Image/Hartenfelser – Bearbeitung durch netzpolitik.org

Ein Blick auf jüngere Entscheidungen des österreichischen Presserates lässt erahnen, um welche Art von Medium es sich bei der Tageszeitung „Österreich“ und ihrem Gratisableger „Oe24“ handelt. Einmal verstößt „Oe24“ gegen den Ehrenkodex, weil es einen Schlagerstar so abbildet, dass der Eindruck erweckt wird, er hätte mit einem Doppelmord tun. Ein andermal veröffentlicht es Nacktbilder von Soldaten beim Feiern – ein voyeuristischer Eingriff in die Intimsphäre, urteilt der Presserat. Und eine weitere Rüge trägt sich Chefredakteur Wolfgang Fellner ein, als er in einer Sendung auf Oe24.tv zum N-Wort greift. Dort moderiert Fellner weiter Sendungen, obwohl er sich erst im Mai nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung vorübergehend zurückgezogen hatte.

Doch was vor einigen Wochen in Österreich bekannt wurde, stellt alles bislang über die Zeitung und ihre fragwürdigen Praktiken Bekannte in den Schatten. Eine Ermittlungsbehörde geht Hinweisen nach, dass das Boulevardblatt jahrelang bestochen worden sein soll, um manipulierte Umfragen zu drucken. Ein Skandal, der Österreich erschüttert und Sebastian Kurz als Kanzler zu Fall brachte.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien verdächtigt Chefredakteur Wolfgang Fellner und seinen Bruder Helmuth, im Gegenzug für millionenschwere Regierungsinserate im redaktionellen Teil ihrer Blätter frisierte politische Umfragen gedruckt zu haben, die Kurz und seiner Truppe zugute kamen. Es seien „Umfragen, die kein Medium drucken würde – außer man bezahlt es dafür“, fasst es die Wochenzeitung Der Falter zusammen. Die Fellner-Brüder bestreiten die Vorwürfe, das Verfahren läuft.

Google zahlt für „qualitativ hochwertige Inhalte“

Auf die Geschäftsbeziehungen des Fellner-Blattes scheint sich das politische Erdbeben bislang nicht auszuwirken. Erst vor einigen Wochen schloss Google einen lukrativen Lizenzdeal mit „Oe24“ ab. Das Boulevardblatt ist eines von mehreren österreichischen Medien, die von Google seit diesem Sommer Geld für „qualitativ hochwertige Inhalte“ erhalten. Diese speisen die Medien in ein Feature der Google-News-App namens Showcase sein.

Google News Showcase
Screenshot - Alle Rechte vorbehalten Google

Dort finden sich Inhalte von zumindest neun österreichischen Medien, händisch ausgewählt von deren Redakteur:innen. „Partnerschaften mit Medienhäusern in Österreich und auf der ganzen Welt sollen den Verlagen helfen, neue Leser:innen zu erreichen und nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln“, sagt Google beim Start von Showcase in Österreich.

Global kooperiert Google inzwischen mit 800 Medien in verschiedenen Ländern, auch deutsche Verlage kriegen Millionen von dem Konzern. Darüber, wie Google diese Zusammenarbeit für sich nutzt, haben wir an anderer Stelle ausführlich berichtet.

Über die Höhe der Zahlungen im Rahmen von Google News Showcase schweigen sich alle Beteiligten aus. Bei größeren Medien wie Oe24 geht es laut Branchengerüchten jedoch monatlich um sechsstellige Beträge, also mehr als eine Million Euro im Jahr.

Google: Wir haben nichts verändert

Über die Zusammenarbeit mit Oe24 gibt sich Google schmallippig, doch das Geld fließt bislang offenbar weiter. Auf Anfrage von netzpolitik.org will Pressesprecher Ralf Bremer die Manipulationsvorwürfe gegen das Medienhaus nicht direkt kommentieren. Er schreibt lediglich: „Jede nachrichtliche Publikation auf unseren Plattformen muss unseren entsprechenden Richtlinien entsprechen.“

In den Richtlinien heißt es, manipulierte Medien hätten keinen Platz bei Google News. Und tatsächlich, „Oe24“ ist zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels – im Gegensatz zu zwei Wochen davor – nicht mehr im Showcase-Bereich von Google News auffindbar. Hat Google also das umstrittene Medium rausgeworfen?

Google habe „diesbezüglich nichts verändert“, schreibt Google-Sprecher Bremer. Warum derzeit weder über die Google-News-App noch die Desktop-Version Artikel von Oe24 in Showcase gezeigt werden, bleibt unklar. Das betroffene Medium selbst hilft nicht bei der Aufklärung der Verwirrung. „Oe24.at“-Chefredakteur Niki Fellner, der Sohn von Wolfgang Fellner, reagiert nicht auf unsere Presseanfrage. Trotz dem Skandal um „Oe24“ und manipulierte Umfragen hält der Konzern offenkundig an der Kooperation fest.

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3 Ergänzungen

  1. Qualitativ Kurz ins Amt verhelfen. Ich kann Google auch verstehen (und offenbar haben sie ja gehandelt) und Klatschpresse ist eben auch Presse, aber so kann man sich ja quasi auch direkt ins Google Showcase kaufen – und das ist ja sicher nicht im Interesse der Schaffer.

  2. Bei Schmierblättern weis man wenigstens was man liest, was bei der Qualitätspresse oft genug mehr als fraglich ist.

    Ein witziges Beispiel, Krankenhaus Nord in Wien, Skandal, Kostenüberschreitungen, viele zu teuer, der eigentliche Skandal ist das es keinem Journalisten wert war mal nachzufragen und nachzureichen mit welchem Quadratmeterpreis die Gemeinde Wien das Krankenhaus errichten wollte. Nur so viel, wenn ein Häuselbauer mit der Kalkulation bei einer Bank um ein Kredit anfragt, hat er verdammt gute Chancen auf eine psychiatrische Behandlung.

    Anzumerken ist, von dem Umstand haben etliche Qualitätsmedien gewusst, schließlich wollte ich darüber näher Informationen, es hat allerdings keiner Wert gefunden dem mal nachzugehen, und nachzurechnen für das nicht mehr und wenige als die 4 Grundrechenarten notwendig gewesen wäre. Offensichtlich war es allen wichtiger einen Skandal zu haben – damit kann man Leser befriedigen. Der eigentliche Skandal besteht somit darin das der Skandal überhaupt eine Skandal war.

    Bei einem Schmierblatt brauch ich mir wenigsten keine Gedanken machen, das was dort steht stimmt sehr sicher nicht. Das hat auch für Google einen Vorteil darauf zurückzugreifen, künstliche Intelligenz ist ohnedies nicht in der Lage sinnerfassend Inhalte zu erkennen und zu verstehen, damit ist diese KI garantiert auch nicht überfordert.

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