BosswareGewerkschaften warnen vor KI-Überwachung am Arbeitsplatz

Zahlreiche Firmen bieten Software an, die Beschäftigten am Arbeitsplatz automatisiert überwacht. Der Einsatz solcher Systeme ist nach Ansicht von Gewerkschaftsverbänden bereits rechtswidrig, es fehle aber an speziellen und strengen Regeln gegen den Missbrauch.

Arbeitest du noch?
Überwachungstools: Wenn der Chef im Home Office über die Schulter kuckt Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Glenn Carstens-Peters

Als die Beschäftigte Reddit ansurft, öffnet sich ein Pop-up-Fenster: „Arbeitest du noch?“ Ein ähnliches Fenster ploppt auch auf, wenn ihre Tastatur und Maus zu lange stillstehen. Regelmäßig landen Screenshots ihres Bildschirms beim Chef, der immer weiß, ob sie gerade arbeitet oder nicht.

Mit diesem gruseligen Szenario wirbt die App „Time Doctor“ für sich. Was sie offeriert, ist leider nicht ungewöhnlich – zahlreiche Firmen bieten Software, mit denen Chefs ihre Mitarbeiter bei der Arbeit überwachen können. Solche Programme werden in den USA „Bossware“ genannt, in Anlehnung an schädliche Malware.

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Die Überwachungssoftware „Time Doctor“ zeigt, welche mutmaßlich unproduktiven Dinge die Arbeitnehmer:in gemacht hat. - Alle Rechte vorbehalten Time Doctor

Zumindest elf solcher Angebote fand das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) bei der Recherche für eine Studie, die nun erschienen ist. Die Lockdowns während der Covid-Pandemie haben die Nachfrage nach Spähsoftware verstärkt, heißt es darin.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen die Gefahr, die vom Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und automatisierter Überwachungssoftware für Beschäftigte ausgeht. Sie zeichnet das Bild einer Arbeitswelt, in der Firmen ihre Mitarbeiter:innen auf Schritt und Tritt beobachten, um bedingungslos Produktivität einzufordern und Menschen automatisiert zu beurteilen.

Solche Überwachung sei klar rechtswidrig, sagt ETUI-Forscherin Aída Ponce Del Castillo. „Mit der Zunahme der Telearbeit setzen immer mehr Firmen penetrante Überwachungssoftware ein. Einige riskieren dies sogar ohne Rücksprache mit den Arbeitnehmern.“ Allerdings sei klar, dass dies im Widerspruch zur Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) stehe.

Gewerkschaften wollen „strengere Regeln“

Während Überwachung durch Arbeitgeber:innen rechtlich zumindest fragwürdig ist, fehlt es den zuständigen Behörden oft an Ressourcen und Expertise für den Beschäftigtendatenschutz. Dabei gibt es immer wieder spektakuläre Fälle. Etwa erhielt die deutsche H&M-Niederlassung für systematische Aufzeichnungen über das Privatleben ihrer Beschäftigten rund 35 Millionen Euro Strafe von der Hamburger Datenschutzbehörde. Überlegungen für ein eigenes Beschäftigtendatenschutzgesetz wurden in Deutschland aber immer wieder auf die lange Bank geschoben.

Die Studie des Gewerkschaftsinstituts spricht sich angesichts der Bedrohung speziell durch algorithmische Überwachung für eine Richtlinie für die Verwendung von KI in der Arbeitswelt aus. Auch der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) fordert „stärkere Regeln“ in diesem Bereich.

Enttäuscht zeigen sich die Gewerkschaften von einem Vorschlag der EU-Kommission zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz. Der Vorschlag der Kommission öffne den Missbrauch für anhaltenden Missbrauch von KI auf Kosten der Rechte der Beschäftigten, sagte EGB-Geschäftsführerin Isabelle Schömann. Das EU-Parlament müsse höhere Hürden für den Einsatz von KI am Arbeitsplatz setzen und die Einbindung der Beschäftigten verpflichtend machen.

10 Ergänzungen

  1. Ich kann nachvollziehen, das Chefs fürs Geld, auch Leistung erwarten.
    Nur wird hier gerne vergessen, das Menschen keine Roboter sind. Und für einen eventuellen Leerlauf nicht einmal verantwortlich sind.
    Aber hier nimmt sich die Wirtschaft auch ein Beispiel an der Politik, die mehr und mehr die Überwachung von Allem und Jedem vorantreibt. Ob hier dann wirklich die CxU Interesse an einem Gesetz zum Schutz der Arbeitnehmer, vor solcher Überwachung, hat, wage ich zu bezweifeln.

    1. Als Chef erwarte ich gute Ergebnisse. „Leistung“ ist „Arbeit pro Zeit“ und letztlich nur bei der Vereinbarung oder Festlegung der zu erwartenden Ergebnisse bei gegebener Zeit relevant. Leistungsfaehigkeit immer voll auszureizen ist mE kontraproduktiv, denn es laesst keine Reserven und bestraft letztlich die Effizienteren Leute.

      Aber im Menschenbild der „Human Resource“ sind Mitarbeiter halt Verbauchsmaterial, dass es bestmoeglich zu verheizen gilt, und die deutschen Waehler wie auch viele Arbeitnehmer haben das als „normal“ verinnerlicht. Wie so viele Selbstbetruege.

    2. Hinzu kommt da konveniente Feigenblatt „KI“ Anstelle der teuren und verbotenen Videoüberwachung. Im Komplettüberwachungsszenario, nicht nur Gebäudesicherheit…

      1. Leider nein, zB Amazon macht damit Riesengewinne. Gibt eine Menge jobs, in denen das zu Lasten der MA eine Zeit funktioniert. Mgmt denkt da selten weiter als 1 Jahr, und MA sind human resources, Verbrauchsmaterial.

  2. Selbst wenn es so eine Software gibt, die Leute werden kreativ: dann bewegen sie mit der einen Hand regelmäßig die sinnlos Maus und spielen mit der anderen Hand am privaten Handy – „Bullshit Jobs“ von David Graeber lässt grüßen.

    Und die Chefs hingegen können mit sportlichen Deadlines und viel Arbeitsvolumen ihr Personal auf Trab halten. Ich halte daher den Effekt solcher Panoptikum-Software (egal, ob man das gut oder schlecht findet) für fraglich oder sogar kontraproduktiv, da sich das (sofern noch vorhandene) Vertrauen in die Geschäftsleitung verschlechtert.

  3. Wie wär’s denn mit einer Liste gängiger „Bossware“ die in unserem Wirtschaftsraum eingesetzt wird? Vielleicht noch mit einer Spalte, wie man sie erkennt.

  4. Ich sehe das Hauptproblem generell in dem gedankenlosen Einsatz von KI. Es wird besonders von Personen, die sichtlich keine Ahnung von der Materie haben, vorangetrieben. Das ist schon daran ersichtlich, dass vielfach Maschine Learning mit KI gleichgesetzt wird, obwohl es ja nur ein kleiner Teil aus dem Bereich KI ist, der aktuell einen Hype hat.
    Ich sehe KI in allen Bereichen, wo dadurch ein großer Schaden angerichtet werden kann, als unverantwortlich an. Es besteht ein gewaltiges Problem, diese Entscheidungsprozesse nach zu vollziehen und nachträglich zu bewerten.
    Dieses Problem existiert ja schon bei geheim gehaltenen Algorithmen, wie z. B. bei der Schufa. Mit der Verwendung von Maschine Learning kommen nun aber noch schwere bis nicht vorhersehbare Probleme dazu. Allein die Wahl der Trainingsdaten kann dabei das komplette Ergebnis verzerren und bei immer komplexeren Anwendungsfällen kann ich mir nicht vorstellen, wie man so etwas ausreichend ausschließen könnte.
    Die KI zur Filterung von Bewerbungen bei Amazon hat das beispielhaft gut gezeigt.
    https://www.focus.de/finanzen/boerse/die-tuecken-der-intelligenz-amazon-schaltet-ki-ab-die-bewerbungen-von-frauen-als-minderwertig-erachtete_id_9741890.html

    1. Korrekt: Es ist halt alles keine „KI“, sondern das auf statistischer Auswertung der Vergangenheit beruhende Fortschreiben eben dieser Vergangenheit. Deswegen bei allen Konservativen und derzeit Privilegierten auch so beliebt: die wollen keine Aenderungen, die finden ihre Vorurteile und Vorteile ja gut.

      Es sollte journalistische Grunduebung sein, „KI“ in diesem Kontext eben als „KI“ zu bezeichnen und einzuordnen. Das hat nicht mit Intelligenz zu tun, wird aber als solche verkauft, um die Entscheidungen glaubhafter „objektiv“ zu machen.

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