AfghanistanVom Facebook-Profil auf die Verhaftungslisten der Taliban

Afghanische Nutzer versuchen verzweifelt ihre digitale Spuren zu beseitigen. Soziale Netzwerke bieten Tools an, um Mitglieder beim Wettlauf gegen die Taliban zu unterstützen. Die neuen Machthaber gelangen währenddessen in den Besitz biometrischer Gesichtsscanner.

Flucht vor den Taliban
Nicht alle Afghanen können sich ins Ausland retten. Frauen erwarten unter den Taliban Einschränkungen. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Poolfoto

Ein Bild mit Kollegen, ein Auslandspraktikum im Lebenslauf, ein „Gefällt-mir“ unter einem Beitrag: nichts Ungewöhnliches. Die Sorglosigkeit, mit der viele Nutzer ihr Leben im Netz teilen, können sich Afghanen nicht mehr leisten. Für sie kann ein Online-Profil lebensgefährlich werden. Seit die Taliban die Macht im Land übernommen haben, durchsuchen sie Wohnungen ebenso wie Smartphones und soziale Plattformen. Daher setzen viele Afghanen momentan alles daran, ihre digitalen Spuren zu beseitigen.

Gefährlich werden kann Nutzern dabei alles, was sich in Nachrichten, Verläufen oder dem eigenen Feed finden lassen könnte. Besonderes Interesse haben die Taliban an Informationen darüber, wer in der Vergangenheit mit westlichen Streitkräften oder mit Hilfsorganisationen zusammengearbeitet hat. „Unerwünschte Personen“ suchen die Taliban in sozialen Netzwerken, schließlich sind diese oftmals leicht zugänglich. Neben Ortskräften fürchten speziell Frauen und Angehörige von Minderheiten, dass ihnen ihre Online-Profile zum Verhängnis werden könnten.

Dass Ortskräfte Bilder mit NATO-Angehörigen löschen sollten, ist offensichtlich. Ins Visier geraten können afghanische Nutzer jedoch auch, sollten sie auf Instagram den falschen Personen folgen, bei LinkedIn eine Tätigkeit im Ausland angegeben oder eine unerwünschte Meinung retweetet haben. Metasuchmaschinen und zunehmende Datenspeicherung erschweren es zusätzlich, die eigenen Spuren im Netz zu beseitigen.

Technisch versiert

Das ist insbesondere gefährlich, da das Internet für die Taliban alles andere als Neuland ist. Ihr technisches und digitales Know-how sollte nicht unterschätzt werden: Die Gruppe ist erfahren im Umgang mit sozialen Medien, auch wenn immer wieder Kanäle und Konten der Islamisten auf verschiedenen Plattformen gesperrt wurden und werden. Auch welche Möglichkeiten Gesichtserkennung oder Datenspeicherung bieten, haben die Taliban erkannt. 

The Intercept berichtet unter Berufung auf Quellen aus dem Militär, die Taliban seien in den Besitz biometrischer Gesichtsscanner gelangt, die US-Streitkräfte zurückgelassen haben. Zusätzlich besteht die Gefahr, die Islamisten könnten sich Zugang zu weiteren Datensätzen verschaffen, beispielsweise aus Büros von Menschenrechtsorganisationen.

Damit wäre ihnen eine Identifizierung von Ortskräften möglich. Daten für diese „tragbaren Geräte zur behördenübergreifenden Identitätsfeststellung“ („Handheld Interagency Identity Detection Equipment“, HIIDE) sammelte auch die Bundeswehr. Die Bundesregierung teilte dies bereits 2011 in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken mit. Um HIIDE nutzen zu können, benötigen die Taliban Experten zufolge weitere Technik. Zugang zu dieser könnte den Islamisten der pakistanische Geheimdienst bieten.

Darüber haben normale Afghanen zwar keine Kontrolle, über ihren Auftritt in sozialen Medien dagegen zumindest bedingt. Sämtliche Konten zu löschen, scheint angesichts der Lage naheliegend. Das würde allerdings den Zugang zu Informationen stark einschränken. Zudem verlören viele afghanische Nutzer dadurch den Kontakt ins Ausland, zu Verwandten und Freunden, die das Land verlassen haben. Auch Dokumente, etwa um Visa zu beantragen, lassen sich mittlerweile online senden. Davon abgesehen ist es auf den meisten Plattformen ohnehin aufwendig bis unmöglich, die eigenen Spuren restlos zu entfernen.

Plattformen bieten Schutzmaßnahmen

Verschiedene Netzwerke haben mittlerweile auf die Bedrohung ihrer afghanischen Nutzer reagiert. Am Donnerstag verkündete Facebook, verschiedene Anpassungen vorgenommen zu haben, um Mitglieder zu schützen. Nathaniel Gleicher, Sicherheitschef des Konzerns, schrieb in einem Tweet hierzu:

Wir haben ein One-Click-Tool für Menschen in Afghanistan eingeführt, mit dem sie ihr Konto schnell sperren können. Ist das Profil gesperrt, können Personen, die nicht mit ihnen befreundet sind, weder ihr Profilfoto herunterladen oder teilen noch Beiträge auf ihrer Timeline sehen.

Gleicher gab an, nur einige der Maßnahmen öffentlich zu verkünden, um  „böswilligen Akteuren“ nicht zu viel Informationen zu liefern. Man tue jedoch alles, um afghanische Mitglieder der Plattform zu schützen. Bei Whatsapp und Instagram sollen Sicherheitsmaßnahmen folgen. „Sollten Sie sich außerhalb Afghanistans befinden, aber Freunde in dem Land haben, können Sie diese auch schützen, indem Sie Ihre eigenen Sichtbarkeitseinstellungen verschärfen“, erinnerte Gleicher Nutzer mit Hinweis auf einen Facebook-Guide. 

Die Maßnahmen bei Clubhouse gehen noch weiter: Hier wurden afghanische Konten präventiv stillgelegt. Betroffene Nutzer haben eine Nachricht erhalten, in der ihnen auch mitgeteilt wird, wie sie ihr Konto wieder reaktivieren können. Twitter verkündete, eng mit Organisationen zu kooperieren, um im Zweifelsfall auch archivierte Tweets zu löschen. Linked-In sperrte ähnlich wie Facebook den Zugriff auf Freundeslisten afghanischer Nutzer. Selbst US-Behörden haben begonnen, Beiträge und Daten zu löschen, die für Personen in Afghanistan gefährlich werden könnten.

Bedrohung nimmt zu

Digital-NGOs wie Access Now kritisieren, dass die Reaktion der Anbieter allgemein zu spät erfolgt sei. Nun räche sich der Mangel an Guidelines oder Angeboten in den Landessprachen. Dies erschwere es betroffenen Afghanen, ihre digitalen Spuren zu beseitigen. Wer kein oder nicht ausreichend Englisch spreche, sei aufgeschmissen. Verschiedene Organisationen bieten daher Unterstützung beim Beseitigen digitaler Spuren an.

Hilfe finden afghanische Nutzer etwa bei Beratungshotlines wie der der pakistanischen NGO Digital Rights Foundation. „Securityinabox“ veröffentlicht Guidelines, in Englisch ebenso wie in Dari. Das Projekt ist als Kooperation der Menschenrechtsorganisation Front Line Defenders  sowie der Datensicherheits-NGO Tactical Tech entstanden. Weitere Guides in Dari und Pashto bietet Human Rights First. Eine Sammlung an Hilfsstellen sowie eine Hotline bietet Access Now. 

Noch versichern die neuen Machthaber, gemäßigter vorzugehen als während ihrer letzten Herrschaft von 1996 bis 2001. Damals durften Frauen das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen, auf Vergehen gegen die Gesetze der Taliban standen drakonische Strafen. Stimmen aus dem In- und Ausland trauen den Versprechen der Islamisten allerdings nicht. Der afghanische Foto-Journalist Massoud Hossaini sprach im Deutschlandfunk von einer gezielten Täuschung westlicher Medien durch die Taliban.

In den ersten Tagen nach der Machtübernahme durften Journalistinnen weiter berichten, mittlerweile werden sie am Arbeiten gehindert. Viele sind inzwischen untergetaucht. Auch für ausländische Journalisten wird die Lage in Afghanistan zunehmend schlechter. Vergangene Woche töteten die Taliban ein Familienmitglied eines Mitarbeiters der Deutschen Welle. Bereits Anfang August wurde Amdadullah Hamdard, der in der Vergangenheit als Übersetzer für Die Zeit gearbeitet hat, auf offener Straße erschossen.

Eine Ergänzung

  1. Ein Grund mehr, als Bürger dieses Landes für

    https://gesichtserkennung-stoppen.de/

    zu unterschreiben und (wir haben Wahlkampf) seine Bundestagsabgeordneten oder kandidierende Politiker seines Ortes nach ihrer Haltung zu einem gesetzlichen Verbot nach Gesichtserkennung anzusprechen. Eine Liste aller E-Mail-Adressen von Bundestagsabgeordneten findet man hier:

    https://sites.google.com/site/ichbinbildungstraeger/tipps-fuer-orga/bundestagsabgeordnete-19ter-bt

    Die letzte Haltung der Parteien hier:
    https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw05-de-gesichtserkennung-679992

    Die nachträgliche Löschung auf Accounts halte ich für zu spät, da das Pegasus-Projekt aufgezeigt hat, dass schon während der offenen Arbeit Journalisten auf Listen für Zielpersonen oder Feindeslisten landen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was die Taliban mit „PimEyes“ und „Clearview AI“ anstellen könnten. Oppositionspolitiker auf Feindeslisten zu setzen ist auch in Deutschland ein Thema:

    https://www.ardaudiothek.de/episode/das-ard-radiofeature/virtuelle-propaganda-doku-ueber-digitale-stimmungsmache-im-wahlkampf/ard-de/92281938

    Das Erste sendet zum ARD radiofeature auch eine (dann mit Video unterlegte) Story mit dem Titel „Wahlkampf undercover – Wie PR-Profis uns manipulieren“ – ein Film von Gesine Enwaldt und Peter Kreysler, am Montag, den 30.08.2021 um 23.05 Uhr. Derzeit ist geplant, dass der Film auch in die Mediathek kommen soll.

    Das letzte Thema, zu dem ich oben übergegangen bin, sollte wieder bessers von netzpolitik.org beleuchtet werden. Viel zu viele Leute haben unterschätzt, wass aus den gekündigten Mitarbeitern von Cambridge Analytica und der Idee hinter diesem Geschäftsmodell weiter gewachsen ist. Die digitalen Contractor-Firmen, die wie Metastasen nachgewachsen sind, sind heute erwachsen.

    Auch netzpolitik.org hat es bis heute leider versäumt, das vollständige Psychografie-Modell von CA nachzuvollziehen und seinen Lesern zu erklären (Microtargeting wurde nicht mit gestohlenen sondern mit auf Basis des O.C.E.A.N.-Modells ABGELEITETEN Psychographie-Modellen bei der US-Wahl und beim Brexit betrieben – die Anzahl der dann abgeleiteten verwendeten US-Modelle tauchte später in einer indischen Werbebroschüre zu CA auf)

    Es war überraschend, dass ein ARD-Enthüllungsjournalist (siehe Reportage oben) bei den Nachfolgefirmen weiter ist in der Recherche als netzpolitik. Nehmt’s als konstruktive Kritik.

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