Facebook ergreift offenbar weitere Maßnahmen, um die Verbreitung von Desinformation nach der Präsidentschaftswahl in den USA einzudämmen. Sie beziehen sich zunächst auf amerikanische Facebook-Gruppen, deren Betreiber:innen der Konzern nun stärker in die Verantwortung nehmen will, wie die Washington Post berichtet.
Der Zeitung zufolge geht es dabei vor allem um die Verschwörungserzählungen aus dem Lager von Donald Trump, wonach es zu massivem Wahlbetrug zugunsten von Joe Biden gekommen sein soll – eine Behauptung, für die es keine Belege gibt. Das bestätigt auch eine aktuelle Recherche der New York Times, die nach eigenen Angaben Wahlbeamte in Dutzenden Bundesstaaten kontaktiert hat – sowohl aus den Reihen der Demokrat:innen als auch der Republikaner:innen.
Einige Gruppen setzt Facebook laut der Washington Post nun regelrecht auf Bewährung. Die neuen Maßnahmen gelten für öffentlich einsehbare, aber auch geschlossene Gruppen. Sie greifen, sobald die Plattform innerhalb einer Gruppe zu viele Beiträge feststellt, die ihrer Ansicht nach gegen ihre sogenannten Gemeinschaftsstandards verstoßen.
Üblicherweise erscheinen Beiträge auf Facebook unmittelbar nach dem Absenden, eine Moderation findet höchstens im Nachhinein statt. Bei ausgewählten Gruppen soll sich das jetzt jeweils für einen Zeitraum von 60 Tagen ändern. Die Moderator:innen der betroffenen Gruppen müssen neue Beiträge der Washington Post zufolge einzeln überprüfen und per Mausklick freischalten.
Facebook wälzt Verantwortung auf Freiwillige ab
Die Plattform räumt sich demnach auch das Recht ein, Gruppen gänzlich zu entfernen, sollten in ihnen wiederholt anstößige Inhalte erschienen sein. Gegenüber der Zeitung begründet ein Konzernsprecher den drastischen Schritt damit, man wolle „Menschen in dieser beispiellosen Zeit schützen“.
Heikel macht die Entscheidung, dass Facebook damit Verantwortung für problematische Inhalte auf seiner Plattform auf meist ungeschulte Freiwillige abwälzt. Sie sollen darüber entscheiden, wo die Redefreiheit endet und wann Inhalte anstößig sind. Dabei tut sich Facebook selbst mit entsprechenden Beurteilungen schwer. So hatte sich die Plattform sogar lange Zeit dagegen gesträubt, Leugnungen des Holocausts zu entfernen. Erst im Oktober gab der Konzern schließlich nach.
Die Verbreitung von Desinformation zur US-Wahl setzt Facebook nun abermals unter Druck. Nachdem Trump bei der Auszählung der Stimmen in entscheidenden Staaten in Rückstand geraten war, hatte der damit wohl abgewählte Präsident verbreitet, die Wahl sei ihm „gestohlen“ worden. Seine Anhänger:innen erstellten daraufhin Gruppen, in denen sie den Vorwurf aufgriffen. Eine der größten mit dem Namen „STOP THE STEAL“ kam Medienberichten zufolge auf mehr als 360.000 Mitglieder. Facebook hat sie demnach bereits vergangene Woche gelöscht. „Die Gruppe war um die Delegitimierung des Wahlprozesses herum organisiert“, zitiert die Seattle Times einen Konzernsprecher. „Wir sahen beunruhigende Aufrufe zur Gewalt von einigen Mitgliedern der Gruppe.“
Über ähnliche Maßnahmen, wie Facebook sie nun im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl implementieren will, hatte das Tech-Portal Mashable bereits im September berichtet. Damals bezogen sie sich vorwiegend auf Verschwörungserzählungen und Hassrede in Verbindung mit der Corona-Pandemie. Mit den „Corona Rebellen“ hat Facebook kürzlich auch eine große deutsche Gruppe gelöscht. Deren Mitglieder – insgesamt rund 80.000 – hatten massenhaft Desinformation verbreitet. Die Probezeit für auffällige Gruppen mag ihren Anfang in den USA nehmen, darauf beschränken wird sie sich aber womöglich nicht.
