Neues aus dem Fernsehrat (55)

Dokumentarfilmer für neues Finanzierungsmodell mit Creative-Commons-Lizenzen [Update]

Eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm legt einen umfassenden Vorschlag für ein neues Produktionsmodell im öffentlich-rechtlichen Kontext vor. Ziel des Vorschlags: Öffentlich finanzierte Dokumentarfilme sollen auch unter offenen Lizenzen zugänglich gemacht werden.

Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Chris Murray

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.

Mit öffentlichen Rundfunkbeiträgen finanzierte Dokumentarfilme sollen zukünftig vermehrt unter offenen Lizenzen veröffentlicht werden. Die Initiative „Docs for Democracy“ hat im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) jedoch nicht nur diese Forderung erhoben, sondern gleich einen ausgearbeiteten Vorschlag für ein neues „Produktions- und Distributionsmodell“ vorgelegt.

Die Eckpunkte des Modells sehen wie folgt aus:

  • Eine konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme unter Creative-Commons-Lizenzen, womit „Öffentliches Geld hier ohne Wenn und Aber zu öffentlichem Gut werden“ soll.
  • Eine Aufstockung der Mittel für Dokumentarfilme aus Rundfunkbeiträgen und zwar mit einem Schwerpunkt auf lokalen und regionalen Produktionen (lt. AG DOK entfallen derzeit 0,77 % der Gesamteinnahmen der ARD auf dokumentarische Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten, beim ZDF sind es 2,4 %).
  • Ein teil-randomisiertes Modell für die Vergabe von Produktionsgeldern: Eine Jury ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte auf Basis von Förderkriterien und wählt für jede Kategorie ein Projekt aus, die übrigen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird.
  • Eine eigene Plattform auf Open-Source-Basis soll nicht nur die Filme selbst zugänglich machen, sondern auch weiterführende Archivmaterialien zu den Themen der Filme einbinden können.

Schon aus dem klaren Bekenntnis zu Creative-Commons-Lizenzen folgt jedoch, dass der Aufbau einer eigenen Plattform im Vergleich mit den anderen drei Punkten von untergeordneter Bedeutung ist: Die offenen Lizenzen erlauben ja, dass Mediatheken und – je nach Lizenzbedingungen – auch kommerzielle Plattformen oder die Wikipedia die Filme bereitstellen dürften. Eine eigene Plattform hätte dem gegenüber eher den Charakter eines zentralen öffentlichen Archivs mit Zusatzmaterial.

Viele Gründe für freie Lizenzen

Foto: Die Teilnehmer*innen des Thinktanks "Unabhängig und frei verfügbar - Docs als öffentliches Kulturgut!" am 19.12. in Berlin v.l.n.r.: Cay Wesnigk, Anli Serfontein, Thorolf Lipp, Susanne Dzeik, Julia Oelkers, Irit Neidhardt, Benno Heidkamp, Jochen Hick, Sandra Trostel, Sarita Sharma
Foto: Die Teilnehmer*innen des Thinktanks „Unabhängig und frei verfügbar – Docs als öffentliches Kulturgut!“ am 19.12. in Berlin v.l.n.r.: Cay Wesnigk, Anli Serfontein, Thorolf Lipp, Susanne Dzeik, Julia Oelkers, Irit Neidhardt, Benno Heidkamp, Jochen Hick, Sandra Trostel, Sarita Sharma. CC-BY-SA 4.0 AG DOK

Konkret sieht der Vorschlag eine Lizenzierung unter Creative Commons BY-SA vor, die auch kommerzielle Nutzungen zulässt. Ein wesentlicher Vorteil dieser Lizenz gegenüber restriktiveren Lizenzvarianten ist, dass dadurch (Ausschnitte von) Dokumentarfilme(n) auch in Projekten wie der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia landen können oder in freien Lehr- und Lernunterlagen (Open Educational Resources, OER) verwendet werden können.

Als Begründung für ihren Vorschlag, der herkömmliche Finanzierungsmodelle nicht komplett ersetzen, sondern ergänzen soll, führt die Initiative folgende Punkte an:

  • Themen müssen sich nicht mehr den noch aus der linearen Logik stammenden Formatzwängen unterwerfen.
  • Form und Inhalt können hier wieder viel stärker aufeinander bezogen werden, kaum noch gesehene filmische Formen erleben eine Renaissance und neue Formen bekommen eine Chance.
  • Die für kleine Produzent*innen komplizierte und langwierige Co-Produktionslogik wird obsolet. Deutliche Kostenersparnis bei Verwaltungskosten sind die Folge, was wiederum der eigentlichen Produktion zugutekommt.
  • Für die meisten kleineren Produzent*innen/Indies lohnt ein internationaler kommerzieller Vertrieb kaum. Unter anderem auch deswegen nicht, weil viele ihrer Produktionen nicht marktgängig genug sind und auch gar nicht sein wollen.
  • Die von den Sendern angebotenen Rechte als Kompensation für eine nur teilweise Finanzierung lassen sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ohnehin gar nicht monetarisieren.
  • Die derzeit oft unter Kostendeckung arbeitenden Produzenten erhalten bei diesem Modell die Herstellungskosten sowie mögliche Auswertungskosten fair finanziert.

Chancen für öffentlich-rechtliche Online-Angebote

Diese Punkte machen deutlich, was auch für viele andere Bereiche öffentlich-rechtlicher Produktionen gilt: Wo es an Zweit- und Drittverwertungspotentialen fehlt, sollten freie Lizenzen von der Ausnahme zur Regel werden. Besonders bemerkenswert an dem Vorschlag der AG DOK ist, dass er von den Kreativen selbst kommt. Damit sind jetzt die öffentlich-rechtlichen Anstalten am Zug, diesen Vorschlag aufzugreifen und damit freie Lizenzen im Dokumentarfilm zum Durchbruch zu verhelfen. Aus Perspektive der öffentlich-rechtlichen Anbieter lässt sich ebenfalls eine Liste an Punkten identifizieren, die für so eine Vorgangsweise sprechen:

  • Schaffung von öffentlich-rechtlichem Mehrwert für die Beitragszahlenden, die viel mehr Nutzungsfreiheiten für mit ihren Beiträgen finanzierte Dokumentarfilme bekommen.
  • Mehr Reichweite für öffentlich-rechtliche Dokumentarfilme in digitalen Plattform-Öffentlichkeiten: Mediatheken alleine können nie soviele Menschen erreichen wie Mediatheken gemeinsam mit kommerziellen und gemeinnützigen Drittplattformen wie YouTube oder Wikipedia.
  • Vereinfachte Archivierung und Rechteklärung: Creative-Commons-lizenzierte Dokumentarfilme können jederzeit wieder ausgespielt werden, ohne dafür Rechte klären oder zusätzliche Vergütungen ausschütten zu müssen.

Let’s do this!

[Update, 13.2., 13:00 Uhr] Nach Erstveröffentlichung dieses Beitrags hat die Initiative ihren Vorschlag noch hinsichtlich der geplanten Creative-Commons-Lizenz aktualisiert. Die entsprechende Passage im Text wurde angepasst.

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10 Ergänzungen
  1. Es fehlt die immens wichtige monetäre Forderung der AG Dok, die daran gekoppelt ist……..“ ..finanziert durch 2% der Haushaltsabgabe…“… Das wären aktuell knapp 160 Mill €. Das ist abstrus viel mehr als aktuell. Und daran wird es scheitern. Jeder der mit ÖFR in den vergangenen Jahren bzgl. Zahlungen zur Digital Verwertung zu tun hatte, weiß bestens, dass die ÖFR ausschließlich nach dem Motto verhandeln , wir wollen jede Nutzungsform für alle Zeiten, sind aber 0 bereit dafür mehr zu bezahlen als für eine singuläre lineare Ausstrahlung. Die AG DOK in allen Ehren, aber hier zeigt sich eher die Verzweiflung der Verhandlungsohnmacht einer verstaubt, traditionell, an die ÖFR Struktur gebundene, Dok Filmer Clique, die selbst nicht in der Lage ist, die derzeitigen ( und weiter steigerten ) Chancen, immens potenter alternativer Wertschöpfungsketten zu bespielen. Es wird darin enden, dass der ÖFR tatsächlich alle Verwertungsrechte für alle Formate bekommt, aber 0 mehr dafür bezahlen wird. Bespielt wird dies von prekären an den ÖFR gebundenen Machern. Das ÖFR Angebot wird zur Billig Resterampe verkommen, gemacht von Menschen, die keine anderen Angebote außer dem ÖFR haben. Und das für eine obszön hohe Haushaltsabgabe. Qualitätsprogramme hingegen werden sich ( wie sich das jetzt bereits abzeichnet ) in Bezahlangeboten der Streaminganbieter finden. Und diese haben eine striktes Interesse daran, dass die Filme EBEN NICHT “ Frei“ sind, denn mit den Investitionen in content soll Geld verdient werden. Das ist keine „Zukunftsprognose“ sondern bereits jetzt der aktuelle Stand. Immer mehr Filmproduzenten zeigen den ÖFR den Stinkefinger und setzen Ihre Kapazitäten für Wertschöpfungsketten der Streaminganbieter ein. Der Markt der „Filmschaffenden“ ist leergefegt, Produktionen finden kein Personal mehr. Und in Abwägung in einem Nachfragemarkt für welchen Auftraggeber man arbeiten will, zieht der ÖFR stets den kürzeren. Die Arroganz des „Zurverfügungsstellungs Monopols“, aus dem die ÖFR heraus jahrzehntelang die Produzenten und Filmschaffenden beliebig gängeln konnten, kann sich das ÖFR längst nicht mehr erlauben. In dieser Struktur sollte man anfangen zu diskutieren, ob man die Haushalstabgabe nicht reduzieren oder zumindest einfrieren sollte, und stattdessen mit dem Finanzmitteln den verfassungsrechtlichen journalistischen Kernauftrag der ÖFR zu festigen. Bzgl. Sport / Film und Unterhaltung kann der ÖFR ohnehin nicht mehr mithalten und die absehbare content Resterampe, bei weiterhin sehr hoher Haushaltsabgabe, braucht kein Menschen.

    1. Die monetäre Forderung habe ich keineswegs vergessen, da steht doch gleich an zweiter Stelle die Forderung nach „Eine[r] Aufstockung der Mittel für Dokumentarfilme aus Rundfunkbeiträgen“.
      Und ob 2% realistisch sind, kann ich nicht beurteilen, angesichts des ZDF-Anteils scheint es mir aber nicht völlig „abstrus“.

      Was den Rest betrifft: das sehe ich anders. Herkömmliche Verwertungsketten wird es weiterhin geben. Aber eine wettbewerbliche Ausfinanzierung bei offener Lizenzierung ist für viele Arten von Dokumentarfilmen eine attraktive Option. (Sollte es diese Möglichkeit geben, würde ich eher umkehrt erwarten, dass das für viele DokumentarfilmerInnen die erste Option wäre und erst bei fehlender Finanzierung andere Wege versucht werden.)

      1. Ein Zitat aus der Quelle für den Artikel:
        „Finanzierung des Projektes

        Im Widerspruch zu seiner überragenden gesellschaftlichen Bedeutung stehen die Ressourcen, die die öffentlich-rechtlichen die Anstalten dem dokumentarischen Genre zubilligen. Die ARD Anstalten lassen sich alle dokumentarischen Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten gerade einmal 0,77% ihrer Gesamteinnahmen kosten, beim ZDF sind es 2,4%. Innerhalb unseres öffentliche-rechtlichen Mediensystems ist das dokumentarische Genre aber das meritorische Gut par excellence. Diese Zahlen zeigen jedoch, wie weit sich die tatsächliche Praxis der Anstalten von ihrem gesetzlichen Auftrag entfernt hat. Korrekturen sind dringend nötig! Wie soll eine Finanzierung mit Beitragsgeldern, aber ohne Einbeziehung der Anstalten, konkret aussehen?

        Der § 40 des derzeit noch in Beratung befindlichen Medienstaatsvertrages regelt bereits, dass die mit derzeit ca. 1,89 Prozent der Beitragsgelder finanzierten Landesmedienanstalten lokalen und regionalen Rundfunk fördern dürfen. Wir setzen auf eine Ausweitung dieser Regelung und fordern, das Budget der Landesmedienanstalten um zwei Prozent zu erhöhen, die dann ausschließlich in das hier beschriebene Projekt fließen. Mit diesen ca. 160 Millionen EUR jährlich wird die Förderung frei verfügbarer dokumentarischer audiovisueller Projekte zur Sicherung der Medienvielfalt möglich.“
        https://agdok.de/de_DE/docs-als-oeffentliches-kulturgut

  2. Medien Gott hat recht.

    Und wer nach 15 Jahren wieder sagt „herkömmliche Verwertungsketten wird es weiterhin geben“ und vergessen hat, was wirklich ALLE (vor allem die digitale Elite) seit 20 Jahren sagen, nämlich dass die Verwertung und Nutzung zum Hauptteil ins Internet abwandern wird (die Musikindustrie ist hier der Kanarienvogel in der Kohlenmine!), den kann ich wirklich ganz schwer nur noch ernst nehmen.

    Ohne Hinterfragen wird das Modell Creative Commons, das schon an so vielen Stellen in seiner Geschichte gescheitert ist, mit (Wort-)Gewalt entgegen jeder offensichtlichen Marktentwicklung weiter propagiert, anstatt zu erkennen, wo die Karawane eigentlich hingezogen ist.

    Bin gespannt. wann der Herr Dombusch und aufwacht.

    1. Herkömmliche Verwertungsketten meint nur anteilige Vorfinanzierung, Vorbehalt aller Rechte und mehrere, abgestufte Verwertungen. Das gibt es natürlich auch im Internet genau so bzw. ist das eben der Standardfall.

      Ansonsten würde ich gerne ein „m“ in meinem Nachnamen streichen. Danke.

  3. Seufz. Und wieder ein Artikel, der suggeriert, dass »Creative Commons« = »frei« bedeutet.

    Es ist enorm wichtig, nicht nur »Creative Commons«, sondern auch die genaue Lizenz zu sagen. Creative Commons ist eine Organisation, die mehrere Lizenzen veröffentlicht hat, von denen einige frei sind, aber nicht alle. Der Unterschied zwischen z.B. den Lizenzen CC BY und CC BY-NC-ND ist enorm.

    Ja, wenigstens nennt der Artikel die Lizenz im Fließtext, und ja, CC BY-SA ist tatsächlich eine freie Lizenz. Aber das taucht erst auf, nachdem der Text so geschrieben ist, dass dem unbedarften Leser der Eindruck entsteht, dass Creative Commons grundsätzlich für »Freiheit« steht.
    In der Überschrift steht »Creative-Commons-Lizenzen«, aber im ersten Satz ist auf einmal von »offenen Lizenzen« die Rede, wodurch der Eindruck entsteht, »offene Lizenzen« ist eine Umschreibung, und keine Untermenge von Creative-Commons-Lizenzen.

    Wäre dieser Artikel ein einmaliger Ausrutscher, wäre es mir ja fast egal. Der Artikel reiht sich aber ein in eine schiere Unmenge von Artikeln, die den selben Fehler machen. So entsteht den Leuten, die sich nicht so richtig mit CC auskennen, schnell ein falscher Eindruck.

    > Vereinfachte Archivierung und Rechteklärung: Creative-Commons-lizenzierte Dokumentarfilme können jederzeit wieder ausgespielt werden, ohne dafür Rechte klären oder zusätzliche Vergütungen ausschütten zu müssen.

    Und dieser Satz ist einfach falsch. Wenn es sich um eine restriktive CC-Lizenz handelt, ist das eben NICHT einfach so möglich. Gerade die NonCommercial-Klausel macht da gerne mal Probleme, selbst für rein staatliche Stellen. Erinnerst du dich noch an die Geschichte mit dem Deutschlandfunk?

  4. Ich hab den Eindruck, dass es da zu einer missverständlichen Wiedergabe der Initiative gekommen ist! Das sage ich, weil ich selbst die Idee mitentwickelt habe. Ich bitte die Redaktion darum das auszubessern und alle andern sich das Orginal anzuschauen:
    https://agdok.de/de_DE/docs-als-oeffentliches-kulturgut

    Unabhängig und frei verfügbar – Docs als öffentliches Kulturgut!

    Konzept für ein völlig neues, beitragsfinanziertes Produktions- und Distributionsmodell

    Die AG DOK schlägt vor:

    Die dokumentarischen Genres in ihrer ganzen Bandbreite werden durch ein neuartiges Finanzierungsmodell unter einer Creative Commons Lizenz für die Öffentlichkeit frei verfügbar gemacht:

    finanziert durch 2% der Haushaltsabgabe, vergeben durch ein teil-randomisiertes Modell, veröffentlicht auf technischer Open Source Basis und nachhaltig und ressourcenschonend konzipiert.

    Medien, Zuschauer*innen und Filmschaffende sehen sich durch den digitalen Wandel mit grundsätzlichen Veränderungen konfrontiert. Alte Strukturen, Institutionen, ökonomische Modelle und soziokulturelle Handlungsmuster erodieren, neue bilden sich heraus. Wir Filmschaffende sind gefragt, diese aktiv mitzugestalten.
    Unser Modell zielt auf die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen ökonomischen und soziokulturellen Bedürfnissen.

    Öffentliches Geld = Öffentlicher Dokumentarfilm

    Die Digitalisierung ermöglicht immaterielles Gut ohne Verluste unendlich zu teilen. Teilen bedeutet teilhaben und nur das Gemeinsame kann Teil des Alltags und einer Selbstverständlichkeit werden.

    Durch die digitale Transformation wächst der Stellenwert von, und der Bedarf an, audiovisuellen Medien fortlaufend. Dokumentarisches Erzählen in seinen zahlreichen Arten und Funktionen stellt ein gesellschaftlich gewünschtes und beliebtes Gut dar, um Realität zu hinterfragen, komplexe Themen zu erforschen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und rationale Argumente mit komplexen, oft sozialen und moralisch motivierten Emotionen zu verbinden.

    Doch die Disruption des Geschäftsmodells des abgestuften Ausschlusses von Konsumenten schreitet durch die neuen globalen Distributionswege und die Möglichkeiten zur kostenlosen Vervielfältigung rapide voran: Konventionelle Formen der Filmvermarktung, nämlich die schrittweise Veröffentlichung auf unterschiedlichen Medien und der Verkauf an unterschiedliche Territorien, werden zunehmend obsolet. Nur durch eine immer stärkere Einschränkung der Rechte privater Nutzung durch Verbote, künstliche Limitierungen und Beschränkungen sowohl des Zuschauerzugangs als auch der technischen Möglichkeiten, ist der Schatten des etablierten Auswertungsmodells, meist unter prekären Verhältnissen, noch aufrecht zu erhalten. Die Folge für die Dokumentarfilmbranche ist eine fragmentierte Industrie mit kleinen Budgets innerhalb einer komplizierten Förderlandschaft, Fachkräftemangel und Filmemacher*innen, die schon seit vielen Jahren Schwierigkeiten haben, eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu erwirtschaften, bzw. überhaupt die Herstellungskosten der Inhalte kostendeckend zu refinanzieren. So werden professionelle Dokumentarfilmschaffende durch die bestehenden prekären Verhältnisse mehr und mehr dazu gezwungen, marktkonforme Inhalte zu produzieren und so geschäftliche Interessen über inhaltliche oder gesellschaftlich relevante Bedeutung zu stellen – und das, obwohl nahezu alle Filme mit staatlicher Förderung oder von den durch die Haushaltsabgabe finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten produziert werden. Die Zuschauer sind somit zwangsläufig Finanziers und Unterstützer dieses ökonomischen Modells und werden gleichzeitig durch die Zunahme von Limitierung zu dessen Aufrechterhaltung mit einem gleichförmigen, durchformatierten Programm bestraft – ein Paradoxon.

    Hier skizzieren wir ein innovatives Produktions- und Distributionsmodell für das gesamte dokumentarische Genre: Dokumentarfilme, Dokumentationen, dokumentarische Serien, sowie cross- und transmediale Vorhaben. Insbesondere soll auch dem Kino als wichtigem sozialen Raum, als Austausch und Kommunikationsort, Rechnung getragen werden.

    Alleinstellungsmerkmal unseres Vorschlags ist die konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme unter Creative Commons Lizenzen (CC-BY-SA 4.0 international). Öffentliches Geld soll hier ohne Wenn und Aber zu öffentlichem Gut werden.

    Dabei orientieren wir uns an dem längst etablierten Modell von “Open Access”. Dieses ermöglicht inhaltlich hochqualitative und gleichzeitig von ökonomischen Interessen vollkommen unabhängige Produktionen, die überall dort Relevanz entfalten können, wo das bisherige System versagt. Dabei schließen wir uns zudem auch dem in der Politik momentan intensiv geführten Diskurs um “Open Source”, “Public Money = Public Code”, in der Entwicklung einer digitalen Infrastruktur an.

    Finanzierung des Projektes

    Im Widerspruch zu seiner überragenden gesellschaftlichen Bedeutung stehen die Ressourcen, die die öffentlich-rechtlichen die Anstalten dem dokumentarischen Genre zubilligen. Die ARD Anstalten lassen sich alle dokumentarischen Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten gerade einmal 0,77% ihrer Gesamteinnahmen kosten, beim ZDF sind es 2,4%. Innerhalb unseres öffentliche-rechtlichen Mediensystems ist das dokumentarische Genre aber das meritorische Gut par excellence. Diese Zahlen zeigen jedoch, wie weit sich die tatsächliche Praxis der Anstalten von ihrem gesetzlichen Auftrag entfernt hat. Korrekturen sind dringend nötig! Wie soll eine Finanzierung mit Beitragsgeldern, aber ohne Einbeziehung der Anstalten, konkret aussehen?

    Der § 40 des derzeit noch in Beratung befindlichen Medienstaatsvertrages regelt bereits, dass die mit derzeit ca. 1,89 Prozent der Beitragsgelder finanzierten Landesmedienanstalten lokalen und regionalen Rundfunk fördern dürfen. Wir setzen auf eine Ausweitung dieser Regelung und fordern, das Budget der Landesmedienanstalten um zwei Prozent zu erhöhen, die dann ausschließlich in das hier beschriebene Projekt fließen. Mit diesen ca. 160 Millionen EUR jährlich wird die Förderung frei verfügbarer dokumentarischer audiovisueller Projekte zur Sicherung der Medienvielfalt möglich.

    Vergabe der Gelder und das Gütesiegel “Docs for Democracy”

    Zu den Voraussetzungen für eine Veröffentlichung unter einer Creative Commons Lizenz gehört eine auskömmliche Finanzierung in Form eines Global Buyout. Die Situation von freien Filmschaffenden, die nicht über Festanstellungen, regelmäßiges Gehalt oder durchgehende Bezahlung verfügen, wird in diesem Modell explizit mit einbezogen, um kreatives Prekariat und Altersarmut zu vermeiden!
    Wir favorisieren ein teil-randomisiertes Modell für die Vergabe von Produktionsgeldern. Dazu prüft vorab eine Jury die anonymisierten Einreichungen auf die Einhaltung der Förderkriterien und ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte anhand einer Kurzbeschreibung und wählt für jede Kategorie ein Projekt aus. Die Kriterien für die Förderung definieren sich über Diversität in Inhalt, Form und Personen vor und hinter der Kamera, gesellschaftlich relevante Themensetzung sowie Vereinbarkeit mit Grundgesetz und Pressekodex. Alle anderen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird. Zu weiteren Förderprogrammen gehören eine Postproduktionsförderung, sowie der Selbstverleih bei Kinoauswertungen.

    Genaue Faktoren und Rahmenbedingungen werden anhand eines Kriterienkataloges entwickelt. Ausgewählte Filme erhalten das Gütesiegel “Docs for Democracy”.

    Plattform

    Die Plattform wird auf Basis von Open Source nachhaltig programmiert und mit einer ressourcenschonenden Infrastruktur ausgestattet werden.

    Annotation, Remix und Bildersuche schafft Teilhabe der Nutzer*innen und die Möglichkeit durch Korrelieren von Daten und Inhalten Mehrwerte und neues Wissen zu schaffen.

    Darüber hinaus können auf CC basierende Inhalte, wie z.B. historische Datensätze der Europeana eingebunden und so auch professionelle audiovisuelle Arbeiten auf Basis von Archivmaterial ermöglicht werden. Dies stellt auch einen Mehrwert für die oft brachliegenden Digitalisate der Museen dar. Der stetig wachsende Bestand und Zugang zu Archivmaterial ermöglicht weiteren Produktionen, aus dem Pool an Bildern zu schöpfen, was sich wiederum positiv auf die Produktionskosten anderer Werke, aber auch auf die Umwelt auswirkt, da Reisen, Energieverbrauch etc. verringert werden.

    Für die Kino- und Festivalauswertung geeigneter Filme ist eine eigene Förderschiene vorgesehen.

    Effekte und Erwartungen

    Das Konzept erhöht die Sichtbarkeit des dokumentarischen Genres und ist Ausdruck von gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt, fördert die Debattenkultur und Demokratie, schafft ein breites, qualitatives Bildungsangebot und leistet konstruktive Beiträge, um geschichtliche und aktuelle gesellschaftliche Themen zu beleuchten und nach Lösungen zu suchen.

    Damit ergibt sich eine Zunahme an Vielfalt des Angebotes mit Blick auf:

    · nachhaltige kreative Impulse für die Gesellschaft
    · Legale Intensivierung des Medieneinsatzes in Schule, Wissenschaft, politischer Bildung, Entwicklungszusammenarbeit und Zivilgesellschaft
    · Neue Impulse für das dokumentarische Kino durch eine spezielle Selbstverleihförderung von der auch Programmkinos und kommunale Kinos profitieren
    · faire Vertragsbedingungen für die Urheber

    Gründe für die AG DOK

    ● Grundlegende Reformen sind nötig. Der von uns zu entwickelnde Vorschlag für eine neue, öffentlichen Zugang zu Dokumentarfilmen gewährende, Plattform hält unser Anliegen, die Verbesserung der formalen, thematischen und ökonomischen Rahmenbedingungen auf der medienpolitischen Agenda und schafft einen neuen Ansatz jenseits der marktorientierten Strukturen.

    ● Dieser Ansatz stellt das bisherige Produktions- und Auswertungsmodell grundlegend in Frage, hat aber einige zentrale Vorteile:

    o Themen müssen sich nicht mehr den noch aus der linearen Logik stammenden Formatzwängen unterwerfen
    o Form und Inhalt können hier wieder viel stärker aufeinander bezogen werden, kaum noch gesehene filmische Formen erleben eine Renaissance und neue Formen bekommen eine Chance
    o Die für kleine Produzent*innen komplizierte und langwierige Co-Produktionslogik wird obsolet. Deutliche Kostenersparnis bei Verwaltungskosten sind die Folge, was wiederum der eigentlichen Produktion zugutekommt.
    o Für die meisten kleineren Produzent*innen/Indies lohnt ein internationaler kommerzieller Vertrieb kaum. Unter anderem auch deswegen nicht, weil viele ihrer Produktionen nicht marktgängig genug sind und auch gar nicht sein wollen
    o Die von den Sendern angebotenen Rechte als Kompensation für eine nur teilweise Finanzierung lassen sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ohnehin gar nicht monetarisieren
    o Die derzeit oft unter Kostendeckung arbeitenden Produzenten erhalten bei diesem Modell die Herstellungskosten sowie mögliche Auswertungskosten fair finanziert

    Hinter der Forderung nach gleichen Zugangschancen und nach gleichberechtigter Teilhabe für alle steht nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen – als Filmschaffende und/oder Filmsehende.

    Ein Projekt der Initiative “Docs for Democracy” mit der AG DOK

    Text: Sandra Trostel, Susanne Dzeik, Thorolf Lipp
    Projektteam: Thorolf Lipp, Paul Klimpel, Jochen Hick, Susanne Dzeik, Sandra Trostel

    1. Oh je. Was für ein unleserliches Geschwurble. Im Stil von Verzweifelten. Unter Ausblendung, dass es anderen Dok Filmer, die sich nicht 30 Jahren als Doku Bűttel der ÖFR im ÖFR System bewegt haben, blendend mit dem Neuen Anbietern und Wertschöpfungs Optionen geht. Dok Film hat einen enormen Nachfrage Boom. Zu posaunieren, die verstaubten AG Dok Bűttel im Auftrag der ÖFR sind allein DIE Demokratie Bewahrer ist zudem echt eine Unverfrohenheit. Hier untergräbt eine kleine Clique von Verzweifelten, den Rechtsanspruch aller Filmemacher auf individuelle Wertschöpfung. Google und Co lachen sich schlapp. A Wet Dream come thru, Datenabgreifen von Nutzern und Bewerbung von Konsumgütern mit Content, dass mit Steuergelder der Bűrger finanziert wird. Was rauchen die bei der AG Dok? Das Gras will ich auch haben.

  5. Naja öffentliches Geld „dreifuffzig“ muss schon irgendwie quantifiziert werden. Lohnsklaven erzeugen wäre auch nicht nett.

    Wie wäre es mit einer Lebenslangen quotenbasierten Beteiligung, bis zu einem inflationsbereinigten Maximalbetrag in etewa eines halben Lebens?

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