Covid-19

Der Kampf gegen den Online-Wucher mit der Angst

Auf Amazon oder Ebay Kleinanzeigen versuchen Menschen, Gewinn mit der Angst vor dem neuartigen Coronavirus zu machen. Die Plattformen beginnen, dagegen vorzugehen. Doch einfach ist das nicht.

Mensch in vollständigem Schutzanzug
Manche versuchen gerade, mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln Geld zu machen. Vereinfachte Pixabay Lizenz leo2014

Ein 24-Jähriger soll mit Mundschutzmasken Millionen an Umsatz gemacht haben, die Polizei warnt vor Fakeshops, die Hygieneprodukte anbieten, und aus Krankenhäusern werden flaschenweise Desinfektionsmittel geklaut: Wo die einen bei der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Deutschland die Angst packt, sehen andere ein lohnendes Geschäft. Während die gefragten Produkte in klassischen Läden oft ausverkauft sind, versuchen manche, auf Onlineplattformen wie Amazon und Ebay Kleinanzeigen damit Geld zu machen.

Wucherangebote bieten einfache Mundschutzmasken für das Vielfache der eigentlichen Preise an. Beispielsweise 300 Euro – Verhandlungsbasis – auf Ebay Kleinanzeigen für 40 Masken. Bei einem regulären Onlinehändler für Arbeitsschutzbedarf würden tausend der Masken weniger als 50 Euro kosten. Die Betonung liegt auf „würden“, denn dort sind sie schon längst nicht mehr lieferbar. Auf Amazon bieten Händer Desinfektionsmittel für 150 Euro pro Liter an – normalerweise erhältlich für etwa 10 Euro. Die Plattformen ärgert das.

Überteuertes Mundschutzangebot auf Ebay Kleinanzeigen
Hier verlangt ein Nutzer das Vielfache des normalen Preises für einfachen Mundschutz. Screenshot: Ebay Kleinanzeigen

Verkauf von Desinfektionsmitteln temporär verboten

Ebay Kleinanzeigen hat sich Ende Februar dazu entschlossen, Angebote im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus komplett zu löschen. Bei Artikeln wie Atemmasken werde im Einzelfall entschieden, sagt Ebay-Kleinanzeigen-Pressesprecher Pierre Du Bois im Gespräch mit netzpolitik.org. Werden hier überzogene Preise entdeckt oder von Nutzenden gemeldet, verschwinden diese Angebote. Anbieter könnten auch ganz gesperrt werden, wenn sie versuchen, die Regeln zu umgehen – etwa wenn sie nach der Löschung einer Anzeige die Produktbeschreibung leicht ändern oder Rechtschreibfehler einbauen. Desinfektionsmittel dürfen derzeit gar nicht mehr verkauft werden.

Dass man den Verkauf temporär beschränke, habe vor allem zwei Gründe, so Du Bois. „Auf der einen Seite hat es eine moralische Komponente, wenn Leute die Artikel horten und dann aufgrund der aktuellen Situation versilbern wollen.“ Auf der anderen Seite gehe es auch um das Betrugsrisiko. Die Bereitschaft steige, ein Produkt schnell zu kaufen, wenn es schnelle Verfügbarkeit verspricht.

Bei den Desinfektionsmitteln greifen mittlerweile automatische Filter, so der Pressesprecher. Die werden ständig erweitert, etwa um Herstellernamen, absichtliche Rechtschreibfehler oder sonstige Stichwörter. Bei den Atemschutzmasken entscheiden Mitarbeiter: „Hier kann ein überhöhter Preis ein Problem sein oder falsche Versprechungen. Wenn jemand einen Artikel bewirbt und schreibt ‚Schützt 100 % vor Corona‘, dann löschen wir auch solche Anzeigen.“

Sekündlich neue Angebote

Zum ersten Mal richtig bewusst geworden sei das Problem am vergangenen Donnerstag, da hätte das Stichwort „Corona“ 7.000 Treffer ergeben und man habe angefangen, sich die Anzeigen näher anzuschauen und zu löschen, wenn sie nicht den Nutzungsbedingungen entsprechen. Am Freitag seien noch teilweise im Sekundentakt neue Angebote für Desinfektionsmittel eingegangen.

Eine vergleichbare Situation habe es bei Ebay Kleinanzeigen noch nie gegeben, so Du Bois. Zwar gebe es immer mal wieder Phasen, in denen man besonders aufmerksam auf bestimmte Anzeigen schaue – etwa bei extrem hochpreisigen Ticket-Weiterverkäufen. Aber so wie jetzt habe man noch nie eingreifen müssen, auch nicht beim SARS-Ausbruch vor einigen Jahren, sagt Du Bois. „Aber wenn wir das jetzt zulassen, befeuern wir, dass Bestände aufgekauft werden oder anderweitig wegkommen. Und das wollen wir nicht.“

Bei der Plattform des Mutterunternehmens Ebay selbst dürfen Desinfektionsmittel zwar noch angeboten werden, aber Ebay erinnert die Verkäufer an die Regeln, dass „Artikelbezeichnungen und Artikelbeschreibungen, die missbräuchlich Begriffe wie ‚Coronavirus‘, ‚Covid-19‘, ‚Virus‘, ‚Epidemie‘ im Zusammenhang mit gesundheitsbezogenen Angaben verwenden“, verboten seien. Ebenso seien überhöhte Preise und „Angebote, die von Naturkatastrophen und tragischen Ereignissen“ profitieren, nicht gestattet. Doch immer wieder gehen dort Desinfektionsmittel und Atemmasken, gemessen an gewöhnlichen Zeiten, für sehr hohe Preise über den virtuellen Ladentisch.

Amazon hat Zehntausende Angebote gesperrt

Auch Amazon reagiert. Auf Anfrage von netzpolitik.org schreibt eine Sprecherin des Unternehmens: „Wir bieten keinen Raum für Preistreiberei bei Amazon. Wir sind enttäuscht über unlautere Versuche, in einer globalen Gesundheitskrise die Preise für Produkte des Grundbedarfs künstlich zu erhöhen.“ Kürzlich seien Zehntausende Angebote gesperrt und entfernt worden. „Wir entfernen proaktiv Angebote, die gegen unsere Richtlinien verstoßen“, so die Sprecherin weiter. Demnach dürfen keine überteuerten Preise verlangt werden. Die Anzeige für ein 150-Euro-Desinfektionsmittel, auf das wir in unserer Anfrage verwiesen, war kurz darauf nicht mehr aufzufinden.

Verkaufsanzeige für Desinfektionsmittel auf Amazon
Vorher – nachher: Schon kurz nach unserer Anfrage bei Amazon war das Desinfektionsmittel für fast 150 Euro nicht mehr zu finden. Screenshot: amazon.de

Das Geschäft mit der Angst vollständig unter Kontrolle zu bringen, dürfte jedoch kaum gelingen. Wucherer versuchen unterschiedliche Schreibweisen wie „Disinfektion“, andere Produktbeschreibungen wie „Staubschutz“ oder weichen gleich auf andere Plattformen aus. Die Geschäftemacher werden wohl erst aufhören, wenn niemand mehr auf ihre überteuerten Angebote eingeht. In den meisten Fällen reicht das regelmäßige Händewaschen mit Seife. Und die weit verbreitete Annahme, dass ein Mundschutz gesunde Personen wesentlich vor einer Ansteckung schützt, ist laut Robert-Koch-Institut nicht hinreichend belegt.

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11 Ergänzungen
  1. Anonymous: Richtig! Und es zeigt, wie sehr sich unsere Gesellschaft von einer einigermaßen sachlich-aufgeklärten in früherer Zeit hin zu einer hysterischen und hypermultimediageschwängerten Angstgesellschaft gewandelt hat.
    Nüchtern betrachtet ist das Coronavirus nicht schlimmer als eine Grippe – die Sterberate beträgt gemessen an der Gesamtzahl aller Erkrankten noch nicht einmal ein Prozent, bei einer durchschnittlichen Grippewelle dagegen um die sieben bis neun Prozent. Die Toten sind alte (und meist kranke) Menschen. Würde man bei jeder Grippe so reagieren, müsste die Menschheit drei Monate im Jahr zu Hause bleiben etc. Ginge es um Ebola, die Pest oder schwarze Pocken, DANN hätten wir ein WIRKLICHES Problem! Denn gegen die und andere, hochvirulente Erreger ist das Coronavirus ein laues, wenn auch unangenehmes Lüftchen. Aber mit einer Bitte um Gelassenheit erzielt man halt kaum Einschaltquoten oder (Bild-)Zeitungsumsätze…

  2. Na toll! Jetzt kann ich nicht mal auf eBay Händedesinfektion bekommen. Sozialismus pur. Danke, das ihr mich vor Wucher geschützt habt. :(

  3. Hallo Anna

    der Artikel trifft die (schlechte ) Wahrheit die derzeit auf den Plattformen abgeht.
    Da werden einfache private Verkäufer die sowieso schon fast „gewerblichen“ Handel mit Neuen Hochwertigen Kleidern und Textilien tarnen als 1x getragen,
    plötzlich zum Hygiene Spezialisten und verkaufen 5Liter BODE Sterilium ( normal 6,89 /liter ) zu horrenden Preisen 255 – 350 EUR.
    Meine Fragen gehen dahin, woher diese Personen diese Waren noch beziehen konnten, wenn alles ausverkauft ist. Man sieht auf einen der anderen Verkaufsgegenstände ( Handyschale ) Bilder die der/die Verkäufer(in) gemacht hatte, dass Einmal Handschuhe getragen werden. Wegen Fingerabdrücke? Banden? Medizinische Fachangestellte?
    Wurden die 5Liter Kanister Biozide ordentlich erworben?

    SRC: https://www.ebay.de/itm/153854899138
    und weitere :
    153854870894
    153854868775
    153854871918
    153854871918
    153854899138
    153854868775

    FFP3 Schutzmasken 240 EUR
    https://www.ebay.de/itm/153854870140

    usw.

    Hochwertige Eric Bompard Paris 100% Kaschmir Cashmere Leggings Hose wNEU NP425€
    https://www.ebay.de/itm/153851524866
    usw.

    Warum unternehmen die Plattformen da nicht mehr?
    Man sollte diese in die Mithaftung bringen.

    1. Man könnte ja auch als Justiz § 291 StGB Wucher anwenden:
      https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__291.html
      Und was die ganzen „Privaten“ angeht könnten die Finanzämter ja auch mal den gewerblichen Handel verfolgen. Ein paar abschreckende Schläge, Medienberichte darüber, und die Seuche Wucher wird schon mal eingedämmt..
      Was es leider nie gegen Fake-Speicher (USB, SD-Karten) gibt.
      Ich habe mal ohne Opfer zu sein so einen Ebay-Verkäufer angezeigt. Der war so dreist 512GB-Micro-SD anzubieten, als es das von keinem hersteller gab. Und Ich erhielt nicht nur die Bestätigung, sondern später einen weiteren Brfief von der Staatsanwaltschaft seines Wohnortes mit seinem Klarnamen. Dabei war Ich nicht mal Geschädigter. viel mehr würde mich interessieren wenn so einer verurteilt würde. Dann könnte man diese Briefe wie Trophäen sammeln…

  4. An wen kann man sich wenden wenn man angebote findet. angeblich prüft ebay jede anzeige. wie kann dann dort ein Angebot erstellt werden mit 3000000 Mundschutz sofort verfügbar.oder heute kaufen morgen gewinn machen. die Ärzte schreien nach Medizin bedarf und assoziale Händler machen sich die taschen voll

  5. gibt es Adressen wo man solche Händler die Corona Angst durch falsche Angaben nutzen um überteuerte Produkte zu verkaufen?
    habe da nämlich so nen Händler der z.b. Desinfektionsmittel 50 Ml für 14.99 verkauft mit der Angabe das Händewaschen ja nicht ausreichen würde gegen eine Infektion zu schützen.
    Atemschutzmasken für 10 Euro das Stück, etc. etc.

  6. **Vorschlag**: Man sollte alle Güter dieser Art für den Zeitraum der Krise verstaatlichen und nur nach tatsächlichem Bedarf verteilen. Vergütung: Einkaufspreis vom 01.01.2020. Wer Güter über 10% des Einkaufspreises handelt macht sich strafbar. Bezugsberechtigte (Ärzte, Pflegepersonal, ….) haben nachträglich Recht auf Rückerstattung der Differenz von Wucherkäufen.
    ——-

    Wucherer stoßen sich in solchen Situationen nicht nur auf finanziellen Kosten anderer reich, sondern auch auf Kosten der Gesundheit und des Lebens anderer Menschen! Wenn man jetzt nicht durchgreift, hat man bald die Ersten, die im Mittelmeer Rettungsringe für Flüchtlinge in Seenot verkaufen. Wer nicht 600€ parat hat, kann den Rettungsring ja auch wo anders kaufen. Wir haben ja einen freien Markt. (/Sarkasmus aus)

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