Datenschutz

Whistleblower kritisiert Facebook: „Sie attackieren, attackieren, attackieren“

Christopher Wylie verriet der Öffentlichkeit die dubiosen Praktiken von Cambridge Analytica. Heute hält er den Fall für längst nicht aufgeklärt. Mark Zuckerberg solle lieber vor Parlamenten aussagen als Fake News über George Soros zu verbreiten, fordert der Whistleblower im Gespräch mit netzpolitik.org.

Christopher Wylie im EU-Parlament
Der Whistleblower im Fall Cambridge Analytica: Christopher Wylie im EU-Parlament Alle Rechte vorbehalten European Union

Der wichtigste Hinweisgeber im Fall Cambridge Analytica, Christopher Wylie, kritisiert Facebook für seine Intransparenz bei der Aufarbeitung des Datenskandals. Im Gespräch mit netzpolitik.org am Montag in Brüssel sagte Wylie, der Konzern wehre sich nach Monaten öffentlicher Empörung noch immer gegen die Aufklärung über missbräuchliche Verwendung von Nutzerdaten.


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Regierungen und Parlamente in Europa ringen auch Monate nach den Enthüllungen Wylies um Aufklärung im Cambridge-Analytica-Skandal. Der Facebook-Topmanager Richard Allen stellt sich heute in London Fragen von Abgeordneten zum Datenskandal. Zuvor wurde bekannt, dass das britische Parlament zahlreiche geheime Dokumente des Konzerns aus einem Gerichtsprozess in Kalifornien in London beschlagnahmen ließ. Die Abgeordneten möchten dadurch endlich Antworten auf offene Fragen erhalten – etwa darüber, wie lange Facebook von möglicherweise missbräuchlicher Verwendung von Nutzerdaten in Wahlenkämpfen wusste.

Whistleblower Wylie äußerte im Gespräch harte Kritik an Facebook:

Facebook und Mark Zuckerberg haben fortlaufend die Zusammenarbeit verweigert, nicht nur mit der britischen Untersuchung, sondern auch mit Untersuchungen in sieben anderen nationalen Parlamenten. Und es ist diese andauernde Verweigerung, Fragen zu beantworten oder Beweismittel auszuhändigen, die Damian Collins und seinen Ausschuss dazu gedrängt haben, die Beweismittel unter Haftandrohungen mit Zwang zu bekommen. Das zeigt einfach: Es wäre viel einfacher gewesen, wenn Mark Zuckerberg tatsächlich aufgetaucht wäre und Fragen beantwortet hätte.

Der britische Guardian hatte im März auf Basis von Dokumenten des ehemalige Cambridge-Analytica-Mitarbeiters Wylie über den Abfluss von Nutzerdaten aus zumindest 87 Millionen Facebook-Profilen berichtet. Cambridge Analytica nutzte die Profildaten für gezielte Werbung („Microtargeting“) vor dem Brexit-Referendum und der US-Wahl 2016. Der Fall wird seither in mehreren Staaten untersucht und aufgearbeitet.

„Sie attackieren, attackieren, attackieren“

Social-Media-Plattformen müssten nun umfassende Änderungen vornehmen, um Wahlbeeinflussung und Desinformation zu verhindern, sagte Wylie:

Was wir bisher gesehen haben, vor allem von Facebook, ist eine Weigerung statt Handeln. Statt das Problem zu lösen, nutzen sie ihre ganze Zeit dazu, PR-Firmen zu engagieren und Fake News über George Soros zu streuen. Weißt du, sie attackieren, attackieren, attackieren, statt das Problem zu lösen.

Der Whistleblower nahm auch die mangelhafte Aufarbeitung der Einflusskampagne rund um den britischen EU-Austritt ins Visier.
Ich denke, das ist eine wirkliche Schande, denn Brexit ist klar das Produkt eines Wahlbetrugs. Die größte Verletzung der Regeln für Kampagnenspenden in der Geschichte britischer Wahlen geschah bei Vote Leave [einer Kampagnengruppe, Anm.]. 40 Prozent ihrer Kampagnenausgaben gingen an Cambridge Analytica, die erwiesenermaßen Wahlgesetze und Datenschutzgesetze verletzt haben. […] Das sind keine Vorwürfe, das sind Fakten. Und doch sitzen wir noch hier in diesem ganzen Brexit-Chaos. Obwohl das auf der Basis von Betrug geschah. Das Perverse daran ist, wenn so etwas in einer anderen Situation passiert wäre – etwa bei den Olympischen Spielen – dann hätte der Athlet, der gedopt war, seine Medaille verloren.

Das ganze Gespräch lässt sich hier anhören:


Wylie sprach am Montag in Brüssel bei einem Kongress vor Vertretern von EU-Einrichtungen, NGOs und Firmenvertretern. Dort erinnerte er an die Tragweite des Datenskandals um Facebook. „Cambridge Analytica war nur der Kanarienvogel in der Kohlenmine“, sagte der Whistleblower. Der Fall zeige, dass Information in eine Massenvernichtungswaffe verwandelt werden kann. „Und jetzt haben wir Brexit und Donald Trump.“

8 Kommentare
  1. Ganz ehrlich, die Whisleblower tun mir leid. Sie kämpfen für die gerechte Sache; und keinen intessiert es.
    Sogar solche Plattformen wie netzpolitik.org benutzen Facebook- obwohl Sie es besser wissen.
    Ich finde es zynisch dann solche Artikel zu veröffentlichen…,@netzpolitk: Ist das kein Widerspruch?
    Ja, ich weiss, wegen der Reichweite, blabla…

    1. Ja das finde ich auch nicht gut.
      Ihr solltet mit gutem Beispiel vorangehen.
      Ihr HABT bereits Reichweite, tausende Leute lesen euch!
      Wenn ihr mit dieser Reichweite nun dezentralisierte, datenschutzfreundliche Netzwerke nutzt, dann zieht der Großteil eurer Leserschaft mit.
      Und die die nicht mitziehen verstehen scheinbar den Inhalt eurer Artikel nicht…

      1. Als ob NP.org der einzige Grund ist der die Leute dazu bewegt fb oder ähnliches zu nutzen. Wer schon bei dezentralen und offenen Netzwerken ist, ist bereits einer der „Wissenden“. Es ist aber viel wichtiger die Gelegenheitsleser und die bisher schlecht Informierten zu erreichen.

  2. Harsche Maßnahmen gegen Machtgier und Datenmißbrauch, sowie den gezielt organisierten Steuerabfluß sind DRINGEND erforderlich!

    Mir erscheien zwei Aspekte wichtig, die für den Erhalt der liberalen Demokratie grundlegend sind:

    (1) Der Gesetzgeber hat (endlich!!) klar und unmißverständlich festzulegen, daß die diversen „Plattformen“ eindeutig Medienunternehmen sind und daher wie Zeitunge und Rundfunk allen Sorgfaltsprflichten unterliegen. Facebook & Genossen sind scho alleine deshalb Medieunternehmen, da sie Nachrichten und Beiträge wichten und reihen, wie das jede Medieredaktion tut. Dabei ist es unerheblich, ob dies ein menschlicher Redakteur macht oder ein Algorithmus. Und damit sind sie für alle öffentlich zugänglichen Beiträge voll haftbar.
    Bislang verstecken sie sich hinter einem ominösen „Host-Provider-Privileg“, um Vorteile zu nutzen – oder: zu mißbrauchen.

    Und (2): Alle diese Web-Betreiber haben dort Steuer zu zahlen, wo ihr Ertrag und Gewinn anfällt. Also, das Entgeld für eine in Österrreich gezeigte Werbung ist in Österreich zu versteuern und Trick-Rechnungen aus Steueroasen sind nicht gewinnmildernd anzuerkennen.

    Diese knallhart profitorientierten Konzerne bringen das akrobatische Kunststück zuwege, dem Staat, der heimischen Wirtschaft und uns allen die lange Nase und den nackten H… zugleich zu zeigen. Ersteres, weil sie auf nationale und regionale Gesetze ganz einfach husten, und zweiteres dann, wenn es um Steuern und Abgaben geht (nicht wahr, AirBnB, Uber?). In diesem Zusammenhang ist auch ein direktes und klares Wörtchen mit etlichen EU-Staaten (Irland, Luxemburg, Niederlande, Malta) zu reden, was diverse Abkommen über Niedrigbesteuerung betrifft.

    Das lassen wir und schon lange nicht mehr gefallen, und diesbezüglich lendenlahme Politiker sind für ihr hohes Salär ganz einfach untragbare Minderleister.

    ## Literaturtipps:
    ## Corinna Milborn, Markus Breitenecker
    Change the Game – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern
    Fundierte Darstellung, mit sehr vielen Recherchequellen (Brandstätter Verlag)

    ## Eine nette, wenn auch etwas deftig formulierte Parallel-Lektüre ist Jaron Lanier „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen mußt“ (Hoffmann und Campe).

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