Das von der Europäischen Union mitfinanzierte Forschungsprojekt SIIP zur polizeilichen Nutzung von Sprachbiometrie hat seinen finalen Test erfolgreich bestanden. Dies teilte die internationale Polizeiorganisation Interpol in einer Pressemitteilung mit. Das „Speaker Identification Integrated Project“ will „Kriminelle und Terroristen“ anhand ihrer Stimme identifizieren und auffinden.
An SIIP nehmen insgesamt 19 Behörden, Firmen und Institute teil, darunter das italienische Verteidigungsministerium, die Universität Groningen oder die Firmen Nuance und Airbus. Die Polizeiorganisation Interpol, bei der 190 Staaten Mitglied sind, ist in dem Projekt als Endnutzer vorgesehen. Weitere Interessierte für die entwickelte Technologie sind die italienische Gendarmerie, das deutsche Bundeskriminalamt (BKA), die portugiesische Kriminalpolizei sowie die britische Metropolitan Police. Offiziell endet das Projekt erst im April 2018. Nach dem Praxistest arbeiten die Beteiligten jetzt am Abschlussbericht.
Analyse von VoIP, SatCom und Internet

Die Sprecher-Identifizierung mithilfe von SIIP basiert auf einer Software, die aus einer Sprechprobe Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, Sprache oder regionale Herkunft berechnet und mit einer Datenbank vorhandener Proben abgleicht. Zu den Vorteilen der Methode zählt, dass Sprechervergleiche auch in Fremdsprachen möglich sein sollen. Der finale Feldversuch fand vergangene Woche am Hauptsitz von Interpol in Lyon statt. Für den Test hatten die Metropolitan Police und die portugiesische Kriminalpolizei Dateien mit Sprechproben bereitgestellt. Sie wurden dann mit Audioaufnahmen abgehörter Gespräche und mit Internetinhalten verglichen.
SIIP kann zur automatisierten Analyse von VoIP-Telefonaten genutzt werden, damit Gesuchte ins Radar der Überwacher geraten, auch wenn sie wechselnde Identitäten benutzen. Als populäre VoIP-Anbieter nennt die Projektbeschreibung Skype, Viber, Tango, ooVoo und G‑Talk. Auch gewöhnliche Satellitentelefonate kann SIIP verarbeiten, um in abgehörten Gesprächen herauszufinden, ob ein und dieselbe Person mit wechselnden SIM-Karten telefoniert. Mit dem Verfahren können auch Audio- und Videodaten im offen zugänglichen Internet durchsucht werden. Dadurch soll es möglich sein, die Sprechprobe der Verdächtigen oder Beschuldigten in anderen Audiodateien oder im Internet aufzuspüren. In SIIP werden hierfür integrierte Data-Mining-Programme genutzt. In einem Video wird dies im Rahmen einer Konferenz als „Finding a fish in the ocean“ beschrieben.
Mit der Sprecher-Identifizierung wollen die Beteiligten in SIIP die gerichtsfeste Sicherung von Beweisen verbessern. In Ermittlungen könnten die Behörden mithilfe von SIIP Netzwerke mit weiteren Verdächtigen ausfindig machen („mapping/tracing the suspect“). Zum internationalen Austausch über die erlangten Erkenntnisse können sich die Polizeien über ein „SIIP Info Sharing Center“ bei Interpol vernetzen und austauschen.
Forschung für Geheimdienste?

SIIP steht im Verdacht, dass auch für Geheimdienste geforscht wird. Internetknoten könnten damit auf bestimmte Sprechproben überwacht werden, um in Echtzeit informiert zu sein, wenn eine überwachte Person per VoIP telefoniert, in unverschlüsselten Chats spricht oder in Videos zu hören ist. Die israelische Firma Verint Systems koordiniert das Projekt, ihr werden enge Kontakte zu den Geheimdiensten Mossad und NSA nachgesagt. Zu den Partnern in SIIP gehört auch die österreichische Firma Sail Labs, die für ihre Forschungen von der Europäischen Union eine halbe Million Euro erhielt. Einem Bericht der ZEIT zufolge handelte es sich bei Sail Labs zumindest in den Anfängen um eine Tarnfirma des Bundesnachrichtendienstes (BND). Sie sei um die Jahrtausendwende aus einer früheren Gründung des BND-Agenten Christoph Klonowski hervorgegangen. Medienberichten zufolge hatte der BND zu dieser Zeit weitere Tarnfirmen gegründet oder übernommen.
Klonowski, der in dieser Zeit unter der Tarnidentität „Stephan Bodenkamp“ operierte, nahm selbst an einem EU-Projekt zur Spracherkennung teil und leitete dieses sogar. Unter dem Titel „SENSUS“ ließ die Europäische Kommission für 2,1 Millionen Euro eine Demoversion einer entsprechenden Plattform entwickeln. Klonowski arbeitete damals einer Recherche von Christiane Schulzki-Haddouti zufolge beim BND als Direktor für „maschinelle Übersetzung und künstliche Intelligenz“. Seine Zugehörigkeit zum BND sei der EU-Kommission sogar bekannt gewesen. Die Tarnbehörde habe die Finanzierung durch die Kommission selbst initiiert. Möglicherweise nutzt Sail Labs heute noch Patente für Anwendungen, die für den BND entwickelt wurden.
„Akustische Gegenüberstellung“ seit den 80er Jahren

Im vergangenen Jahrzehnt hat das BKA ein automatisiertes „Sprechererkennungssystem“ (SPES) entwickelt. Die dabei gemachten Erfahrungen brachte das Kriminaltechnische Institut des BKA von 2007 bis 2010 auf EU-Ebene ein. Unter dem Titel „Correlation between phonetic-acoustic-auditory and automatic approaches in forensic speaker identification“ sollte das vom BKA geleitete Projekt die automatische Analyse mit der bei vielen europäischen Polizeibehörden ebenfalls angewandten „akustisch-phonetischen“ Methode vergleichen.
Diese „akustisch-phonetische“ Methode basiert auf manuellen Messungen der Tonlage und Resonanzfrequenzen und wird seit den 80er Jahren im BKA genutzt. „Akustisches Spurenmaterial“ wird dabei mithilfe des Gehörs der ErmittlerInnen und durch eine Software unterstützt abgeglichen. Der Phonetik-Wissenschaftler Hermann Künzel, der das Verfahren in den 80er Jahren beim BKA eingeführt hatte, nennt es eine „akustische Gegenüberstellung“. Auf diese Weise will Künzel etwa das RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock als einen der Entführer von Hanns Martin Schleyer identifiziert haben. Als Sprechproben dienten Interviews, welche die RAF mit dem Entführten geführt und aufgezeichnet hatte. Angeblich habe die Sprecher-Identifizierung die Entführung von Jan Philipp Reemtsma, die Erpressung des Lebensmittelkonzerns Nestlé und die Identität des Kaufhauserpressers „Dagobert“ aufgeklärt.
Dubioser Verein für mehr Sprachbiometrie beim BAMF
Inzwischen in Pension gegangen, organisiert sich Hermann Künzel in dem vor einem Jahr gegründeten „DITS.center e. V.“. In einem Verbund mit Informatikern, Signaltechnikern, ehemaligen Militärs und Geheimdienstlern will der Verein unter anderem Sprachtechnologie an Polizei, Zoll und Einwanderungsbehörden vermitteln.
Das „DITS.center e. V.“ finanziert sich unter anderem aus Mitteln von „Pilotkunden“. Mit von der Partie sind Klaus-Ehrenfried-Schmidt, der damals für Europol das SENSUS-Projekt geleitet hatte, und (zumindest eine Zeitlang) ein Christoph Klonowski, bei dem es sich allem Anschein nach um den damaligen BND-Agenten bei SENSUS handelt. Als einen der „Pilotkunden“ hatte sich das „DITS.center e. V.“ wohl das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) herausgesucht. Zu den von dem Verein beworbenen Anwendungen gehören „Landessprachen‑, Dialekterkennung, Sprecheridentifikation, Sprecherverifikation“.
Mittlerweile hat das BAMF die sogenannte automatisierte Dialekterkennung eingeführt. Wie eine Sprecherin des BAMF auf Nachfrage bestätigt, ging Klonowski vom „DITS.center e. V.“ im vergangenen Jahr auf die Behörde zu und schlug eine „Zusammenarbeit im Bereich Stimmbiometrie“ vor. Auch mit Künzel war das BAMF demnach in Kontakt.
