In der Serie „netzpolitische Dimension“ geht es um Themen, deren netzpolitische Relevanz sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt. Diesmal: The Daily Show with Jon Stewart.
Ein Blick in meine Twitter-Timeline heute morgen hat bestätigt, dass ich nicht der einzige bin, den der Abschied Jon Stewarts von „The Daily Show“ mit Wehmut erfüllt. Darum und um die allgemeine politische und kulturelle Bedeutung soll es in diesem Beitrag aber nicht gehen, sondern vielmehr um einen Aspekt, den Marcel Weiss in einem Tweet auf den Punkt gebracht hat:
Kann man denn die Daily Show in Dtl. irgendwo noch legal sehen, weil Ende von Jon Stewart als Host für die SZ „popkulturelles Trauma“ ist?
— Marcel Weiss (@marcelweiss) 11. Februar 2015
Tatsächlich ist es so, dass es bereits seit einiger Zeit in Deutschland und Österreich nicht mehr möglich ist, die ganzen Folgen der Daily Show auf der Webseite des Senders Comedy Central anzusehen. Stattdessen liefert der Versuch, eine Folge aufzurufen nur folgende Mitteilung: „You’re so close, yet so far away.“ Ein Spruch, der das Problem von Geoblocking im Internet wahrlich auf den Punkt bringt.
Hinzu kommt, dass es in Deutschland – zumindest meines Wissens nach – derzeit keine legale und halbwegs praktikable Möglichkeit gibt, The Daily Show zu sehen. Das in dem SZ-Beitrag von Johannes Kuhn angesprochene „popkulturelle Trauma“ ist deshalb in Deutschland auch ein Beleg für die große popkulturelle Bedeutung von Piraterie. Mehr noch als bei Serien und Filmen lebt The Daily Show von der Tagesaktualität des Formats. Alles andere als unmittelbarer Zugang ist eigentlich keine Option. Mangels legalem Angebot lässt sich die weitverbreitete Trauer über ein Ende der Daily Show eigentlich nur mit der Nutzung illegaler Streaming-Portale erklären.
Abgesehen davon ist das Phänomen Daily Show wohl auch mit ein Grund für den erst kürzlich von Quentin Hardy in seinem New-York-Times-Blog bemerkten VPN-Boom. Wer ein paar Euro im Monat in einen VPN-Dienst investiert, kann damit eine US-IP-Adresse vortäuschen und so auch in Europa The Daily Show sehen. Und eine US-Kreditkarte vorausgesetzt – und das ist eine alles andere als niedrige Hürde – lässt sich via VPN auch aus Europa das US-Angebot von Diensten wie Netflix nutzen. Der US-Urheberrechtsprofessor Tim Wu spricht im Interview mit Hardy deshalb auch von einem „Missverhältnis zwischen der Wahrnehmung, dass man über das Internet bekommt was man möchte […] und Rechteinhabern, die Ihre Inhalte gebietsabhängig verkaufen.“
Ganz allgemein lässt sich wohl sagen, dass Sperrbildschirme ein Beleg für Auswüchse von Bewilligungskultur im Netz sind. Weil große Rechteinhaber sich in allen Fällen vorbehalten möchten, im Einzelfall zu Lizenzieren, kommt es auf Grund der damit verbundenen Transaktionskosten systematisch zu Unterversorgung und Unternutzung. Und zwar nicht nur im Bereich von Geoblocking, sondern auch beispielsweise auch dann, wenn im Livestream der Tagesschau für 30 Sekunden ein Sperrbildschirm angezeigt wird, weil dann Tore des aktuellen Bundesligaspieltags gezeigt werden.
In dem Maße, in dem Medienkonvergenz und Globalisierung voranschreiten, werden kleinteilige und als willkürlich empfundene Lizenzierungspraktiken zum Problem. Ein Sperrbildschirm wie jener der Daily Show wird so zur kostenlosen Werbung für kommerzielle VPN-Anbieter. Vielleicht muss VPN aber erst wirklich zum Massenphänomen werden, damit hier ein Umdenken einsetzt und Verwertung ohne Geoblocking stattfindet.
