Öffentlichkeit

Türkischer Staat räumt auf: Britische Journalisten unter Terrorverdacht festgenommen, Fernsehsender geräumt

Pro-Kurdische Kundgebung 2011 in Diyarbakir CC BY-SA 2.0 by William John Gauthier

In der Türkei wurden vergangenen Donnerstag die beiden für Vice tätigen britischen Journalisten Jake Hanrahan und Philip Pendlebury sowie deren irakischer Kontaktmann in der Stadt Diyarbakir festgenommen. In der Stadt leben mehrheitlich Kurden und Zazas. Die Festnahme erfolgte, als die Journalisten eine Auseinandersetzung zwischen örtlichen Sicherheitskräften und jugendlichen Anhängern der verbotenen Kurdischen Arbeiter Partei (PKK) filmten. Am Montag wurde dann offiziell Anklage wegen der Beteiligung an terroristischen Aktivitäten erhoben.

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Grundlage für die Anklage ist anscheinend, dass der in der Türkei wohnende irakische Fixer der beiden britischen Journalisten auf seinem Privatlaptop ein Verschlüsselungssystem verwendet, das auch bei Mitgliedern des „Islamischen Staates“ zum Einsatz kommen soll. Der Vorsitzende der Anwältevereinigung der südtürkischen Stadt bezeichnete die Festnahmen als lächerlich. Er führte die Festnahmen auf das Filmen von Ausschreitungen zwischen pro-kurdischen Aktivisten und der Polizei zurück:

„I find it ridiculous that they were taken into custody. I don’t believe there is any accuracy to what they are charged for. To me, it seems like an attempt by the government to get international journalists away from the area of conflict. These people have obviously been in contact with YDG-H members [the youth wing of the PKK] because of their jobs, because they are covering stories. This might not have been welcomed by the security forces.“

Der europäische Vice-Programmchef Kevin Sutcliffe sprach in einem Statement von haltlosen und alarmierend falschen Anschuldigungen. Sutcliffe forderte die sofortige Freilassung der Journalisten. Eine Sprecherin der Europäischen Union verurteilte die Festnahmen ebenfalls.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, dass die Ermittlungen aufgenommen wurden, nachdem Hinweise eingingen, dass drei ausländische Journalisten für den Islamischen Staat rekrutieren würden. Die Polizei fand bei Hanrahan und Pendlebury Videomaterial von maskierten Mitgliedern der Jugendorganisation der PKK und Notizen zu der Organisationsstruktur der PKK.

Dies war aber nicht das einzige Vorgehen gegen kritische Journalisten in der Türkei. Am Dienstag, also einen Tag nach der Anklageerhebung gegen die Journalisten in Diyarbakir, durchsuchte die Polizei die Räumlichkeiten von Koza-Ipek Media in Ankara. Koza-Ipek Media steht der Gülen-Bewegung nahe, rund um deren Oberhaupt Fethullah Gülen, der als Kritiker Erdogans gilt.

Die Durchsuchungen geschahen nur Stunden, nachdem in einer der Publikationen des Verlages Bilder abgedruckt wurden, auf denen zu sehen sein soll, wie von der Türkei aus militärisches Material in den „Islamischen Staat“ verschoben worden sein soll. Die türkische Regierung hat mehrfach abgestritten, den „Islamischen Staat“ zu unterstützen.

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15 Kommentare
  1. Hallo Daniel,

    ich verstehe diesen Satz nicht:

    „Grundlage für die Anklage ist scheinbar, dass der in der Türkei wohnende irakische Fixer der beiden britischen Journalisten auf seinem Privatlaptop ein Verschlüsselungssystem verwendet, das auch bei Mitgliedern des „Islamischenen Staates“ zum Einsatz soll.“

    Der macht doch keinen Sinn, für die Türkei ist IS doch nicht terroristisch sondern die PKK? Und was hat das alles mit Fixern zu tun, sind die Journalisten etwa drogensüchtig?!

    1. „Fixer“ ist der Fachausdruck für einen Kontaktmenschen „vor Ort“, der da zu Hause ist, dort also „fest wohnt und mit den dort lebenden Menschen und deren sozialen und politischen Zusammenhängen vertraut ist. Meistens arbeiten diese Mitarbeiter auch als „Stringer“, also als verlängerter Arm des Teams: Dann liefern sie für Autoren auch mal selbstgedrehtes Material, zB. für einen Film odedr eine Hörfunk-Reportage.

  2. Eigentlich sollte den internationalen Journalisten die brenzliche Lage in der Türkei spätestens nach dem mysteriösen, tödlichen Unfall der Journalistin Serena Shim doch bekannt sein.

    1. Was meinst DU mit „eigentlich“. Denen ist die „brenzlige Lage“ wie Du das nennst sicher besser bekannt als uns allen zusammen. Aber heißt das jetzt, dass sie dort nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Soweit ich weiß würde die Türkei gerne der EU beitreten. Die Garantie der Pressefreiheit dürfte dabei zu einem der wichtigsten Eckpfeiler dessen gehören, was die Türkei zu leisten hat, bevor die EU auch nur daran denkt diese Verhandlungen zu Gunsten einer Aufnahme der Türkei abzuschließen.

      1. „Soweit ich weiß würde die Türkei gerne der EU beitreten.“ Das ist Vergangenheit, E. verfolgt andere Ziele und ist gerade dabei, aus der Türkei einen islamischen Präsidialstaat zu machen. Eure Europa.

  3. Gut so, Journalisten sind ein echtes Sicherheitsrisiko … wenn selbst in Deutschland Journalisten von der SPD im Auftrag der ägyptischen Militärregierung gegen die Empfehlung von Interpol festgenommen werden, gegen deutsche Journalisten im Auftrag des Staatsschutzes wegen des Verdachts der Terrorunterstützung ermittelt wird, das ganze Volk vom Staat per VDS eingeschüchtert wird, ein Datenhehlereigesetz extra für Journalisten gemacht wird … wer will da noch die türkische Regierung kritisieren, ohne rot zu werden.

  4. kleine Anmerkung: Zazas sind auch Kurden. Es gibt im Kurdischen 3 Hauptdialekte: Kurmancî (ausgesprochen: Kurmandschi), Soranî und Zazakî (ausgesprochen: Sasaki). Die Türkei hat in der Vergangenheit immer wieder versucht das kurdische Volk weiter zu spalten, indem sie behauptet hat, dass diese 3 Dialekte eigenständige Sprachen seien und letztere zwei nicht zum Kurdischen zählen. Den Kurden ist es sehr wichtig, dass diese falsche Zerteilung aufhört! Ich bitte dies zukünftig zu beachten.

  5. Nabend,

    Ist ist nur ein frage der Zeit bis die Türkei Mitglied oder sogar Führerstaat des IS ist. Erdogan ist dazu ein Zwischenschritt. Aber die USA gehen ja lieber auf Russland los, nachdem Putin sich die jahrelange Nato-Verarschung nicht mehr bieten lässt.

    mfg

    Ralf

  6. „Die Durchsuchungen geschahen nur Stunden nachdem in einer der Publikationen des Verlages Bilder abgedruckt wurden, auf denen zu sehen sein soll, wie von der Türkei aus militärisches Material in den „Islamischen Staat“ verschoben worden sein soll. Die türkische Regierung hat mehrfach abgestritten, den „Islamischen Staat“ zu unterstützen.“

    Ich halte Waffenlieferungen an den IS™ seitens der Türkei nicht nur für möglich, sondern für sehr wahrscheinlich.
    Dazu passt auch der eine einzige Alibiangriff auf den IS™ nach dem Anschlag in Suruc, zu dem sich der IS™ übrigens nie bekannt hat was er sonst immer tut. Höchst verdächtig wie ich finde!
    Stattdessen werden seitdem in einer Tour die Peschmerga, also die einzigen die den IS™ bisher wirksam am Boden bekämpft haben, bombardiert!
    Ein Schelm, der böses dabei denkt…

    1. Wie man sieht war der Angriff der IS in Suruc nicht der einzige.
      Es gab doch jetzt bereits einen weiteren Anschlag in Istanbul und eine
      türkische Stadt nahe der syrischen Grenze wurde vom IS mit Waffen beschossen.
      Sie denken wie die Mehrheit unser deutschen Staatsbürger, dass die Türkei den IS unterstützen würde.
      Was absolut nicht richtig sein kann.

      So hat die Türkei 2015 mehrere hunderte europäische Jihadisten an der Ausreise nach Syrien gehindert und verurteilt. Darunter waren auch die Attentäter von Belgien.
      Die Türkei hat diese als Terroristen verhaftet und an die niederländische Regierung ausgeliefert.
      Die niederländische Regierung hat sie darauf entlassen und so kam es zu dem Anschlag in Belgien.

      Ich bin der Meinung das schon lange nichts mehr Wahrheitsgemäß über die Türkei berichtet wird.
      Es geht meiner Meinung nach nur noch darum, die derzeitige türkische Regierung als Feind unserer Werte da zu stellen.

      Die Türkei hatte die europäische Gemeinschaft schon 2011 aufgefordert, den islamische Staat als Terrororganisation einzustufen.
      Zu diesem Zeitpunkt wusste Europa nicht einmal, ob sie von der IS als Verbündeten oder Feind sprechn sollen.

      Die Türkei hat bisher auch militärische Manöver gegen den IS gestartet und dabei Jihadisten getötet.
      Aber was nicht Teil eurer Berichterstattung ist, ist auch nicht Teil eures Weltbildes.
      Denn davon hat man hier in den Medien nichts berichtet.
      Stattdessen zeigte man immer wieder die Bilder der türkische Grenzschützer in ihrer Stellung und meckerte warum die Türkei nicht eingreife.

      Gleichzeitig Beschwerte man sich aber als nur eine türkische Division syrischen Boden berührte, um deren Exklave in Syrien zu räumen.

      Grob gesagt, wenn die Türkei nicht in Syrien einmarschiert, wirft man ihr Unterstützung der IS vor.
      Sobald die Türkei aber dann doch Soldaten nach Syrien schickt, redet man plötzlich von Völkerrechtsbruch.

      Man bietet der Türkei gar nicht die Möglichkeit richtig zu handeln, da man ihr alles als Vorwurf nimmt.

      Der IS hat sogar zum Mord an Erdogan aufgerufen.
      Denken sie wirklich, wenn Erdogan den IS Unterstützt, dass diese zu seinem Mord aufrufen ?

      In der Türkei gab es jetzt schon mindestens 3 Anschläge durch den IS.
      In Israel dagegen, dass Land welches nur 45 Minuten von IS-Stellungen entfernt ist, hat bisher noch keinen mir bekannten Anschlag erleiden müssen.

      Zudem war es auch gar nicht lange her, dass die FSA eine israelische Waffenlieferung an den IS abgefangen hat.
      Hierzu gab es sogar einen Bericht durch N-tv : http://www.n-tv.de/der_tag/Israelische-Waffen-auf-dem-Weg-zum-IS-beschlagnahmt-article17584646.html

      Be Israel tut man dann natürlich so, als seie dies nur ein Versehen.
      Auch amerikanische Waffenlieferung an den IS gab es : https://www.youtube.com/watch?v=3sXZB952cek

      Deutschland hat Waffen an die PYD geschickt ! Die PYD ist von der Ideologie die exakt gleiche Terrororganisation PKK, nur das diese der syrische Ableger ist.
      Und diese Unterstützt Deutschland mit Waffen.

      Viele hier in Deutschland neigen dazu, alles was gegen den IS ist zu romantisieren und heroisch dazustellen.
      Dabei ist die PYD genauso eine Terrororganisatio die Anschläge verübt und Kindersoldaten ausbildet.

      Und die Türke kämpft nicht gegen die Peschmerga ! Diese Behauptung ist schlicht und Ergreifen falsch !
      Die Türkei ist ein verbündeter der autonomen kurdischen Regierung im Nordirak und ein Partner der kurdische Regierung Barzani.

      So hatte die Türkei Truppen in den Nordirak geschickt, um die kurdische Peschmerga im Kampf gegen den IS auszubilden.
      Doch dafür hatte man die Türkei auch kritisiert und dies als völkerrechtswidrige Grenzüberschreitung kritisiert, obwohl die Türkei auf Wunsch der nord irakischen Regierung dort war.

      Wer sich Informiert, der merkt das die Berichterstattung über die Türkei schon lange nicht den realen Sachverhalt da stellt.
      Die Türkei für alles Verantwortlich zu machen, was die USA im nahen Osten verbockt hat, ist schon ziemlich Grotesk.
      Vor allem das die Türkei hier zum Hauptverantwortlichen Gemacht wird, obwohl die USA mit ihrem völkerrechtswidrigen Einmarsch im Irak, für die instabile Lage auch im Nachberland der Hauptverantwortliche ist.

      1. Zitat: „Was absolut nicht richtig sein kann.
        So hat die Türkei 2015 mehrere hunderte europäische Jihadisten an der Ausreise nach Syrien gehindert und verurteilt. Darunter waren auch die Attentäter von Belgien.
        Die Türkei hat diese als Terroristen verhaftet und an die niederländische Regierung ausgeliefert.
        Die niederländische Regierung hat sie darauf entlassen und so kam es zu dem Anschlag in Belgien.“

        Doch, das ist alles geplant … inszeniert … diese Attentäter bzw. deren Anschläge wurden mit Billigung der Dienste durchgeführt, um politische Ziele durchzusetzen … die Kollateralschäden waren ein kleines kalkuliertes Übel für die Dienste!
        … weniger war eben nicht möglich!

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