Überwachung

In Frankreich beginnt die Hexenjagd

http://www.stop-djihadisme.gouv.fr/decrypter.html

Die französische Regierung bietet eine Übersichtsseite mit dem Titel „Stop Djihadisme“ – „Stoppt den Dschihad – Die Propaganda des Dschihad entschlüsseln“ an. (Man beachte an dieser Stelle die Wortwahl.)

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Diese Seite bietet zusammengefasst Hinweise dafür, wie Dschihadisten bzw. eine Radikalisierung von Einzelpersonen enttarnt werden können.

Denn, so die Regierungsseite, die Franzosen und Französinnen, die zu TerroristInnen werden, seien junge oder gar minderjährige Personen, die einer ständigen Propaganda ausgesetzt sind.

Die jungen Menschen, die indoktriniert und davon überzeugt wurden aufzubrechen, kommen aus allen Regionen, aus allen Schichten, begünstigten und benachteiligten, städtischen und ländlichen, von den Stadtzentren bis in die Vororte.
Während die Ausübung des Islam sich vollständig in unsere säkulare Republik hineingeschrieben hat, wird sie von Terroristen instrumentalisiert, die ihn als Vorwand benutzen und seine Grundlagen entstellen. Auf diese Art sind einige unserer Landsleute, ohne Wissen über den Islam und manchmal auch aus christlichen Familien, Juden, Agnostiker oder Atheisten in einen Prozess der Radikalisierung und Gewaltbereitschaft abgeglitten.

http://www.stop-djihadisme.gouv.fr/decrypter.html

Familienmitglieder werden angehalten, auf Zeichen von Radikalisierung zu achten, und das sind laut französischer Regierung folgende:

  • Misstrauen gegenüber alten FreundInnen hegen
  • die Familie ablehnen
  • schonungslose/brutale Änderung der Essgewohnheiten
  • Verweigerung, die Schule oder Ausbildung zu besuchen
  • keine Musik mehr zu hören
  • kein Fernsehen mehr zu sehen oder ins Kino zu gehen
  • nicht mehr zum Sport zu gehen, weil dieser gemischt stattfindet
  • Änderung des Kleidungsstils, Mädchen bedecken ihre Körper
  • Recherche auf Webseiten oder in sozialen Netzwerken, die dem Charakter nach radikal oder extremistisch sind

„Aber auch, wenn sie sich in sich selbst zurückziehen, antisoziale Absichten äußern, jedwede Form von Autorität oder das Gemeinschaftsleben ablehnen.“

Entsprechende Personen kann man natürlich auch gleich melden, die Nummer dafür wird mitgeliefert.

 

EDRi hat sich dieser Infografik der Regierung angenommen und einen Remix getwittert.

 

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19 Kommentare
      1. Gibts seit 09/11 zuhauf.

        Der damalige Innensenator Berlins Ehrhart Körting (SPD) meinte z. B. 2010:
        „Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.“

        Und die „See Something, Say Something“-Kampagnen in England und auch den USA haben binders full of Terroristenmerkmalen.

  1. Erst waren die französischen Behörden unfähig, um die existierenden Informationen über die Gefährlichkeit der Attentäter für eine Verhaftung oder Abschiebung dieser zu nutzen.
    Und jetzt sähen sie Angst und Beklemmung, indem die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit der Bürger mit stigmenhaften Verallgemeinerung eingeschränkt wird.
    So was ist eine Unterdrückung des Volkes und keine vorbeugende Maßnahme gegen Anschläge.

  2. Artikel in der Übersetzung sehr ungenau, mit Hang zur Polemik.

    Was auf dem Plakat steht:

    Jihadistische Radikalisierung
    Die ersten Zeichen, die einen aufmerksam machen können

    Die folgenden Anzeichen können darauf hindeuten, dass gerade eine Radikalisierung stattfindet.
    Je mehr Anzeichen sich finden, desto aufmerksamer sollten Familie und der Bekanntenkreis sein.

    – Misstrauen gegenüber alten Freunden, die sie nun für „unrein“ halten.
    – Sie verachten Mitglieder ihrer Familie.
    – Sie ändern schlagartig ihre Essgewohnheiten.
    – Sie brechen ihre Schul-/Berufsausbildung ab, weil die dort gelehrten Sachen Teil einer Verschwörung sind
    – Sie hören auf Musik zu hören, weil diese sie von ihrer „Mission“ ablenkt
    – Sie hören auf TV zu schauen oder ins Kino zu gehen, weil dort Bilder gezeigt werden, die ihnen verboten sind
    – Sie hören mit sportlichen Aktivitäten auf, weil diese gemischt stattfinden
    – Sie ändern ihre Kleidung, vor allem Mädchen, zu Kleidern, die den Körper verhüllen
    – Sie surfen regelmäßig auf Webseiten und sozialen Plattformen mit radikalem oder extremistischem Hintergrund.

    Der Absatz danach ist als einziger halbwegs richtig übersetzt:
    „Aber auch wenn sie sich in sich selbst zurückziehen, antisoziale Absichten äußern, jedwede Form von Autorität oder das Gemeinschaftsleben ablehnen.“

    jede Situation ist spezifisch, die Identifikation von einem oder mehrerer Anzeichen heißt nicht automatisch, dass eine Radikalisierung in Gange ist.

    Wenn sie Zweifel oder fragen haben: “

    Es ist also keinesfalls ein „Entsprechende Personen kann man natürlich auch gleich melden, die Nummer dafür wird mitgeliefert.“, sondern ein Plakat, das primär informativ sein will in einem Land, in dem in den letzten 20 Jahren immer wieder Jugendliche, die im Land aufgewachsen sind und im Land radikalisiert worden, für Probleme gesorgt haben. Das war bei den Attentaten von 1995 der Fall, das war bei Merah der Fall, das war bei Kouachi und Coulibaly der Fall.
    Kann man vielleicht in Deutschland nicht nachvollziehen, ist aber noch lange kein Grund, daraus so eine Polemik drehen zu wollen. Zeugt entweder davon man, dass man es nicht versteht, keine Ahnung hat oder dass man es selber instrumentalisieren will, also eher Bildzeitungsniveau.

    1. Widerstand ist Terrorismus.

      Darum geht es bei dieser Kampange.

      http://politikprofiler.blogspot.de/2015/02/es-geht-los-schnellurteile-in.html
      Wer sich 1933 bis 1945 an die Gesetze hielt, war danach ein Verbrecher. Das sollte niemand vergessen. Jeder Vorwurf der Diskriminierung kann nun in Frankreich dem Argument der „Terrorismusverherrlichung“ entkräftet werden. .. So wird in Deutschland z. B. ohne Proteste der Passentzug von sogenannten „IS-Touristenkämpfer“ akzeptiert. Kommt es später zu weiterreichenden Maßnahmen, wie Passentzug bei kritischen Äußerungen gegenüber der machthabenden Regierung, gibt es keine Rechtsmittel der Demokratie mehr, dagegen als Zivilperson vorzugehen. ..

    2. „Kann man vielleicht in Deutschland nicht nachvollziehen, ist aber noch lange kein Grund, daraus so eine Polemik drehen zu wollen.“ – auch Polemik ist Interpretationssache! Auch wenn das oben genannte Plakat nur subtil polemisch ist, ist es immer noch polemisch! Manche Menschen sind eben auch wachsamer als andere! Das verstehen wiederum die nicht Wachsamen nicht!

  3. Sensibler machen solche Steckbriefe nicht. Tragen auch nicht zur Strafverfolgung von Kriminellen bei. Nicht jeder religiöse Fundi ist ein Krimineller. Wenn die Unschuldsvermutung zum Generalverdacht mutiert, läuft eine Gesellschaft gewaltig aus dem Ruder. Dann nämlich hat der Terrorismus gesiegt.

  4. … mit Vollgas zurück ins Mittelalter.
    Ausgrenzung, Stigmatisierung, Hexenjagden. Und Deutschland ebenfalls mittendrin.
    Keiner merkts, keinen interessierts (solangs nicht persönlich betrifft) und unsere Politiker lachen sich innerlich kaputt, weil wir sämtliche Restriktionen hinnehmen. Wird ja schließlich schon was Brauchbares dran sein… und so ein wenig Minderheitenbashing betrifft ja nur ein paar Wenige. Kennt man auch von anderen Themen.
    Am Ende bilden sich dann erst recht Extremisten heraus, da sie sich in ihrem Handeln noch bestätigt fühlen, schließlich werden sie ja ausgegrenzt und denunziert. „Die Anstalt“ gestern hatte mal wieder recht.
    Nur was soll man tun, um diesen zunehmend hysterisch-emotional verseuchten Wahnsinn zu stoppen? Mit Argumenten kommt man gegen die Hysteriker jedenfalls nicht an, von den breiten Medien wird man ignoriert, selbst wenn man ihnen die Fakten auf dem Silbertablett serviert. Das habe ich selbst schon erlebt. Mir fällt dazu auch nichts wirklich ein. Es muss wohl erst wieder einen handfesten (Welt-)Krieg geben, dass die Menschen wieder zu Vernunft finden. Traurig. Nix gelernt in den letzten 2.000 Jahren.

  5. Merci an Nicolas Martin, der hier für unsere nicht französisch sprechenden Kollegen übersetzt. Ich kann die Richtigkeit seiner Übersetzung bestätigen.

    Ich sehe auch nicht den Aufreger… Das ist doch wie jeder andere Hinweis, der sonst oft an Eltern gerichtet ist. z.B. „Wie erkenne ich, dass mein Kind gemobbt wird?“. Da werden auch immer Indikatoren genannt, die in ihrer Gesamtheit dann die Wahrscheinlichkeit erhöhen.

    1. Das ist aber ein sehr schlechtes Beispiel, weil es einmal darum geht, eventuelle Opfer zu erkennen und einmal darum, Menschen anhand von irgendwelchen Merkmalen zu potenziellen Tätern zu stigmatisieren.

  6. Sehr fehler- und lückenhafte Übersetzung, ganz schön unseriös… Und unter den Hinweisen steht auch noch, dass jede Situation verschieden ist und dass – auch wenn ein oder mehr mögliche Indikatoren vorhanden sind – nicht generalisiert werden sollte, dass man sich bei Fragen oder Zweifeln aber an die angegebene Nummer wenden kann. Nix melden, nix Hexenjagd.

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