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Wikipedia Zero und Netzneutralität: Wikimedia wendet sich gegen das offene Internet

Die Vision der Wikipedia ist „eine Welt, in der jeder Mensch frei die Summe allen Wissens teilen kann.“ Das ist ein Wert, den wir bei Access teilen. Deswegen waren wir schockiert, als die Wikimedia Foundation, die die Wikipedia hostet und unterstützt, sich gegen den größten Treiber des freien Informationszugangs wandte, den die Welt je gekannt hat: das offene Internet.

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AccessNow.org_logoDieser Gastbeitrag stammt von Raegan MacDonald von AccessNow.org und ist dort zuerst auf Englisch erschienen. Die deutsche Übersetzung ist von Kilian Vieth.

In einem Blog-Post, bewarb Erik Möller, der stellvertretende Direktor der Wikimedia Foundation, ein relativ neues Angebot: Wikipedia Zero, eine Partnerschaft mit Telekom-Unternehmen die den priorisierten, gebührenfreien Zugang zur Wikipedia bereitstellt. Die Idee dahinter ist, die hohen Datengebühren zu umgehen, die immer noch viele Menschen auf der ganzen Welt zwingen, offline zu bleiben. In seiner Argumentation für „Zero“ beteuert Möller, dass die Wikimedia Foundation der Netzneutralität verpflichtet ist – also der Vorstellung, dass alle Online-Daten gleich behandelt werden sollen – und dass Zero dieses grundlegende Konzept des offenen Internets nicht verletzt. Dem müssen wir, bei allem Respekt, allerdings deutlich widersprechen. Wir glauben, dass Zero klar gegen die Netzneutralität verstößt und ein Angriff auf das offene, freie Internet ist.

Wikimedia sind nicht die einzigen, die diese sogenannten „Zero-rating“-Abkommen mit Telekommunikationsunternehmen vorantreiben. Facebook hat auch schon Vereinbarungen geschlossen, um datenreduzierte Versionen seiner Dienste in Industrie- und in Entwicklungsländern, anzubieten. Aber Wikimedia argumentiert, dass ihre Dienste, im Gegensatz zu Facebook Zero, nicht kommerziell sind. Und deshalb verdiene die Wikipedia spezielle Ausnahmeregelungen, weil im Tausch für die Bevorzugung gegenüber anderen Diensten kein Geld den Besitzer wechselt. Kein Geld, keine Verletzung der Netzneutralität.

Diese Argumentation stinkt ziemlich.

In den erst kürzlich aktualisierten Nutzungsbedingungen des Unternehmens steht, dass Zahlung und Nutzung nicht vom Tausch gegen Geld abhängen. Und in der Tat nutzt Wikimedia seine bekannten Marken als Währung in den Verhandlungen mit den Telekom-Partnern, da sie durch Wikipedia Zero mehr Nutzer anwerben wollen.

Den heutigen Nutzern ist klar, dass die revolutionäre Eigenschaft des Internets auf seiner Breite und Vielfalt beruht. Das Internet ist mehr als Wikipedia, Facebook oder Google. Aber für viele würden die „Null-Gebühren-Angebote“ den Internetzugang auf die Online-Welt der Web-Schwergewichte begrenzen. Für Millionen von Nutzern wären Facebook und Wikipedia gleichbedeutend mit „Internet.“ Am Ende würde Wikipedia Zero nicht zu mehr Nutzern des eigentlichen Internets führen, aber Wikipedia könnte einen schönen Anstieg seiner Seitenaufrufe generieren.

Wie die Wikimedia Foundation behauptet zu wissen, liefert die Vielfalt und Tiefe des Wissens im Internet genau das, was Netzneutralität, im Wesentlichen, so wichtig macht: Gleichbehandlung von Daten führt zu gleichberechtigtem Zugang für alle. Es ist schwer zu erkennen, wie einzelne bevorzugte Dienste mit diesem Prinzip im Einklang sollen.

Keine Lösung für den „Digital Divide“

Darüber hinaus ist der Vorschlag, dass Wikipedia oder Facebook die Lösung für den limitierten Internetzugang in Entwicklungsländern sei, etwa so als würde man ein Pflaster auf eine Schusswunde kleben. Die zugrundeliegenden, komplexen Ursachen der digitalen Spaltung bleiben unbehandelt. Außerdem lässt das Angebot von Dienstleistungen, die nicht in begrenzte Datentarife eingerechnet werden – in den entwickelten und weniger entwickelten Ländern gleichermaßen – das Gleichgewicht zu Gunsten der priorisierten Dienste kippen. Das zerstört die Wachstumsgrundlage für kostengünstige, netzneutrale Alternativen. Die langfristige Wirkung dieser Dienste wird ein Rückgang an Innovation und Wettbewerb im Internet sein – mit einer besonderen Benachteiligung von selbst gebauten, lokalen Dienstleistungen und einer Begünstigung von Unternehmen im Silicon Valley, die Tausende von Meilen entfernt sind. Und ironischerweise führt das zu einer Begrenzung des Zugangs zu Informationen und Wissen.

Wikipedia Zero und ähnliche Dienste spielen den etablierten Telekommunikationsunternehmen in die Hände, die die Märkte überall auf der Welt bereits heute im Würgegriff halten. Priorisierte Angebote machen die Dienstleistungen der „Telkos“ attraktiver, verfestigen ihre übermäßig dominante Stellung in den meisten Märkten, und sie treiben die Idee voran, dass Webseiten zusätzlich bezahlen sollten, um Nutzer zu erreichen, was wiederum den Grundsätzen der Netzneutralität widerspricht und die Entwicklung von Online-Inhalten und -Diensten noch zusätzlich erschwert.

Wikimedia war immer ein Förderer des offenen Zugangs zu Informationen, aber es ist entscheidend, priorisierte, gebührenfreie Angebote als das zu bezeichnen, was sie sind: Kurzsichtige Deals, die für die Zukunft des offenen Internets großen Schaden anrichten. Während immer mehr Menschen das Internet nutzen und weltweit Kämpfe um die Netzneutralität ausgefochten werden, liegt es gerade in der Verantwortung der angesehenen Organisationen wie Wikimedia, sicherzustellen, dass neue Nutzerinnen und Nutzer ein Internet entdecken können, das tatsächlich „die Summe allen Wissens“ repräsentiert.

Wenn Wikipedia Zero umgesetzt wird, kann es mit einem Schlag die Entwicklung des offenen Internets verändern – und zwar nicht unbedingt zum Besseren. Kein Unternehmen und keine einzelne Plattform – egal ob Facebook oder Wikipedia – sollte alleine dafür verantwortlich sein, den Zugriff auf die Informationen der Welt zu kuratieren. Kurz gesagt: Priorisierte Inhalte unterwandern die Zukunft des offenen Internets und die Rechte der Menschen, die es benutzen.

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20 Kommentare
  1. „Den heutigen Nutzern ist klar, dass die revolutionäre Eigenschaft des Internets auf seiner Breite und Vielfalt beruht“ genau da liegt der Fehler. Die heutigen Nutzern, als die statistische Mehrheit kennt das Internet nur als Google, Facebook, Youtube, Wikipedia, pr0n, Onlineversion des lokalen Tagesblattes. Wieso sollte man mehr Inhalte haben wollen? Wie argumentiert man mit denen?

  2. Ein etwas sehr seltsamer Beitrag. Meines Wissens bemüht sich die Wikimedia Foundation, dass Menschen in ärmeren Ländern leichter Zugang zur Wikipedia haben. Dieses Ziel ist ebenso wie Wikipedia Zero nicht „relativ neu“, und solche Angebote haben auch nichts mit Facebook zu tun.

  3. Auf den Mailinglisten der Wikimedia Foundation geht es zu dem Thema auch hoch her. Einer derjenigen, die sich klar gegen die ignorante, gefährliche und vorallem mit großer Doppelmoral behaftete Haltung der Wikimedia Foundation stellen, ist das Präsidiumsmitglied der Wikimedia Deutschland e.V., Jens Best.

    Wenn man liest, wie er, selbst sichtbar enttäuscht, die traurige Debatte der letzten Monate zusammenfasst und das absurde Verständnis von Netzneutralität der Wikimedia Foundation auseinandernimmt, wird deutlich, wie dreist die fünftgrößte Website der Welt mit dem Schutz der Netzneutralität umgeht. Es interessiert sie nicht, sie verletzen sie weltweit, aber weil sie „die Guten“ sind (im Gegensatz zu Facebook) hat das okay zu sein.

    Nachdem sich nun AccessNow und die EFF (Electronic Frontier Foundation) kritisch gegenüber diesen Methoden der Verletzung der Netzneutralität geäußert haben, stellt sich die Frage, wie die Wikimedia aus diesem Desaster wieder herauskommen will.

    Solange die Wikimedia meint sich über grundlegende Prinzipien des Internets hinwegsetzen zu müssen, um ihre Mission zu erfüllen, sollte man wohl seine jährliche Spende besser an eine andere Organisation schicken.

    Hier noch der Link zur Zusammenfassung der Situation durch Jens Best: http://lists.wikimedia.org/pipermail/advocacy_advisors/2014-August/000724.html

    1. Interessanter Link, danke!

      Ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Im Prinzip bin ich auch für Net Neutrality (gerade das verlinkte Bild http://muncievoice.com/wp-content/uploads/2014/05/net-neutrality.jpg beschreibt das Grauen ganz gut), aber wie verhält es sich z.B. bei InternetTraffic der für eine „online“-Operation zwischen New York (Arzt) und Patient (Berlin) benötigt wird. Hier käme es bei Ausfällen doch zu schwerwiegenden Problemen. Wie kann man das lösen?

      1. In dem man sich mal überlegt was bei einer Onlineoperation noch alles schief gehen kann und ob man evtl. eins der kleineren Dinge die schief gehen können mit absolut untauglichen mitteln versucht zu lösen, oder einfach bereit ist das höhere Risiko, dass durch den Einsatz zusätzlicher Komplexität entsteht, bereit ist zu tragen.
        Nur mal an gestern erinnert:
        http://www.heise.de/netze/meldung/Zu-knapp-konfigurierte-Backbone-Router-bremsen-Internet-2291758.html

      2. „critical applications“ wie z.B. in der Telemedizin werden beim Quality of Service (also der Beschreibung der Güte eines Kommunikationsdienstes) gesondert behandelt. Hier handelt es sich um eine eigene Qualitätsklasse, die außerhalb des best effort-Betriebes sichergestellt wird (hierfür sind dann auch andere Preise fällig).
        Die Einrichtung verschiedner Qualitätsklassen ist ein anderes Thema, das von Lobbyisten auch gerne benutzt wird, um an den Grundprinzipien zu rütteln, für die obige Thematik allerdings nicht anwendbar.

      3. “Die Einrichtung verschiedner Qualitätsklassen ist ein anderes Thema, das von Lobbyisten auch gerne benutzt wird, um an den Grundprinzipien zu rütteln, für die obige Thematik allerdings nicht anwendbar.”

        Weshalb?

        // Schade dass nicht mehr als 2 Einrückungen erlaubt sind.
        // Den Doppelpost bitte löschen.

      4. Wenn es zu einer Situation kommt, wo ein Chirurg über wacklige Datennetze operiert, sind im Vorfeld schon ganz andere Risiken ignoriert worden. Wahrscheinlicher, dass einer der Computer ausfällt, oder in der Koordination etwas schiefgeht, als dass auf einmal unerwartet eine Kapazitätsgrenze erreicht ist, zumal man in so einem Fall ja wohl bittesehr sowieso dedizierte breite Leitungen nah am Backbone gemietet hätte.

        Das ist doch Movie-Plot-Argumentation …

  4. Ein freierer Zugang zu Wissen kann schon ein Gegengewicht zur Netzneutralität sein.
    In diesem Fall gibt es auch eher eine Parallele zu http://www.outernet.is als zu einem herkömmlichen Internetanschluss. Da wird auch kein vollständiges Internet geliefert, sondern eine kostenlose Verbindung zu Wikipedia, Project Gutenberg und Deutscher Welle ausgestrahlt. 

    1. … jedoch ist es sehr gefährlich, ihn als solches ins feld zu führen …

      Ein Zugang zu Wissen ist ein Wert an sich, genau wie eine freie Vernetzungsmöglichkeit. Warum sollte man sie gegeneinander ausspielen? Das ist das, was die Telekomanbieter versuchen, wenn sie sich mit Wikimedia so einigen.

      1. Technisch gesehen müsste da nämlich, bekanntlich, gar keine Dichotomie sein. Die resultiert nur aus den merkwürdigen Machenschaften der Telekombranche.

  5. a) Ich verstehe die Motivation für die Entscheidung.

    b) Es ist ein Bärendienst für die Netzneutralität, der zur Unzeit kommt. Ich folge tante tom’s Argumentation.

    c) Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich Wikimedia hier weniger schuldig gemacht hat, als Mozilla mit der W3C-EMEtic-DRM-Nummer.

    Im Fall von Zero sehe ich die Schuld mehr auf der Seite der Telekom-Anbieter. Die hassen die Idee der Netzneutralität, sie hassen den kläglichen Rest unserer nicht vermarktbaren Freiheit, sie sind diejenigen, an deren Händen das Blut unseres Internets klebt (was für eine schlechte Metapher. ich hoffe, der Sinn ist klar). Wikimedia, so könnte man argumentieren, macht „das Beste“ draus. Besser Wikipedia als Facebook, mag die Entscheidung auch selbstgerecht und moralisch falsch sein.

    Im Fall von Mozilla dagegen kann man nur von handfestem, frontalen Verrat an den Nutzern, in voller Billigung sprechen. Ohne Billigung der Grundprämissen dahinter baut man kein DRM ein.

    Nur meine aktuelle, gefühlte Meinung.

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