Der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs nutzt seit längerem fleissig Twitter. Das bekam aber kaum jemand mit, weil er nur rund 5000 Follower hat. Bis dann gestern der Tagesspiegel mitten im Sommerloch mit der Story „Porno im Kurznachrichtendienst“ raus kam. Der Vorwurf an Kahrs, Beauftragter der Fraktion für die Belange von Schwulen und Lesben, war die Verbreitung von Pornographie über seinen Twitter-Account.
Kundige Twitter-Nutzer mussten erstmal mehrfach hinsehen, um den Tatvorwurf zu rekonstruieren. Bei Twitter folgt man anderen Accounts und man sendet selbst. Der Vorwurf an Kahrs war nicht, dass er selbst Pornographie twittert, also sendet, sondern dass er Accounts folgt, die Pornographie senden (hier an ihn). Soweit so langweilig. Nun gibt es noch die weithin ungenutzte Funktion bei Twitter, sich die Timeline anderer öffentlicher Accounts anschauen zu können. Dazu muss man aber erstmal selbst eingeloggt sein. Aber Hand aufs Herz: Wer möchte schon die Timeline von Politikern lesen, die sich vor allem erstmal in einem Parteikosmos bewegen?
Der Tagesspiegel aber hatte das gemacht, möglicherweise bekam er einen Tip von einem Kahrs-Fan. Dieser ist aufgrund seiner Machtpolitik innerhalb der SPD nicht unumstritten, wie ein Artikel aus der FAZ von 2009 schön beschreibt: Das System Johannes Kahrs.
Kahrs selbst erklärte in einer ersten Reaktion gegenüber dem Tagesspiegel, dass ihm das nicht aufgefallen sei:
„Ich folge Gott und der Welt.“ Auf die Frage, ob darunter auch Accounts mit pornografischen Inhalten seien, sagt er: „Kann sein. Ich muss mal nachgucken. Es ist mir noch nicht aufgefallen.“ Wenn es Ärger mache oder Probleme gehe, dann lösche er das wieder. Aber so richtig versteht er die Frage nicht: „Ich finde es nicht wirklich aufregend.“ Wenige Minuten nach einer Anfrage des Tagesspiegels bei der Pressestelle der SPD-Bundestagsfraktion ruft Kahrs vom Handy aus an. Er habe die Liste der von ihm gefolgten Personen bisher „echt noch nicht durchgescrollt“. Einige der Accounts seien „wirklich ein bisschen komisch“ gewesen, gibt er zu.
Nun folgt Kahrs knapp über 1300 Accounts. Als regelmäßiger Twitter-Nutzer mit über 27.000 abgesendeten Tweets ist die Ausrede „Die Pornographie in der Timeline ist mir nicht aufgefallen“ nun fast die blödeste, die einem einfallen kann. Direkt dazu stehen wäre sicher besser gewesen, aber wer weiß, wie man in einem solchen Fall selbst reagiert hätte.
Auf Twitter startete dann ein Shitstorm gegen den Tagesspiegel und seinen Mitarbeiter Matthias Meisner, der am Anfang vor allem von SPD-Sympathisanten vorgetragen wurde. Der Vorwurf: Prüderie, ein Weltbild der 50er Jahre, außerdem durch die Blume Schwulenfeindlichkeit und der Vorwurf der Pädophilie.
Paul Wrusch fasste in der TAZ die Kritik auf Twitter in einem Beitrag zusammen: „Tagesspiegel“ diffamiert SPD-Politiker – Igitt, Männerärsche!
Das ist nur prüde, der Text ist zudem schlicht diffamierend: „Die abgebildeten Personen sind fast alle Jahrzehnte jünger als Kahrs. Ob sie bereits volljährig sind, lässt sich nicht immer mit Sicherheit sagen“, schreibt Meisner. Alles Spekulation. Aber klar, schwuler Mann guckt sich Bilder von nackten jüngeren Männern an. Obacht, Pädoalarm!
Es sind Stereotype, die im Jahr 2014 eigentlich überwunden schienen. Doch Meisner ist in den 50er Jahren hängengeblieben.
Daraufhin legte der Tagesspiegel nochmal nach, um sich und seine Position zu verteidigen: Warum der Account von Johannes Kahrs keine Privatsache ist.
Es ist dieser Mangel an Sensibilität in einem Bereich, der unter anderem durch das Gesetz eingeschränkt wird. […] Denn das, was viele Menschen als privat begreifen und deshalb dessen Abgrenzung zum Öffentlichen gut heißen, wird bei Kahrs drastisch und ungeschützt über einen Bundestagsbüro-Account abgebildet. Auch Bundestagsabgeordnete dürfen sich Pornos anschauen. Darum geht es nicht. Aber alle, die jetzt so darauf pochen, das sei doch Privatsache, sollten bitten darüber nachdenken: Sollte es dann nicht auch im Privaten bleiben?
Letztendlich ist das wahrscheinlich alles ein großes Missverständnis im Sommerloch:
Johannes Kahrs wollte vielleicht nur etwas Auflockerung in seiner Twitter-Timeline, immerhin kann diese in einem Parteikosmos auch ermüdend sein. Er übersah allerdings, dass andere (theoretisch) sehen können, was er da sieht. Hätte er das gewusst, hätte er sich vielleicht einen Privaten-Account zugelegt. Das Phänomen kennt man aus Sozialen Medien: Oftmals ist es Nutzern nicht bewusst, was jetzt auf privat und öffentlich gestellt ist.
Und der Tagesspiegel denkt immer noch, nur weil jemand bestimmten Accounts folgt, würde man dadurch Pornographie zugänglich machen und hat nicht verstanden, dass diese eher versteckte Twitter-Funktion kaum jemand nutzt. Und: Welche Kinder und Jugendlichen wollen sich freiwillig durch die Timeline eines fast 50-jährigen SPD-Bundestagsabgeordneten lesen?
