Es gibt einige wenige große Momente im Leben, in denen du fühlst, dass dich etwas tief in Innersten bewegt. Der Schulabschluss. Den ersten Kuss zu bekommen. Wenn du dein erstes Buch schreibst. Die Veröffentlichung dieses ersten wissenschaftlichen Artikels. Der Tod eines geliebten Menschen. Wenn der erste Kunde in dein eigenes Café kommt. Manche dieser Momente mögen anderen unwichtig und trivial erschienen, für dich sind sie gigantisch und sie verändern dein Leben.
Dieser Beitrag von Peter Sunde, dem ehemaligen Sprecher von The Pirate Bay und Gründer von Flattr, erschien zuerst in englischer Sprache bei Wired UK. Übersetzung von Justin Hanney, Crosspost mit freundlicher Genehmigung.
Heute hatte ich ein ähnliches Gefühl. Ein Gefühl, dass wir eine kritische Masse erreicht haben. Eine kritische Masse von Leuten, die über den aktuellen Zustand des Internets aufgebracht sind – nein, den aktuellen Zustand der Internetregulierung und darüber, was der Welt dadurch bevorsteht. Eine kritische Masse, die endlich versteht, dass wir uns auf dem Weg zu einer Sende-Demokratie befinden, in die der Einzelne kaum involviert ist. The Pirate Bay wurde abgeschaltet. Das stellte die Menschen vor die Herausforderung, dass sie ihre Lieblingsfernsehserien morgen woanders herunterladen müssen. Sie haben darüber ein wenig nachgedacht und festgestellt, dass dies erst der Beginn einer rasanten Talfahrt ist. Jetzt verstehen sie, dass der Zugriff auf alternative Inhalte nun schwieriger sein wird, sofern überhaupt noch möglich. Und dass die Langoliers, die allesfressenden Horrorwesen von Stephen King, uns schneller einholen, als wir bisher angenommen haben. Dass es keine gute Idee ist, wenn wir das Internet zentralisieren und nur noch eine Handvoll zentralisierter Dienste haben, die meist wenigen Konzernen in einem einzigen Land gehören. Einem Land, das sich nicht um Grenzen schert, wenn es seine persönlichen Fehden verfolgt. Eine Bewegung formt sich dagegen. Eine Bewegung gegen all das. Und morgen, wenn ihr aufwacht, wird sie ihren Höhepunkt mit einer ganzen Menge Leute erreichen, vielleicht sogar einer ganzen Million, die alle die Gruppen „Stop destroying the internet“ oder „Give us our pirate bay back“ auf Facebook entdecken. Und sie werden auf „Like“ klicken und stolz darauf sein. Endlich haben sie es getan. Sie haben verhindert, dass das Internet zerstört wird.
Nein ehrlich, ich habe wirklich das Gefühl, dass wir einen Höhepunkt erreichen. Es ist ein Gefühl, dass fast 100 Prozent der Internet-Community denkt: „Nicht mein Problem, jemand anders wird es schon richten.“ Dabei war es nicht allein das aktuelle Geschehen um The Pirate Bay, das mich zu dieser Einsicht gebracht hat. Es hat sich schon eine ganze Weile angedeutet. Nur wenige Aktivisten sind übrig und tun tatsächlich etwas. Wir sind massiv unterfinanziert, wir werden älter und wir werden faul. Wir versuchen effektiv zu arbeiten, während wir immer noch ein Familienleben führen, mit unseren Partnern klarkommen und über Karrieren nachdenken. Viele der besten Aktivisten arbeiten Vollzeit an Projekten in Organisationen wie der EFF, die eine Bezahlung anbieten können. Die Community finanziert diese Organisationen und daher denkt sie, diese großartigen Leute werden die Probleme schon beheben.
Wir haben ACTA gestoppt. Wir haben SOPA und PIPA gestoppt. Jetzt arbeiten wir daran, TTIP zu stoppen. Wir haben Leute im Parlament. Weil wir heute so arbeiten. Das Internet ist Mainstream geworden. Wir können nicht einfach wie wildgewordene Aktivisten rumrennen und machen, was immer wir wollen. Wir müssen auf geordnete Weise vorgehen. Wir müssen anderen zuhören, es gibt keinen Wilden Westen mehr. Also stellen wir uns in die Schlange. Wir diskutieren. In der Zwischenzeit werden unsere Gegner immer größer und stärker. Sie haben auch ihre alten Politiker bezahlt, so war der Weg zur Landebahn für sie schon bereitet, um abzuheben und loszufliegen. Für sie ist es ein Heimspiel. Und auch wir wollen Essen auf unserem Tisch und wir haben mehr getan als alle anderen.
Gleichzeitig hat es verschiedene ACTA/SOPA/PIPA/TTIP-Abkommen gegeben, über die wir nie informiert worden sind. Wir stoppen eins und drei werden unbemerkt beschlossen. Wir kämpfen immer noch gegen die Vorratsdatenspeicherung, obwohl wir vor dem Europäischen Gerichtshof gewonnen haben. Es ist eine unendliche Geschichte.
Wir haben unsere eigenen Stars. Wir hatten Wikileaks. Wir hatten Snowden. Wir hatten Manning. Wir hatten Aaron Swartz. Manche sind tot, manche sind für immer hinter Gittern. Andere verstecken sich – in Angst um ihr Leben. Die Hauptursache dafür liegt in dem, was sie enthüllen und wofür sie kämpfen: Informationsfreiheit, Freiheit, Demokratie, Transparenz der Regierung und Rechtsstaatlichkeit. Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen, die die Grundlage für eine moderne, sichere Gesellschaft sind. Wir reden viel darüber. Wir sind aufgebracht. Wir weinen. Wir brüllen. Manchmal protestieren wir. Wir haben unsere T‑Shirts. Wir haben unsere Symbole. Wir haben unsere Masken, unsere Konferenzen. Unsere Debatten. Wir bekommen etwas Aufmerksamkeit. Im Allgemeinen mögen uns die Leute. Unsere Gegner sind fette, alte, geldgeile Säcke. Sie sind meistens reiche Männer in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie sind korrupt. Sie zu hassen, ist einfach. Alles ist so wie in einem guten alten Hollywood-Film. Die Art von Film, die diese Männer machen, um das Geld zu verdienen, mit dem sie uns bekämpfen.
Aber aus diesen Filmen haben wir gelernt, dass die Guten am Ende gewinnen. Und wir wissen, wer die Guten sind. Wir kennen unsere Rechte. Wir werden vom Gesetz geschützt. Wir wissen aber auch, dass Gesetze uns nicht wirklich schützen können, wenn die bösen Jungs hinter uns her sind. Aber wir haben nichts falsch gemacht, also machen wir uns keine Sorgen.
Journalisten nehmen täglich mit mir Kontakt auf. Die meisten sind intelligente, gut ausgebildete und hoch qualifizierte Profis. Sie sind geschützt, weil sie zur Presse gehören. Sie können ihre Quellen auf gesetzlicher Grundlage schützen, zumindest in den meisten Ländern. Sie alle haben Dokumente von Manning gelesen. Sie haben die geleakten Dokumente von Snowden gelesen. Sie wissen um die NSA-Überwachung. In ihrem Hinterkopf sind auch sie die Guten. Und dieses PGP-Ding macht so einen Aufwand. Und Gmail ist so einfach zu benutzen und es funktioniert überall. Und sie hatten damit noch nie Probleme. Und sie wollen nicht so enden wie Glenn Greenwald – völlig paranoid.
Ich werde nicht mehr auf Partys eingeladen. Nicht, dass ich langweilig wäre – im Gegenteil –, gewöhnlich bin ich ein unterhaltsamer Partygast mit verrückten Geschichten. Ich bin der verrückte Clown, der euch unglaubliche Geschichten aus seinem echten Leben erzählt. Ich habe die Präsidentin von Brasilien getroffen, ich saß mit Mördern und Drogenschmugglern im Gefängnis. Aber es ist einfach so ein Aufwand, dass ich nicht auf Facebook bin und wenn jemand eine Party veranstaltet, nimmt er an, dass mich schon jemand einladen wird. Und die anderen denken das auch. Sie halten mich für paranoid, weil ich nicht auf Facebook bin.
Ich bin ständig sauer auf meine Mitstreiter. Sind sind so schwer erreichbar. Die meisten haben keine Mobiltelefone. Wir müssen eine Uhrzeit und Adressen ausmachen, um uns über verschlüsselte Chats zu treffen, weil sie nicht aufgespürt werden wollen. Ich weiß nicht, wenn sie sich verspäten. Ein paar Mal habe ich sechs, sieben Stunden warten müssen, weil es Probleme mit Zügen/Schiffen/Autos gab. Wer glauben sie eigentlich, wer sie sind, dass sie versuchen, so anonym zu bleiben? Ich möchte nicht so wie sie enden, sie sind so verdammt paranoid. Ich nehme nicht an, dass mein Telefon abhört wird, ich bin nicht interessant. Nur weil ich eine Menge Leute kenne, die für manche Regierungen interessant sein könnten, heißt das nicht, dass diese auch eine Befugnis kriegen, mich abzuhören.
Gestern habe ich jede Menge Kommentare unter den unzähligen Threads gelesen, die sich darauf bezogen, dass ich gesagt habe, ich wünschte, The Pirate Bay würde endgültig geschlossen werden, sodass etwas neues aufsteigen könnte. Etwas Neues und Frisches. So viele dieser Kommentare sind wahnsinnig einfühlsam. Darüber wie faul ich bin, dass ich nichts anderes tue als mich darüber aufzuregen, wie schlecht The Pirate Bay geworden ist. Dass ich eine neue Website eröffnen sollte, anstatt zuzulassen, dass The Pirate Bay den Bach runter geht. Dass sie das Päckchen zurück haben wollen, das sie mir geschickt haben, während ich für meinen Aktivismus im Knast war, weil ich dabei versage, TPB wieder aufzurichten. Ich nehme an, diese eloquenten Typen (ja, es sind alles Typen) sind andere Aktivisten, die ihren Teil für eine offene und freie Gemeinschaft leisten. Wenn dem so ist, dann muss ich falsch damit gelegen haben, dass wir nur wenige sind – Es gibt scheinbar zehntausende Leute, die wirklich wichtige Arbeit leisten, die ich anerkennen sollte.
Meine lebensverändernden Einsichten mögen nichts anderes gewesen sein als Tiraden über die verzogenen, faulen und naiven Teile unserer Internetcommunity. Und vielleicht gebrauche ich diese Begriffe auch nur, um diesen Leute noch ein bisschen mehr auf den Sack zu gehen. Aber hey. Ich war im Gefängnis für meine Überzeugung und eure Fernsehserien. Was habt ihr gemacht? Ihr wollt eure Ausgabe von Orwells 1984 zurück? Ich nehme eine der 25 Ausgaben, die mir im Knast zugeschickt wurden und schicke sie euch zurück. Vielleicht lest ihr sie ja selbst, anstatt sie jemand anderem zu schicken, damit der sich um alles kümmert.
