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#OERde14 – Wikimedia Konferenz zur Zukunft freier Bildungsmaterialien

350px-OERde14_grau_breitOpen Educational Ressources (OER) – zu deutsch freie Bildungsmaterialien – waren der Gegenstand der Wikimedia Fachkonferenz in Berlin vergangenes Wochenende. Die Veranstaltung bestand aus einem kuratierten Teil und einen Barcamp, und brachte die relevanten Akteure aus Schulen, Hochschulen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. OER haben das Potenzial Bildung zu revolutionieren. Die Kernidee: Lehr- und Lernmaterialien sind offen zugänglich und können von allen weiterverarbeitet und weitergegeben werden (hier ein kurzer Beitrag dazu in der Tagesschau). Wikimedia Deutschland schreibt über die Relevanz von OER:


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Eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft versteht, ist gut beraten, wenn sie die Prozesse der Wissenserstellung und des Wissenstransfers konsequent öffnet und dabei möglichst viele Menschen involviert. Die Einführung freier Bildungsmaterialien ermöglicht einen Innovationssprung im Bereich Bildungsmaterialien und setzt wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis.

Frei lizenzierte Bildungsmaterialien setzen die Schulbuchverlage, deren Vertreter*innen auch auf der Konferenz vor Ort waren, ziemlich unter Druck. OER müssen aber keinesfalls „das Ende aller Geschäftsmodelle“ bedeuten, wie Till Kreutzer in einem ausführlichen Artikel über „Drei Mythen über Open Educational Ressources“ auf i.rights.info erklärt. Das Erstellen, Aktualisieren und Verbessern von Bildungsmaterialien kostet nach wie vor Geld, daher können OER die Finanzierungsfrage nicht ignorieren. „Offen“ müsse nicht zwangsläufig „kostenlos“ bedeuten.

Ein Beispiel für ein enorm erfolgreiches Finanzierungsmodell ist die Wikipedia, deren erheblicher Kostenaufwand für Technik, Administration und Organisation ausschließlich durch Spenden finanziert wird. Es zeigt, dass die notwendigen Kosten aufgebracht werden können, hochwertige Inhalte aber auch gänzlich ohne Autorenhonorare oder Lizenzkosten entstehen können. Warum investieren derart viele Menschen freiwillig und ohne jede Vergütung so viel Zeit, um Beiträge für die Wikipedia zu schreiben, zu pflegen oder zu verbessern? Für dieses Engagement gibt es viele mögliche und nachgewiesene Motive, die von persönlichem Reputationsgewinn über den Wunsch, etwas Gutes zu tun bis zum Streben nach Anerkennung innerhalb einer Community gehen.

Kernfragen Finanzierung und Qualitätssicherung

Global_Open_Educational_Resources_Logo.svgDie etablierten Bildungsmedienverlage sehen vor allem die Qualität von Bildungsmaterialien bedroht. Doch qualitative Mängel kann es sowohl in offenen wie in proprietären Materialien geben. Mit dem OER-Prinzip hat das nichts zu tun. Auch hier zieht Kreutzer den Vergleich zu Wikipedia, der lange ebenfalls niedrige Qualitätsstandards nachgesagt wurden.

An der Wikipedia zeigt sich, dass auch Communities sehr effizient Qualitätssicherung betreiben können, wenn sie gut organisiert sind. Untersuchungen haben schon 2005 ergeben, dass sich die – zu diesem Zeitpunkt noch relativ junge – Wikipedia mit Referenz-Publikationen wie der Encyclopedia Britannica in punkto Korrektheit und Editionsqualität durchaus messen konnte . Im Vergleich zum digitalen Brockhaus hatte die Online-Enzyklopädie sogar die Nase vorn. Seitdem wurden die Prozessen und Strukturen in der Wikipedia noch weiterentwickelt und es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass sie traditionellen Publikationen dieser Art heute weit überlegen ist. Besonders bei der Aktualität der Beiträge spielen Communitys mit einer großen Anzahl an Beteiligten ihre Stärken aus.

Bildung hat kein wirtschaftliches, sondern ein gesellschaftliches Ziel. Wer die Frage der Qualitätskontrolle in den Mittelpunkt rückt, vernachlässigt dabei die großen Potenziale der OER. Die Entwicklung offener Bildungsmaterialien steht allerdings nicht zuletzt auch in Deutschland noch am Anfang. In Berlin werden seit kurzem OER für Mathe und Naturwissenschaften angeboten. In anderen Bundesländern dürfen Lehrende nicht selbst entscheiden, welche Unterlagen sie im Unterricht verwenden. Ob der Staat sich künftig an der Herstellung und Finanzierung von OER beteiligen wird, dürfte deren Entwicklung maßgeblich beeinflussen.

Bildungstrend MOOCs

Ein großes Thema auf der Konferenz war auch das Zusammenspiel mit den sogenannten MOOCs (Massiv Open Online Courses). Das sind in den meisten Fällen Online-Unikurse, die übers Internet Menschen auf der ganzen Welt offen stehen. Bekannte Anbieter sind z.B. Coursera, Udacity und edX, es entstehen aber auch hier immer mehr Open Source Plattformen. Über die Wikimedia-Plattform Wikiversity können beispielweise MOOCs erstellt werden.

Wer sich für weitere Themen rund um OER interessiert: die Programmübersicht der Konferenz enthält zu allen Veranstaltungen bereits recht umfangreiche Informationen und Pads, in denen die Workshops dokumentiert sind.

Darüber hinaus hat die Bundeszentrale für politische Bildung die Veranstaltung gefördert und begleitet. Die BPB biete außerdem einkostenloses E-Book „OER für alle!“ unter der Creative Commons Lizenz BY-SA an, Co-Autor ist unser Mit-Blogger Leonhard Dobusch.

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Ein Kommentar
  1. Warum investieren derart viele Menschen freiwillig und ohne jede Vergütung so viel Zeit, um Beiträge für die Wikipedia zu schreiben, zu pflegen oder zu verbessern? Für dieses Engagement gibt es viele mögliche und nachgewiesene Motive, die von persönlichem Reputationsgewinn über den Wunsch, etwas Gutes zu tun bis zum Streben nach Anerkennung innerhalb einer Community gehen.

    Ich fänds gut wenn hier etwas mehr relativiert werden würde. Gerade beim Thema „Reputationsgewinn“ und „Anerkennung innerhalb einer Community“ kann die sogenannte „Freiwilligkeit“ durchaus auch was zwanghaftes und/oder nichtfreiwilliges haben (z.B. die Unerträglichkeit von Murks , berufliche Notwendigkeiten oder Gruppendruck etc.). Es gibt durchaus Leute, die in solchen Freiwilligkeitsprojekten zugrunde gehen können. Gibt es hierzu keine juri stischen Erkenntnisse?

    Untersuchungen haben schon 2005 ergeben, dass sich die – zu diesem Zeitpunkt noch relativ junge – Wikipedia mit Referenz-Publikationen wie der Encyclopedia Britannica in punkto Korrektheit und Editionsqualität durchaus messen konnte .

    Das Ergebnis kann ich – zumindest im technisch, naturwissenschaftlichen Bereich – nicht unbedingt teilen bzw. könnte veraltet sein. Ich halte es für problematisch zu behaupten, dass die Sachen in der Wikipedia den Korrektheitsgrad einer Enzyklopädie haben. Dh. Wikipedia ist oft umfangreicher und aktueller, als eine Enzyklopädie, aber man sollte die Dinge im Zweifelsfalle nachprüfen. Das sollte man bei einer Enzyklopädie auch, aber hoffentlich weniger (weiss allerdings nicht wie die heutigen Enzyklopädien sind, benutze hauptsächlich Wikipedia, zumindest galten Enzyklopädien lange als gültige wissenschaftliche Referenz, Wikipedia dagegen nicht).

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