Überwachung

„Elektronischer Kampf“ auf Abwegen: Brachte ein NATO-Manöver 57 zivile Flugzeuge in Gefahr?

Das Wappen des zivil-militärischen "Nationalen Lage- und Führungszentrums für Sicherheit im Luftraum" im Niederrheinischen. Dort wusste man zuerst von den möglicherweise ursächlichen NATO-Manövern.
Das Wappen des zivil-militärischen "Nationalen Lage- und Führungszentrums für Sicherheit im Luftraum" im Niederrheinischen. Dort wusste man zuerst von den möglicherweise ursächlichen NATO-Manövern.

Angriffe auf digitale Infrastrukturen werden gemeinhin Hackern oder „Cyber-Terroristen“ zugeschrieben. Dass aber vor allem Militärs in der Lage sind lebenswichtige Systeme in Gefahr zu bringen, belegt eine Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Kleine Anfrage. Hintergrund waren zweitägige Störungen der Flugsicherung im gesamten östlichen Alpenraum. „Bisherige Erkenntnisse“ würden darauf hin deuten, dass Radaranlagen im Juni diesen Jahres durch eine „externe Störquelle“ beeinträchtigt wurden. Die war möglicherweise militärischen Ursprungs.

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In Deutschland wurde darüber kaum berichtet, wohl aber in Österreich. Die Vorfälle ereigneten sich demnach am 5. und am 10. Juni. Über mehrere Stunden kam es dabei zu Störungen der sogenannten „Sekundärradarerfassung“. Gemeint sind die Signale, die von Transpondern der Flugzeuge ausgehen und die am Boden aufgefangen werden. Sie verraten nicht nur Daten über das Flugzeug, sondern auch die Route oder die Flughöhe. Am Boden werden die Informationen benötigt, um den Luftverkehr zu ordnen und möglichst viele Flugzeuge gleichzeitig in einem Sektor fliegen zu lassen.

Verspätungen von 41 Stunden

Außer der „Sekundärradarerfassung“ (also der Verarbeitung der Transpondersignale) gibt es am Boden eine „Primärradarerfassung“. Nur weil diese weiterhin funktionierte, blieben die Flugzeuge auf dem Schirm der Fluglotsen – allerdings mit deutlich weniger Informationen. Da es also zu sogenannten „Spurlücken“ der Flieger kam, musste der Luftverkehr vor allem in oberen Höhenbereichen ausgedünnt werden. Betroffen waren laut dem Verteidigungsministerium „alle Kurse und Geschwindigkeiten“. Wegen der Verkehrsflussregelungsmaßnahmen waren Durchflüge auf bis zu 50% reduziert. Dadurch kam es auch zu Verspätungen, die sich insgesamt auf 41 Stunden beliefen. Insgesamt waren 57 Flieger betroffen.

Die Bundesregierung bestätigt nun „Informationsdefizite in der Luftlagedarstellung“. Registriert wurden die Störungen von Radaranlagen im Erzgebirge und bei München. Probleme seien vornehmlich in Österreich, Süddeutschland, Polen und Tschechien aufgetreten.

Die deutschen betroffenen Lufträume werden von Kontrollzentralen der Deutschen Flugsicherung (DFS) in München und Karlsruhe betreut. Gegenüber der Öffentlichkeit wird die Angelegenheit heruntergespielt: Ein Petent bei „Frag den Staat“ wird von der DFS mit einer Antwort abgespeist, es habe lediglich „einzelne punktuelle Ausfälle bei der Radardarstellung im süddeutschen Luftraum“ gegeben. Diese seien „in einer Zeitspanne von jeweils 20 Minuten“ aufgetreten. Es sei „zu keiner Störung oder Beeinträchtigung des Luftverkehrs“ gekommen.

Alarm auch im zivil-militärischen Lagezentrum

In der Antwort der Bundesregierung klingt das um einiges dramatischer. Demnach dauerten die Störungen am 5. Juni rund zwei Stunden, am 10. Juni mehr als eine Stunde. Die DFS habe daraufhin das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung und das Verkehrsministerium informiert. Gleichzeitig war das Kontrollzentrum der DFS in Karlsruhe von seinen Partnern in Warschau, Prag und Wien mit Warnmeldungen kontaktiert worden. Auch dies wurde an die Bundesbehörden weitergeleitet.

Das "Lagezentrum" in Uedem ist Selbstauskunft "einer der modernsten Gefechtsstände in Deutschland".
Das „Lagezentrum“ in Uedem ist nach Selbstauskunft „einer der modernsten Gefechtsstände in Deutschland“.

Die militärische Luftfahrt war von den Störungen nicht betroffen. Dennoch wurde über das „Nationale Lageführungszentrum“ im niederrheinischen Uedem auch die Bundeswehr unterrichtet. Dort wachen Soldaten zusammen mit der Bundespolizei und der Flugsicherung vor „terroristischen Bedrohungen“ des Luftraums, um etwaige Angriffe durch zivile Flugzeuge mithilfe von Abfangjägern abzuwehren. Die Behörden sind in einer NATO-Kaserne untergebracht, auch der Bundesnachrichtendienst und das Bundeskriminalamt sind einbezogen.

In Uedem zählte man eins und eins zusammen: Dem Lageführungszentrum fiel ein, dass ein in Ungarn stattfindendes NATO-Manöver ursächlich für die großflächige Störung sein könnte. Denn dort wurde der sogenannte „elektronische Kampf“ (EloKa) geübt. Dies wurde gegenüber Medien aus Österreich bestätigt. ORF wusste sogar, dass in Ungarn das Stören von Flug-Funk-Signalen trainiert wurde, also das Stören von Transpondern. Der „Kurier“ mutmaßte, ein Offizier habe womöglich „irrtümlich den ‚roten Knopf‘ gedrückt“.

Auch in Italien wurde „EloKa“ geübt

Gemeint ist die NATO-Übung „NEWFIP 2014“, die im ersten Halbjahr 2014 stattfand und sich auf sechs mehrtägige Manöver in verschiedenen europäischen Regionen verteilte. Alle einzelnen Übungen seien laut dem Verteidigungsministerium „gleichartig“ gewesen. In Ungarn hätten beispielsweise mehrere Regimenter den digitalen Kampfeinsatz geprobt, darunter die Luftabwehr und ein Radarregiment, aber auch ein „Luftführungs- und Leitzentrum“.

Für den zweiten Vorfall am 10. Juni war von den deutschen Behörden bislang jeder Zusammenhang mit militärischen Übungen verneint worden: Das Manöver in Ungarn sei bereits beendet gewesen. Eine andere NATO-Übung in Süditalien sei technisch nicht in der Lage, Radaranlagen bis Deutschland zu stören.

Das muss nun revidiert werden: „Nach Kenntnis der Bundesregierung“ habe es sich in Italien „um einen weiteren Anteil der NATO- Übung ‚NEWFIP 2014′“ gehandelt. Diese sei vom 9. bis 20. Juni abgehalten worden – also genau in jenem Zeitraum der berichteten Störungen der zivilen Transpondersignale. Ungarische Militärs seien nicht beteiligt gewesen, wohl aber „Elemente der Luftstreitkräfte Italiens und Sloweniens“.

Untersuchung der Vorfälle in Ramstein

Die Vorfälle in Deutschland, Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei werden nun durch die zuständigen nationalen Behörden untersucht. Auch die europäische Flugsicherung und die EU-Luftfahrtagentur EASA mit Sitz in Köln sind mit Untersuchungen befasst.

Nach Auskunft der Bundesregierung habe auch die NATO entsprechende Prüfungen begonnen. Angesichts der Enthüllungen über digitale Heimlichkeiten von Militär und Diensten ist da nicht viel zu erwarten: Zuständig für die Aufklärung ist das NATO-Hauptquartier in Ramstein.

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3 Kommentare
  1. ich werde nicht müde, meinen kommentar abzugeben wenn staatliche oder stellen unserer sog. „regierung“ mit involviert sind.

    „es passiert wie immer…….NICHTS!“

    1. Was soll denn passieren?
      Es gab ne Übung wo irgendwer gepennt hat bei der Kommunikation und ein paar Fachkräfte die ohne Computer ihren Job nicht können …

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