Kultur

Ägyptische Blogger im Gefängnis – eine emotionale Erzählung über Schmerz, Liebe und Hoffnung

10462452_10152495748904454_337952488836609764_n-600x600_sanaaDieser Beitrag wurde ursprünglich auf Arabisch von Mona Seif geschrieben. Ihr Bruder Alaa Abd El Fattah sitzt momentan eine 15-jährige Haftstrafe wegen Teilnahme an einer Demonstration ab. Ihre Schwester Sanaa Seif ist auch im Gefängnis, ihr steht ein Gerichtsverfahren bevor, weil sie an einer Demonstration gegen ein umstrittenes ägyptisches Gesetz teilgenommen hat, das Demonstrationen verbietet. Wir haben die englische Version ihres Blogposts von Amira Al Hussaini, der vom Schmerz, der Liebe und der Hoffnung ihrer Familie erzählt, hier auf Deutsch übersetzt.

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Als Kind war der Tod die größte Angst, die ich hatte.

Ich hatte viele Alpträume. Die Vorstellung meines Todes jagte mich, und ich weinte mir die Augen aus, während ich allein im Bett lag. Meine Mutter sagte mir, dass es meiner Tante genauso gegangen war, als sie noch ein Kind war. Meine Mutter hat diese Angst von mir und meiner Tante nie verstanden, aber sie war immer diejenige, die uns half damit umzugehen. Als ich mit meiner Tante darüber sprach, erzählte sie mir, dass sich ihre Angst vor dem Tod durch die Geburt ihrer Kinder verändert hat. Ich habe ihre Worte nicht verstanden, bis ich meine Gefühle für Sanaa begriff. Sie ist meine jüngste Schwester, größer als ich und die wunderbarste Person in meinem Leben.

Als meine Mutter mit Sanaa schwanger war, fragte sie mich, ob ich lieber eine Schwester oder einen Bruder möchte. Es war eine schwierige Entscheidung für eine Achtjährige, vor allem, weil ich zwischen der Vorstellung, eine Schwester zu haben und damit ein Stockbett zu bekommen, in dem ich oben schlafen könnte, und der Vorstellung einen jüngeren Bruder zu haben, der wiederum meinen älteren Bruder würde ärgern können, hin und her gerissen war. Nach einer langen Zeit der Verwirrung, beschloss ich, dass ich Sanaa wollte und nicht Yousif, oder viel mehr, dass ich lieber ein Stockbett wollte und dafür einen anderen Wegen suchen würde um Alaa zu ärgern.

Ich erinnere mich an den Tag, als sie geboren wurde.

Unsere Verwandte Azza weckte Alaa und mich auf, um uns für die Schule fertig zu machen. Wir wussten, dass unsere Mutter um Mitternacht für die Geburt ins Krankenhaus gefahren war. Wir gingen wie in Trance zur Schule, sprangen durch den Schulhof, und Alaa rief allen zu: „Meine Schwester ist da“.

Nach der Schule nahmen wir den Bus und rannten von der Bushaltestelle bis nach Hause um die Wette. Wir betraten das Zimmer meiner Mutter, die ruhig lächelnd ein kleines Geschöpf im Arm hielt. Wir beugten uns über sie, um Sanaa genauer betrachten zu können. Sie antwortete mit einem schwachen: „Aaaaaa“. Alaa lachte und sagte „Armes Ding! Sie kann nicht mal schreien“, was Sanaa dazu veranlasste in einer Art und Weise zu kreischen, die uns kurz einen Schritt zurücktreten ließ, bevor wir vor Lachen zusammenbrachen.

So ist Sanaa. Sie vermittelt dir den Eindruck, dass sie zu schwach ist und sich nicht durchsetzen kann. Und plötzlich überrascht sie dich mit etwas, darunter auch Dinge, die du selbst nie tun könntest. Ich erinnere mich an den Tag, als wir nach dem Kabinettsvorfall zum Untersuchungsrichter fuhren, um nach unserer Verhaftung und Belästigung dort unsere Aussagen zu machen. Für alle, die uns kannten, war klar, dass ich diejenige sein würde, die sich an Aussagen, Informationen und Details erinnert, und die sich auf alles konzentrieren würde, während Sanaa diejenige war, die in ihrer eigenen Fantasiewelt lebte, und Namen und Details vergessen würde. An diesem Tag hat sie mich wieder überrascht. Ich begann zu erzählen, was passiert war – Gefühle, Namen und Beschreibungen der Menschen, die vor Ort waren. Mir wurde dann erklärt, dass das alles irrelevant sei und dass ich Beschreibungen präsentieren soll, die helfen würden, die Leute zu finden, die uns belästigt hatten. Ich verwende immer automatisch einen der Überlebenstricks, die das tägliche Leben mit Belästigungen auf der Straßen mit sich bringt: ich versuche die Gesichter und Merkmale all dieser Menschen, vor denen ich Angst habe und die mich bedrohen, zu verwischen.

Sanaa hingegen, meine Schwester, die alle Brücken in Kairo als Tharwat Brücke bezeichnet (weil es der einzige Brückenname ist, den sie kennt), setzte sich vor den Richter und gab ihm eine detaillierte Beschreibung all jener, die uns angegriffen hatten und aller Personen die gemeinsam mit uns verhaftet worden waren. Sie konnte ihre Größe, ihrer Hautfarbe und die Anzahl der Sterne und Abzeichen auf ihren Schultern beschreiben. Und sie identifizierte drei der Offiziere, die uns angegriffen hatten, auf Basis von Zeitungsberichten.

Ich erinnere mich, wie ich dann mit ihr scherzte: „Wer bist du? Gib mir meine Schwester Sanaa zurück!“ Ich erinnere mich auch, dass mir an diesem Tag klar wurde, wie wichtig Sanaa in lebensverändernden Momenten war, dass sie anders war, und dass ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen, die aller anderen Menschen, die ich kannte, übertraf.

Seit ein paar Tagen habe ich nun diesen Schmerz in mir unterdrückt, den ich nicht bewältigen kann. Dieser Schmerz hängt damit zusammen, dass alle Versuche, die eine ältere Schwester unternehmen kann, um ihre jüngere Schwester zu beschützen, gescheitert sind. Es ist ein Schmerz über diese drei Minuten, die ich sie an der Polizeistation sah, als wir von einer Tür und Stacheldraht getrennt waren, und ich sie nicht umarmen konnte. Und darüber, dass wir unsere ganze Unterhaltung gehetzt und mit lauter Stimme führen mussten, als Versuch, sie und die anderen Häftlinge zu beruhigen. Sie sah das Ganze wahrscheinlich als eine Menge Gerede, voller Angst, und voller Forderungen und Anweisungen von mir.

Im Moment ist das Leben so hart zu uns, dass man es nicht einmal schafft, den Schmerz zu begreifen, die Trauer auszudrücken oder über die Liebe zu seinen inhaftierten Geschwistern zu sprechen. Als ich heute Sanaa besuchte, brauchte es nur einen kleinen Brief und ein paar Worte von ihr, um mich von all dem Schmerz zu befreien. Wieder hat sie mich überrascht, denn trotz der Entfernung und der Gefängnismauern zwischen uns, war nur sie in der Lage, meinen Schmerz zu verstehen.

Im Dezember letzten Jahres schrieb ich, nach einem Besuch bei Alaa im Gefängnis:

„Eure Gefängnisse schrecken uns nicht ab.
Wenn uns eure Ungerechtigkeit verletzt, wird der Tag kommen, an dem wir uns an all die schönen Dinge von denen wir träumen, erinnern, die uns darauf beharren lassen, unsere Alpträume zu besiegen.
Und wir werden uns an das Lachen all jener erinnern, von denen wir getrennt wurden.
Wir haben eine Geheimwaffe. Wir haben Sanaa.
Wahrlich, mit all euren Panzern und Gefängnissen, und gepanzerten Fahrzeugen und Leichenhallen … wir sind stärker als ihr.“

Es ist zwar richtig, dass sie Gefängnisse, gepanzerte Fahrzeuge, Patronen, Gerichte und Polizeistationen haben. Und, dass sie in der Lage sind, uns voneinander zu trennen, wie mit Alaa im Tora-Gefängnis und Sanaa im Qanater-Gefängnis, wodurch wir Besuchsgenehmigung für Alaas Gefängnis am Zenhum-Gericht und für Sanaas Gefängnis am Al Abbasiya-Gericht beantragen müssen. Aber wir haben noch eine Geheimwaffe: Sanaa und die überquellende Fähigkeit zu lieben, die alle Gefängniswände überragt.

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