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Volkszählung: Ergebnisse des Zensus 2011 als Rohdaten veröffentlicht – und schon visualisiert

zensus-logoIn Deutschland leben 1,5 Millionen Einwohner weniger als bislang angenommen. Das wird als zentrale Erkenntnis der aktuellen Volkszählung präsentiert, deren Ergebnisse heute veröffentlicht wurden. Open Data-Aktivisten haben in Rekordzeit eine Visualisierung der Daten erstellt. Kritik von Datenschützern gibt es nur wenig – im Gegensatz zu früher.

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Vor zwei Jahren fand, auf Vorgaben der Europäischen Union, die neue Volkszählung statt. In Deutschland unter dem Label Zensus 2011 bekannt, wurden Gebäude- und Wohnungszählungen sowie Haushaltebefragungen durchgeführt. Führte die geplante Volkszählung in den 1980er Jahren noch zu massiven Protesten, Boykott, dem Randale-Ritual am Ersten Mai in Berlin und dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, mahnte diesmal nur eine kleine Gruppe von Datenschützern Kritik an. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz fordert, dass die Volkszählung „datenschutzgerecht“ ausgestaltet wird.

Heute hat das Statistische Bundesamt die Ergebnisse des Zensus vorgestellt. Die wichtigsten Daten werden gerade von allen Medien zitiert und aufbereitet. Spannender für netzpolitik.org sind Daten „in der jeweils kleinstmöglichen Gliederung als Datei zum Download„, die erstmalig veröffentlicht werden. Vier Daten-Typen gibt es als CSV:

Die Open-Data-Spezialexterten von OpenDataCity haben daraus in Rekordzeit interaktive Karten erstellt. Auf zensuskarte.de finden sich Visualisierungen der Daten zum Rumklicken und Einbetten:

Wir haben den Macher/innen ein paar Fragen gestellt:

netzpolitik.org: Welche Daten wollten die von sich aus in welchen Formaten veröffentlichen? Welche gibt es jetzt wirklich und wie viel Überzeugungsarbeit steckt dahinter?

OpenDataCity: Wir hatten, wie andere Kollegen auch, ein paarmal vorher mit dem Statistischen Bundesamt telefoniert. Unsere Ansprechpartner dort waren sehr hilfsbereit. Erst hieß es, die Veröffentlichung der Daten in einer gesamten Datei (als CSV/XLS) im Sinne von Open Data sei nicht möglich. Nicht zuletzt wegen Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern. Erfreulicherweise kam dann aber die Nachricht, dass heute dann die gesamten Daten auch komplett zum Download veröffentlicht werden – und nicht nur über deren etwas umständliche Webtool.

netzpolitik.org: Wie gut ist der Datensatz, inhaltlich und strukturell?

OpenDataCity: Wenige Stunden nach Veröffentlichung ist das schwer zu bewerten. Wir können davon ausgehen, dass das handwerklich von den Statistischen Ämtern korrekt gemacht wurde. Die Veröffentlichung als CSV/XLS-Dateien inklusive Erläuterungen ist hilfreich. Die politische Dimension einer Volkszählung ist eine andere Debatte. Entgegen 1987 gab es ja diesmal so gut wie keine kritische und wiederständische Begleitung. Und über Begrifflichkeiten wie „Migrationshintergrund“ könnte man unendlich lang streiten.

netzpolitik.org: Warum könnt ihr in wenigen Stunden so coolen Scheiß machen, den die in Jahren nicht hinbekommen?

OpenDataCity: Naja, die setzen auf andere Prioritäten. Und wir sind mittlerweile darauf eingespielt, interaktive Anwendungen zu bauen. Jetzt gerade sitzen wir zu siebt daran: Jemand für den Kartenserver, ein anderer für den Server, zwei Leute am Frontend und drei Datenredakteure/-programmierer.

OpenDataCity: Was ist die interessanteste Erkenntnis, die ihr bisher rausziehen konntet?

OpenDataCity: Unsere Idee war, ein Tool anzubieten, dass jeder verwenden kann und einbetten darf. Deswegen war super, dass die Bundeszentrale für politische Bildung das sponsert. Die setzt eh auf die freie Creative Commons Lizenz Namensnennung. Die Analyse kann jeder selber vornehmen; wir kümmern uns erst einmal um die Veröffentlichung und dann um die Auswertung.

Michael Ebeling, Aktivist im Arbeitskreis Zensus, kommentierte gegenüber netzpolitik.org:

Ich hätte mir gewünscht, dass bei diesem für die Statistikbegeisterten so großen Tag nicht vergessen wird, unter welchen Umständen diese Ergebnisse zustandegekommen sind. Und die mit der Volkszählung 2011 verbundene heikle, die ganze Bevölkerung umfassende Sammlung von Daten von Menschen aus Flüchtlingsheimen, Frauenhäusern, Behindertenwohnheimen und von allen mit einer Auskunftssperre versehenen Menschen bleiben leider unerwähnt. Diese Datenerfassung stellt die Frage: hat das abstrakte Gebilde eines Staates abseits aller gutgemeinten Datenschutzbedinungen das Recht, solche Informationen derart und unter Anwendung von Zwang zu erfassen und – angeblich und vermeintlich sicher – zu speichern? Mit Rückblick auf unsere Vergangenheit bin ich gegen dieses Milliarden-Euro-Projekt.

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2 Kommentare
  1. Ein ganz anderer Gedanke; ich habe mich im Bekanntenkreis umgehört und ähnlich wie bei mir haben noch mindestens zwei weitere Haushalte eine schriftliche Befragungsankündigung erhalten, bei der allerdings nie ein Mitarbeiter (am besagten Tag zu besagter Zeit) aufgetaucht ist.

    Seid ihr euch wirklich sicher, dass die Daten besonders aussagekräftig sind?

  2. Cooler Scheiß? Diese Art Karten hat man doch für diverse andere Daten auch schon gesehen. Was ist an dieser so cool? Schwimmt auf jeder Welle und bekommt dann immer tolle Werbung; haben sie wenigstens umfangreich gespendet?

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