Japan trackt Touristen für besseren Service

Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo News hat am 18. Oktober über Pläne der japanischen Tourismusbehörde Japan Tourism Authority berichtet, die Bewegungen von Touristen anhand der Ortsinformationen auf deren Smartphones nachverfolgen zu wollen. Starten soll ein Testlauf nächsten März in acht verschiedenen touristisch geprägten Gebieten, wie dem Mt. Fuji, der im Sommer von 3000 Touristen pro Tag besucht wird.

Die gesammelten Daten werden dann in fünfminütigen Intervallen an ein Unternehmen gesendet, dass sie analysiert und aufbereitet. Damit soll es Reiseagenturen und den Verwaltungsbezirken ermöglicht werden, Touristenströme besser verstehen und darauf mit besserem Service reagieren zu können als das bisher durch konventionelle Befragungen möglich war.

Datenschutzbedenken werden laut dem Bericht abgewiesen, persönliche Informationen wie Name, Adresse und Geschlecht würden ja entfernt. Nicht eindeutig aus der Meldung hervor geht, ob auch die Rufnummerninformationen explizit entfernt werden, denn wie in Deutschland werden SIM-Karten nur personalisiert vergeben, in der Regel benötigt man sogar einen Wohnsitznachweis.

Die Entwicklung der Technologie wird von colopl und KDDI geleitet. Colopl ist im Ausland weitgehend unbekannt, in Japan aber mittlerweile der größte Social Games Provider, mit 3,4 Mrd. Dollar Börsenwert in der letzten Woche weit vor anderen Marktteilnehmern. Hauptgeschäft sind Spiele, die auf Location-Based-Services aufbauen. Laut Eigenbeschreibung verfügen sie über große Ortsdatenmengen und wollen diese nun im Dienst der Gesellschaft Analysen zur Verfügung stellen.

KDDI ist ein japanischer Telekommunikationsanbieter, Muttergesellschaft des Mobilfunkanbieters au – dem zweitgrößten Mobilfunkanbieter Japans.

In einer Mitteilung von Colopl finden sich nähere Informationen zum technischen Ablauf:

  1. Nutzer von au-Smartphones stellen ihre Informationen bereit. Ihnen wird zugesichert, dass die Standortdaten, die an Dritte weitergegeben werden, keine persönlichen Informationen mehr enthalten.
  2. Der Betreiber KDDI (au) leitet die Informationen an colopl weiter. Das beinhaltet Positionsinformationen, Zeit und einen Identifikator für das Gerät. Für diesen wird ein Hash aus den Benutzerinformationen gebildet, damit Einzelpersonen nicht identifizierbar sind.
  3. colopl wertet die Daten statistisch aus und stellt sie den Gemeinden zur Verfügung.

Daraus sollen sich dann Aussagen wie die durchschnittliche Verweildauer der Touristen an einem Ort treffen lassen, wie in der folgenden Graphik dargestellt:

Quelle: colopl.co.jp
Quelle: colopl.co.jp

Ob KDDI ein Unternehmen ist, dem man mit seinen Versprechungen zum Schutz der persönlichen Daten vertrauen sollte, ist fraglich. 2010 fiel das Unternehmen bereits negativ auf, als es ein System bewarb, das mittels der Beschleunigungssensoren in Smartphones nicht nur den Standort von Arbeitnehmern, sondern auch die Art von deren Bewegungen analysieren konnte.

Laut KDDIs Entwicklungschef Hiroyuki Yokoyama vor allem praktisch zur Überwachung von Reinigungskräften:

Dadurch, dass diese Technologie zentrale Überwachung mehrerer Arbeiter an unterschiedlichen Orten möglich machen wird, sind Unternehmen vor allem daran interessiert, mit solcher Technologie die Effizienz ihrer Angestellten zu steigern. […] Wir sind nun an einem Punkt angekommen, an dem wir Managern die Chance geben können, das Verhalten ihrer Angestellten gründlicher zu analysieren.

Japans Datenschutzniveau wird allgemein als nicht besonders hoch angesehen, es gehört daher auch nicht zu den „sicheren Drittstaaten“, in die eine Datenübermittlung ohne weiteres möglich ist. Außerdem fehlt es an öffentlicher Debatte und Problembewusstsein. Überwachung wird als Fürsorge des Staates bzw. der Unternehmen propagiert, wie auch im Fall von KDDI:

Es geht nicht darum, die Rechte der Angestellten auf Privatsphäre zu beschneiden. Wir sehen unsere Entwicklung lieber als ein sorgendes, mütterliches System an, nicht als Big-Brother-Methode, um Bürger zu überwachen.

Unterdessen kann man sich überlegen, was man mit den Touristendaten aus dem geplanten System anfangen könnte.  Zum Beispiel die Standorte der berühmten japanischen Verkaufsautomaten strategisch optimieren…

CC BY 2.0 via Flickr/kalleboo
Getränkeautomat auf dem Gipfel von Mt. Fuji – CC BY 2.0 via Flickr/kalleboo

 

 

Deine Spende für digitale Freiheitsrechte

Wir berichten über aktuelle netzpolitische Entwicklungen, decken Skandale auf und stoßen Debatten an. Dabei sind wir vollkommen unabhängig. Denn unser Kampf für digitale Freiheitsrechte finanziert sich zu fast 100 Prozent aus den Spenden unserer Leser:innen.

1 Ergänzungen

  1. ein sorgendes, mütterliches System an, nicht als Big-Brother-Methode, um Bürger zu überwachen.
    Das ist exakt die verdrehte Denke, die ich tatsächlich bei vielen Überwachungsbegeisterten vermute.
    Niemand will „Böses“ (TM) tun, die meisten glauben wohl wirklich, sie täten den Menschen etwas Gutes, sie kümmerten sich um sie, wären fürsorglich, unterstützend und hilfreich.
    Es ist doch nur zum Besten der Überwachten. Man muss sie eben zu ihrem Glück zwingen. Die Überwacher wissen es einfach besser.

    Diese vermeintliche Selbstlosigkeit aus Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe ist doch leider meist nur eine Pseudo-Rechtfertigung und zieht überhaupt nicht die negativen Wirkungen dieses Handelns in Betracht.

    Auch eine sich sorgende Mutter muss die Grenzen respektieren, die sich aus der Selbstbestimmung ihrer Kinder ergeben.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, daher sind die Ergänzungen geschlossen.