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Economist fragt: Internet-Aktivismus am Weg zu sozialer Bewegung?

Auf diesem Blog und an anderer Stelle waren bereits mehrfach Analogien zwischen Netzaktivismus und Umweltbewegung Thema. Einer der ersten, der diesbezügliche Parallelen gezogen hatte, war Mitte der 1990er Jahre Jamie Boyle. Er ist deshalb auch einer der Ansprechpartner in dem längeren Beitrag „Everything is Connected“ in der aktuellen Printausgabe des Economist, der im Übertitel von „The new politics of the internet“ spricht und im Untertitel fragt: „Can internet activism turn into a real political movement?“

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Wie in der Umweltbewegung hätte heute auch jeder Bereich des Internets bereits seine eigene Interessensvertretung:

Today every corner of the digital universe has its own interest group: consumer groups defend online privacy; hackers reject far-reaching software patents; researchers push for open access to scientific journals online; defenders of transparency call on governments to open their data vaults—or take the opening into their own hands.

Parallelen zieht der Artikel nicht nur zwischen Grünen und Piraten sondern auch zwischen radikaleren Teilen der Umweltbewegung wie Earth First! oder der Earth Liberation Army und sogenannten „Hacker-Kollektiven“ wie Anonymous. Und die Gemeinsamkeiten sind augenfällig. So passt die Beschreibung der Earth Liberation Army in Wikipedia als „kollektive Bezeichnung für anonyme und autonome Individuen oder Gruppen“, die ökonomische Sabotage und Guerrilla-Methoden einsetzen eins-zu-eins auch auf Anonymous.

In seinen Schlussfolgerungen betont der Economist-Autor, dass sich der politische Erfolg des Internet-Aktivismus keineswegs notwendigerweise in Wahlergebnissen zeigen muss. Wieder dient die Umweltbewegung als Beispiel:

New parties are not the only way to political success. In most of the world the green movement’s victories came from applying pressure to established parties, and spurring the creation of new institutions—ministries of the environment, environmental protection agencies, international treaty organisations and the like.

 

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4 Kommentare
  1. Danke für den Hinweis auf den Artikel. Aus meiner Forschung kann ich berichten: Er ist nicht auf dem Weg dahin, er ist es schon. Wenn man sich anschaut, wie in der Forschung eine soziale Bewegung definiert wird, ist die Frage jedenfalls mit „ja“ zu beantworten. Eine soziale Bewegung ist ein informelles Netzwerk von Individuen, Gruppen und Organisationen, das über eine kollektive Identität verfügt (Internet als Lebenswelt, Netzkultur, Abgrenzung gegenüber den Internetausdruckern, Werte wie Informationsfreiheit, Sharing, Transparenz) und sich mit den Mitteln des Öffentlichen Protestes (Kampagnen, Demos usw.) für gesellschaftlichen Wandel (die Gestaltung der digitalen Gesellschaft) einsetzt. Nun kann man noch das Kriterium „grundlegender gesellschaftlicher Wandel“ ansetzen, wie es einige Bewegungsforscher_innen tun. Auch da gibt es Ansätze, wenn auch aus meiner Sicht keine eindeutige Ausrichtung in der Bewegung.
    Wichtig ist es dabei, zwischen Internet-Aktivismus as in netzpolitischem Aktivismus und Internet-Aktivismus as in Aktivismus, der Internettools nutzt (das machen heutzutage fast alle politischen Bewegungen), zu differenzieren. Ich habe den Eindruck, dass das häufig nicht passiert und dass dies ein Grund dafür ist, dass häufig so getan wird, als sei diese „Netzgemeinde“ etwas sehr mysteriöses. Der Economist-Artikel macht diesen Fehler angenehmerweise nicht.

    1. @ihdl: Ich erinnere mich noch an die Diskussion mit dem Bewegungsforscher Dieter Rucht bei der Böll-Stiftung, wo dieser wohl den von Dir beschriebenen Fehler machte und keine Bewegung in der netzpolitischen Bewegung sah.

    2. @ihdl: Danke auch von mir für den Hinweis auf die zweifelsohne wichtige Unterscheidung dieser zwei Arten von Internet-Aktivismus.

      Und ja, ich auch aus meiner Forschungsperspektive heraus sehe ich es so wie Du, dass es diese soziale Bewegung bereits seit geraumer Zeit gibt.

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