Kultur

„Dem kommunikativen Vollrausch folgt ein realpolitischer Kater“

In einer Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik untersuchten die Soziologinnen Jasmin Siri und Katharina Seßler die Twitter-Accounts von 13 deutschen Politikern und ‚Twitteraktivisten‘. Vom 10. September 2012 bis zum 16. November 2012 analysierten sie die Twitternutzung von Peter Altmaier, Sigmar Gabriel, Steffen Seibert, Dorothee Bär, Volker Beck, Steffi Lemke, Bodo Ramelow, Thorsten Schäfer-Gümbel, Christian Soeder, Halina Wawzyniak, Marina Weisband, Julia Schramm und Christopher Lauer. Vier Inszenierungsformen konnten die Soziologinnen ausmachen: Kommunikationen, bei denen die Akteure ausschließlich in ihrer Berufsrolle auftreten („strictly to the role“), die Nutzung von Twitter als Instrument zur „Prozess-transparenz“, die Nutzung, um „sanfte Einblicke in das Leben außerhalb des politischen Alltags zu gewähren („unverfänglich menschlich“) und viertens solche Inszenierungsformen, die tiefe Einblicke ins Privatleben ermöglichen („publicly private“).

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Die Autorinnen raten Politikern, nur zu twittern, wenn sie sich auch wirklich auf die Eigenlogik des Mediums einlassen möchten. Dann sei allerdings auch lockere, parteiübergreifende Kommunikation zwischen politischen Gegnern möglich – eine Besonderheit von Twitter.

Ein weiterer Unterschied zu anderen Plattformen wie Facebook sei der „autoerotische“ Charakter von Twitter.

Der Blick auf die Timeline und die Menge an Nachrichten verunsichtbart gewissermaßen die Personen hinter den Posts und es ist auch nicht nötig, mit ihnen Kontakt aufnehmen zu wollen. Twitter lässt sich gut nutzen, ohne überhaupt in eine Interaktion einzusteigen.

Eine besondere Interaktion sei zwischen (Hauptstadt-)Aktivisten und Journalismten beobachtbar, so die Soziologinnen. Es zeichne sich eine neue Form des Lobbyismus ab, die ohne Twitter nicht denkbar wäre. Aufgrund der Sichtbarkeit funktioniere diese neue Form allerdings nur eingeschränkt und elitär.

Insgesamt biete Twitter (wie auch andere Social Media) Chancen für zivilgesellschaftliche Akteure. Durch gezielte Ansprache lässt sich Lobbyarbeit verrichten, man kann neue Themen auf die Agenda setzen und Skandale produzieren. Dies liege an der Schnelligkeit des Mediums und daran, dass so viele Journalisten es nutzen, um Themen zu generieren.

Insgesamt biete Twitter zwar viele Chancen für Politikerinnen und Politiker, dennoch solle man den Einfluss von Social Media für politische Kampagnen nicht überschätzen. Bei der „Twitterpolitik“, bleibe „nach dem kommunikativen Vollrausch häufig ein realpolitischer Kater zurück“, so der Direktor des Instituts Lutz Hachmeister.

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10 Kommentare
  1. „Dann sei allerdings auch lockere, parteiübergreifende Kommunikation zwischen politischen Gegnern möglich – eine Besonderheit von Twitter.“

    Das ist – mit Verlaub Blödsinn und blendet die Tatsache aus, dass Politiker auch ohne Twitter locker miteinander kommunizieren können, und sogar auch tun. Peinlich wirds in jedem Medium, wenn das Gestanze der Kommunikationsprofis die Kommunikation prägt.

  2. Ich kann ja das Gendern an sich schon nicht leiden, aber hier wirds kreativ: Während „[die] Piratinnen Marina Weisband, Julia Schramm und Christopher Lauer“ anscheinend alle weiblich sind, sind „Politikerinnen und Politiker“ mal ausdrücklich ausgeschrieben und mal nur „Politiker[…]“ – also in letzterem Fall nur die Männer?
    Bei „Akteure“ und „Journalisten“ hat doch auch die generische maskuline Gruppenbezeichnung gereicht. Das kann man meiner Meinung nach auch dauerhaft beibehalten.

    1. Schließe mich dem an.

      Bin gerade selbst am Lektorieren – und manch ein Kunde ist verwundert, wozu konsequentes Durchgendern führt. Da heißt es dann schnell mal, daß man da, da und da sich doch lieber auf das generische Maskulinum beschränke. Ganz verzichten will man aber nie, schon allein des zu erwartenten Protestes der „Frauenbeauftragten“ wegen. „Sie können sich nicht vorstellen, was dann hier los ist.“

  3. Gibt es irgendeinen Grund, warum im Artikel bei der namentlichen Beispielsauswahl der analysierten Twitterprofile die LINKEN ignoriert wurden? Halina Wawzyniak und Bodo Ramelow waren ja auch Teil der Studie.

  4. „Bei der Auswahl der beobachteten Politiker wurde auf eine möglichst gleiche Verteilung der Parteien (vier der im Bundestag vertretenen Parteien plus Piraten) geachtet.“

    Puh. Seltsame Auswahl. Drei Piraten? Kein FDPler? „Vier im Bundestag vertretene Parteien“?
    Man sucht sich irgendwelche Typen von Twitter raus (was macht dieser Soeder da?) um verschiedene Twitter-Typen darzustellen?

    Irgendwie seh ich den Sinn dieser Studie nicht. Das hätte man auch auf einer Seite schreiben können: es gibt unterschiedliche Typen. Manche schreiben sehr privates, manche nur berufliches.

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