Überwachung

2:500.000.000 – wie viel ist das eigentlich?

Wir haben ein Problem. Der Spiegel hatte schon Ende Juni berichtet, dass die NSA in Deutschland jeden Monat 500 Millionen Verbindungsdaten von Telefongesprächen, Chats, Skype, Mails, usw. abhöre und diese dann im Rechenzentrum in Fort Meade, Washington abgespeichert werden. 500.000.000 Datensätze – jeden Monat. Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator Ronald Pofalla hatte jedoch diesen Monat verkündet, dass dies überhaupt nicht stimme und es bisher ausschließlich zur Weitergabe von 2 Datensätzen im letzten Jahr kam – zum Schutze Deutscher im Ausland. Hier stehen sich also zwei Zahlen gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein könnten: 2:500.000.000, oder 1:250.000.000. Wie hat man sich das vorzustellen?

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Im Folgenden der Versuch diese unglaubliche Diskrepanz zu verdeutlichen.

1 : Alle Kommentare auf Huffington Post.

1 : Alle WhatsApp Benutzer.

1 : Gesamte Facebook Population in 2009.

1 : Alle Einwohner der USA in 1991.

1 : iPhones und iPads in 2011.

Hälfte der Vatikan Stadt : Russland + Antarktis + Kanada + China + USA (km²)

Obwohl Herr Pofalla letzte Woche im Parlamentarischen Kontrollgremium „alle Vorwürfe zweifelsfrei klären“ wollte, wurde auf diese Diskrepanz dann irgendwie doch nicht eingegangen. Warum ist diese Diskrepanz so wichtig? Wenn sich die NSA angeblich 500 Millionen Datensätze jeden Monat holt und die Bundesregierung sagt, dass nur 2 Datensätze weitergegeben wurden, gibt es verschiedene Möglichkeiten das zu erklären: Die Bundesregierung oder der BND belügen uns. Die Bundesregierung oder der BND wollen nicht das Ausmaß der Überwachung durch die NSA kennen. Eine der beiden Zahlen ist falsch.

Wir freuen uns über noch mehr Vergleiche in den Kommentaren.

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35 Kommentare
  1. Kommt halt drauf an, was man unter „Datensatz“ versteht. Wenn man sich mal vorstellt, seit Beginn des Internets wäre jegliche Kommunikation gespeichert worden, und diese Daten wären komplett an die NSA übertragen worden, dann wäre genau _1_ Datensatz übertragen worden, alles eine Frage der Definition.

  2. Die Antwort steht bereits im Artikel:

    Es wurden 500 Millionen Datensätze „geholt“ aber nur
    2 Datensätze „gegeben“!

    So interpretiert sind die Aussagen durchaus richtig.

    1. Ja, das kann durchaus stimmen. Obwohl leidglich zwei Datensätze sehr wenig erscheinen.

      Oooooder:

      Man legt den Begriff „Datensatz“ einfach extrem weit aus. Dann könnte ein Datensatz Millionen Daten enthalten. Somit wäre die Aussage formaljuristisch korrekt obwohl sie durch diese Darstellung zumindest extrem verzerrt wird, wenig sogar eine dreiste Lüge ist.

      Ich habe mittlerweile ein simples Prinzip. Ich glaube kein einziges Wort der Regierung und nehme erst einmal das Gegenteil an. Wenn man dieses Prinzip z.B. auf die Eurokrise angewendet hat, konnte man Voraussagen mit hoher Trefferquote erreichen. In diesem Fall sollte es nicht anders sein.

    2. So sehe ich das auch.
      Ich glaube er hat für seine Definitionen die Wahrheit gesagt.
      Nur
      1. Was ist ein Datensatz
      2. Gibt es jemand anderen als den BND oder die Geheimdienste die diese Daten übermittelt haben könnten.
      3. Was ist wenn niemand diese Daten übermitteln muss sonder die USA sie sich abholen/umleiten.

  3. Sorry, aber der Vergleich ist falsch. Es geht um 500 Mio Datensätze PRO MONAT versus 2 Datensätze PRO JAHR. Nicht auf die Pofalla-Propaganda und Nebelkerzen reinfallen!

  4. Hallo Jan-Peter, wieder ein schönes Beispiel aus der Propaganda-Schmiede. Aber für die Leser die am Sachverhalt interessiert sind:

    1. Pofalla hat von Daten gesprochen, die aktiv an die NSA übermittelt worden sind. Das ist in zwei Entführungsfällen geschehen.

    2. Bei den behaupteten 500 Mio. geht es um die automatisierte Kopie der Daten durch die NSA – ohne Beteiligung einer deutschen Stelle.

    Da haben Äpfel mehr mit Birnen zu tun.
    Aber vergleicht mal ruhig weiter.

    MfG
    Stefan

    1. @Stefan Hennewig: Bundesregierung sagt, dass die NSA uns nicht bespitzelt. Wie erklärst Du Dir die 500 Mio Datensätze (Lass es von mir aus die Hälfte sein), die laut Snowden-Dokumenten aus Deutschland abgezogen werden. Und wie erklärst Du die Aussagen der Bundesregierung, dass das sicher nicht so sei.

      1. Snowden ist unglaubwürdig,
        die Bundesregierung ist glaubwürdig.

        Es ist ja nicht so dass Snowden vieles aufgegeben hat und die Bundesregierung viel zu verlieren hätte… oh Moment…

  5. Das ist doch wieder so eine sprachliche Nebelkerze, die nur zeigt, dass beide Zahlen stimmen.
    500.000.000 Datensätze hat die NSA sich genommen, und die Bundesregierung hat denen im gleichen 2 Datensätze gegeben.

    Sakrastisch gesehen könnte man annehmen, dass die Regierung mit der Prüfung und Herausgabe der zwei Datensätze so ausgelastet war, dass keine Zeit blieb sich um den Rest zu kümmern. Wie zum Beispiel um die Frage, das die NSA sich einfach nimmt.

    1. Und wenns so wäre, dann käme er als Störer dran, schließlich ist er für diese Anschlüsse verantwortlich, so wie jeder Bürger für seine Anschlüsse über die Störerhaftung verantwortlich gemacht wird …

  6. Vielleicht gibt es ja noch ein paar andere Alternativen. Es könnte der Unterschied sein wie bei Push und Pull die Bundesregierung hat vielleicht nur 2 Datensätze aktiv weitergegeben (Push) aber die NSA holt sich die 500.000.000 Datensätze, über entsprechende Stellen, selber (Pull). Beide Aussagen Richtig betreffen nur Unterschiedliche Sachverhalte.
    Andere Alternativen:
    Ein Datensatz für die NSA könnte z.B. eine Mail mit Header usw. sein. Für die Bundesregierung hingegen z.B. ein ständig aktualisierter Datenstream, also eher eine Schnittstelle, wenn man die nur weit genug fasst passt das auch wieder.

  7. Meine Interpretation der beiden Zahlen:
    1) NSA zieht jeden Monat 500 Mio. Verbindungsdaten aller Art ohne Kenntnis deutscher Dienste und Regierung aus den Leitungen.
    2) Pofalla bestätigt, dass von Deutschland aus _aktiv_ zwei Datensätze in die USA geliefert wurden. [Intressant wäre zu erfahren, in welchem Kontext die Daten geliefert wurden (Terrorismus, Drogen, Wirtschaft, …).]

    Unterschied: ad 1) Unwissenheit, ad 2) aktives Mittun deutscher Dienste/Regierung. So kann Pofalla mit einer sehr kleinen Zahl die Gemüter hier beruhigen …

  8. Es geht uns weder um „Monat vs. Jahr“, noch um „Genommen vs. Gegeben“. Entscheidend ist, dass zwei Zahlen im Raum stehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide Zahlen beziehen sich auf geheimes Abhören deutscher Bürger. Warum kriegen wir keine Antwort unserer Bundesregierung auf die 500 Mio – wie diese Zahl zustande kam, was sie genau bedeutet. Sie steht einfach im Raum und Pofalla & Co. machen einen großen Bogen drumherum. Natürlich will Pofalla den Diskurs auf „2 Datensätze wurden AKTIV weitergegeben“ lenken, aber darum geht es doch gar nicht. Es geht um die Aufklärung und Stellungnahme der 500 Mio.

  9. Wir haben kein Problem. Pofalla hat eins, das er offensichtlich durch Lügen zu vertuschen versucht.

    Fakt ist, dass die NSA in Deutschland immer noch 3 Standorte (Darmstadt, Wiesbaden, Stuttgart) betreibt und in Bad Aibling weiterhin die deutsche Filiale des amerikanisch-britischen Abhörprojekts „Echelon“ sitzt. „Die Amerikaner haben die Station zwar vor knapp einem Jahrzehnt dem Bundesnachrichtendienst (BND) übergeben, doch der kooperiert dort weiterhin eng mit der NSA. Abgefangen wird vor allem die Kommunikation aus Afghanistan und Nordafrika.“ (http://www.sueddeutsche.de/politik/standorte-der-nsa-in-deutschland-lauschende-freunde-1.1717839)

    Die Amis setzen doch nicht tausende „Intelligence Professionals“ und „Special Security Officers“ z.B. in Griesheim ein und dort drehen die Däumchen. Und was ist das für eine enge Zusammenarbeit zwischen NSA und BND, wenn da nur 2 Datensätze einem Jahr weitergegeben werden? Wer’s glaubt wird selig.

  10. Vermutlich waren von den 500M Datensätzen 2 unklar und mussten von der NSA beim BND nachträglich zur Korrektur abgefragt werden. Man kennt sich, man hilft sich.

  11. Die Betonung des Herrn Pofalla lag sehr eindeutig auf der aktiven Übermittlung. Selbst ohne die andere Zahlen zu kennen, konnte man allein aufgrund der mehrfachen Hervorhebung dessen stutzig werden. Im Allgemeinen war sein Auftritt von Desinformation durchzogen.

  12. Die viel spannendere Frage für uns wäre eigentlich, wie viele Datensätze die NSA an das BfV bzw. den BND weitergegeben hat. Dass der BND nicht so viele Datensätze von Deutschen an die NSA weitergibt, überrascht nicht so sehr, weil der BND ja nicht im Inland tätig sein darf.
    Indem sich BfV und BND Datensätze der NSA holen, können sie die für sie geltenden gesetzlichen Regelungen unterlaufen…

  13. Wenn Pofalla sagt, dass nur 2 Datensätze weitergegeben wurden, kann das auch heißen, dass die NSA an alle anderen Daten auf anderem Weg gelangt ist. Das wäre dann ein schönes Beispiel für ein bewusst überspezifisches Dementi, um Leute gezielt in die Irre zu führen.

  14. Trotz der spitzfindigen Wortverdreher noch ein kleiner Vergleich:

    2 Scheiben Schinken : Atombombe von Hiroshima

    Alternativ kann man auch den Brennwert von 8g Kohle nehmen.

    Sprengkraft Atombombe: 12500 t TNT
    Äquivalent 1t TNT in J: 4,184 * 10^9 J / t
    Brennwert Kohle: (25-28) | ~26 GJ / t = 26 kJ / g
    1 Portion (2 Scheiben) Schinken: ~230 kJ (laut Packung)

    – Atombombe in Joule:
    12500 * 4,184 * 10^9 [t * J / t] = 52,3 * 10^12 [J]
    – 1 : 250.000.000 – Verhältnis:
    52,3 * 10^12 [J] / 250.000.000 = 209200 [J] = 209,2 [kJ]
    – Umrechnung in g Kohle:
    209,2 / 26 [kJ / (kJ/g)] = ~8 [g]

    Na hoffentlich bin ich nirgendwo bei den Einheiten durcheinandergekommen.

  15. Wir verheddern uns wieder in Details anstatt das große Ganze zu betrachten. Ich gehe davon aus, dass es sich bei den 500 Millionen Datensätzen pro Monat für Deutschland um solche handelt, die mit einer deutschen IP-Adresse (oder sonst einem Merkmal, dass auf Deutschland schließen lässt) an irgendwelchen Glasfaserkabeln abgegriffen werden.

  16. Wieso sammelt eine Behörde „unserer“ Regierung 500.000.000 Datensätze über uns, jeden Monat? Um eine anlassbedingte Sammlung bei der Verfolgung schwerster Straftaten kann es sich bei dieser Menge schwerlich handeln.
    Nicht das Ausmaß relativierend gibt enthält genannte Zahl keinerlei Auskunft über Größe und Umfang der in ihr erfassten Daten.

    Ich muss entlang der geführten Diskussion meiner Gefühlslage Ausdruck geben. Mir ist völlig schleierhaft, warum das Potential einer Überwachung im internationalen Rahmen, gegenüber der Tatsache einer breiten Überwachung im „inneren“ eine derartige Überbewertung erfährt. Beide sind Resultat des Letzteren.

  17. Ich schätze, da ist nur ein klitzekleiner Rundungsfehler drin. Das ist alles. Ich meine, was sollen wir unterstellen? Sollen wir etwa unterstellen die BND und NSA verlogene Verbrecher wären? Nein, das ist einfach nur zu absurd. Schließlich tun die das zum Wohle aller Bürger. Sie sagen es ja selber.

  18. ist doch klar. steht alles da.
    500.000.000 datensätze wurden gezogen, also self-service der nsa.
    2 wurden gliefert. also bring-service von brd.
    damit haben alle recht und jeder legt die worte auf die goldwage.

    so die kanzlerin von neuland, die ja auch sagt, dass deutsches recht auf deutschem boden… na. ihr wisst bescheid mit dem boden und dem unterseekabel, nicht wahr?

  19. Also juristisch könnte die Antwort sogar korrekt sein:

    Stichwort „plausable deniability“:

    EIne Weitergabe ohne Kenntnis muss man ja nicht bestätigen. Zumal sich die Duplikation von IP-Datenströmen nachträglich nicht nachweisen lassen dürfte, ohne dass der Man-in-the-middle das Duplikat vorweist (was die NSA oder ihr UK-Pendant sicherlicht nicht tun dürfte).

    Ferner wird datenschutzrechtlich zwischen Weitergabe und Einsichtnahme unterschieden, vgl. § 3 Absatz 4 Nr. 3 Buchstabe a und b BDSG.

    Der Gag ist, dass wahrscheinlich tatsächlich nur 2 Datensätze aktivisch weiter gegeben wurden.

    Alle anderen 500 Mio Datensätze, wurden von NSA und ihrem UK-Pendant per Tempora und PRISM abgegriffen.

    Beste Grüße

    Michael

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