124 Bundeswehrdrohnen sind bereits abgestürzt, die meisten mit Spionagetechnik zur „Bewegtzielerkennung“

ABULWieder hat das Verteidigungsministerium zum Einsatz von Bundeswehr-Drohnen gelogen: Es sind mit 124 Geräten unterschiedlicher Typen weitaus mehr unbemannte Luftfahrzeuge abgestürzt als bislang zugegeben. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor. Zur Zeit hat die Bundeswehr noch 871 Drohnen.
Die Abstürze betreffen vor allem die kleine Spionagedrohne „LUNA“ („Luftgestützte Unbemannte Nahaufklärungs-Ausstattung“), die in Afghanistan und im Kosovo geflogen wird. Wenige Wochen nach dem Amtsantritt des Verteidigungsministers Thomas de Mazière gab dessen Staatsekretär Thomas Kossendey dem MdB Paul Schäfer noch bekannt, lediglich vier „LUNA“ seien bislang abgestürzt. Auf eine Kleine Anfrage der MdBs Ulla Jelpke und Andrej Hunko erklärte die Bundesregierung vor einem Jahr, seit 2007 seien zwei „Heron“, acht „LUNA“ und vier „KZO“ als Totalverluste zu bezeichnen. Auf eine spätere Nachfrage von Hunko wurde eine weitere „LUNA“ als abgestürzt verzeichnet.

Nun kam durch eine weitere parlamentarische Initiative Schäfers heraus, dass insgesamt mindestens 52 „LUNA“ vom Himmel fielen, die meisten davon im Kriegsgebiet. Abgeschossen wurde demnach keine, als Ursachen werden 26 technisch bedingte Unfälle und elf „Bedienungsfehler“ gemeldet. Neun „LUNA“ stürzten „umweltbedingt“ vom Himmel, womöglich sind Wetterlagen gemeint. Es ist unklar, ob alle ausgefallen Drohnen ersetzt wurden; gegenwärtig verfügt die Bundeswehr wieder über 96 „LUNA“.

Die „LUNA“ wird als „Motorsegler mit Verbrennungsmotor“ bezeichnet und hat einen Einsatzradius von rund 40 Kilometern. Sie wird von der Bundeswehr seit 13 Jahren genutzt. Bei einem Gesamtgewicht bis zu 40 Kilogramm kann das Gerät miniaturisierte Aufklärungs- und Überwachungstechnik befördern. Das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) hat für die „LUNA“ eine sogenannte „generische Integrationsplattform“ entwickelt, deren Funktionsweise dem vielfach kritisierten EU-Forschungsprojekt INDECT entspricht. Diese sogenannte „Automatisierte Bildauswertung am Beispiel UAV LUNA (ABUL) soll in „Roboterfahrzeugen“ und Drohnen verbaut werden können. Es handelt sich um Verfahren der automatischen Bildauswertung, die auf Mustererkennung basieren. Das ISOB bewirbt das so:

  • Bewegtzielerkennung (Moving Target Indication – MTI):
    Bewegte Objekte werden trotz der Kamerabewegung erkannt und in der Darstellung hervorgehoben
  • Fahrzeugverfolgung (Vehicle Track­ing):
    Durch Mausklick im Bild markierte Fahrzeuge werden verfolgt und in der Darstellung hervorgehoben.
  • Verfolgung von ortsfesten Objekten:
    Verfolgung von interaktiv markierten Objekten aufgrund der Referenzie­rung des Bildes. D.h. markierte Bereiche können in der Sequenz zeitweise auch außerhalb des Sichtfeld wandern und bleiben aber trotzdem markiert.

Die „Integrationsplattform“ wird laut Fraunhofer „gegenwärtig mit sehr gutem Erfolg bei der Bundeswehr getestet“, weitere Verfahren könnten „einfach integriert werden“. Hierzu gehört die sogenannte „Objektidentifikation“, das ebenfalls vom IOSB unter dem Namen „RecceMan“ entwickelt und vermarktet wird. „Recce“ steht für das englische „reconnaissance“ und meint gewöhnlich die militärische „abbildende Aufklärung“.

„RecceMan“ soll die menschliche Bildauswertung automatisieren, indem die festgestellten Objekte mit einem Katalog existierender „Land-, Luft- und Seefahrzeuge“ abgeglichen werden. Die Analysesoftware wurde im Auftrag des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung realisiert und ist seit 2010 „als operationelles System auf allen Luftbildauswerteanlagen in der Bundeswehr eingesetzt“. Doch auch die Polizei könnte von dem System profitieren: Denkbar sei laut Fraunhofer ein Einsatz für „kriminaltechnische Methoden“. Die entsprechende Forschung soll fortgeführt werden, um „RecceMan“ auch für „Flugplätze, Hafenanlagen und Industrieanlagen“ zu verwenden.

EADS-Manager zur Spionagetechnik des „Euro Hawk“: „Sehr komplexe Software“

Zur Funktionsweise des Spionagesystems, das gegenwärtig mit der Langstreckendrohne „Euro Hawk“ getestet wird, hat sich nun ein Entwickler der Plattform geäußert. Die vom Rüstungskonzern EADS Cassidian hergestellte militärische Aufklärungstechnik nennt sich „Integriertes SIGINT System“ (ISIS) und besteht aus Sensoren sowie einer Bodenstation. Im Seminar „Kriege und Neue Kriege: Funktionswandel der Militärtechnik“ an der TU Dresden hat der EADS-Manager Marc-Martin Schön aus dem Nähkästchen geplaudert. Netzpolitik liegt hiervon ein Mitschnitt vor.

Schön bewirbt das „ISIS“ als „sehr komplexe Software“, um Aufklärungsdaten zu generieren. Sie gehe sogar über Funktionalitäten der AWACS-Flugzeuge hinaus, die von der NATO eingesetzt werden. Das „Missionsthema“ des ISIS bezeichnet der Manager als „Information, Spionage, Überwachung, Identifizierung“. Die fliegende Plattform erhebt und kartiert demnach das gesamte elektromagnetische Spektrum im Zielgebiet. Weil in diesen „immensen Datenmengen“ aber auch Mikrowellen oder startende Fahrzeuge erfasst sind, werden die Rohdaten noch vor der Weitergabe an die Bodenstation gefiltert und analysiert. Das „ISIS“ könne sogar unterscheiden, ob es sich „um eine Mikrowelle im Haushalt und eine Mikrowelle auf dem Radarsystem“ handelt.

Marc-Martin Schön war – zumindest phasenweise – an der „Euro Hawk GmbH“ beteiligt, in der sich die beiden Hersteller Northrop Grumman und EADS zusammengeschlossen hatten um die Abwicklung des Vertrages zu gewährleisten. Laut Schön gehören ihr „15 Leute“ an.

Ein beträchtlicher Teil der beim „Euro Hawk“ in den Sand gesetzten Millionen geht auf das Konto dieser „Euro Hawk GmbH“: Denn der Zusammenschluss war auch zuständig für die vorläufige Zulassung der fliegenden Plattform, damit das ISIS überhaupt ausprobiert werden kann. Die Firmen hatten ursprünglich eine langfristig gültige Musterzulassung angestrebt. Allerdings wurde vergessen, dass derartige Zulassungsverfahren nur von luftfahrtlizenzierten Unternehmen durchgeführt werden dürfen. Das hat der Staatssekretär Christian Schmidt jetzt auf Nachfrage des MdB Wolfgang Hellmichh bestätigt:

Mit den Testflügen wurde – ich liefere Ihnen das genaue Datum gerne nach – nach meiner Kenntnis im Frühjahr dieses Jahres begonnen. Wieso? Weil die vorläufige Verkehrszulassung des Fluggerätes erst im Dezember letzten Jahres erteilt worden war; so lange war nach dem Überführungsflug Pause. Dann wurde das SIGINT-System eingebaut. Danach hat es – Sie mögen das auch den deutschen Zulassungsregelungen zuschreiben – über ein halbes Jahr gedauert, bis klar wurde, ob der Hersteller, die Euro Hawk GmbH, ein luftfahrtlizenziertes Unternehmen ist; das ist also nur der administrativen Seite und nicht der technischen oder fliegerischen Seite zuzurechnen.

3 Kommentare
  1. ralph hirnrabe 22. Jun 2013 @ 20:05
  2. Sven Geggus 23. Jun 2013 @ 15:13
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