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MIT OpenCourseWare und Flat World Knowledge kooperieren bei offenen Lehrbüchern

Wenn Apple mit dem iPad in den Markt für Schulbücher drängt und daraufhin die deutschen Bildungsmedienverlage hektisch ihre Idee eines „digitalen Regals“ für „Digitale Schulbücher“ ankündigen, dann sind das in beiden Fällen wenig innovative Versuche, das bisherige Lehrbuchwesen ins Internet zu transferieren. Vor allem schreiben beide Ansätze den proprietären Ansatz des bestehenden Systems nahtlos ins Web fort, auch wenn der Verband Bildungsmedien gleich im ersten Satz seiner Pressemeldung von einer „offenen Lösung“ spricht.


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Radikal offen mutet im Gegensatz dazu das Konzept von „Flat World Knowledge“ an. Der US-amerikanische Lehrbuchverlag bietet Creative-Commons-lizenzierte Lehrbücher online kostenlos an und verdient am Verkauf von Printversionen.

Vor zwei Tagen hat nun das Massachusettes Institute for Technology (MIT) eine Kooperation zwischen Flat World Knowledge und dem Hauseigenen „OpenCourseware“-Programm präsentiert. MIT OpenCourseWare bietet bereits seit 10 Jahren vollständige Unterlagen von mittlerweile über 2.000 Kursen ebenfalls unter einer Creative-Commons-Lizenz zum Download an; seit einem Jahr gibt es auch zum Selbststudium aufbereitete Unterlagen („OCW Scholar„). Im Rahmen der Kooperation mit Flat World Knowledge sollen auf Basis dieser Inhalte Lehrbücher entstehen, wobei Teile der Verkaufserlöse der Printversionen zurück ins OpenCourseWare-Programm fließen werden.

Zeit, auch in Deutschland ernsthaft über einen Wandel im Bereich digitaler Lehr- und Lernunterlagen nachzudenken, der über eine bloße digitale Aufbereitung von Inhalten hinausgeht und stattdessen auch Fragen von Lizenzierung und freiem Zugang mitberücksichtigt.

11 Kommentare
  1. Verlage gehen den Wandel im Schulbuchmarkt, wie nicht anders zu erwarten, sehr konservativ an. Ihnen geht es weniger um revolutionäre Visionen oder Lösungen als um eine Bewahrung etablierter Geschäftsmodelle. Deshalb überrascht es auch in keiner Weise, dass der erste Vorstoß deutscher Verlage in Richtung digitales Schulbuch dermaßen bescheiden ausfällt. Was allenfalls überraschen kann, ist die Einigung auf eine gemeinsame Plattform.

    Das Konzept von FlatWorldKnowledge gründet auf einem alternativen Geschäftsmodell. In der Vorstandsetage des amerikanischen Verlages sitzen jedoch auch keine Wohltäter der Menschheit, sondern Manager, die ihr Unternehmen profitabel halten müssen. Allerdings kalkulieren sie völlig anders. Sie sind bereit über die kostenlose digitale Version ihrer Bildungstitel zunächst auf Einnahmen zu verzichten, spekulieren aber darauf, genug Nutzer durch die Qualität zu überzeugen und aus ihnen Käufer von Printversionen zu generieren. Dass die Rechnung wohl aufgehen muss, zeigt das Fortbestehen des Angebots.

    Die Entwicklung am digitalen deutschen Schulbuchmarkt macht jedoch einmal mehr deutlich, welche Funktion freien Bildungsinhalten (OER) auch im deutschen Sprachraum zukommen wird. Wohl nur wenigen ist klar, welche dramatischen Veränderungen sich mit der Digitalisierung des digitalen Schulbuches für den Bildungsbetrieb ergeben werden. Das meint nicht nur veränderte Lern- und Unterrichtsszenarien sondern auch das Ende der freien Kopie!

    In dem Moment, wo der Schulalltag durchdigitalisiert ist, erhalten Schulbuchverlage über DRM die totale Kontrolle über die von ihnen bereitgestellten Bildungsinhalte. Lehrer wie Schüler werden als User lediglich Lizenznehmer sein. Was kopiert werden kann und in welchem Umfang und zu welchen Konditionen, unterliegt der kompletten Kontrolle der Verlage.

    Noch können Lehrer nach Herzenslust aus Schulbüchern und Arbeitsheften kopieren, was der Kopierer hergibt. Den Verlagen fehlt die Kontrollmöglichkeit und sie müssen sich mit den Millionen zufrieden geben, welche sie mit den Kultusministerien im Rahmen des „Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG” ausgehandelt haben. Auch was die Digitalisierung analoger Inhalte angeht, fehlt ihnen noch die wirkliche Kontrolle. Der „Schultrojaner“ war ein erster Versuch, sich diese anzueignen.

    Freie Bildungsinhalte bereiten deutschen Bildungsverlagen derzeit noch wenig Kopfschmerzen. Noch ist das Angebot im deutschsprachigen Raum zu gering, um als Konkurrenz gesehen zu werden. Bisher war die Entwicklung freier Bildungsinhalte auch mehr auf den universitären Kontext beschränkt. Doch mittlerweile beginnt es sich auch im Bereich der schulischen Bildung zu regen. Der Bewegung fehlt eigentlich nur noch der entscheidende Push. Sollte der kommen, werden Bildungsverlage sehen, wie sie sich die lästige freie Konkurrenz vom Leibe halten. Dazu haben sie zwei Möglichkeiten, Überzeugen durch Innovation oder Aussperren. Mit ersterer Lösung ist wohl eher nicht zu rechnen, da sie teuer ist und Risiken birgt. Also wird man zur zweiten Lösung greifen, Aussperren.

    Es ist schon jetzt abzusehen, dass die deutschen Bildungsverlage, anders als Apple, ihre Schulbuchplattform nicht für freie Inhalte von Anbietern (außerhalb ihrer Koalition der Verzweifelten) öffnen werden. Nimmt die digitale Schulbuchentwicklung erst einmal an Fahrt auf, werden vermutlich auch günstige Hardwareangebote durch die Verlage auf den Markt kommen. Diese werden im schlimmsten Fall (fast komplett) geschlossene System sein ähnlich den Amazon Kindle e-ink Lesegeräten. Damit könnten Verlage freie Bildungsinhalte problemlos aussperren. Hier wird Aufmerksamkeit und Initiative der im Bereich schulischer Bildung Tätigen gefordert sein. Noch ist es nicht so weit, doch die Entwicklungslinien zeichnen sich bereits ab.

  2. Wenn man sich die Leute anhört, die ACTA verteidigt hört man immer solche sachen, dass wir das schon alles hätten, dass man sich nicht so anstellen soll, dass es alles klein und Harmlos sei. Wenn man sich aber die Werbung anguckt ließt man zum Beispiel folgendes.
    „ACTA represents a small – but significant – first step“

    was passt hier nicht?

  3. @Leonhard Dobusch: Wenn sie sich im Web etwas umgesehen hätten, dann hätten Sie bereits das eine oder andere Projekt gefunden, das unter CC lizenzierte Werke zu erstellen beabsichtigt. Tatsache ist aber auch, dass solche Projekte schlicht deswegen nicht funktionieren, weil die Schnittmenge derjenigen, die solche Bücher schreiben können und auch den Elan haben es fertig zu stellen und derjenigen, die ihre Inhalte freigiebig unter CC veröffentlichen so enorm klein ist, dass es insgesamt als Freiwilligen-Projekt nicht funktioniert.

    Vor allem ist es ein Problem, weil die Lehrer die solche Materialien Nutzen und frei editierbar sind, die Bücher nicht vor dem Vandalismus der Schüler effizient schützen können. Auf „de.wikibooks.org“ ist es immer wieder zu sehen, wenn mal wieder eine österreichische Schulklasse in den Wikibooks herumvandaliert. Also besteht die einzige Möglichkeit die Schüler durch Sperren wieder auszuschließen, was zur Folge hat, dass keiner Bereit ist, wiederum solchen Content zu nutzen. Und der stetige Vandalismus sorgt dafür, dass Autoren, sich das ein paar mal mit ansehen und dann das Projekt entnervt verlassen.

    Über einen langen Zeitraum gesehen werden sich solche Inhalte anreichern, aber bevor man mit dem Schulisch aufbereiteten Stoff arbeitet, sollte man die offenen Schulbücher im regulären Unibetrieb etablieren. Das ist das erheblich dünnere Brett das gebohrt werden muss. CC lizenzierte Schulbücher sind in meinen Augen das dickste Brett das gebohrt werden kann.

  4. In zwei US-Staaten (Californien und Washington State) sind OER Inhalte für die Schule zumindest empfohlen. Und es gibt auch schon entsprechende Schulbücher (www.ck12.org).
    Zwei Schritte sollen und bringen hier die Entwicklung ins Rollen:
    1.) Zwei Stiftungen Hewlett und Gates stellen große Geldmengen zur Verfügung
    2.) Colleges (privat und public) stellen immer mehr Material zur Verfügung
    Um das in Deutschland ins Rollen zu bringen müsste zum einen Geld aus Stiftungen (Bertelsmann zum Beispiel) und der Wille des Staates, der Länder und der Städte dazu kommen.
    Statt von der öffentlichen Hand jedes Jahr hohe Millionenbeträge an die Schulbuchverlage für Bücher zu geben, könnte man für deutlich weniger Geld Inhalte kaufen oder entwickeln.
    Wenn ich sehe welche Preise für die teilweise fehlertriefenden Mathematikbücher zum Fenster rausgeworfen wird, wird mir jedes Jahr von neuem übel.
    Wären diese Bücher frei so würden sie jedes Jahr besser werden und den einzelnen Schüler (dank Digitalkopie) nichts kosten.
    Am Beispiel der ck-12 Bücher könnte man sich die für jede Schule auch individuell zusammenstellen und sogar ergänzen.
    Der wichtigste Schritt ist nicht auf die Schulbuchverlage warten, sondern als öffentliche Hand selber den Fortschritt anstoßen. Das hat in Florida geklappt, das klappt gerade in Südafrika und das würde auch problemlos in Deutschland gehen. Und falls unser Land die Anti-Korruptions-Charta der UN mal unterzeichnen würde, ginge das auch problemlos durch alle Parlamente. Die Arbeitsplätze die bei den Verlagen verloren gehen, entstehen anderswo bei neuen Verlagen und es gibt kein anderes Argument, warum der Staat die Inhalte die er bezahlt nur leiht und nicht einfach aufkauft.

  5. Das Modell kann man sich dank der vielen Book-on-Demand-Anbieter auch selber stricken, wir haben das mit dem Lehrbuch „Lernen und Lehren mit Technologien“ (L3T, http://l3t.eu) auch recht erfolgreich gemacht. Allerdings sind die Einnahmen aus den Printversionen nicht ausreichend zur Fortfinanzierung oder gar Refinanzierung eines solchen Vorhabens, ähnliches gilt wohl auch für Schulbuchverlage: Grundsäztlich müssen hier die Finanzierungsmodelle der Kultusministerien und Förderstellen, die eigenen Geschäftsmodelle für Entwickler und Anbieter von OER (Open Educational Resources, offene Bildungsressourcen), die Zulassung von Schulbüchern, die Köpfe der Wissenschaftler (für Lehrbücher an Unis) usw. noch gedreht und gewendet werden. Wir arbeiten z. B. auch mit Sponsoring, „Patenschaften“, von den einzelnen Kapiteln. Rund um L3T wird es im Mai 2012 eine Veranstaltung zur Zukunft von Lern- und Lehrmaterialien geben, da werden diese und andere Entwicklungen ein wichtiges Thema sein. Herzlich, S.Schön

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