Datenschutz

Streitgespräch: „Datenschutz greift nicht mehr“

Technology Review hatte Constanze Kurz vom CCC und Julia Schramm „datenschutzkritische Spackeria“ eingeladen, um in einem Streitgespräch über Post-Privacy zu diskutieren. Das Gespräch ist jetzt als Manuscript online erschienen: „Datenschutz greift nicht mehr“.

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Technology Review: Post Privacy heißt so viel wie „jenseits der Privatsphäre“. Was bedeutet das für Sie?

Julia Schramm: Erst mal ist es eine Zustandsbeschreibung, die nicht nur „jenseits der Privatsphäre“ heißt, sondern auch „nach dem Datenschutz“. Wir sehen, dass die Datenschutzgesetze nicht mehr greifen. Und jetzt ist die Frage: Wie geht es weiter? Auf der anderen Seite bedeutet Post Privacy auch eine persönliche Haltung: Ich lebe im Internet mehr oder minder ohne Privatsphäre, weil ich sehr viel von mir preisgebe. Das ist auch ein Experiment. Mal gucken, wie sich das in 20 Jahren anfühlt, ob ich das dann auch noch so toll finde.

Constanze Kurz: Für mich ist Post Privacy eine Theorie, die zyklisch immer mal wieder kommt und alle sechs, sieben Jahre neu debattiert wird. Im letzten Jahr ist Post Privacy für mich fast eine Art Kampfbegriff geworden, hinter dem sich eine ganze Menge Konzepte verstecken, die gar nicht so richtig zusammenpassen.

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20 Kommentare
  1. Mein Respekt geht an Constanze Kurz, bei der Esoteriksülze von Frau Schramm hätte ich nach spätestens einem Viertel des Interviews abgebrochen…

    Ist das eigentlich die Person die diesen:“ Piraten sind ständig unterdrückt worden und deswegen antifeministen“ Artikel verbrochen hat?

    1. Ja, diesen Artikel hat sie auch geschrieben. Und noch einiges anderes dummes Zeug. Diese Schramm ist so ein unglaublicher intellektueller Tiefflieger, es ist unglaublich. Die intelligente Constanze Kurz ist da schon ein krasses Gegenbeispiel.

    2. Mich hat verwundert, dass noch immer nicht das absolute Totschlag-Argument gekommen ist. Dabei liegt das so auf der Hand.

      Stellen wir uns mal kurz Frau Schramms Utopie in Umsetzung vor. Staatlich kann man vielleicht solche Sachen wie Krankenversicherung etc. sichern. Aber das z.B. Heterosexuelle Homosexuelle diskriminieren, wird man nicht verhindern können. Und das ist nur eines von hunderten Beispielen, ob das SM oder sonst was für „abartige“ Sexualpraktiken sind.
      Wird so etwas öffentlich, da es keinerlei Datenschutzgesetze mehr gibt, werden die „normalen“ Leute die Leute diskriminieren, die sie für nicht-normal halten. Das hört auch nicht bei sexuellen Vorlieben auf. Erinnert euch mal an eure Kindheit. Kinder können andere Kinder für jeden Scheiß diskriminieren oder auslachen.

      Dieses Gruppengehabe „Ich bin bei den Normalen! Alle die nicht in meiner Gruppe sind, sind weniger wert.“ wird man nicht aus dem Menschen heraus bekommen. Der Mensch wird diskriminieren, wenn er die Chance dazu hat. (Quelle: http://youarenotsosmart.com/2011/08/21/the-illusion-of-asymmetric-insight/ )

      Zu sagen: Wenn niemand mehr Privatsphäre hat, wird niemand mehr andere Diskriminieren ist schon nicht mehr naiv sondern gefährlich dumm. Es wird immer eine Person geben, die eine andere Person diskriminiert. Egal ob die selbe Person wegen anderer Neigungen wiederum von Anderen diskriminiert wird.

  2. Frau Schramm verwechselt Ursache mit Wirkung. Nicht mehr Transparenz führt zu einer offeneren Gesellschaft, sondern eine offenere Gesellschaft kann (muss aber nicht) sich mehr Transparenz leisten.
    Andererseit verstehe ich Frau Kurz nicht. Als Informatikerin müsste
    sie doch wissen, dass Computer gebaut wurden, um Daten zu
    verarbeiten und das Internet gebaut wurde, um Daten zu verteilen (Dezentralisieren). Wenn ein Unternehem auf einem Haufen Kundendaten sitzt, kann man doch schnell mal die eine oder andere
    Analyse durchführe. Da hilft der beste Datenschutz nichts, wenn mit
    ein paar Befehlen eine Kundenkartei nach bestimmten Daten durchleuchtet werden kann. Wenn man dann noch Computer-Kriminalität dazunimmt, ist Datenschutz nutzlos.
    Deswegen sind die besten Daten, die Daten, die nicht erhoben werden.
    Hier sind die Menschen gefragt. Wir müssen lernen, dass Daten
    an keinem Ort sicher sind (siehe Sony, u. ä.). D. h. am besten keine
    Daten angeben. Wenn das nicht geht, oder weil man einen bestimmten Dienst nutzen möchte, dann nach Möglichkeit eben
    anonym oder pseudonym. Dienste bei denen eine eindeutige Identifikation Pflicht ist, sollten die Ausnaheme sein (Banken, Versicherungen). Dies hat auch den Vorteil, dass ein Haufen von
    unbrauchbaren Daten anfällt. Datendiebstahl lohnt sich nicht mehr,
    wenn man nicht an die tatsächliche Person kommt, oder wenn man die Daten nicht verknpfen kann, weil immer verschieden.
    Gegenüber dem Staat gilt das Gleiche. Warum sollte es eine
    Meldepflicht geben, eine eindeutige bleibende Steueridentifikationsnummer, GEZ, und dergleichen?
    Auch hier müssen sich die Menschen mehr Rechte erkämpfen.

    1. Frau Kurz weiß vermutlich recht genau, was man mit Daten so alles anfangen kann. Sie glaubt bestimmt auch nicht daran, dass der Datenschutz, wie wir ihn gerade haben, besonders gut funktioniert. Sie und andere hat da auch einige Forderungen an einen besseren Datenschutz formuliert. Der Datenbrief fällt mir da spontan ein, oder Meldepflichten bei „verloren“ gegangenen Datensätzen der Sammler.

      Das war allerdings gar nicht Thema des Streigesprächs. Da ging es eher darum, offenzulegen wie konzeptlos und verschwurbelt die post-privacy-Fraktion ist. Die Debatte ist noch nicht zu Ende. Leider hat die Spackeria-Repräsentantin wenig dazu beigetragen.

      1. Natürlich weiß sie das. Ich finde nur, dass es auch erwähnt werden
        muss.
        Auch beim Datenbrief gibt es das Problem, wenn
        Unternehmen (und der Staat genauso) auf einem Haufen Kundendaten sitzen. Die haben
        dann drei Möglichkeiten: Löschen, Brief versenden, nix tun.
        Löschen will sie keiner (man könnte ja noch was damit anfangen), den Brief versenden ist teuer. Nix tun ist das Beste. Die Wahrscheinlichkeit das es auffliegt, ist gering.
        In diesem Moment kommen wieder die Kunden ins Spiel. Wenn sie wissen, dass dort über sie etwas gespeicher ist, müssen sie Druck ausüben. Im Endeffekt landet die Verantwortung damit wieder beim Kunden. So wie ich meine Pappenheimer kenne wird dann nichts passieren.
        Ausprobieren sollte man es trotzfdem, weil dann die Gesamtheit der
        Menschen merkt, was läuft.

  3. Letztendlich steht ja nicht viel drin. Und Julia Schramm hat bereits mehrfach mit ihren Texten gezeigt, dass sie eher oberflächlich denkt. Sie ist aber auch noch etwas jünger.

    Festhalten kann man: Geheimnisse sind manchmal gut und manchmal überflüssig bis falsch. Die Maßstäbe, die dies bestimmen und auch die Kulturtechniken dahinter sind im Fluss. Das Individuum sollte dabei aber möglichst so geschützt werden, dass es mehr Entscheidungsfreiheiten hat.

    Es ist oftmals gut, dass sich die Bedingung für Geheimnisse verändern, aber es gibt halt immer Ausnahmen und Missbrauchspotential.

    Post Privacy ist nur eine flache Begriffshülse für dieses pubertäre iPhone-facebook-kennenlernen-Gefühl-mit-Vampier-Hochzeit, dass etwas mehr Freiheit im Umgang mit Daten Vorteile hat. Oftmals werden diese aber von den mittelfristigen Nachteilen gefressen. Nicht immer, aber oft.

    Facebook Daten werden mit Wahlen entscheiden.

    1. Kris Köhntopp besitzt halt eine gewisse intellektuelle Tiefe, was von den meisten Post-Privacy-Protagonisten nicht behauptet werden kann.

      Trotzdem ist auch bei Köhntopp der definierende Punkt die beidseitige Offenheit. Wie aber die Offenheit beim Datensammler erreicht werden kann sagt er nicht. Und wenn man Datensammler zur Offenheit zwingen kann (denn freiwillig tun könnte er das schon jetzt, nur will der Datensammler das aus offensichtlichen Gründen nicht), dann könnte man ihn auch dazu zwingen andere Datenschutzregeln zu befolgen. Und wenn man so weit ist, dann gilt das Argument der Machtlosigkeit der User gegenüber den Datensammlern nicht mehr. Und wir sind wieder am Anfang.

      1. KK ist nicht wirklich „Post Privacy Fraktion“.

        Er denkt drüber die Veränderungen nach, so wie allen anderen auch. Allerdings hält sich schon viel zu lange bei G+ auf, was man immerhin als Zeichen sehen kann, stimmt schon.

        Seien Artikel hatten aus meiner Sicht mehr Tiefe, als er noch nicht bei G+ war. Auf seiner Seite hat er Gedanken ausgearbeitet, bei G+ twittert er ab und an mal ein paar Ideen. Dies ist auch ein Problem bei der Diskussion oben — Julia Schramm hat ein Gefühl von dem sie aus argumentiert, Frau Kurz weiß relativ fest was sie sagt.

        Man lernt beim schreiben eines ganzen Textes oft, dass man keine Ahnung und schreibt den Text dann dahingehend um — bei Twitter-G+ „Texten“ passiert dies oftmals nicht — sie sind eher so wie die Kommentare hier: Teil ein Debatte, kein Plateau.

  4. Unser Datenschutzgesetz ist halt aus Zeiten, zu denen es kein Internet gab. Und ich kann es einfach nicht verstehen, dass man versucht, Privatsphäre in Zusammenhang mit dem Internet zu bringen. Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Dieser wird zwar oft auf dem heimischen PC im Wohnzimmer dargestellt. Aber das ändert nichts daran, dass das Internet öffentlich und für Jedermann zugänglich ist. Und logischerweise gibt es in der Öffentlichkeit keine Privatsphäre. Wenn ich mich auf einen belebten Marktplatz setze und dort die Leute beobachte und mit einigen rede, da beschwert sich schliesslich auch niemand darüber, dass ich das Treiben dort beobachten kann.

    Folglich lassen sich unsere Gesetzte zur Privatspäre auf das Internet nicht anwenden. Alleine der Versuch dieses zu tun ist ein Irrweg und kann ja eigentlich nur im Streit enden.

    Von daher sollte man sich einmal ernsthaft überlegen, ob man sich nicht, was das Internet betrifft, vom Datenschutz verabschiedet. Aber wir brauchen natürlich Regeln, wie mit diesen öffentlichen Daten im Internet umgegangen wird. Sollte jemand z.B. Daten über sich im Internet finden, die Er dort nicht mehr haben will, so sollte derjenige das Recht haben, solche Daten umgehend löschen zu lassen, sofern die Daten nicht von besonderem öffentlichen Interesse sind.

    Ich weiß nun nicht, ob es da schon Gesetze in diese Richtung gibt. Aber ich denke, wir brauchen da ein neues Gesetz, speziell auf den Sinn und Zweck des Internets zugeschnitten. Mit dem alten Datenschutzgesetz alleine werden wir da nicht weit kommen, glaube ich.

  5. Ich frage mich ja immer ein wenig, wo eigentlich der Schmerz für die Spackeria-Vertreter ist. Wobei ich einfach mal ein Eigeninteresse jenseits vom dem Anschein nach ebenfalls existierenden idealismusgetriebenen Gestaltungswillen unterstelle. Innerhalb des gültigen Regimes der informationellen Selbstbestimmung kann die von den meisten (allen?) Spackeria-Leuten präferierte Offenheit doch ohne weiteres gelebt werden. Das einzige, was mir einfällt, ist, dass man über die Beschränkung oder drohende Beschränkung von überwiegend ausländischen Web-Serviceangeboten verschnupft ist.

    Lustig finde ich grundsätzlich das Argument, wir wollen eine Welt, wo alles so tolerant und sicher ist, dass niemand mehr etwas verbergen will. Auch in so einer Welt, würde ich dennoch nicht alles, was irgendwann mal meiner Ex-Privatsphäre angehört hatte, an meine Umwelt telegraphieren wollen. Einfach deshalb damit mir nicht ständig jemand reinquascht. Man stelle sich freundliches Trollen und hilfreiches Spammen auf der Basis der eigenen ex-kernprivaten Lebensdaten vor, von der morgendlichen Zahnputztechnik über die persönlich Arbeitsorganisation bis zur Sexualstatistik der Beziehung. Oder das Gegenteil, keinerlei Reaktionen, weil der „eigene Scheiß“ einfach niemanden interessiert (zu niedriger Scoring-Wert). Das heutige Datenburgbauen mit Firewalls, VPNs und Krypto bedient ja durchaus ein narzisstisches Bedürfnis, immerhin impliziert diese Aktivität, dass man interessant genug ist, um den Aufwand treiben zu müssen. :D

  6. Ich finde die Argumentationslinien von Constanze ähnlich enttäuschend wie die von Julia.

    Beide tragen zu einem Verständnis für eine Datenschutz-Reform wenig bei. Denkt man an die Datenschützer der ersten Stunde und ihre heute wesentlich entspanntere Haltung (Steinmüller, Lutterbeck, Bull) oder eben die hier kürzlich auch verlinkte Seda Gürses – dann kann ich neben der unfertigen Gedankenbilder von Schramm das selbstgerechte „Ich habe die Datenschutz-Weisheit gefressen“-Verhalten von Constanze auch wenig zielbringend für die Realität in 2011.

    1. Ha-ha, Herr Best wieder mit seinem pseudowissenschaftlichen Gequatsche. Steinmüller, Bull und -Au weia- Lutterbeck, dümmer geht es nimmer. Seda in allen Ehren, aber die hat noch nicht lange zum Datenschutz geforscht.

      Wirkliche Vordenker in Deutschland heissen Simitis, Garstka, Pfitzmann oder eben Baum und Hoffmann-Riem. Ich finde ja, da ist Constanze in guter Gesellschaft.

      Aber Hey, wenn Herr Best jemanden anquaekt, hat man was richtig gemacht.

      Zu Frau Schramm verweigere ich ja mittlerweile jeden Kommentar, seit ich mal einen Tag ihren Post-Privacy-twitter-Dings gelesen hab.

      Komm Jens, geh mal wieder Webseiten klicken, ja?

      1. Lieber „Matthias“,

        Dein Tonfall diskreditiert dich völlig. Natürlich geschrieben unter Pseudonym, weil man es kann und weil du deswegen niemals zu irgendetwas stehen werden musst. Typisch für Nerdistan.
        Hinzu kommt die hier quasi übliche Art, Hochmut und persönliche Beleidigungen als Kompetenzersatz zu benutzen.

    2. Für den äußerst enttäuschenden Polemik-Faktor Schramms finde ich Constanzes Argumentationslinien durchaus angemessen und auch überzeugend. Das eine „Datenschutz-Reform“ (ich würde wegen der Tragweite und negativen Besetzung nicht von Reform sprechen) angesichts des inflationär konstantieren Kontrollverlustes nun gerade nicht notwendig wäre („tragen zu einem Verständnis für […] wenig bei“), kann ich übrigens nicht erkennen. Wir sollten hier nicht verkennen, dass es sich um ein Streitgespräch(!) und keinen tiefgehenden Aufsatz gehandelt hat.

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