Kultur

Das Wikipedia-Lexikon wird gedruckt

Bertelsmann bringt demnächst das „Wikipedia-Lexikon“ heraus, das sich als „lexikalisches Jahrbuch“ versteht. In der Konzeption soll es sich aufgrund „des starken Aktualitätsbezuges sowie der differierenden Gewichtung der Stichwörter und Stichworttexte deutlich von klassischen A bis Z-Nachschlagewerken“ unterscheiden. Im Wikipedia-Lexikon wird nicht das gesamte Wikipedia-Wiki gedruckt, sondern nur rund 50.000 Stichwörtern und erklärten Begriffe, die in 2007/08 zu den häufigsten recherchierten Suchbegriffe gehörten. Dazu wurde eine Formel entwickelt, die diese Informationen aus den Wikipedia-Statistiken ermittelt. In den Stichwortartikel sollen die Zusammenfassungen stehen, die man in der Einleitung eines Wikipedia-Artikels findet

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Wikimedia Deutschland freut sich in der Pressemitteilung:

Für den Verein Wikimedia Deutschland ist das Wikipedia-Lexikon ein wichtiger Meilenstein. „Es wird weltweit das erste gedruckte allgemeine Nachschlagewerk auf Basis von Wikipedia-Inhalten sein“, betont Vorstandsmitglied Mathias Schindler. „Wir sind sehr gespannt auf die Resonanz und hoffen, dass damit all jene widerlegt werden, die gedruckte Lexika in Zeiten des Internets schon abgeschrieben haben.“

Ein weiteres nettes Beispiel, wie man freies Wissen mehr Menschen zur Verfügung stellen kann. Und ein Euro pro verkauftem Buch gehen an die Wikipedia. Gleichzeitig wird es einen gemeinsamen Workflow mit dem Bertelsmann-Lektorat geben, so dass Änderungen und Verbesserungen an den Artikeln zurück ind ie Wikipedia fliessen.

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12 Kommentare
  1. mir scheint bei Bertelsmann setzt sich langsam aber sicher Verstand und Vernunft durch. Statt auf sein „Geistiges Eigentum“ zu beharren und es möglichst wenigen gut zahlenden zur Verfügung stellen zu wollen, und sich damit die eigene Zukunft hinter den Mauern des „Geistigen Eigentums“ zu verbauen setzen sie auf Zusammenarbeit und Offenheit. Wenn Bertelsmann schlau ist, dann bauen diese die Unterstützung für Wikipedia aus und erarbeiten sich so ein neues Renommee, mit dem sich dann auch wieder Geld verdienen lässt……

  2. @1: bei bertelsmann setzt sich nur eines durch: Geld! Und was wäre einfacher, als die ohnehin vorgefertigten Inhalte der Wikipedia ein wenig zu sortieren, aufzubereiten, zu drucken und zu verlaufen. Erst mal auf Ausführung und Preis schauen, bevor ich den Bertelsmännern über den Weg traue. 1 (ein) Euro pro Buch für die Wikipedia ist immerhin drin, da bekomme ich als geknechteter Auto für ein Fachbuch in mittlerer Auflage mehr (nicht viel aber immerhin).
    Dennoch – ich warte erst mal das Produkt ab. Mal sehen wieviel brauchbare Information drin sein wird, wenn die sich aus den häufigsten Suchbegriffen zusammensetzt.

  3. wer sich mal kritisch mit bertelsmann, seiner „gemeinnützigen“ operativen stiftung, seinen direkten ablegern wie dem centrum für hochschulentwicklung (che) oder arvato — um nur zwei von vielen zu nennen — beschäftigt hat, kann bei dieser meldung eigentlich nur das kalte grausen kriegen: nicht nur, daß bertelsmann nun redaktionelle „korrekturen“ in der wikipedia vornehmen wird, sondern man läd sie auch noch freudig dazu ein.

    von mir aus sollen sie drucken was sie wollen, wenn es die lizenzen erlauben. aber ausgerechnet bertelsmann sollte kein sonderstatus für inhaltliche arbeiten zugestanden werden. dies ist mehr ein weiteres beispiel, wie ein globaler meinungsmacher seinen eigenen einfluß ausweitet, und aus meiner sicht ein rückschlag für die community.

  4. @2: Grundsätzliche Vorabbemerkung zu deinem ersten Hinweis: Sicherlich ist das Hauptziel von Bertelsmann Geld zu verdienen und nicht Projekte aus reiner Menschenfreude umzusetzen. Soweit gehe ich mit dir konform.

    Zum Folgenden: Der Nachbearbeitungsaufwand ist nicht zu unterschätzen. Es ist keineswegs so, dass man einfach hingehen kann und – wenn man erst einmal eine Liste von Lemmata hat – „fertige“ Beiträge aus der Wikipedia extrahieren und mal eben vergolden lassen kann.

    Gerade Directmedia, aber im besonderen auch die Ersteller der WikiReader könnnen dir da so einiges über den Arbeitsaufwand erzählen (wobei ich davon ausgehe, dass er bei Bertelsmann trotz allem niedriger ausfällt, weil er sich nur auf die einleitenden Absätze beschränkt).

    Zu Ausführung und Preis: 1.000 Seiten, 50.000 Lemmata, 1.000 Bilder (wird augenscheinlich recht eng im Buch werden). Vierfarbdruck, Hardcover.

    Zur Zusammensetzung der Suchbegriffe: Mathias schreibt in wikide-l, dass die „automatisch generierte Liste“ dann doch noch mal normalisiert/gewichtet wurde und mit dem abgeglichen wurde, was sonst üblicherweise in Einbändern zu finden ist.

  5. @5: unter einem „gemeinsamen workflow mit dem bertelsmann-lektorat“ verstehe ich schon eine etwas intensivere zusammenarbeit als mit jedem anderen beitragenden. klar, den „edit“-button konnten bertelsmänner natürlich wie jeder andere auch schon immer jederzeit bedienen. wenn das einfach so bleibt, sehe ich überhaupt keinen grund für eine erwähnung dieser tatsache.

    wikimedia deutschland wäre meiner meinung nach gut beraten, jede verflechtung mit bertelsmann zu meiden und zweifelsfrei seine unabhängigkeit zu demonstrieren. wenn auch nur der eindruck entsteht, die gütersloher seien zur korrektur der wichtigsten artikel eingeladen, kann damit das image der wikipedia glaube ich nur verlieren.

    ich glaube auch nicht, daß es bertelsmann hierbei in erster linie um geld geht. es geht zunächst um einfluß. die konzernführende familie verfolgt seit jahren die gesellschaftliche umstrukturierungs-vision von vater reinhard mohn: öffentliche güter privatisieren und wie ein unternehmen führen. für die gedankliche vorbereitung gewünschter veränderungen gibt es die bertelsmann-stiftung, die ausschließlich selbst erdachte projekte finanziert und mit fragwürdigen rankings und studien scheinbar objektive „tatsachen“ präsentiert, die keine handlungsalternativen erscheinen lassen. sobald die ideen gegriffen haben, steht praktischerweise die eine oder andere bertelmann-tochter zur übenahme der neuen aufgaben bereit (z.b. kommunalverwaltung durch den dienstleister arvato).

    eine umarmung der wikipedia erfolgt sicherlich nicht ohne hintergedanken, und irgendwie zweifle ich stark, daß der konzern uns damit etwas gutes tun will.

  6. vielleicht in diesem kontext ganz interessant ist diese
    diskussion um zusammenarbeit mit spiegel online und bertelsmann vom februar.

    sie zerfasert sehr, weil unterschiedliche ebenen (geld, image, lizenzen, ziele, motive etc.) durcheinander geraten, die meiner meinung nach getrennt voneinander diskutiert werden sollten, um ein gesamtbild zu erhalten.

    wenn ich nochmal über die gedruckte form nachdenke und mir vorstelle, daß auf jeder seite statistisch gesehen 50 begriffserklärungen und eine grafik erscheinen sollen, wird zumindest eines deutlich: kontroverse standpunkte und komplexe zusammenhänge wird dieses buch schon einmal nicht in die welt tragen können.

  7. Hinweis: Ich arbeite beim Wissen Media Verlag und bin am Wikipedia-Lexikon auf technischer Seite beteiligt.

    @3 – Wir werden Wikipedia-Einträge nicht ändern. Dies würde aufgrund der mengenweisen Kürzung der Artikel für die Anforderungen der Druckausgabe (auch Dinge wie z.B. „und“ durch „u.“ ersetzen) keinen Sinn machen und uns würde sicher berechtigterweise der gesammelte Unmut der Wikipedia-Gemeinde entgegen schlagen.

    Wir werden jedoch den Inhalt des Lexikons in einem Band jedoch entsprechend der GFDL zur Verfügung stellen, so dass Wikipedia-Autoren selbst entscheiden können, ob sie ggf. unsere Artikelbearbeitung übernehmen wollen. Die Bestimmungen der GFDL besagen übrigens auch, das alle Autoren genannt werden. Dies werden wir in Form des Wikipedia-Benutzernamens der an den abgedruckten Artikeln beteiligten Autoren tun, auch wenn dies selbst bei Mikroschrift eine ganze Reihe Seiten füllen wird.

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