Kultur

Meinungsfreiheit durch Blogs

Gerade hatten wir eine sehr spannende Diskussionsrunde im newthinking store über Blogs und Meinungsfreiheit in verschiedenen Kulturen. Ein Teil der internationalen Jury von „Best of the Blogs“ der Deutschen Wellt war dabei und alle berichteten von ihren Erfahrungen aus ihren Projekten, Kulturkreisen und Blogosphären. Ich hab mal mitgeschrieben und hier gibt es eine kleine Zusammenfassung der knapp zweistündigen Diskussion. Hätte je gerne länger diskutiert, aber die Jury-Mitglieder mussten alle nochmal ins Hotel und später um 20 Uhr gibt es die offizielle Preisverleihung der BOBS im Museum für Kommunikation in Berlin.

Wir finanzieren uns zu fast 100 % aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

bobs.jpg

Michael Anti berichtete aus China. Dem einen oder anderen ist er vielleicht dadurchbekannt, dass die Blog–Plattform von Microsoft ihn vor einiger Zeit einfach löschte, weil seine Inhalte die chinesische Regierung störten. Er berichtete ausführlich über die Zensurmechanismen in China, die je bekanntlich die grosse Zensur-Firewall hat. Das Internet ist durch die ganzen Filter sehr langsam. Youtube und andere Videoplattformen sind dadurch nur eingeschränkt nutzbar, alles ruckelt nur. Breitband ist zwar da, aber nicht wirklich einsetzbar. Seiner Meinung nach wird durch die Zensur eine Menge Kreativität behindert. Alle bedeutenden Plattformen und Blogs berichten nur über Entertainment. Video-Blogs sind eigentlich nur als Unternehmen zu machen. Andere Video-Blogs werden zensiert. Seit diesem Jahr fängt auch der sogenannte Citizen Journalism in China an, an Bedeutung zugewinnen. Viele Journalisten experimentieren mit den neuen Möglichkeiten herum, weil tradionellen Medien ihnen keinen Freiraum dafür bieten. Sie berichten z.B. über lokale Proteste, die in den Massenmedien nicht erwähnt werden. Aber eigentlich ist Kritik nicht wirklich erlaubt, auch Sex ist ein unerwünschtes Thema. Es gibt in China soviele Internetnutzer, so dass nicht alle Menschen kontrolliert werden können, sondern nur Webseiten. Viele Blogger gehen daher zu Blog-Plattformen ins Ausland, wo sie offener und anonymer schreiben können.

Die Zensur funktioniert vor allem über Keyword-Filterung. Man schreibt einfach „demo/cray“ anstatt „democracy“ und es funktioniert meist. Vergleichbar mit Viagra-Spam. Oftmals werden auch IP-Adressen oder URLs gefiltert. Das Filtern begann um das Jahr 2000 herum. Zuerst wurden IP-Adressen geblockt, also nahmman Proxies. Mittlerweile gibt es wohl ein Joint-Venture zwischen Cisco und der chinesischen Regierung, um Proxies zu verhinden. Hilfe bietet ein Tol namens Freegate, was mit https-Proxies und Sockets arbeitet. Damit kann man die Cisco-Zensurinfrastruktur im Moment umgehen. Probleme sollen in China übrigens auch Kommunisten haben, die die reine Lehre propagieren. In Zeiten des Staats-Kapitalismus ist das nicht mehr so wirklich gewünscht.

Farnaz Seifi
ist eine iranische Journalistin, Frauenrechtlerin und Bloggerin und berichtete über ihr Land. Ihrer Meinung nach ist der Iran schlimmer zensiert als China. Sehr viele Menschen nutzen das Netz im Iran. Farsi soll die viert grösste Sprache im Netz sein. In einer ersten Welle nutzten Journalisten Blogs als alternative Medien. In den tradionellen Medien war alles zensiert. Sehr oft brachten diese zensierte Artikel und die Journalisten veröffentlichten in Blogs ihre Originalartikel. Zwischen 1993-2002 war das Internet weitgehend frei. Der Aufbau von Zensurinfrastrukturen begann im Jahr 2001. Zuerst waren pornografische Seiten betroffen. In einer nächsten Wele ging es gegen politische Blogs und Webseiten. Gleichzeitig wuchs bei vielen das Bedürfnis, sich frei im Internet ausdrücken zu können.

Es gibt vor allem zwei Wege der Filterung: URL-Filter und Keyword-Filter. Wie in China kannman die Keyword-Filter leicht mit der Viagra-Methode umgehen. Für die URL-Filterung gibt es wohl eine staatliche Hotline, wo man anrufen und sich beschweren kann. Mittlerweile sind viele Community-Seiten wie Youtube,Flickr, Orkut und Facebook komplett zensiert. Laut Farnaz Seifi gibt es mehr Zensur als in China und der Iran scheint Vorbild für China und andere Staaten zu sein. Auf gefilterte Blogs kann man mit Proxies zugreifen. Auf Youtube & Co aber nicht. Das Wort „Women“ wird gefiltert, weil man sich vor Frauen-Gruppen fürchtet. „Woman“ wird nich tgefiltert. Dafür das Wort „filter“. Aktivisten und Journalisten werden auch in ihrer eMail-Kommunikation überwacht. Einmal hat sie von einem Sicherheitsbeamten auch das Passwort zu ihrem Blog genannt bekommen. Sie hat ihn darauf eingeladen, gleich mit zu bloggen.

Breitband wird im Iran reguliert. Es ist per Gesetz verboten, schnelles Internet zu haben. Damit niemand mal eben grössere Videos distributieren kann. In den letzten Jahren sind 10-12 Blogger für längere Zeit im Gefängnis gelandet. Sie selbst war im Januar zm ersten Mal für zwei Wochen im Gefängnis. Sie ist am Flughafen festgenommen worden, als sie nach Dehli zu einem Workshop über Cyberjournalism wollte. Begründung ihrer Festnahme war die Gefährung der nationalen Sicherheit. Ein zweites Mal ist sie im Februar für zwei Wochen im Gefängnis gelandet, als sie an einer friedlichen Demonstration teilnahm. Demnächst hat sie wieder ein Verfahren.

Eine Kontrolle der Blogs ist nicht wirklich möglich. Sehr viele Menschen schreiben mit richtiger Identität. Als nächste Welle wurden sofort die Blog-Betreiberfirmen angegangen. Diese müssen kritische Blogs innerhalb von 24h löschen oder sie landen im Gefängnis. Das hat man wohl von China übernommen. Vor Wahlen fangen auch gerne Politiker an zu bloggen. Nur hören diese in der Regel mit dem Wahltag auf. Das ist vergleichbar mit Deutschland. Es gibt viele religiöse Blogger, diese werden nicht gefiltert. Am meisten Probleme hat man mit einem sakulärenund/oder liberalen Weltbild.
Sie berichtete noch von Plänen, das sdemnächst Chips in die Pässe kommen sollen, mit denen die Bürger weltweit ortbar sind. Aber technisch wusste sie darüber wenig. Vielleicht sind es auch nur RFID-Chips. (Hat jemand schonmal von den iranischen ePass-Plänen gehört?

Jose Luis Orihuela ist ein Wissenschaftler aus Spanien und hat ein Buch namens „Die Revolution der Blogs“ geschrieben. Und das kam mir alles sehr bekannt vor. Blogger kämpfen dort nicht so sehr für Meinungsfreiheit, stattdessen eher um Presse-Aufmerksamkeit, Werbung und Rankings. Mittlerweile gibt es mehr als 60 professionelle Blog-Netzwerke, die thematisch aufgestellt sind. Nächste Woche findet die zweite spanische Blogger-Konferenz statt, vergleichbar mit der re:publica. Mehr als 850 Menschen haben sich schon angemeldet. Die meisten Online-Medien haben eigene Blogs und Kolumnisten. Viele neue Blogs konzentrieren sich auf thematische Nischen, scheint weniger persönliche Blogs als in Deutschland zu geben. Die meisten grossen Unternehmen haben mittlerweile Corporate-Blogging Angebote.Er berichtete auch noch von anderen spanisch-sprachigen Ländern. In Kuba hat man als Blogge die grössten Probleme. Dort gibt es nur offizielle Blogger, welche die Diktatur in den höchsten Tönen loben. In Argentinien scheint es sehr gute tradionellen Medien (cladistine?) zu geben, die sehr früh Blogs eingebunden und die Blogosphäre umarmt haben.

Andrew Baron ist der Kopf von Rocketboom. Wer Rocketboom nicht kennt: Das ist das Original von Ehrensenf. Er musste erstmal klarstellen, dass er George W. Bush nicht gewählt hat. 2004 engagierte er sich in der politischen Blogosphäre gegen Bush und baute Blog-Netzwerke wie bushnetwork.com (?) mit auf. Zu dem Zeitpunkt veränderte sich auch die mediale Realität in den USA. Britband war da und Kameras wurden immer billiger und besser. Im 2004er Wahlkampf gab es noch kaum Video. Am bekanntesten war die JibJab-Flashanimation, wo Bush rumtanzte. Danach begann auch Rpcketbook. Er hatte eine Kamera rumfliegen und die Idee dazu. Rocketboom war eines der ersten Video-Blogs und erlebte einen grossen Boom mit dem aufsteigenden Trend. Mittlerweile arbeiten vier Personen in Vollzeit dafür. Das letzte Jahr war das Projekt weitgehend durch einen Rechtsstreit mit der ehemaligen Anchor-Frau Amanda lahmgelegt. Diese klagte vor Gericht, dass ihr die Rechte gehören. Barongewann auch die Berufung und dieses Jahr kann man sich mehr auf den Ausbau der Plattform konzentrieren. Als nächstes ist eine LIve-Show geplant. Darin soll einmal die Woche jemand ein Problem schildern und die Zuschauer sollen innerhlab von einer Stunde bei der Lösung des Problems helfen. Nette Idee von Crowdsourcing. Rocketboom hat im Moment eine Million Zuschauer in der Woche.Mit video-Werbung lässt sich wohl viel mehr Geld verdienen als mit Banner-Werbung in Blogs.

Sonia Francine war früher VJ und Programmdirektorin bei MTV Brasilien. Jetzt ist sie Fußballkommentatorin und Abgeordnete der Stadt São Paulo. Sie schilderte über die Situation in Brasilien. Sehr wenige Menschen haben dort Computer zuhause. Ins Internet gehen die meisten über Learnhouses und Telecentres. Diese werden von den kommunalen Verwaltungen zur Verfügung gestellt. In Sao Paulo gibt es mehr als 100 davon. Blogs werden dort ernstgenommen. Das ist gut und wiedre schlecht. Weil oftmals machen Gerüchte die Runde, ohneüberprüft zu werden. Viele Kolumnisten von einflussreichen Medien haben mittlerweile eigene einflussreiche Blogs. In Sao Paulo gibt es wohl eine grössere Community von Fahrrad-Aktivisten, die Blogs nutzen. Diese setzen sich für die Rechte von Fahrradfahrern in einer Fahradfeindflichen Stadt ein. Dort gibt es z.B. keine Fahrradwege.

Der französische Journalist Gilles Klein berichtete nur kurz, dann mussten leider alle zurück zum Hotel. In Frankreich gibt es wohl auch Abmahnprobleme in Blogs. Während des Wahlkampfes sei es eine beliebte Taktik gewesen, in politisch missliebigen Blogs Kommentare zu hinterlassen, womit man die Blogs abmahnen konnte. Die grösste PLattform sky (?) soll mehr als 12 Millionen Blog-Accounts haben, wobei viele aber Karteileichen sind. Aber die Plattform ist wohl Wegbereiter gewesen, dass Blogs sich viel schneller in Frankreich durchgesetzt haben als in Deutschland.

Gleich geht es rüber zur Preisverleihung. Ich weiss zwar schondie Gewinner, darf sie aber erst nach 22 Uhr veröffentlichen.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
6 Kommentare
  1. Übrigens wer blip.tv für seinen Videoblog benutzt kann damit durchaus etwas Geld verdienen.

    blip.tv ist ein kostenfreier Videohoster ähnlich youtube, nur mit dem Unterschied das 50% der Einahmen an die Nutzer ausgeschüttet werden.

    Das beste ist jedoch das blip.tv auch videostreams im freien OGG Theora format sowie wmv, mov und flashstreams anbietet.
    Damit eignet sich das Angebot für alle die hochauflösende Videos im Format ihrer Wahl streamen wollen.

  2. Zensur liese sich doch auch damit umgehen indem man den Text in Open-Office als PNG oder jpeg exportiert und dann einfach die Bildatei postet.

    Da es im Moment noch keinen Filter gibt der eine Echtzeit OCR analyse beinhaltet wäre das auch eine Möglichkeit um der automatischen Sperrung zu entgehen.

    Der einzige nachteil davon wäre freilich das Suchmaschienen den Text ebenfalls nicht erfassen können.

  3. puh, kann mich grad nicht entscheiden was besser ist:
    in einem land zu leben wo es eine defacto zensur gibt (siehe oben) oder in einem land wie dem unseren, wo lediglich die illusion einer meinungsfreiheit herrscht …

    aber cooler artikel

  4. Morgen

    Guter Artikel, danke schön! Einen Punkt habt Ihr vergessen… es geht auch in Deutschland mit der Meinungsfreiheit bergab. Anwälte mahnen Foren- und Blogbetreiber im Auftrag von Firmen abm die so negative Berichterstattungen verhindern wollen. Ich bin der Meinung, wehret den Anfängen! Es kann nicht sein, dass man sich nicht negativ über ein Produkt äussern darf, solange man den notwendigen Anstand bewahrt. Dabei gibt es mehrere Firmen, die diese Praktiken exzessiv anwenden und damit die Meinungsbildung behindern.

    Helfen wir mit, dies zu verhindern.

    Christian

  5. Wirklich guter Artikel, auch noch nach 3 Monaten! Schaut Euch bitte an, wie weit wir nach nur 3 Monaten gekommen sind. Freie Meinungsäußerung wird immer schwieriger. Wer will denn die vielen „Abmahnfallen“ noch erkennen können?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.