Polizei im NetzWie die Polizei Soziale Netzwerke mit Copaganda flutet

Mit lockeren und unterhaltsamen Posts auf Social Media will die Polizei Nachwuchs rekrutieren und das eigene Image verbessern. Dabei sollen offizielle Polizei-Influencer*innen helfen. Doch was darf die Polizei online eigentlich und wo überschreitet sie ihren gesetzlichen Auftrag?

Die linke Bildhälfte zeigt mehrere Polizist*innen mit braunen Papiertüten auf dem Kopf. Die rechte Hälfte zeigt die Caption und die Kommentare.
Eine Polizistin wird von ihren Kolleg*innen „geprankt“. Der Post erntet über 100 000 Likes auf Instagram.

Polizist*innen mit Papiertüten über dem Kopf. Nein, das waren nicht böswillige Demonstrant*innen, die den Uniformierten einen Streich gespielt haben. Die Tüten haben sich die Hessischen und Berliner Polizei-Influencer*innen freiwillig über den Kopf gezogen. Und zwar für ein gemeinsames Instagram-Reel zu Halloween.

Wer in diesem Beitrag nach neutraler, sachlicher und richtiger Kommunikation – zu der die Polizei eigentlich verpflichtet ist – sucht, wird nicht fündig werden. Auch von dem gesetzlichen Auftrag der Polizei, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwehren und Straftaten zu verfolgen, fehlt im Beitrag jede Spur.

Dieser scheinbar witzige Beitrag auf einem offiziell Polizeikanal veranschaulicht plastisch die Entwicklung der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit, die sich in den letzten Jahren vollzogen hat: Die Polizei hat ihre Präsenz in den Sozialen Netzwerken massiv ausgebaut und erobert mit ihrem informellen, humorvollen und unterhaltenden Kommunikationsstil zunehmend Tausende und Abertausende von Likes und Follower*innen.

Mit anderen Worten, die Polizei flutet die sozialen Netzwerke täglich mit „Copaganda“ – ein zusammengesetztes Wort aus „Cop“ und „Propaganda“ -, um sich in einem auffallend positiven Licht darzustellen.

Insgesamt betreiben alle Polizeibehörden in den Bundesländern und die Bundespolizei mittlerweile mindestens 570 Accounts, wobei sich die polizeiliche Präsenz in sozialen Netzwerken von Bundesland zu Bundesland stark unterscheidet. Der Vorreiter ist mit Abstand Nordrhein-Westfalen mit „weit über 200 Accounts“ wie ein Sprecher des NRW-Innenministeriums auf Anfrage mitteilt, gefolgt von Niedersachsen mit 131 Accounts auf Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, LinkedIn, WhatsApp und X.

Social-Media-Abteilungen der Polizei platzen aus allen Nähten

Niedersachsen liegt im bundesweiten Vergleich auch ganz vorn, was sogenannte Corporate Influencer – auch Social Media Cops genannt – angeht. Ganze 24 Polizist*innen führen hier offizielle personalisierte Accounts auf Facebook und Instagram – eine Möglichkeit, die laut dem Pressesprecher des niedersächsischen Innenministeriums schon seit 2016 besteht.

„Seit 2019 wurden die Polizeibehörden und die Polizeiakademie Niedersachsen nochmals gesondert gebeten, das Einrichten und Ausbauen von diesen personifizierten Accounts aktiv zu fördern“, heißt es auf Anfrage von netzpolitik.org.

Die Berliner Polizei beschäftigt ebenfalls einen Influencer mit eigenem offiziellen Account, die Polizei Rheinland-Pfalz hat jüngst die erste TikTok-Influencerin vorgestellt und die Polizei Bayern denkt aktuell über den Einsatz von Corporate Influencern nach, „um die Kommunikation und den Dialog mit der Öffentlichkeit weiter zu intensivieren“, heißt es auf Anfrage. In Hessen sind es fünf Polizisten, die seit letztem Jahr „authentisch, persönlich und glaubwürdig aus ihrem Dienstalltag berichten und für ihre jeweilige Community ansprechbar sein“ sollen, so ein Sprecher des Hessischen Polizeipräsidiums Einsatz.

Das KI-generierte Bild zeigt eine kleine Puppe in Polizeiuniform mit offenen blonden Haaren und großen blauen Augen. In der Verpackung sind außerdem noch eine Pistole, ein Handy, eine Hantel und ein Katzenfoto in Miniatur.
Die Hessische Polizei-Influencerin wollte mit dem Trend mitgehen und hat sich von ChatGPT als Actionfigur darstellen lassen. Jeglicher Hinweis auf KI fehlt. Klassiker: ein Bild einer niedlichen Katze ist aber dabei.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei in sozialen Medien hat sich in den vergangenen Jahren stark professionalisiert. Die Etablierung von einzelnen Polizist*innen als Persönlichkeitsmarken ist nur ein Ausdruck davon. Die für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stellen haben sich in Unterabteilungen ausdifferenziert. Inzwischen haben fast alle Polizeien in den Bundesländern eigene Social Media Teams. Allein in Baden-Württemberg arbeiten insgesamt rund 50 Personen an landesweiten und regionalen Social-Media-Auftritten der Polizei, in Bayern sind es 45 Personen. In Hessen, Niedersachen und Berlin etwa liegt die Zahl ebenfalls im zweistelligen Bereich.

Social-Media-Cops auf der Suche nach Nachwuchs

„Tatütata – der Mario ist da! 🚨🚔“. So spricht der Berliner Polizei-Influencer Mario Langner seine Community auf Instagram an. Dort hat er mehr als 100.000 Follower. Auf TikTok hat der Polizeikanal, den maßgeblich Mario bespielt, fast eine Million Follower und rund 20 Millionen Likes.

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Im Unterschied zu allen anderen Corporate Influencer*innen der Polizei, die bei ihren Stammdienststellen arbeiten und die Social-Media-Kanäle nebenbei betreiben, ist er kein klassischer Polizeibeamter. Als sogenannter digitaler Berufsberater bietet er hauptamtlich „berufsinteressierten Personen eine niedrigschwellige, digitale und direkte Option zur Kontaktaufnahme und Information über die Arbeitgeberin Polizei Berlin“, so die Berliner Polizei auf Anfrage.

Oder anders gesagt, er macht in seiner gesamten Arbeitszeit nichts anderes, als unterhaltende Reels für junge Menschen zu produzieren. Offiziell wird er als „Sachbearbeiter Strategische Nachwuchsgewinnung“ geführt. Ihm helfen andere Polizist*innen im Nebenamt, die als wiederkehrende Gesichter in den Kanälen auftauchen, aber keine eigenen Accounts haben.

„Obwohl das Image der Polizei teilweise auch unter jungen Leuten gut ist, möchten immer weniger von ihnen diesen – neutral gesprochen – harten Job machen“, sagt der investigative Journalist und Buchautor Mohamed Amjahid, der seit Jahren zu Polizei recherchiert, unter anderem in sozialen Medien. „Deswegen hat die Polizei angefangen – insbesondere auf TikTok – sehr junge Menschen, ich würde sogar sagen, Kinder anzusprechen“, so Amjahid.

Ihm zufolge seien die Polizei Berlin und NRW besonders aktiv dabei, junge Menschen auf Social Media für den Beruf zu begeistern. Das passiere nicht nur mit den Beiträgen selbst, sondern auch mit gezieltem Community-Management. „Es wird sehr schnell, sehr positiv auf die Kommentare von den Kids eingegangen“, sagt der Journalist.

Neben der Produktion von Inhalten investiert die Polizei den größten Aufwand in das Community Management. Das bestätigt auch eine wissenschaftliche Studie über polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit auf Social Media von Michael Graßl. Die Accounts in sozialen Netzwerken seien in der Nachwuchsrekrutierung unverzichtbar geworden, werden Social-Media-Verantwortliche bei der Polizei dort zitiert.

Nachwuchsrekrutierung und Imagepflege sind neben präventiver und sicherheitsrelevanter Kommunikation in akuten Einsatzlagen in der Tat zwei primäre Ziele der polizeilichen Social-Media-Präsenz. Die Bundespolizei sowie eine überwiegende Mehrheit der Landespolizeien betreiben speziell für Nachwuchswerbung eingerichtete „Karriere“-Kanäle.

„Mir ist es lieber, dass die Polizei auf Social Media rekrutiert, als beispielsweise nur im Schützenverein“, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw, Professorin für digitale Kommunikation an der Universität Hamburg. Wenn das Ziel ist, dass bei der Polizei Menschen aus der Breite der Bevölkerung arbeiten und nicht nur aus eng gefassten Kreisen mit einer sehr starken nationalen Gesinnung oder einem extremen Staatsverständnis, sei die Rekrutierung über Social Media notwendig. „Nicht unproblematisch finde ich jedoch, wenn Jugendliche mit Heldenerzählungen konfrontiert werden, die der realen Polizeiarbeit nicht entsprechen“, fügt die Wissenschaftlerin hinzu.

In der linken Bildhälfte ist ein etwa 8 Jahre altes Mädchen zu sehen, in der rechten Bildhälfte dieselbe Person im Erwachsenenalter in Polizeiuniform.
Screenshots aus einem Reel der Polizei-Influencerin Selina. Darin erzählt sie, wie sie von einem schüchternen und unsicheren Mädchen zu einer selbstbewussten und mutigen Polizistin im Rampenlicht wurde.

„Die Polizei ist cool, die Polizei ist ein super Arbeitgeber, die Polizei macht alles richtig, die Polizei ist eine große Familie“ – diese an junge Menschen gerichtete Erzählung der Behörde findet der Journalist Amjahid moralisch problematisch. Dass sich die Polizei in sozialen Medien oft gern als divers, weiblich und emanzipatorisch darstellt, finde sowohl bei klassischen Law-and-Order-Anhänger*innen als auch bei Befürworter*innen von Diversity-Initiativen Anklang, beobachtet der Experte. Mit dieser Erzählung wird suggeriert, dass strukturelle Probleme wie Rassismus, Polizeigewalt, Machtmissbrauch, systematische Vertuschung und rechte Netzwerke innerhalb der Polizei sich damit von selbst lösen.

Polizei: der neue Entertainer?

„In manchen Beiträgen der Polizei ist gar keine Message dabei, außer dass es schön aussieht“, sagt Amjahid. „Es sind häufig Banalitäten, die TikTok und Instagram ausmachen“.

Anders als X, ehemals Twitter, das die Polizei eher zur anonymeren und sachlicheren Kommunikation im Tagesgeschäft nutze, werde Instagram für die Strafverfolgungsbehörde zum „verspielten Schönling“: „ästhetisch, visuell, direkt, per Du“, so die Studie von Graßl. Hier gehe es vor allem darum, ein schönes Erscheinungsbild zu kreieren, und dieses mit Interaktion, Meinung, Unterhaltung, Storytelling und Humor zu unterfüttern.

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Der polizeilichen Kommunikation sind allerdings Grenzen gesetzt: „Polizeibehörden dürfen nur im Rahmen ihrer gesetzlichen Aufgabe, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwehren, Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Außerhalb dieses – ohnehin weiten – Aufgabenkreises dürfen Polizeibehörden nicht handeln und folglich auch nicht kommunizieren“, so die Auslegung der höchstrichterlichen Rechtsprechung des Juristen Friedrich Dilg für netzpolitik.org. Praktisch bedeute dies, dass sich Polizeibehörden keineswegs beliebig zu jedem Thema einlassen dürfen. Fotos aus dem Urlaub am Meer oder von niedlichen Tieren gehören grundsätzlich genauso wenig dazu wie unterhaltende Pranks, Trends und Challenges. Auch darf die Polizei keine eigene Meinung haben, da sie als staatliche Behörde keine Grundrechte inne hat.

 

Zwei Polizist*innen posen für die Kamera. Vor ihnen steht ein Kicker-Tisch.
Darf die Polizei Gewinnspiele in sozialen Medien veranstalten? Die Polizei Influencer*innen Serhat und Selina aus Hessen nehmen es locker. Denn es geht darum, Interaktionen der User*innen zu genieren.

Um Sichtbarkeit in sozialen Medien zu erreichen, komme die Polizei nicht umhin, sich den algorithmisch gesteuerten Empfehlungssystemen der jeweiligen Plattformen anzupassen, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Kleinen-von Königslöw. „In bestimmten Situationen beißt sich das extrem mit dem, was sonst der polizeiliche Auftrag ist“. Das sei beispielsweisen bei sicherheitsrelevanten Großlagen wie Demonstrationen oder Terroranschlägen der Fall, wenn die Polizei die Öffentlichkeit im Idealfall zeitnah mit korrekten und sachlichen Informationen versorgen soll. „Das ist ein Zielkonflikt, der sich schlecht auflösen lässt“, so Kleinen-von Königslöw.

Um mit der Schnelllebigkeit der sozialen Medien mitzugehen, musste die Polizei außerdem ihre strengen hierarchischen Freigabeprozesse in der PR-Arbeit lockern. Social-Media-Abteilungen genießen innerhalb der Öffentlichkeitsarbeit vergleichsweise große Freiheiten, wenn es darum geht, Postings rauszuschießen. Die Polizei-Influencer*innen ihrerseits sind größtenteils eigenverantwortlich auf Social Media unterwegs, nur bestimmte Themen oder Formate müssen von der zuständigen Fachaufsicht freigegeben werden.

Uneingeschränkte Deutungshoheit auf Social Media für die Polizei?

Derweil baut die Polizei ihre Präsenz in sozialen Netzwerken stetig weiter aus. Neue Plattformen werden erschlossen, neue Accounts gegründet. Die Polizei Baden-Württemberg ist etwa auf Mastodon, die Polizei Sachsen-Anhalt bereitet gerade so einen Account vor. Auch auf Online-Diensten wie Threads, Twitch und Xing betreibt die Polizei vereinzelt Kanäle.

„Die Polizei ist eine Institution mit eigenen Interessen, die auch deshalb gern online kommuniziert, um die Deutungshoheit in der Hand zu haben und den Umweg über journalistische Redaktionen zu umgehen“, sagt Amjahid. „Nicht weil der Journalismus kritisch gegenüber der Polizei ist, sondern weil es so schlichtweg einfacher ist“.

Das Problem dabei: Die Polizei kann mit ihrer großen Reichweite in sozialen Netzwerken stärker denn je in Meinungsbildungsprozesse in der digitalen Welt eingreifen und so die Diskussion über polizeiliches Handeln steuern. Die Bayerische Polizei beispielsweise möchte nicht nur Vertrauen in ihre Arbeit erhöhen, sondern sich in der Öffentlichkeit auch als eine „sympathische, menschliche und nahbare Polizei“ verstanden wissen, schreibt ein Pressesprecher des Bayerischen Innenministeriums.

Die Berichterstattung und der Diskurs über polizeiliches Handeln müssen gesellschaftliche Vorgänge sein, ohne dass die Polizei diese an sich zieht. Angesichts des Ausmaßes der Polizeipräsenz auf Social Media fehlt es jedoch weitgehend an einer öffentlichen Diskussion, die das polizeiliche Vorgehen auf Social Media hinterfragt und reflektiert. Die letzten öffentlichen Debatten darüber, was die Polizei auf Social Media machen darf und was nicht, liegen bereits mehrere Jahre zurück. Der Einfluss und die Bedeutung der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit in sozialen Medien sind seitdem nur gewachsen.

Ein möglicher Ausgangspunkt für die Debatte ist, dass es sich bei der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit um die Ausübung hoheitlicher Gewalt handelt. Denn die Polizei bleibt nach wie vor eine mit Hoheits- und Zwangsbefugnissen ausgestattete Behörde. So sehr sie sich auch bemühen mag, „auf Augenhöhe“ und in Dialog mit den Menschen zu treten: Das Spielfeld ist alles andere als eben.

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