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KW 42Die Woche, in der die Fortschrittskoalition stirbt

Die 42. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 15 neue Texte mit insgesamt 84.898 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Daniel Leisegang
– : Fraktal, generiert mit MandelBrowser von Tomasz Śmigielski

Liebe Leser:innen,

ein Zitat von Olaf Scholz hallt bei mir nach. Am Rande des Gipfels der Staats- und Regierungschefs in Brüssel sagte der Kanzler am Donnerstag: „Anpacken ist wahrscheinlich das Beste, statt nichts tun und dann sich was ausdenken.“ Bei dem Treffen war Migration das bestimmende Thema.

Scholz’ Aussage ist beredt, finde ich. Anscheinend gehört es zum politischen Besteck des Kanzlers, sich im Nachhinein Ausreden fürs Nichtstun auszudenken. Vor allem aber verdeutlicht sie, wie sehr der Kanzler und mit ihm die Parteien der „Mitte“ von Getriebenen zu Treibern des Rechtsrucks geworden sind. Und dabei fallen reihenweise die Tabus.

In der EU gelten die Internierungslager der Postfaschistin Giorgia Meloni inzwischen als beispielhaft. Menschenrechtler:innen sprechen hingegen von einem „italienischen Guantánamo“.

Und im Bundestag wurde gestern das sogenannte Sicherheitspaket beschlossen. Es bringt massive Verschärfungen beim Asylrecht und neue Überwachungsbefugnisse für die Ermittlungsbehörden.

Als unverhältnismäßig und rechtswidrig hatten Kirchen, Menschenrechtsverbände und Jurist:innen das Gesetzespaket im Vorfeld kritisiert. Die geballte Kritik hat die Ampel weitgehend ignoriert. Auch in der gestrigen Plenardebatte kam sie kaum vor. Stattdessen dominierten Forderungen nach noch schärferen Restriktionen.

Man könnte das jetzt als Symbolpolitik abtun. Das aber würde ausblenden, dass die Ampel mit ihrem „kopflosen Aktionismus“, wie Kritiker:innen es nennen, die Grundrechte aller schleift. Dass sie Asylsuchende entrechtet und aushungert. Und dass sie den Diskurs noch einmal erheblich weiter nach rechts verschoben hat.

„Die Fortschrittskoalition ist tot“, schreibt daher mein Kollege Markus Reuter. Von ihrem Versprechen einer grund- und menschenrechtsfreundlichen Politik ist nichts mehr geblieben.

Nun ist zu hoffen, dass das „Sicherheitspaket“ möglichst bald dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt wird. Ich bin gespannt, wie Karlsruhe dann entscheidet. Und was die Ampel-Vertreter:innen sich ausdenken, um ihr „Anpacken“ im Nachhinein zu rechtfertigen.

Damit wir euch aber nicht nur mit schlechten Nachrichten aus dieser Woche entlassen, noch ein Hinweis in eigener Sache: Am Mittwoch erhielt das Team von netzpolitik.org gleich zwei Grimme Online Awards. Ausgezeichnet wurden der Doku-Podcast „Systemeinstellungen“ und die Recherche zu den „Databroker Files“, die in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk entstand.

Wir haben uns riesig über die Ehrung gefreut und fühlen uns bestärkt, weiter mit allen Kräften für digitale Freiheitsrechte zu kämpfen!

Ein schönes Wochenende!

Daniel

Unsere Artikel der Woche

DegitalisierungPeak mittelmäßig

Excel, Word, PowerPoint und Co. sind mittelmäßig. Weil sie aber allgegenwärtig sind, muss die reale Welt an ihre Mittelmäßigkeit angepasst werden. Doch der Abhängigkeit vom Mittelmaß können wir entkommen.

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Das umstrittene Sicherheitspaket soll noch diese Woche durch den Bundestag gepeitscht werden. Die Pläne bedrohen trotz kosmetischer Änderungen massiv Grund- und Menschenrechte. Wir veröffentlichen die Änderungsanträge der Ampel im Volltext – und analysieren, was sie bedeuten.

„Sicherheitspaket“Eine biometrische Datenbank, um alle zu finden

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Zwischenbericht GigabitstrategieStolpern zum Etappensieg

Der lange marode Zustand deutscher Infrastruktur hat sich zuletzt merklich verbessert. In einem Fortschrittsbericht zur Gigabitstrategie stellt sich die Bundesregierung ein gutes Zeugnis aus. Allerdings legt sie dabei auch offen, was den Fortschritt in den nächsten Jahren deutlich dämpfen könnte.

Statt VorratsdatenspeicherungWir veröffentlichen den Gesetzentwurf für Quick-Freeze

Ermittlungsbehörden sollen Verkehrsdaten einfacher speichern und auswerten können. Das steht im Gesetzentwurf zum Quick-Freeze-Verfahren, den wir veröffentlichen. Das Justizministerium will damit einen Punkt aus dem Koalitionsvertrag umsetzen – falls das Innenministerium seine Blockade aufgibt.

In eigener Sachenetzpolitik.org holt zwei Grimme Online Awards

Das Team von netzpolitik.org freut sich über gleich zwei Grimme Online Awards in diesem Jahr. Ausgezeichnet wurden der Doku-Podcast „Systemeinstellungen“ und die Recherche zu den „Databroker Files“, die in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk entstand.

TK-NabegGemächliches Beschleunigungsgesetz

Die Bundesregierung will den Ausbau digitaler Infrastruktur beschleunigen. Doch ausgerechnet der dafür gedachte Gesetzentwurf kommt seit über einem Jahr nur langsam vom Fleck. Nun will ihn der Bundestag „möglichst zügig“ weiterverhandeln, kündigte Tabea Rößner (Grüne) im Digitalausschuss an.

Digital Services ActMuss Elon Musk persönlich für X‑Verstöße blechen?

Der Digital Services Act der EU gibt Online-Diensten neue Regeln vor. Wer sich nicht an sie hält, muss hohe Strafen zahlen. Aber wie hoch fallen sie aus? Und wer genau muss zahlen? Da ist das Gesetz nicht ganz klar. Besonders für X und Elon Musk könnte das Zahlungen von Milliarden statt Millionen bedeuten.

PressefreiheitFragDenStaat-Chefredakteur vor Gericht

Arne Semsrott steht wegen der Veröffentlichung von Gerichtsdokumenten vor Gericht. Es geht um weit mehr als um seine Schuld. Der Chefredakteur von FragDenStaat will das Recht auf Pressefreiheit stärken und dafür einen umstrittenen Paragrafen verfassungsrechtlich prüfen lassen. Morgen ergeht das Urteil.

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Mit einer deutlich größeren Mehrheit als erwartet hat die Ampel-Koalition das umstrittene „Sicherheitspaket“ durch den Bundestag bekommen. Das Paket sieht Verschärfungen im Asylrecht und weitreichende biometrische Befugnisse für Sicherheitsbehörden vor. Im Bundesrat fiel ein Teil des Pakets durch.

"Sicherheitspaket"Die Fortschrittskoalition ist tot

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PressefreiheitFragDenStaat-Chefredakteur Arne Semsrott verurteilt

Ein Berliner Gericht verwarnt den Journalisten Arne Semsrott wegen der Veröffentlichung von Gerichtsdokumenten mit einer Geldstrafe. Doch für Semsrott ist das Urteil nur der Auftakt: Er will einen Paragrafen, der die Pressefreiheit einschränkt, notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht bringen.

Reaktionen auf das Sicherheitspaket„Die Koalition der Überwachung“

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Über die Autor:innen

  • Daniel Leisegang
    Darja Preuss

    Daniel ist Politikwissenschaftler und Co-Chefredakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Gesundheitsdigitalisierung, Digital Public Infrastructure und die sogenannte Künstliche Intelligenz. Daniel war einst Redakteur bei den "Blättern". 2014 erschien von ihm das Buch "Amazon – Das Buch als Beute"; 2016 erhielt er den Alternativen Medienpreis in der Rubrik "Medienkritik". Er gehört dem Board of Trustees von Eurozine und dem Kuratorium der Stiftung Warentest an.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Bluesky, Threema ENU3SC7K, Telefon: +49-30-5771482-28‬ (Montag bis Freitag, jeweils 8 bis 18 Uhr).


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Ein Kommentar zu „Die Woche, in der die Fortschrittskoalition stirbt“


  1. Man fragt sich ja schon, wie es der Autor geschafft hat, Olaf Scholz über Jahrzehnte so zu ignorieren, dass es jetzt für irgendeine Verwunderung reicht…

Dieser Artikel ist älter als 1 Jahr, daher sind die Ergänzungen geschlossen.